Tina Turner (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance/Maciej_Kosycarz)

Soullegende

Tina Turner zum 80.

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Aus einfachen Verhältnissen stammend wurde sie zum erfolgreichsten weiblichen Rockstar der Welt. Tina Turner brachte die Hallen rund um den Globus wie keine zweite zum Kochen - erst neben ihrem Mann, später als Solistin. Ihr bewegtes Leben bot Stoff für einen Film und ein ganzes Musical. Jetzt hat die Künstlerin ihren 80. Geburtstag gefeiert.

Rassismus, Angst und Gewalt standen auf der Tagesordnung ihrer Kindheit. Der Ku-Klux-Klan trieb in ihrer Heimat Tennessee sein Unwesen und die kleine Anne Mae Bullock, so ihr bürgerlicher Name, wurde in der Zeit der Rassentrennung groß. Schon als Kind musste sie auf den Baumwollfeldern arbeiten. Einziger Lichtblick war der Kirchenchor ihres Vaters. Dort blühte sie auf und fiel schon früh mit ihrem Gesang auf. 

Als Teenager wünschte sie sich nichts sehnlicher, als von hier abzuhauen. 1955 war es soweit.  Ihre ältere Schwester lebte in St. Louis, der Hauptstadt des Rhythm ’n’ Blues, zu der Anne Mae zog. Gemeinsam streiften sie durch die Musikclubs der Stadt und lauschten Ike Turner, der mit seinen „Kings of Rhythm“ eine feste Größe war - nicht nur als Musiker, sondern auch als Talentscout. Eines Tages sang Anne Mae ihm vor und er verpflichtete sie als Backgroundsängerin.

Tina Turner (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance/ Foto: UPPA)
Tina Turner mit ihrem Ehemann Ike Turner (1966) picture-alliance/ Foto: UPPA

Ike wusste von Anbeginn, welches Juwel er in der jungen Sängerin gefunden hatte. Als ein anderer Plattenkünstler kurzfristig ausfiel, ergriff sie die Chance. Er machte sie zur Solistin und formte sie nach seinen Vorstellungen. 1959 stand ihre erste gemeinsame Platte „A fool in love“ in den Geschäften. Aus Anne Mae wurde Tina - Ike hatte das so festgelegt, ohne mit ihr darüber gesprochen zu haben. Tina Turner, die wilde Sängerin mit der röhrenden Stimme, begeisterte Plattenfirmen und Publikum gleichermaßen. Auf Anhieb gelang ein Hit, der sich sowohl in den Rhythm ‘n‘ Blues- als auch Pop-Charts platzieren konnte.   

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Tina Turner 1971 bei einem Auftritt picture-alliance/Courtesy Everett Collection

Die „Ike and Tina Turner-Revue“ zog durch alle Landstriche - ihre Show war angesagt. Ständig waren sie unterwegs, freie Tage gab es nie. Ike trieb sie fortdauernd zur Arbeit an, sie war der Star der Show. In einem Interview erläuterte sie: „Meine Beziehung zu Ike war zum Scheitern verurteilt, als ihm klar wurde, dass ich sein Einkommen sichern würde.“ Er war gewalttätig und böse, jeden Moment konnte er zuschlagen oder sie vergewaltigen. Dennoch wurden sie bei einer Blitzhochzeit 1962 in Mexiko zu Mann und Frau.

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Tina Turner bei einem TV-Auftritt Anfang der 1980er Jahre picture-alliance/Keystone /Foto: Röhnert

1966 hatte der legendäre Komponist, Musiker und Produzent Phil Spector einen Song im Gepäck, von dem er glaubte, nur Tina Turner könne ihn singen: „River Deep-Mountain High“. Darüber hinaus bestand er auf einen anderen Gesangsstil - statt wild röhrend sollte Tina melodischer singen. Ike war im doppelten Sinne nicht begeistert - einerseits wegen der anders klingenden Tina und andererseits über die Tatsache, dass Phil Spector ihn nicht dabei haben wollte. Nur Ike‘s Name sollte auf der Platte erwähnt werden, so der Deal.

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Tina Turner in ihrer Rolle als "Aunty Entity" in "Mad Max". Da regiert sie mit eiserner Hand ein Dorf... picture alliance / United Archives/IFTN

Als die Platte in Amerika floppte, war dies für Ike eine Genugtuung und für Phil Spector eine riesige Enttäuschung. Stattdessen stürmte „River Deep-Mountain High“ in Großbritannien die Hitparaden. Als sie 1969 in England gastierten und eigentlich nur als Vorprogramm der „Rolling Stones“ verpflichtet waren, kochte die Royal Albert All und die Stones hatten Mühe, die Begeisterung des Publikums zu halten. Diese Tournee brachte dem Paar den endgültigen Durchbruch.

Tina Turner (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/KEYSTONE)
Tina Turner mit Thomas Gottschalk in "Wetten dass..." 1996 picture alliance/KEYSTONE

Die Erfolge der Turner-Revue machten nun auch das europäische Publikum neugierig. Die Hallen wurden größer und die Plattenverträge lukrativer, das Geld floss in Strömen. Ike kaufte sich ein eigenes Studio und arbeitete wie ein Besessener. Tina musste ständig auf Abruf bereit stehen, um seine Kompositionen zu singen, die jedoch nie den Nerv der Zeit trafen. Seinen Frust ließ er an ihr aus, nichts konnte sie ihm recht machen. Erschwerend kam sein Drogenkonsum hinzu. Dann griff sie selbst zur Feder und schrieb 1973 ein Lied über die Kleinstadt Nutbush, in der sie aufwuchs. Es wurde ein Riesenhit.

Schon lange befasste sie sich mit dem Gedanken, ihren Mann zu verlassen. 1976 hatte sie die Kraft, es zu tun. Mit 36 Cent in der Tasche und den Kleidern, die sie auf dem Leib trug, startete sie in ein neues Leben. Doch bis die Solo-Karriere in Schwung kam, sollten noch Jahre vergehen. Da durch die Trennung Shows geplatzt waren, blieben die Regressforderungen an Tina hängen. Jahrelang kämpfte sie ums Überleben und musste selbst unattraktive Jobs annehmen, um Geld zu verdienen. In der Szene galt sie als gealterte farbige Sängerin, an die niemand mehr glaubte.

Tina Turner (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Foto: Yoan Valat)
Tina Turner 2008 mit ihrem damaligen Freund Erwin Bach in Paris. Die Sängerin hatte zuvor die Medaille der Ehrenlegion bekommen. Foto: Yoan Valat

Ganz anders sah dies der australische Produzent Roger Davies. Er schlug Tina Turner vor, elektronische Musik aufzunehmen. Diese war in England sehr angesagt. Ihm war bewusst geworden, dass ein Relaunch ihrer Karriere nur über den Umweg Europa gelingen konnte. Diese Annahme erwies sich als richtig, denn das Album „Private Dancer“, das 1984 entstand, bedeutete für sie ein unglaubliches Comeback.

Das Album enthält auch ihren Erfolgshit „What’s love got to do with it“, den sie ursprünglich gar nicht singen wollte. Sie mochte ihn nicht, nahm ihn jedoch dennoch auf. Es war eine kluge Entscheidung, denn der Song wurde gleich mit drei Grammys ausgezeichnet und war wenig später sogar titelgebend für einen Spielfilm über ihr Leben. Im Alter von 45 Jahren war sie auf die Bühne zurückgekehrt und im Handumdrehen zum Weltstar geworden. Sie bewies, dass frau auch im fortgeschrittenen Alter das Publikum aller Altersklassen noch von den Stühlen reißen konnte.

12.000 begeisterte Menschen feierten sie beispielsweise 1985 im Münchner Olympiastadion und drei Jahre später brach sie alle Besucherrekorde, als sie in Rio de Janeiro von 180.000 Fans bejubelt wurde. 2009 ging sie im Alter von 69 Jahren nochmal auf Welttournee. Doch nicht nur künstlerisch waren neue erfolgreiche Zeiten angebrochen, sondern auch im Privatleben. Es war „Liebe auf den ersten Blick“ als sie den 16 Jahre jüngeren deutschen Musikmanager Erwin Bach kennenlernte und Jahre später heiratete.

Doch kurz nach der Trauung musste sie einige gesundheitliche Nackenschläge einstecken. Erst ein Schlaganfall, dann Darmkrebs und darüber hinaus noch Nierenversagen. Hier war sie schon fest der Überzeugung, dass sich ihr Lebensweg damit dem Ende zuneigte. In dieser Situation spendete ihr Ehemann ihr eine Niere und ermöglichte Tina Turner somit eine Rückkehr ins Leben. Nach der gelungenen Transplantation verfasste sie ihre Autobiographie „My Love Story“.

„Ich bin glücklich wie nie“ sagt Tina Turner heute und genießt ihren Ruhestand in ihrer Villa am Zürichsee. Dort hat sie sich sogar einen eigenen Meditationsraum eingerichtet, denn seit Jahrzehnten zieht sie ihre Kraft aus dem Buddhismus. Schon seit Jahren liegt ihr Zuhause in der Schweiz und nicht mehr in den Staaten - das ist abgeschlossene Vergangenheit. 2013 nahm sie die schweizerische Staatsbürgerschaft an. Gelegentlich ist sie dennoch unterwegs und Gast auf der einen oder anderen Premierenfeier des „Tina Turner-Musicals“, das in Zusammenarbeit mit ihr entstand und für volle Häuser sorgt. Sie ist und bleibt „simply the best“.    

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