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"Now or never" - mit diesem Elvis-Titel siegte Ireen Sheer im Alter von 12 Jahren bei einem englischen Gesangswettbewerb. "Jetzt oder nie" - mit dieser von ihr gelebten Devise zählt sie längst zu den Schlager-Ikonen Deutschlands.

Plattencover von Ireen Sheer (Foto: SWR, Polydor (Coverscan))
Die ersten musikalischen Gehversuche auf Vinyl machte sie in der Band „Family Dogg“, die von Steve Rowland 1966 gegründet wurde. Prominente Mitglieder waren u. a. Albert Hammond und Mike Hazlewood. 1969 schloss sich Ireen Sheer kurzzeitig der Truppe an. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1970 startete sie ihre Solo-Karriere mit „Big Yellow Taxi“. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ihre zweite Platte „Hey Pleasure Man“ diente als Vorlage zur deutschsprachigen Premiere „Oh Holiday“, die 1971 in die Geschäfte kam. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Bereits 1972 erschien ihre erste deutschsprachige LP „Keine liebt Dich so wie ich“. Ralph Siegel schrieb im Begleittext: „Die Playbacks waren fertig und wie immer hatten wir ein bisschen Bammel. Denn was wussten wir schon vor ihr? Doch nach dem Kommando „Band ab“ lehnten wir uns nur noch gemütlich in die Sessel zurück, bekamen eine angenehme prickelnde Gänsehaut und die Münder nicht mehr zu...“ Die Resonanz in Deutschland war so positiv, dass Ireen Sheer von London nach Hamburg umzog. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Mit der Ralph Siegel-Komposition „Goodbye Mama“ gelang Ireen Sheer 1973 die erste Top 10-Platzierung, in über 15 weiteren Ländern konnte sich die englische Version, die Ireen Sheer selbst textete, in den Hitparaden behaupten. Für die B-Seite „Jemand wartet auf Dich“ zeichnete Peter Maffay als Autor verantwortlich. Am 19. März präsentierte sie die Platte in „Studio B“ erstmals vor deutschem Publikum. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Im selben Jahr nahm sie am „Deutschen Schlager-Wettbewerb“ teil. Mit „Und wenn die Sonne scheint, denkt keiner an den Regen“ belegte sie den 5. Platz. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ireen Sheer im Kino: 1973 drehte sie mit Chris Roberts den Musikfilm „Wenn jeder Tag ein Sonntag wär“. Das Erfolgsrezept war denkbar einfach: man nehme populäre Schauspieler (Peter Weck, Heinz Reincke, Rudolf Prack und Georg Thomalla), einen routinierten Regisseur (Harald Vock) und als Hauptdarsteller zwei beliebte Schlagerstars. Auch wenn die Soundtrack-LP anderes vermitteln könnte: ein gemeinsames Duett hat es im Rahmen dieser Produktion nicht gegeben. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Eine internationale Mischung: Ireen Sheer als „Halbengländerin“ sang 1974 beim Grand Prix für Luxemburg ein deutsches Lied in französischer Sprache. Die Veranstaltung, und damit schloss sich der Kreis, fand im britischen Brighton statt. „Bye Bye I love you“ landete auf dem 4. Platz. Ralph Siegel schrieb das Lied, das Ireen Sheer in deutscher, englischer und französischer Sprache auf Platte brachte. Der Song fand Eingang in ihre zweite deutschsprachige LP „Nur noch einen Tanz“ von 1974. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Plattenfirma schrieb zu dieser Single: Einfühlsam und fast schüchtern erzählt Ireen Sheer 1975 die verträumte Geschichte „Hinter dem weißen Berg. „Ich musste bei den Aufnahmen immer an meine Großmutter denken“, erzählte Ireen Sheer. „Als ich klein war, hat sie mir immer solche Geschichten erzählt. Daher kenne ich auch einige der deutschen Märchenfiguren wie Rumpelstilzchen oder Schneewittchen“. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nochmals ein Gastspiel bei unseren westlichen Nachbarn: die Single „Thank you“ nebst der B-Seite „Gespenster“ gab es 1975 in französischer Sprache gesungen. Polydor(Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die 1976er-LP „Addio Amore Mio“ brachte neben dem brandneuen Titelsong eine Rückschau auf Titel der jüngsten Vergangenheit. Darunter ihre hervorragende englische Aufnahme „Another place, another time“, die Udo Jürgens-Komposition „Sonntag“ oder den Mitsinger „Ach, lass’ mich noch einmal in Deine Augen seh’n“. Als Rarität findet sich auf der Platte der Titel „Einmal Wasser, einmal Wein“, mit dem sie 1976 bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix teilnahm, jedoch durchfiel. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Mit ihrem Landsmann Gavin du Porter ging Ireen Sheer 1976 nicht nur im wirklichen Leben eine langjährige Ehe ein, sondern gaben sich passend zur Heirat auch musikalisch das „Ja“-Wort: „Du bist das, was ich will“. Als Vorlage diente der Elton John & Kiki Dee-Hit „Don’t go breaking my heart“. EMI (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Heinz Gietz und Jean Frankfurter waren größtenteils die Autoren ihres Albums von 1979. Darauf fand sich der Titel „Feuer“, mit dem sie 1978 Deutschland beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson vertrat und den 6. Platz erreichte. Den Song nahm sie auch in englischer Sprache („Fire“) auf. Eröffnet wurde die Langspielplatte vom griechischen anmutenden „Lied der schönen Helena“. Das Lied „Amazing Grace“, mit dem sie bis heute fast alle ihre Live-Veranstaltungen beschließt, fand ebenfalls Eingang. EMI (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Liebe auf Eis“ war ein Unikat, das Ireen Sheer mit Gilbert Bécaud auf schwarzem Vinyl zusammenbrachte. Eine international angelegte Produktion, denn sie sangen gemeinsam auch die französische Fassung des Songs. Dessen Ursprung („Love on the rocks“) geht auf den Film „The Jazz Singer“ aus dem Jahr 1980 zurück, in dem Neil Diamond die Hauptrolle spielte. EMI (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Im Sommer 1984 beschritt sie neue Wege: für die Single „State of Emergency“ legte sie ihren Nachnamen ab und wagte musikalische Schritte auf dem Pop-Sektor. Ein durchschlagender Erfolg stellte sich damit allerdings nicht ein. Es blieb die einzige Platte als „Ireen“. Papagayo (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Elf Jahre nach ihrem Erfolg für Luxemburg beim Grand Prix trat Ireen Sheer für dieses Land 1985 erneut beim Song Contest an: wiederum war Ralph Siegel der Komponist, der zusammen mit dem Texter Bernd Meinunger das Thema „Kinder“ aufgriff. Als Sextett trugen Franck Olivier und Margo aus Frankreich, Diane Solomon und Malcolm Roberts für England sowie Ireen Sheer und Chris Roberts „Children, Kinder, Enfants“ vor. Im Finale reichte es für den 13. Platz. Jupiter (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1987 entstand eine Benefiz-Platte für die Hans Rosenthal-Stiftung. Initiator des Projekts „Wir für Euch“ war Chris Roberts, unter dessen Federführung sich Stars wie Tony Marshall, Andreas Martin, Andy Borg mitwirkten. Bei „Insel der Liebe“ war auch Ireen Sheer mit dabei. Aktuell unterstützt sie neben dem „Eagles Charity Golfclub“ die „Deutsche Schlaganfall-Hilfe“, deren Botschafterin sie seit 2005 ist. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach längerer Zeit arbeitete sie 1990 wieder mit dem Erfolgskomponisten Jean Frankfurter zusammen. „Fantasy Island“ hatte seine Fernseh-Premiere in der Sendung „Verstehen Sie Spaß“. Zu dieser Zeit zählte die Künstlerin längst zu einer der meist beschäftigten Interpretinnen in der deutschen Gala-Showszene. DINO (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Einer ihrer Dauerbrenner hatte 1991 Premiere: „Heut’ abend hab’ ich Kopfweh“ entwickelte sich zu einem Hit, der auf keiner Schlagerparty fehlen darf. Pierre Kartner (Vader Abraham) schrieb den Song, der im Original („Maar vanavond heb ik hoofdpijn“) in Holland ein Erfolg für die Sängerin Hanny war. DINO (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
In den vielen Jahrzehnten ihrer Showpräsenz haben namhafte Komponisten und Texter für Ireen Sheer gearbeitet. Hanne Haller und Jack White sind für viele weitere zu nennen. Die Doppel-CD „Gestern und heute“ spannt einen Bogen von ihrer ersten deutschsprachigen Single „Oh Holiday“ über „Xanadu“ bis hin zu den jüngeren Erfolgen wie „Jede Nacht mit Dir ist Wahnsinn“, „Ein Kuss von Dir“, „Tennessee Waltz“ und den Cover-Versionen internationaler Pop-Hits von LeeAnn Rimes oder Elton John. Koch Universal (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

"Die Kleine macht den Mund auf, holt tief Luft, singt und gewinnt"

"Diese Erfahrung auf der Bühne war für mich die Initialzündung zu meiner Gesangskarriere", erinnert sich Ireen Sheer. Zugetragen hat sich dies, wie ihre Plattenfirma vor vielen Jahren schrieb, in einem Ferienhotel an der englischen Kanalküste: "Einer der üblichen Talentwettbewerbe zur Unterhaltung der Sommergäste. Auf der Bühne steht Irene Margaret Wooldridge, ein kleines, schüchternes Mädchen mit großen brauen Augen mit dunklen, samtenen Wimpern und einem langen, zotteligen Pferdeschwanz. Die Kleine macht den Mund auf, holt tief Luft, singt und gewinnt".

Banknoten statt Geldnoten

Ihr Wunsch, eine Showkarriere zu machen, stand früh fest und so nahm sie schon in jungen Jahren in ihrer Heimatstadt Romford in der Grafschaft Essex Gesangs-, Schauspiel- und Tanzunterricht. Doch ihre deutsch-englischen Eltern waren von diesen Plänen nicht sonderlich begeistert. Nachdem ein "ordentlicher" Beruf niemandem schadet, absolvierte sie zunächst eine Banklehre, wofür die Begeisterung sich in Grenzen hielt. Tagsüber beschäftigte sie sich mit Geldnoten, abends gehörte ihre Aufmerksamkeit den Musiknoten. An sechs Abenden in der Woche stand sie mit den "Incas" auf der Bühne. "Es gab etwa 35 Mark pro Woche für jedes Bandmitglied, zuzüglich Spesen und Garderobe", erinnert sich Ireen Sheer.

Ein richtiger Name musste her

Stars halten die "4" bei "Immer wieder Sonntags" (Foto: SWR, Foto: Andreas Braun)
Ireen Sheer präsentiert die "SWR4" - die deutsch-britische Sängerin genießt mittlerweile Legendenstatus... Foto: Andreas Braun

Wer im Showgeschäft populär werden will, braucht einen griffigen Künstlernamen. Der Familienname Wooldridge erschien zu umständlich und wenig einprägsam. Ireen Sheer erzählte SWR4 in einem Interview, dass die Inspiration hierfür die damals in Düsseldorf lebende Großmutter mütterlicherseits Gretel Schier lieferte. Die zündende Idee hatte Ireens Mutter, die ihren Mädchennamen einfach ins Englische übersetzte. Aus "Schier" wurde "Sheer" und aus dem Taufnamen der Tochter Irene machte sie "Ireen".

Mit Albert Hammond in einer Band

Mitte der 1960er-Jahre erhielt Ireen Sheer eine Einladung, mit der Gruppe "Gulliver’s People" aufzutreten. Diese Verlockung war so groß, dass sie den bürgerlichen Beruf an den Nagel hängte und dem Ruf ins "Tiffany" im "Swinging London" folgte. Bald fand ihr TV-Debüt in der Billy Cotton-Band-Show statt. Auftritte in weiteren populären englischen Shows schlossen sich an. 1969 wurde Steve Rowland, Produzent von etlichen "Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich"-Hits, auf sie aufmerksam. Er holte sie als Solistin in seine Band "Family Dogg", in der bereits so populäre Musiker wie Mike Hazlewood und Albert Hammond dabei waren. Titel wie "Sympathie" oder "Arizona", erreichten nicht nur bei uns Spitzenplätze in den Hitparaden, sondern auch in Holland und Skandinavien.

Ab 1970 als Solistin in Deutschland erfolgreich

Ireen Sheer und der Hase Cäsar (1980) (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Ireen Sheer mit Hase Cäsar in einer ARD-Kinderserie (1980) Imago Imago/Fotograf XY -

Obwohl sie bislang ausschließlich im Team arbeitete, verlor sie ihre Idee vom künstlerischen Alleingang nie aus dem Sinn. 1970 trennte sie sich von "Family Dogg" und verfolgte ihre Karriere als Solistin. Mit ihrer Premiere "Big Yellow Taxi" gelang ihr sofort ein respektabler Einstiegshit und verhalf ihr zu Popularität über Englands Grenzen hinaus. Besonders in Deutschland kam der Titel beim Publikum gut an.

Die ersten deutschen Platten von Ireen Sheer

Der Nachfolger "Hey Pleasure Man" lief ebenso vielversprechend, so dass die Plattenfirma sich bald auf deutschsprachige Titel verlegte - kein Problem für die zweisprachige Ireen Sheer. Mit Ralph Siegel als Produzent an ihrer Seite waren Hits sozusagen vorprogrammiert und bereits mit ihrer zweite deutschen Single "Keine liebt Dich so wie ich" vertrat sie Deutschland beim 12. Internationalen Songfestival von Sopot und landete auf dem 3. Platz.

Gute Gründe zu feiern

Den großen Durchbruch auf dem deutschen Schlagermarkt schaffte sie 1973 in der ZDF-Hitparade. Ihr Lied "Goodbye Mama" erreichte den ersten Platz, eine Position, die sie in den folgenden Jahren noch öfter erreichen sollte. Die Liste ihrer seitherigen Erfolge ist endlos und viele ihrer Schlager sind Evergreens geworden. Manche davon hat sie 2019 anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums neu aufgenommen:  "Man muss mit der Zeit gehen", stellte sie fest und hat einige Eckpfeiler ihrer Karriere einer Verjüngungskur unterzogen.

Ireen Sheer - Show Time Plattencover (Foto: SWR, Coverscan: Telamo)
Ireen Sheer - Showtime Coverscan: Telamo

"Du bist wie ein Wirbelwind" - der Titel einer ihrer jüngeren Produktionen trifft auch auf "Lady Show" - wie sie genannt wird - zu. Wie ihre Hits ist auch die Künstlerin fit geblieben, wozu ihre Frohnatur und ihre positive Lebenseinstellung gewiss beigetragen haben. "Man muss früh damit anfangen, Sport zu machen und auf die Ernährung achten", lauten ihre Tipps. Wobei sich zu kasteien, nicht ihr Ding ist. Bei Pommes und Eiscreme wird sie schon mal schwach, verriet sie uns im Gespräch. Und last but not least: "Eine gute Kosmetikerin hilft auch!"

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