Die italienische Schlagersängerin Milva im Jahr 2012 mit Mirkro in der Hand bei der Probe zum Musikantenstadl (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Schlagerlegende

Die Pantherin - zum Tod von Milva

STAND
AUTOR/IN
Hans-Jürgen Finger

"La Rossa" wurde Milva wegen ihrer roten Haare genannt, "die Pantherin" wegen ihres Gesangstils. Ein Rückblick auf das Leben der italienischen Sängerin.

Als Tingel-Tangel-Sängerin in den Kneipen Bolognas unterwegs

Ihre außergewöhnliche Stimme fiel schon früh auf und so kam es, dass sie zu allen möglichen Anlässen wie Hochzeiten, Geburtstagen und beim Gottesdienst sang. Eines ihrer "Kinderlieder" war "Un bel di vedremo" aus der Oper "Madame Butterfly" von Giacomo Puccini. Als sie 16 Jahre alt war, verlor ihr Vater durch einen schweren Autounfall und geschäftliche Fehlentscheidungen die ganze Habe. Plötzlich musste sie mit ihrem Gesang den Familienunterhalt mitfinanzieren. In den Tanzlokalen von Bologna trug sie sonntags Schnulzen vor, begleitet von ihrer Schwester, die als "Anstandsdame" stets dabei sein musste.

Milva bei Gastarbeitern in Duisburg (1963) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Keystone -)
Milva bei Gastarbeitern in Duisburg (1963) picture alliance/Keystone -

Der Sieg beim Gesangswettbewerb öffnete Milva alle Türen

Der Aufstieg zu einer glänzenden Karriere startete mühsam und trostlos. Sie begann sogar, ihren Gesang zu hassen, der ihr vom Schicksal aufgezwungen schien. Die Wende kam 1959, als die italienische Rundfunk- und Fernsehgesellschaft RAI einen Gesangswettbewerb ausschrieb. Mehr als 7.000 Bewerbungen gingen ein und das Publikum sollte per Postkarte entscheiden, wer der oder die Beste sei. Milva nahm daran teil und wurde Siegerin. Die RAI nahm sie unter Vertrag, zahlte ihr ein festes Monatsgehalt und sie erhielt Gesangsstunden und Schauspielunterricht.

Milva Ende der 1970er Jahre (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives / Pilz - Siegfried Pilz)
Milva Ende der 1970er Jahre picture alliance / United Archives / Pilz - Siegfried Pilz

La Pantera hieß sie wegen ihres Gesangstils

1961 kam beim San Remo-Festival der Durchbruch in Italien. Ihr explosiver Interpretations-Stil brachte ihr den Beinamen "La Pantera" ("Die Pantherin“) ein und italienische Schallplattenkritiker kürten sie zur "besten Sängerin des Jahres". Bereits ein Jahr später stand sie zusammen mit Gina Lollobrigida zum ersten Mal für einen Film vor der Kamera. In diese Zeit fiel auch eine Begegnung mit dem Regisseur Maurizio Corgnati, der für ihren weiteren Lebensweg von entscheidender Bedeutung sein sollte. Er kritisierte sie, machte sich über sie lustig und verliebte sich in sie. Wenige Monate später standen die beiden vor dem Traualtar.

Milva lernt Geschmack und Stilempfinden

Es war ein vollkommen gegensätzliches Paar: Milva verkörperte noch das typische Provinzmädchen mit hochtoupiertem Haar, schwarzumrandeten Augen und stark geschminkten Lippen. Corgnati war hochgebildet und einige Jahre älter als seine Frau. "Mein Mann lehrte mich Geschmack und Stilempfinden. Aber ich muss zugeben, dass in mir eine große Bereitschaft war, immer mehr dazuzulernen" erzählte sie in einem Interview. Er spielte seiner Frau klassische Musik vor und machte sie mit französischen Chansons, Gospels und Spirituals bekannt. Damit wurde der Grundstein zu ihrer "zweiten Karriere", abseits der Schlagerwelt, gelegt. Auf Anregung ihres Mannes sang Milva schließlich auch Brecht.

Brecht und Schlager sind zwei Seiten der Musik - Milva mag beide

Milva bei einem Auftritt 2008 in Berlin (Foto: dpa Bildfunk, dpa Bildfunk - Rainer Jensen)
Milva bei einem Auftritt 2008 in Berlin dpa Bildfunk - Rainer Jensen

Milva und Brecht war so eine Art "Liebe auf den ersten Blick". Sie kannte die armen Verhältnisse allzu gut, niemand könnte besser diesen Charakteren aus der Unterwelt Leben einhauchen. Sie identifizierte sich mit seinen Liedern, die für sie ein Stück Jugend aufleben ließen. Das Schweizer Publikum erlebte Milva 1973 als Brecht-Interpretin im Züricher Schauspielhaus und die Schotten bewunderten sie im selben Jahr in Edinburgh. Diesen Auftritt bezeichnete die Sängerin als "ihren entscheidenden internationalen Durchbruch". Lotte Lenya, die Witwe Kurt Weills, urteilte: "Sie ist die größte Fortsetzerin der besten Weill’schen Tradition".

Man kritisiert mich oft, weil ich nicht zwischen Schlager und Brecht entscheide. Aber das sind für mich keine Alternativen. Da sind nur zwei Seiten desselben Berufes. Ich liebe Musik und werde immer singen, was mir Spaß macht.

Erfolge in der rein literarischen Unterhaltung ließen sie ihre musikalische Karriere nicht vernachlässigen. Kontinuierlich veröffentlichte sie Schallplatten unterschiedlicher Stilrichtungen, trat in Musicals und Opern auf. Zwischendurch gab sie immer wieder Brecht-Recitals oder brillierte als "Seeräuber-Jenny" in der "Dreigroschenoper" auf der Bühne, spielte Theater.

Das ist die Kunst der Milva: auch billigere Stücke auf höchstes Niveau zu heben. Darin unterscheidet sie sich von allen anderen Chansonetten, die doch meist das Chanson zum Schlager popularisieren.

Milva fühlt sich Deutschland verbunden

In Deutschland war sie schon früh präsent: "Es verbindet mich sehr viel mit diesem Land. Mit einem Deutschen, Bertolt Brecht, begann für mich meine zweite Karriere. Meine Konzerte, TV-Auftritte und die in deutscher Sprache gesungenen Platten haben mich dem Land sehr nahe gebracht." Sie eröffnete 1975 die Berliner Festwochen mit Brecht-Liedern und ein Jahr später sah man sie in der TV-Show "Milva, was möchten Sie singen?", in der es hauptsächlich darum ging, ihre stetige Entwicklung zu dokumentieren.

Verglichen mit der Ausstrahlung dieser Persönlichkeit haben Liza Minelli oder Barbra Streisand die Faszination eines Stücks Styropor.

Milva und Al Bano Carisi (Foto: dpa Bildfunk, dpa Bildfunk - kpa)
Milva und Al Bano Carisi dpa Bildfunk - kpa

"Hurra, wir leben noch" wurde ihr populärster Hit

Dass sie auch mit der leichten Muse stets auf der Höhe der Zeit blieb, dokumentieren einige Produktionen, die sie mit erfolgreichen Rock- und Popkünstlern erarbeitete. Hierzu zählt "Hurra, wir leben noch", das zu einem ihrer populärsten Lieder wurde. Ihre Präsentation in der legendären "ZDF-Hitparade" ist unvergesslich, denn gegen Ende des Vortrags passierte Milva ein Missgeschick: ihren leidenschaftlichen Gesang unterstrich sie mit entsprechenden Gesten. Hierbei glitt ihr das Mikrofon aus den Händen, doch sie rettete die Situation, indem sie reaktionsschnell nach dem Kabelende griff. Unberührt setzte sie ihren Live-Gesang fort. Ein wahrer Profi…

Plattencover Milva (Foto: SWR, Plattenfirma (Coverscan) -)
Milva - il mare nel cassetto Plattenfirma (Coverscan) -

Hierzulande zeigte sich Milva 2012 letztmalig im Fernsehen. Bereits vor längerer Zeit hatte sie sich aus gesundheitlichen Gründen ins Privatleben zurückgezogen. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes kann auf eine Erfolgsbilanz mit vielen Höhepunkten zurückblicken: dazu zählen auch die Ernennungen zum Ritter der Ehrenlegion und zum Offizier des "Ordre des Arts et des Lettres" sowie die Verleihung des Titels "Kommandeur des Verdienstordens der Italienischen Republik".

Zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2019 erschien unter dem Titel "Il mare nel cassetto" eine Doppel-CD mit 50 Aufnahmen der Jahre 1960 bis 1962. Mit dem titelgebenden Lied gab sie 1961 ihr Debüt beim San Remo-Festival, bis 2007 war sie insgesamt 15 Mal mit von der Partie und stellte damit einen Rekord in der Geschichte des Song-Wettbewerbs auf.

Am 23. April 2021 ist Milva im Alter von 81 Jahren gestorben. Zuletzt hatte sie in Mailand gewohnt.

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