Reinhard Mey mit Blumen (Foto: EMI Music - Foto: Jim Rakete)

Liedermacher

Reinhard Mey ist der "Poet des Alltags"

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Seine beispiellose Karriere nahm in den 1960er Jahren ihren Anfang und reicht bis in die Gegenwart. "Wie vor Jahr und Tag" begeistert Reinhard Mey mit seinen Liedern und Geschichten das Publikum.

Zuerst war das Klavier, aber schon zu dieser Zeit entdeckte er sein Faible für die Gitarre. "Bei einer Tante, die früher Wanderlieder gesungen hat, habe ich sie entdeckt. Sie zeigte mir zwei, drei Griffe. Irgendwie kam das Erfolgserlebnis schneller als beim Klavier." Doch bevor er seine erste eigene Gitarre bekam, schenkten ihm seine Eltern eine Trompete. "Ich wollte in einer Jazzband spielen." Das Trompetenspiel brachte er sich selbst bei.

Die größere Begeisterung lag jedoch beim Gesang und bei der Gitarre. Er schloss sich 1957 einer Skiffle-Band an. "Man spielte eigentlich nur, um die Mädchen auf sich aufmerksam zu machen." Über die "Rotten Radish Skiffle Guys", wie sie sich nannten, schrieb er viele Jahre später ein Chanson. 1961 gründete er zusammen mit Schobert Schulz und einem Bassisten das Trio "Les trois affamés" und sang englische, französische und spanische Folklore in Kneipen und Folkclubs.

Der einzige Auftritt ohne Lampenfieber

Reinhard Mey (Foto: IMAGO, Imago -)
In den 70er Jahren - Reinhard Mey Imago -

"Irgendwann im Frühjahr 1964 flatterte mir eine Einladung zu "Chanson Folklore International" auf den Tisch, ein Plakat und ein Programmheft mit singenden Fingerabdruck-Vögelchen. Folklore und International fand ich spannend und Chanson war genau das, was ich machen wollte." Auf Burg Waldeck, dem wohl bekanntesten Liedermacher-Treffpunkt der 1960er Jahre, gelang ihm der Durchbruch. "Jemand führte mich auf die Bühne und eh ich begriffen hatte, wie mir geschah, hatte ich meine drei Lieder gesungen, einen ermutigenden Applaus bekommen und den ersten und einzigen Auftritt meines Lebens ohne Lampenfieber hinter mir."

Noch während seiner Lehre zum Industriekaufmann kam 1965 der erste Plattenvertrag. "Weil ich aber nun nicht wusste, wie das mit der Musik weitergeht, habe ich pro forma ein Studium der Betriebswirtschaft an der Technischen Universität in Berlin aufgenommen." Mehr Interesse galt jedoch dem Musizieren und bald hängte er das Studium an den Nagel. Ein Meilenstein waren 1967 die LP "Ich wollte wie Orpheus singen" und ein Auftritt innerhalb des deutschen Teams beim Chansonfestival in Knokke, der ihm die Türen zum französischen Plattenmarkt öffnete.

Die Karriere in Frankreich startet mit einem primitiven Tonbandkoffer

Reinhard Mey (Foto: IMAGO, Imago -)
Reinhard Mey konzentriert bei einem Soundcheck Imago -

Die Karriere bei unseren westlichen Nachbarn als "Frédérik Mey" startete mit einer Langspielplatte, die er unter primitivsten Bedingungen mit einem Tonbandkoffer selbst aufgenommen hatte. Sein französischer Produzent machte den Vorschlag, diese Platte bei der "Académie de la Chanson Francaise" einzureichen. "Mit dem Glück, das dem Anfänger manchmal hold ist, hat die Jury gesagt, diese Platte kriegt einen Preis, der erste Preis, den ich bekommen habe."

1970 gab er seine ersten Solokonzerte, ein Jahr später folgte die erste große Deutschland-Tournee. Große Säle, ausverkaufte Konzerthäuser und eine leere Bühne - nur ausgefüllt von einem Mann und seiner Gitarre, der das Publikum in seinen Bann zieht. Damals wie heute: zwar sind die Konzerte rarer geworden, das Interesse des Publikums ist jedoch ungebrochen.

Hunderte Chansons sind im Laufe der Jahrzehnte zusammengekommen, von denen viele autobiographische Züge tragen. In seinen Liedern erzählt er, was er erlebt, ihn bewegt und was er beobachtet. Mit viel Einfühlungsvermögen schaut er dem Alltag auf die Finger und gibt ihn treffend wieder: mal böse, mal heiter, bisweilen melancholisch und auch kritisch. Dabei gelingt es ihm immer wieder aufs Neue, Anspruch und Unterhaltung perfekt miteinander zu verbinden.

Der Liedermacher hebt sehr gern ab

Reinhard Mey im Flugzeug (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
picture-alliance / dpa -

"Ikarus", "Alleinflug", "Lilienthal’s Traum" oder "Über den Wolken" - in vielen Liedern thematisierte er die Fliegerei, seine große Leidenschaft. Die Rosinenbomber von der Luftbrücke waren seine ersten Flugzeugerlebnisse: "Das Flugzeug war von vornherein positiv besetzt." Ein Fehler in seinem Terminkalender war der Grund dafür, dass Reinhard Mey selbst die Pilotenlizenz erwarb: "Ich saß in Wilhelmshaven, hatte mich mit meinen Engagements verbucht und zusätzlich am selben Tag noch ein Konzert in Frankfurt. Jetzt gab es nur die Möglichkeit, hinzufliegen."

Auf dem Flugplatz lernte er einen Mann kennen, der gleichzeitig Fluglehrer und Berufspilot war. Er half ihm, aus dieser misslichen Situation herauszukommen und flog Reinhard Mey zu seinem Termin. Die beiden freundeten sich an und Reinhard Mey nahm bei ihm Flugstunden und bekam alles beigebracht. Sie gründeten sogar gemeinsam eine kleine Fluggesellschaft und kauften eine zweimotorige Maschine: "Wir kriegten wunderbare Flugaufträge." Die Ölkrise im Jahr 1973 ließ das Geschäft jedoch einbrechen und so endete dieses Kapitel vorzeitig.

Das soziale Engagement für Kinder gehört für Reinhard Mey dazu

Reinhard Mey (Foto: IMAGO, Imago -)
Reinhard mit seiner Tochter Imago -

Nicht so in der Musikbranche - zahlreiche Preise und Edelmetall-Auszeichnungen konnte er im Laufe der Jahre in Empfang nehmen. Dabei stellt er seine Popularität häufig und gerne in den Dienst wohltätiger Zwecke. "Wenn man das Glück gehabt hat, auf die sonnige Seite der Straße bugsiert worden zu sein, dann hat man eigentlich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, davon was abzugeben." Im Besonderen engagiert er sich für Kinder, u.a. brachte er 1990 zusammen mit seiner Frau Hella und einem Freund Arzneimittel, Kindernahrung und Hygienemittel in ein Kinderheim in Rumänien.

Die Lieder von Reinhard Mey sind "von Hand gemacht"!

"Aller guten Dinge sind drei" - nicht nur in Bezug auf familiäres scheint das zuzutreffen, sondern auch auf seine Präsenz im Rampenlicht. Immer im Abstand von drei Jahren kehrte Reinhard Mey bislang dahin zurück, mit einem neuen Album und einer begleitenden Tournee im Gepäck. Nachdem 2016 "Mr. Lee" in die Geschäfte kam, gingen dieses Mal vier Jahre ins Land, bis neues Liedgut erschien. Untätig war er in der Zwischenzeit nicht, denn auch die Lieder auf seiner neuesten Produktion "Das Haus an der Ampel" sind erneut "Ein Stück Musik von Hand gemacht".

Dieses Mal gibt es ihn im Doppelpack, denn das neue Album besteht aus zwei CDs: Auf dem ersten Silberling präsentiert er seine Werke mit Musikern und auf der zweiten CD gewissermaßen "unplugged" - nur Reinhard Mey mit seiner Gitarre und von ihm "Das Skizzenbuch" genannt. Bis zur Fertigstellung hat er wie jedes Mal geplant, entworfen und auch wieder verworfen. Nichts von der Stange, alles Maßanfertigungen mit hohem Qualitätsanspruch - "Welch ein Geschenk ist ein Lied".

Steckbrief von Reinhard Mey
Geboren21. Dezember 1942 in Berlin
ElternDer Vater war Jurist, die Mutter Lehrerin.
FamilieDie Ehe mit Christine wird 1976 geschieden, mit Freundin Hella, die er ein Jahr später heiratet, hat Mey den Sohn Frederik. 1982 kommt Sohn Max auf die Welt, der 2014 nach fünf Jahren im Wachkoma stirbt. 1985 wird die Tochter Victoria-Luise geboren. 2012 wird R. May erstmals Großvater (Enkel Jurij), 2016 kommt Enkelin Sasha auf die Welt.
AuszeichnungenNeben vielen "Goldenen" und "Platin"-Auszeichnungen bekommt er 1993 den "Echo" für sein Lebenswerk. 1983 erhält der Sänger das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2001 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Besondere Plattencover von Reinhard Mey

Plattencover von Reinhard Mey (Foto: SWR, Polydor (Coverscan))
Die Nummer 1 in seiner Diskographie war eine Cover-Version des Donovan-Hits "Catch the wind". Am 12. Mai 1965 stand er im Polydor-Studio in Hamburg-Tonndorf und sang "Geh’ und fang’ den Wind". Auf seiner ersten Single nannte er sich Rainer May - ungewollt, denn der Produzent hatte schlicht und einfach seinen Namen falsch notiert. Polydor (Coverscan)
Plattencover von Reinhard Mey (Foto: SWR, Intercord (Coverscan))
Ein nahezu vergessenes Juwel aus dem reichhaltigen Schaffen des Song-Poeten: "Mädchen in den Schänken" erschien 1973 und das Repertoire umfasste Chansons, die er früher in Jugendhäusern und Kneipen gesungen hatte und die größtenteils unbekannt geblieben sind. Intercord (Coverscan)
Plattencover von Reinhard Mey (Foto: SWR, Intercord (Coverscan))
"Ich glaube, Kinder zu haben, ist das aufregendste Abenteuer, das wir erleben können. Es ist der schwerste Beruf und die größte Herausforderung, die ich mir denken kann und die glücklichste Erfahrung zugleich.“ Im Laufe seiner Karriere hat er zahlreiche "Kinderlieder" geschrieben - von „Menschenjunges" über "Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht" bis hin zu "Mein Apfelbäumchen". Häufig gab er zugunsten von Kindern Benefizkonzerte oder spendete an Hilfsorganisationen. Intercord (Coverscan)

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