Marlene Dietrich am 01.06.1942 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance / Glasshouse Images | JT Vintage)

Marlene Dietrich - Diva und Stilikone

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Auf einem Fass sitzend, einen Zylinder auf dem Kopf und die endlos langen Beine verführerisch übereinander geschlagen - dieses Bild ist vielen gegenwärtig, wenn der Name Marlene Dietrich genannt wird. Eine Schauspielerin, die bereits zu Lebzeiten eine Legende war.

Plattencover Marlene Dietrich (Foto: SWR, Odeon (Coverscan) -)
Das Duett "Wenn die beste Freundin mit ihrer besten Freundin", welches sie 1928 mit der Diseuse Margo Lion in der Revue "Es liegt in der Luft" sang, ist eine ihren ersten Plattenaufnahmen. Das Lied war eine Sensation, bei dem auch die sonst recht toleranten Berliner die Augenbrauen hoben: Es suggerierte Intimitäten zwischen zwei Frauen. Das Plattencover zeigt die beiden Hand in Hand. Odeon (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Marlene Dietrich als "Lola" im Film "Der blaue Engel". Friedrich Hollaender schrieb hierfür unter anderem "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" oder "Ich bin die fesche Lola". Den Film gab es auch in einer englischen Fassung. Da es 1929/30 weder die Möglichkeit einer Synchronisation noch der Einblendung von Untertiteln gab, musste er zweimal gedreht werden. Odeon (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Noch am Abend der Uraufführung des "blauen Engels" verließ sie Deutschland und brach nach Amerika auf. Da sie dort jedoch keinen Plattenvertrag bekam, musste sie alle ihre Lieder weiterhin in Europa aufnehmen. Ihre vorerst letzten Aufnahmen entstanden 1933 in Paris. Namhafte Autoren wie Robert Stolz oder Peter Kreuder hatten die Chansons verfasst. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Westernkomödie "Destry rides again" (in Deutschland: "Der große Bluff") kam 1939 in die Kinos. Sie spielte die Saloonsängerin Frenchy und Friedrich Hollaender schrieb die passenden Lieder: "The boys in the backroom" wurde einer ihrer größten Hits. Die hier gezeigte Zusammenstellung fasst viele ihrer amerikanischen Aufnahmen aus der Zeit von 1939 bis 1965 zusammen. MCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1943 sang sie für die amerikanischen Soldaten erstmals das Lied "Lili Marleen". In Uniform gekleidet unterhielt sie mit ihren Liedern die kampfmüden Truppen vom Südpazifik bis Nordafrika und Westeuropa. Sie spielte auf behelfsmäßigen Bühnen nahe der Front, ließ damit für eine Weile die Schrecken des Krieges vergessen und erhielt später für dieses Engagement die Freiheitsmedaille. MCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach dem Krieg trat sie als Sängerin und Entertainerin auf. Im Sahara Hotel in Las Vegas nahm ihre "One Woman Show" 1953 ihren Anfang. Rund um den Globus wurde sie begeistert vom Publikum aufgenommen. Am 21. Juni 1954 stand sie im Londoner "Café de Paris" auf der Bühne. Der umjubelte Premierenabend wurde auf Schallplatte festgehalten. CBS (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1960 gab sie erstmals wieder ein Gastspiel in Deutschland. Das "Wiedersehen mit Marlene" wurde zu einem Triumph: "Sie erscheint im Lichtkegel der Scheinwerfer. Das Las Vegas-Kleid umspannt sie, der Schwanenfedertraum umhüllt sie. Marlene verneigt sich. Diese Frau, diese Berlinerin ist keine Erfindung kommerzieller Reklame - sie ist eine Persönlichkeit". Electrola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Zusammen mit vielen anderen Weltstars trat sie 1962 in der Kongresshalle in Düsseldorf zugunsten des Weltkinderhilfswerks der Vereinten Nationen auf. Als Ehrengast sang sie das Antikriegslied "Sag‘ mir, wo die Blumen sind". Ihren Auftritt beendete sie mit den Worten: "Ich möchte gerne noch ein Lied singen. Aber ich glaube, nach diesem Lied ist keines gut genug." Ein Jahr... Electrola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
...später stand erneut ein Lied des Songwriters Pete Seeger Pate, das sie in deutscher Sprache sang: "Für alles kommt die Zeit". Das Original ("To everything there is a season") stammte von der amerikanischen Folkgruppe "The Limeliters". 1965 nahmen "The Byrds" das Lied unter dem Titel "Turn, turn, turn" auf und konnten einen Welthit verbuchen. Barclay (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Hier sind Lieder, die ich liebe und die ich seit meiner Berliner Jugendzeit Wort für Wort und Ton für Ton im Gedächtnis behielt. Worte und Melodien, die ich mit Freude und mit Schmerzen singe", schrieb Marlene Dietrich 1965 im Begleittext zur Platte "Marlene singt Berlin, Berlin". Sie bezeichnete sie als "ihr bestes Album". Hier im Bild die Pressung, welche in der damaligen DDR herauskam. Amiga (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Burt Bacharach sollte der wichtigste Mann in meinem Leben werden, nachdem ich beschlossen hatte, mich ganz der Bühne zu widmen. Mit seiner Geduld und seinem außergewöhnlichen musikalischen Talent machte er aus mir, der Nachtclubsängerin, einen Bühnenstar." "Die neue Marlene" sang Lieder wie "Die Antwort weiß ganz allein der Wind" oder "Paff, der Zauberdrachen". Electrola/HörZu (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Von "Wenn ich mir was wünschen dürfte" über "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" bis zu dem Bekenntnis "Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin" - die Zusammenstellung "Mythos Marlene Dietrich" brachte ein Wiederhören mit zahlreichen Liedern, die untrennbar mit dem Namen der Künstlerin verbunden sind. Electrola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1931 sang Marlene Dietrich "Johnny, wenn Du Geburtstag hast" und 43 Jahre später erweckte die Plattenindustrie den alten Schellack-Rauscher zu neuem Leben. Bei dem Projekt "Das gibt’s nur zweimal" erklangen Stars von damals in Stereo: Ein akustisches Restaurationsverfahren schuf in Form von Toncollagen unter Erhaltung der Originalstimmen ein modernes Klangbild. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Schöner Gigolo - armer Gigolo" hatte am 16. November 1978 in Berlin Premiere. Die Attraktion des Films waren die beiden Hauptdarsteller David Bowie und Marlene Dietrich, die nach Jahren der Zurückgezogenheit nochmals vor die Kamera trat und zudem den Titelsong interpretierte. Es war sowohl ihr letzter Filmauftritt als auch ihre letzte Schallplattenaufnahme. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Der in Österreich gebürtige Hollywood-Regisseur Josef von Sternberg reiste 1929 nach Deutschland, um für die UFA den Roman "Professor Unrat" von Heinrich Mann zu verfilmen. Auf der Suche nach geeigneten Darstellern entdeckte er während eines Revuebesuchs, der eigentlich Hans Albers galt, Marlene Dietrich. Sie hatte bislang - meist erfolglos - in mehreren Stummfilmen und Theaterstücken mitgewirkt und sollte nun die Idealbesetzung für die Tingeltangel-Sängerin "Lola" im Film "Der blaue Engel" sein.

Die UFA-Chefs waren entsetzt

Die Probeaufnahmen verliefen alles andere als gut und die Verantwortlichen bei der UFA waren entsetzt. Sogar Marlene Dietrich selbst hatte Zweifel an ihrer Eignung. Sternberg ließ sich nicht beirren und setzte seinen Willen durch: "Der blaue Engel" machte die Schauspielerin über Nacht berühmt. Noch vor der Uraufführung des Films fuhr der Regisseur wieder nach Amerika zurück und sorgte dafür, dass seine Neuentdeckung ein Angebot aus Hollywood erhielt. Bereits nach der Berliner Premiere reiste Marlene Dietrich ihrem Entdecker nach.

"Ich bin von Kopf bis Fuß..." ist die zweite Fassung

Marlene Dietrich (Foto: imago images, Imago/ZUMA Press -)
Marlene Dietrich Imago/ZUMA Press -

Die Plattenfirma war äußerst skeptisch und nahm nur widerwillig die Schlager auf, die Friedrich Hollaender für den Film geschrieben hatte. Die Auflage von nur 200 Exemplaren war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Da die Originalaufnahmen nach der Produktion vernichtet wurden, musste rasch ein neuer Termin anberaumt werden, an dem Marlene Dietrich die Titel ein zweites Mal aufnahm. Die heute allseits bekannte Version von "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" ist die Zweitaufnahme vom Februar 1930.

Marlene Dietrich wollte nicht für die Nazis arbeiten

Filme wie "Marokko", "Shanghai Express" oder "Die blonde Venus" unter der Regie von Josef von Sternberg machten sie zu einem Hollywood-Star und Inbegriff des Vamp. Die UFA in Babelsberg und die nationalsozialistische Politik zeigten großes Interesse, die zum Weltstar avancierte Künstlerin wieder nach Deutschland zu holen. Reichsminister Goebbels soll ihr einen Vertrag ohne Bedingungen plus 50.000 Pfund Sterling angeboten haben. Marlene Dietrich, eine der populärsten Nazigegnerinnen, lehnte ab und nahm 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Hilfe für Freunde und Truppenbetreuung

In ihrem Hass gegen die braune Diktatur war sie unnachgiebig. Zahlreichen Freunden, die darunter leiden mussten, half sie mit Geld und Paketen. Dem in die Emigration geflüchteten Sänger Richard Tauber linderte sie die bitterste Not. Sie stellte sich in den Dienst der alliierten Truppenbetreuung und sang an der Front, was ihr eine enorme Popularität bei den Soldaten einbrachte. Tropenuniform, Schnürstiefel, Männerhosen, ein Kaschmirpullover, ein schulterfreies Brokatkleid, zwei lange Roben sowie eine singende Säge gehörten zu ihrem Marschgepäck.

"Und jetzt ein Lied, das mir sehr am Herzen liegt"

Für den Nachrichtendienst des amerikanischen Kriegsministeriums (OSS) nahm sie Schallplatten mit mehr oder weniger versteckten Propagandainhalten auf und wurde mit ihrer Version von "Lili Marleen" zum Symbol eines "freien Deutschlands". Das Lied blieb lange Jahre in ihrem Repertoire. In ihren Konzerten kündigte sie es stets mit den Worten an: "Und jetzt ein Lied, das mir sehr am Herzen liegt. Ich sang es während des Krieges. Ich sang es drei Jahre lang: in Afrika, auf Sizilien, in Alaska, Grönland und Island, in England, Frankreich, Belgien und Holland, in Deutschland und in der Tschechoslowakei."

Triumph bei der Rückkehr nach Deutschland

Nach dem Krieg startete ihre zweite Karriere als internationale Chansonsängerin in Konzertsälen. Hierbei spielte der amerikanische Komponist und Musiker Burt Bacharach eine entscheidende Rolle. Zusammen mit ihr arbeitete er ein Konzertprogramm aus, das stets Begeisterungsstürme beim Publikum hervorrief. 1960 trat sie nach langem Zögern erstmals wieder in Deutschland auf. Ihre Konzert-Tournee wurde ein Triumph: stehende Ovationen, allein 60 Vorhänge bei ihrem Gastspiel in München!

"Kann sich niemand diesen Seelenkonflikt vorstellen...?"

Marlene Dietrich mit Noel Coward (Foto: imago images, Imago/Zuma -)
Marlene Dietrich mit Noel Coward Imago/Zuma -

Manche Deutsche lasteten ihr an, dass sie während des Krieges gegen ihr Heimatland gehetzt habe und als Amerikanerin mit den Siegermächten in Paris und Berlin eingezogen war. Dazu sagte sie auf einer Pressekonferenz: "Viele Deutsche hätten wie ich gehandelt, wenn sie Gelegenheit dazu gehabt hätten, die Wahrheit über Hitler zu hören. Kann sich denn niemand den Seelenkonflikt vorstellen, in dem man lebt, wenn die eigene Mutter in Berlin stündlich von amerikanischen Bomben bedroht ist und man dennoch hoffen muss, dass nicht die Deutschen diesen Krieg gewinnen müssen?"

Zurückgezogen in Paris

Bis 1975 führten sie ihre Tourneen rund um den Erdball. Den Schlusspunkt markierte ein Gastspiel in Sydney, bei dem sie auf der Bühne stürzte und einen Oberschenkelhalsbruch erlitt. Drei Jahre später trat sie letztmalig vor eine Filmkamera. Danach zog sie sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück - von Alkoholabhängigkeit und Tablettensucht war die Rede. Bis zu ihrem Tode am 06. Mai 1992 lebte sie abgeschieden in ihrer Pariser Wohnung. Nur ein eng gefasster Personenkreis durfte sie besuchen, zur Außenwelt hielt sie telefonisch Kontakt.

"Wahr ist, dass was Sie über mich lesen, unwahr ist" äußerte Marlene Dietrich gegenüber Maximilian Schell, der 1982 einen Dokumentarfilm über ihr Leben drehte. Bereits 1931 erschienen die ersten Bücher über Marlene Dietrich, deren Biographie gewiss ganz anders verlaufen wäre, wenn ihr eine Sehnenscheidenentzündung die Geigenausbildung an der Berliner Musikakademie nicht vermasselt hätte.

Diva und Mythos

"Adieu, Lola, blonde Venus, Kokette im Saloon, Engel mit den blauen Flügeln, erfüllt ist Dein Vertrag" sang die Liedermacherin Joana Emetz in ihrem Chanson "Abschied von Marlene". Nicht nur das Bild von der Filmkneipensängerin auf dem Fass bleibt uns vor Augen, sondern auch das der Diva in Triumph-Pose im üppigen weißen Nerz Cape und hautengem, fleischfarbenem Kleid, an dem alles strahlt, fließt und glitzert. All dies gehört zum Mythos Marlene Dietrich.

Fakten zu Marlene Dietrich
Steckbrief von Marlene Dietrich
Geboren27.12.1901 in Berlin
Gestorben6.5.1992 in Paris
EhrungenFür ihren Einsatz als Truppenbetreuerin bekam sie 1947 die amerik. Freiheitsmedaille. 1999 wurde sie vom American Film Institut unter die "25 größten weiblichen Leinwandlegenden aller Zeiten" gewählt.
Wichtige FilmeZeugin der Anklage (1957, Regie Billy Wilder); Das Urteil von Nürnberg (1961, mit Spencer Tracy).

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