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"Bitte halt Abstand zu deinem Sohn. Er könnte ein Infektionsrisiko sein." Das bekam ich neulich zu hören und alles sträubte sich in mir. Abstand zu meinem Sohn? Auf keinen Fall!

Abstand wegen Corona-Virus

Auf der Straße, im Bus, im Geschäft weichen wir fremden Menschen aus. Das machen wir eigentlich immer. Und jetzt mit steigenden Corona-Zahlen sowieso. Denn mit Fremden möchte man meistens keine Nähe. Man kennt sie nicht. Es gibt ein Risiko. Bei unseren Liebsten sieht das ganz anders aus. Wir suchen ihre Nähe, wollen ganz eng zusammen sein.

Zwei junge Frauen umarmen und trösten sich (Foto: Imago, Panthermedia)
Trost geben ist ein urmenschliches Verhalten Imago Panthermedia

Vertrauen in die Eigengruppe

"Das ist ein sehr starkes menschliches Bedürfnis", sagt die Sozialpsychologin Eva Walther von der Universität Trier. "Der Mensch unterscheidet zwischen der vertrauten Eigengruppe und den Fremdgruppen. In der Eigengruppe haben wir Vertrauen, wir kennen unsere Lieben, wir orientieren uns an ihnen. Das gibt uns Sicherheit."

Corona-Kontaktbeschränkungen

Dass von der geliebten Schwester in der vertrauten Eigengruppe plötzlich ein Infektionsrisiko ausgehen soll - undenkbar! Den Sohn nicht mehr knuddeln, weil er so viele Kontakte gehabt hat - geht gar nicht! Und doch müssen wir das versuchen. Denn der Eindruck kann täuschen. Unsere Gefühle vernebeln uns die klare Sicht auf die Situation.

Mit sozialer Näher sinkt die Risikowahrnehmung.

Prof. Dr. Eva Walther, Universität Trier

Nähe ist so menschlich

Unsere Liebsten als Infektionsrisiko zu sehen, ihnen mit einer Alltagsmaske zu begegnen, ist für uns schwer zu ertragen. Deshalb blenden wir diese Möglichkeit gerne aus. In der Krise mit den Corona-Beschränkungen müssen sich Menschen plötzlich gegen ihre natürlichen Reflexe verhalten, sagt die Sozialpsychologin.

Abstand in der Krise

Wen wir mögen, dem wollen wir nah sein. So ist unsere Natur. In einer Krise wollen wir uns gegenseitig Trost, Geborgenheit und Liebe geben, auch körperlich. So haben wir es doch immer gemacht! Aber mit Corona ist alles anders. Jetzt ist Abstand gefragt, sagt die Sozialpsychologin.

Wir müssen lernfähig sein und mit weniger Nähe auskommen

Prof. Dr. Eva Walther, Universität Trier
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