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Sie sang von Alltagsgeschichten oder Übersinnlichem. Als Teenager gelangte Juliane Werding mit dem Anti-Drogen-Song "Am Tag, als Conny Kramer starb" zu schnellem Ruhm und schrieb damit deutsche Pop-Geschichte.

Plattencover von Juliane Werding (Foto: SWR, Hansa (Coverscan) -)
Ein Schlager mit diesem Text? Niemals! Sämtliche Experten der Schlagerbranche prophezeiten einen Reinfall. Doch die Verkäufe der Anti-Drogen-Hymne „Conny Kramer“ sprengten die Millionengrenze. Der Song machte 1972 die junge Essenerin über Nacht berühmt. Im Spätsommer des Jahres folgte ihre Debüt-LP „In tiefer Trauer“, von der rund 100.000 Exemplare über die Ladentische gingen Hansa (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Imagewechsel im Jahr 1975: aus dem Teenager, der Lieder über Alltagsprobleme sang, war eine junge Frau geworden und Gunter Gabriel schrieb für sie die passenden Lieder: „Man muss das Leben eben nehmen, wie das Leben eben ist“. „Komm‘ und hilf‘ mir durch die Einsamkeit der Nacht“ oder „Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst“. Damit siegte sie in der ZDF-Hitparade und erreichte in den Verkaufscharts Rang 4. Hansa (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Die Single („Großstadtlichter“) ist das Bonbon, die LP („Traumland“) die Bombe!“ - so kündigte die Plattenfirma ihre neue Produktion an. Es war ihr erstes Projekt in Eigenregie: „Noch nie in meinem Leben habe ich für etwas so hart gearbeitet wie für meine LP. Es ist ein wunderbares Gefühl, endlich für sich selbst verantwortlich zu sein.“ Das Publikum reagierte verhalten. Darauf setzte sie beruflich andere Prioritäten und begann eine Ausbildung bei einer PR-Agentur. EMI Electrola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Juliane Werding besuchte Mike Oldfield bei seinem Konzert auf der Berliner Waldbühne und fragte ihn, ob sie seinen Hit „Moonlight Shadow“ in deutscher Sprache singen könne. Er stimmte zu und Michael Kunze schrieb den Text „Nacht voll Schatten“. Damit schwamm sie nach längerer Zeit auf der Erfolgswelle wieder ganz oben. Die Platte markiert auch den Beginn der Zusammenarbeit mit Harald Steinhauer, der fortan als Produzent und Komponist verantwortlich zeichnete. Die Single… WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…war der Startschuss für ein gelungenes Comeback, das mit „Geh‘ nicht in die Stadt“ und „Sonne auf der Haut“ seine Fortsetzung fand. Alle Titel stammten aus dem 1984er Album „Ohne Angst“. Zwei weitere Singles („Drei Jahre lang“ und „Lohn der Angst“) wurden erfolgreich ausgekoppelt. Ein Jahr später erhielt sie hierfür erstmals die „Goldene Stimmgabel“. Im Laufe ihrer Karriere durfte sie diesen Preis fünfmal in Empfang nehmen. WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Zum ersten Mal nach über zehn Jahren erreichte sie 1986 wieder die LP-Hitlisten. Das Album „Sehnsucht ist unheilbar“ hielt sich über ein Jahr in den Verkaufscharts und erreichte Platinstatus. „Stimmen im Wind“ kam als Vorbote auf den Markt. Die Zuschauer der ZDF-Hitparade wählten den Titel zum „Hit des Jahres“. Mystische und geheimnisvolle Texte waren ihr Markenzeichen geworden. Damit landete sie über Jahre Hit auf Hit (u. a. „Das Würfelspiel“, „Starke Gefühle“, „Tarot“, „Nebelmond“). WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ihr neuer Lebensgefährte Andreas Bärtels zeichnete für das 1992er-Album „Sie weiß was sie will“ als Produzent verantwortlich. Der Titelsong entwickelte sich zu einem Radio-Hit. Ein Jahr später gab es in der ZDF-Show „Traumjob“ ein Duett mit Juliane Werding zu gewinnen. Der ungewöhnliche Preis ging an Ulrike Sauerland. Das Ergebnis war so überzeugend, dass das gemeinsame Anti-Kriegs-Lied „Nadza“ auf einer Maxi-CD zur Veröffentlichung kam. WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Wann immer sich Juliane Werding eine Cover-Version aussuchte, bedeutete dies zumeist einen Glückgriff: im Juni 1994 war es der Roy Orbison-Hit „You got it“ der als Vorlage für „Du schaffst es“ diente. Das gleichnamige Album folgte im Herbst des Jahres, rechtzeitig zu ihrer ersten Deutschland-Tournee. Diese Gastspielreise war die erste in ihrer langen Karriere und führte sie durch zwanzig Städte. Bei der „Freundinnen“-Tournee… WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…waren Maggie Reilley aus England und die französisch-belgische Popsängerin Viktor Lazlo als Mitstreiterinnen mit von der Partie. Im Terzett sangen sie dreisprachig „Engel wie Du“. Damit gelang ihnen in Belgien und in den Niederlanden der Sprung in die Verkaufscharts. WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Zusammen mit der britischen Poplegende Howard Jones im Duett: „I remember“ entstand 1999 in London. Dort hatten sich die beiden zufällig getroffen und kamen miteinander ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass beide große Anhänger des Buddhismus sind. Über diese Gemeinsamkeit kam es zu dieser einmaligen Zusammenarbeit. WEA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Zum neuen Jahrtausend zeigte sich Juliane Werding von einer ganz ungewohnten Seite: sie besuchte einen Schauspielkurs, spielte Theater und schrieb Bücher. Nach über fünfzehn Jahren wechselte sie die Plattenfirma. „Es gibt kein Zurück“ lautete der Titel ihrer ersten Produktion unter dem neuen Dach. Viele Texte hierzu stammten aus ihrer Feder, darunter auch „Daisy“, die deutsche Version des Marqué-Hits „One to make her happy“. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Mit „Ruhe vor dem Sturm“ veröffentlichte sie 2008 ihre bislang letzte Studio-Produktion. Diese brachte ihr die erfolgreichste Charts-Platzierung seit 18 Jahren ein und verpasste nur ganz knapp die Top 20. Das Album stellte sie im Rahmen einer kleinen Tournee dem Publikum vor. Seither trat sie nicht mehr als Sängerin auf. DA Records (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Juliane Werding hat sich beim SWF beworben

Im Oktober 1970 traf beim ehemaligen Südwestfunk ein Tonband ein, das eine 14-jährige Schülerin aus Essen an den "Talentschuppen" adressierte. Sie wurde eingeladen und beeindruckte. Noch vor der Ausstrahlung der Sendungsaufzeichnung bot ihr der Produzent Peter Meisel einen Schallplattenvertrag an. Nach vielen Gesprächen stand fest, dass sie keine Schlager singen würde.

"Ich singe, was ich vom Text her vertreten kann."

Die Politik nutzte den Hit um "Conny Kramer"

Juliane Werding bei einem Auftritt (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Juliane Werding bei einem Auftritt mit dem Lied ("Am Tag als Conny Kramer starb") picture-alliance / dpa -

Die erste Platte von dem Mädchen mit den rotblonden, langen Haaren und der Gitarre stand im Januar 1972 in den Geschäften: "Am Tag, als Conny Kramer starb". Wenige Wochen später erhielt Juliane Werding eine Einladung nach Bonn. In den Räumen des Bundesgesundheitsministeriums sang sie vor Frau Ministerin Käthe Strobel, zahlreichen Journalisten und Kameras. Die Geschichte des Jungen, der durch Rauschmittelgenuss sein Leben verliert, sollte die "No Drugs"-Aktion der Bundesregierung unterstützen.

"Conny Kramer" geriet zu einem phänomenalen Erfolg. Einen ersten Höhepunkt fand die noch frische Karriere in Saarbrücken. Dort wurde ihr von der Europawelle Saar die "Goldene Europa" als "förderungswürdigste Nachwuchsinterpretin" verliehen.

Passt nicht zwischen Waschmittelwerbung

Es gab auch Widerstand: Radio Luxemburg weigerte sich, die Platte zu senden. "Ein Lied mit solch ernsthaften Problemen passt nicht zwischen Waschmittelwerbung", lautete die Begründung. Erst nach Hörerprotesten lief der Titel im Programm. Die gewonnene Popularität war auch belastend: Eine Flut von Briefen traf bei ihr ein, die über die normalen Autogrammwünsche hinaus gingen. Viele schrieben von eigenen Drogenerfahrungen und suchten Rat. Die Medien rissen sich um sie und Reporter tauchten sogar bei ihr in der Klasse auf. Die Eltern zogen die Notbremse und schirmten ihre Tochter weitgehend ab: Zuerst kam die Schule und nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Bürokauffrau.

"Es war nicht leicht, mit ihr zu arbeiten"

Juliane Werding Auftritt 1982 (Foto: Imago, Imago -)
Juliane Werding mit Band (1982) Imago Imago -

"Leicht war es nie, mit ihr zu arbeiten", äußerte ihr Entdecker Peter Meisel in einem Interview. "Es war schwierig, für sie einen guten Titel zu finden." Dieser fand sich 1975 im Berliner Hansa-Meisel-Quartier, wo sich Liedermacher, Sänger und Komponisten trafen. Juliane Werding begegnete Gunter Gabriel, der dort gerade Skat spielte. Sie setzte sich zu ihm, nahm ebenfalls Karten in die Hand, reizte, sicherte sich Spiel um Spiel und gewann. Daraus entstand "Wenn Du denkst, Du denkst".

„Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ausgerechnet für die Werding was zu schreiben. Ich habe mich ganz schön in dem Mädchen getäuscht.“

Bei "Deep Purple" den Abwasch erledigt...

Privat liebte Juliane Werding die Musik von Jimi Hendrix und Deep Purple. Der Starfotograf Didi Zill erinnerte sich: "Ich hatte einmal die Gelegenheit, sie in London zu einer Fotosession mit Deep Purple und anschließend zum Konzert mitzunehmen. Die Jungs von Deep Purple luden sie nach der Foto-Session für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Dort fand ich Juliane in der Küche: sie erledigte den Abwasch von Deep Purple-Drummer Ian Paice."

Juliane Werding in den 1970er Jahren (Foto: Imago, Imago/KPA United Artists -)
Juliane Werding in den 1970er Jahren Imago Imago/KPA United Artists -

Mit "Stimmen im Wind" zurück in die Erfolgsspur

Anfang der 1980er Jahre legte sie eine künstlerische Pause ein und arbeitete nach einer Ausbildung bis 1985 als PR-Frau. Parallel hierzu gelang ihr bereits 1983 ein glänzendes Comeback. Produzent und Komponist Harald Steinhauer und der Texter Dr. Michael Kunze schrieben ihr über Jahre eine maßgeschneiderte Hitserie: "Stimmen im Wind", "Sehnsucht ist unheilbar", "Vielleicht irgendwann" und viele mehr. Nicht nur in Deutschland sondern auch in den Benelux-Ländern gelangen damit Volltreffer.

"Ich habe schon immer Tabu-Themen aus der Versenkung geholt"

"Ich sehe mich in der Tradition der Barden und Minnesänger, die Mythen und Neuigkeiten in Liedform überliefert haben. Mir kommt es auf den Inhalt an", äußerte Juliane Werding in einem Interview. Die einfühlsamen, bildhaften Texte - häufig mit geheimnisvollen Inhalten - und die melodischen, griffigen Kompostionen spiegelten die persönliche Entwicklung der Interpretin wieder. 1994 ging sie erstmals auf Tournee und begann sich als Live-Künstlerin zu etablieren. Eine ganz andere Premiere erlebte sie im Jahr 2000 - als Schauspielerin im Theaterstück "Die Vagina-Monologe": "Ich habe schon immer Tabu-Themen aus der Versenkung geholt. Dazu gehört sicherlich auch die weibliche Sexualität", erklärte die Künstlerin.

Ausbildung zur Heilpraktikerin

Juliane Werding (1999) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Juliane Werding (1999) picture-alliance / dpa -

Trotz aller Erfolge ist sie bodenständig geblieben und verstand es stets, Privatleben und Karriere in Einklang zu bringen. Das zeigte sich auch daran, dass sie während ihrer musikalischen Laufbahn immer wieder "normalen" Berufen nachging. Bei ihrer Tätigkeit in der PR-Branche kam sie mit medizinischen Themen in Berührung und entschloss sich zu einer Ausbildung als Heilpraktikerin. 1989 eröffnete sie nach erfolgreichem Abschluss eine eigene Praxis. Unter dem Titel "Mit ganzer Kraft gesund" erschien zwei Jahre später ihr erstes Buch.

2008 legte sie ihr letztes Studio-Album vor, dann zog sie sich völlig aus dem Showgeschäft zurück. Seither arbeitet sie als Heilpraktikerin in einer Gemeinschaftspraxis in Starnberg. 

Steckbrief von Juliane Werding
Geboren19. Juli 1956, aufgewachsen in Essen
Nr. 1-Hit als Sänger"Der Tag als Conny Kramer starb" blieb 14 Wochen in den Top 10
MitwirkungBei dem Afrika-Hilfsprojekt "Band für Afrika"
FilmJuliane Werding wirkte in "Palermo oder Wolfsburg" von Werner Schroeter mit
BerufHeilpraktikerin in Starnberg bei München

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