Claudia Jung zum Weltfrauentag (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / eventfoto54.de | Christiane Zmeck)

Claudia Jung: Vieles im Schlager ist immer noch wie vor 35 Jahren

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Wie sieht es mit Gleichberechtigung und Sexismus in der Welt des Schlagers aus und wie hat sich die Rolle der Frau in der Musikbranche verändert? Die Antworten auf die Fragen hat Schlagersängerin Claudia Jung im Interview mit SWR4 Moderatorin Sabine Gronau gegeben.

Wie sieht die Gleichberechtigung in der Schlagerwelt aus?

"Ich muss ehrlich gestehen, ich habe früher immer gedacht, es ist alles gleichberechtigt, was die Bezahlung angeht. Es gibt keine großen Gagen. Es gibt ja den Irrglauben der Leute, wenn wir unsere Gesichter vor die Kamera hängen, dass wir Unmengen an Geld dafür bekommen. Aber so ist es nicht. Es gibt immerhin eine Aufwandsentschädigung und da habe ich immer gedacht, wir sind alle irgendwie gleich. Ich habe letztes Jahr durch Zufall festgestellt, dass ein Kollege von mir gleichen Alters, für die gleiche Sendung, für die gleiche Aufgabe, die er hatte, mehr Geld bekommen hat. Vielleicht war es ein Versehen, vielleicht hat sein Management besser verhandelt als ich. Ich habe aber immer gedacht, das darf nicht wahr sein, dass es das bei uns auch gibt."

"Ich denke schon, dass es diese Gehaltslücke schon noch in gewisser Art und Weise gibt."

Sind Frauen in der Berufswelt gleichberechtigt?

"Ich glaube, generell ist es leider in fast allen beruflichen Bereichen so, dass wir Frauen ein bisschen im Nachteil sind. Das zeigt sich oft auch bei familiären Sachen, dass Frauen, wenn wir eine Familie haben, es oft immer etwas schwerer haben sich zu organisieren als die Männer. Die Männer werden Väter, siehe Matthias Reim (Anm.d.R.: wird zum siebten Mal Vater), hauen dann ab, das Kind ist da und sie gehen einfach arbeiten. Das kannst du als Frau nicht machen, egal in welchem Beruf. Da macht auch das Schlagerbusiness keine Ausnahme."

Claudia Jung zum Weltfrauentag (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
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Gibt es genügend Chefinnen, Macherinnen, Entscheiderinnen und Frauen-Power in der Branche?

"Nein, wenn es um Entscheidungen geht, nicht. Es ist nach wie vor sehr stark männlich besetzt, habe ich das Gefühl. Es ist überall so. Die letzte Entscheidung liegt immer noch bei den Männern. In meiner Wahrnehmung sind viele Dinge in der Schlagerwelt noch immer gleich wie schon vor 35 Jahren."

Werden für Künstlerinnen irgendwelche Rollen entworfen?

"Ich habe persönlich immer darauf geachtet, mir kein Image verpassen zu lassen. Ich möchte nicht vorgeben etwas zu sein, was ich gar nicht bin. Früher hat meine Plattenfirma mir versucht etwas anzudichten, um mich besser in den Medien verkaufen zu können."

"Ich habe immer gesagt, ich bin keine, die dafür bereit ist, für eine gute Geschichte meine Familie und Freunde zu verraten."

Claudia Jung mit ihrer Tochter Anna Singer (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Claudia Jung mit ihrer Tochter Anna Singer Picture Alliance

Wie erlebt eine Frau das Älterwerden im Schlagergeschäft?

"Das ist ein Punkt, der wehtut. Da können wir nichts daran drehen. Wir werden nun mal alle älter."

"Auf der einen Seite streben wir danach, möglichst alt zu werden, auf der anderen Seite wollen es viele nicht zugeben, dass sie schon so alt sind - also machen sie sich dann jünger, weil sie meinen, es ist dann besser."

"Ich habe es schon ungewollt mitgekriegt, dass dann solche Sprüche kamen: 'Die Alten brauchen wir alle nicht. Wir konzentrieren uns auf die Jungen.' Da rollen sich bei mir die Fußnägel hoch. Und da sind dann in erster Linie die Frauen gemeint. Das finde ich dann verlogen. Auf der einen Seite sollte man davon profitieren, dass man Erfahrung mitbringt. Wo sollen 35 Jahre im Show-Business herkommen, wenn man 25 Jahre ist? Das ist lächerlich."

Wie sieht es im Schlager mit Sexismus aus?

"Es ist ein schwieriges Thema, von dem ich mich nicht einschüchtern lasse. Natürlich gibt es Sexismus immer wieder. Auch ich habe als junges Mädchen erleben dürfen, dass mir ein Redakteur gesagt hat: 'Wenn du heute Nacht wieder nach Hause fährst und nicht im Hotel bleibst, dann werde ich in Zukunft nichts mehr für dich tun können.' Worauf ich dann sage, 'das ist schade, dann habe ich halt Pech gehabt.' Ich hatte das Glück, dass ich dieser Person in meiner Karriere immer mal wieder begegnet bin und mit süffisantem Lachen gesagt habe, 'schön, dass wir uns mal wiedersehen.'

Claudia Jung zum Weltfrauentag (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
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Wie wird heute mit Frauenthemen in den Liedtexten umgegangen?

"Die Vielfalt ist größer geworden. Ich hatte Diskussionen um mein Lied 'Tausend Frauen' innerhalb des Teams der Plattenfirma. Es wurde gesagt, das ist wie "Das bisschen Haushalt..." in modern und ich würde mich damit entzaubern. Ich habe gedacht, das ist so nah an der Realität. Wir sind täglich 1000 Frauen in einer."

"Das ist das, was wir Frauen täglich erleben. Wir werden in so vielen Situation gefragt oder gefordert und müssen von allem ein bisschen können."

Gibt es eher weibliche oder männliche Schlagerfans?

"Grundsätzlich glaube ich, dass die Schlagerfan-Schar größtenteils weiblich ist. Es gibt wohl mehr weibliche Schlagerfans als männliche, weil es viele Männer gibt, die das teilweise noch immer unmännlich und uncool finden Schlager zu hören. Es ist einfach nicht hart genug. Es ist einfach noch zu viel Rosamunde Pilcher der Musik. Und die Frauen sind dann doch eher Fans von den männlichen Künstlern. Ich habe das Gefühl, man muss als Frau diese Grätsche finden zwischen, ich muss gut im Fernsehen aussehen, aber nicht zu gut. Ich darf nicht zu sehr die Sexbombe sein, also die Konkurrenz, sondern ich muss eher die vorstellbare beste Freundin sein können."

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SWR