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"Ein Schlafsack und eine Gitarre" war der größte Hit der Geschwister Leismann, die in den 60er und 70er Jahren das Publikum mit ihrer Natürlichkeit und ihrem Optimismus verzauberten.

Renate und Werner Leismann (Foto: dpa Bildfunk, dpa Bildfunk - Hardy Schiffler)
Renate und Werner Leismann dpa Bildfunk - Hardy Schiffler

Der Artikel basiert auf einem Interview mit Renate Leismann aus dem Jahr 2012

Renate Leismann klingt ehrlich erstaunt. Nein, sie habe nicht damit gerechnet, dass bei einem großen Sender ihr runder Geburtstag präsent sei. Umso erfreuter ist sie über den Anruf von SWR4 Baden-Württemberg. Der erreicht sie in Schmallenberg, hier ist sie geboren, aufgewachsen und bis heute mit Ehemann, Manager und Produzent Gerd Skolmar daheim.

Ich bin eine von ihnen

Mit Wohlfühlen und Geborgenheit erklärt Renate Leismann ihre Verbundenheit zum Sauerland und schwärmt von der unberührten Natur direkt vor ihrer Haustür, von den Rehen, die sich regelmäßig in ihren Garten verirren und davon, dass sie für die Leute im Ort schlicht "die Renate" sei. "Ich bin eine von ihnen geblieben und das macht mich stolz", sagt die Jubilarin, und vermutet umgekehrt, dass auch viele Schmallenberger immer noch große Stücke auf ihre "Leismänner" halten.

Plattencover von Renate und Werner Leismann (Foto: SWR, Ariola - (Coverscan))
Bis dato waren die Geschwister Renate und Werner Leismann Amateure, die in Schmallenberg im Sauerland als Modezeichner und Designerin arbeiteten und in ihrer Freizeit musizierten. In Peter Frankenfelds Talent-Show „Toi-Toi-Toi“ bekamen 158 Bewerber ihre Chance und die Leismanns waren dabei. Der Applausmesser entschied: mit ihrem Lied „Viel zu schnell geht das vorbei“ kamen sie auf den 2. Platz. Ihre erste Single mit „So long“ und „Jetzt o Baby“ stand bald in den Geschäften. Das war 1959. Ariola - (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Nach vier Jahren kam der Durchbruch: „Gaucho Mexicano“ wurde ein Bestseller. Basis war eine alte Nummer aus den 1940er Jahren, die im Original von den Andrews Sisters zusammen mit Bing Crosby stammte: „The Three Caballeros“. 1962 wurde der Titel entstaubt und als Instrumental-Fassung „Jalisco“ von John Buck & The Blazers in die Hitlisten gebracht. Eine gesungene Fassung ließ nicht lange auf sich warten und der Refrain „Schön, so schön ist Mexiko“ ging prompt ins Ohr. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1963/64 gingen sie auf große Europa-Tournee und Carmela Corren, die auch dabei war, sagte über die Leismanns: „Die beiden haben keine Feinde, sie haben nicht einmal die im Show-Business obligatorischen Neider. Sie sind von einer ungekünstelten Freundlichkeit, ihr Lächeln ist nicht Fassade. Sie sind einfach die netten Geschwister vom Nachbarhaus, die man selbst gern zum Bruder oder zur Schwester hätte“. Die Hits von 1964 waren „Ein Boy ist ein Boy“ oder auch „Rot blüh’n die Rosen“. Ariola - (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Anfang 1966 gab es die Geschwister Leismann auch im LP-Format. „Unsere Melodie“ wurde sogar in Amerika in der Fachzeitschrift „Billboard“ vom 29. Oktober 1966 als Neuheit gelistet! Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1965 hatten es die Geschwister Leismann mit zwei in die Endausscheidung der Deutschen Schlagerfestspiele in Baden-Baden.geschafft: „Das Leben ist wunderbar“ und „Mir geht’s genauso wie Dir“. Im selben Jahr nahm auch das „Dreamboat“ Kurs auf die Hitparade und kam bis auf Platz 31. Auch auf internationaler Ebene zeigten die Leismänner Präsenz: Sie wurden zum Grand Gala du Disque nach Amsterdam eingeladen. Dort standen sie neben Billy Vaughn oder den Everly Brothers auf der Bühne. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein neues Erfolgsrezept: Folklore im modernen Schlagergewand! „Hab’ mein Wagen vollgeladen“, „Es waren zwei Königskinder“ oder auch „Der Mond ist aufgegangen“ im zeitgemäßen Rhythmus - 1968 kam die LP „Im Frühtau zu Berge“ mit den schönsten Fahrtenliedern auf die Plattenteller. Durch ihre Interpretierung nahmen Renate und Werner Leismann dem langgeschmähten Volkslied den Geruch von Silberwald-Schmalz und Spießer-Brotzeit unterm Lindenbaum. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Aus den „Deutschen Schlagerfestspielen“ wurde der „Deutsche Schlagerwettbewerb“ - zum 10-jährigen Bühnenjubiläum im Jahr 1969 präsentierte Dieter Thomas Heck innerhalb dieser Veranstaltung die Leismänner mit „Komm’ an meine grüne Seite“. Sie belegten in der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden den 7. Platz. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Jahr später versuchten es Renate und Werner Leismann erneut, beim „Deutschen Schlagerwettbewerb“ einen Spitzenplatz zu erobern. Die „Ferien auf dem Bauernhof“ fanden zu wenig Zuspruch, so dass es nicht einmal für die Endausscheidung reichte. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Werner Leismann war von früher Jugend an eng mit der Musik verbunden. Mit 10 Jahren gab er den Klavierunterricht zugunsten der Gitarre auf. Mit 16 gründete er mit drei Freunden eine Gesangsgruppe, später "entdeckte" Werner seine Schwester als neue Sängerin. Hunderte von Titeln hat Werner Leismann geschrieben, darunter auch „Wir seh’n uns wieder“ (1971). Für die Rückseite wählte man eine Eindeutschung des Hits „Gonna get along without ya now“, mit dem auch Trini Lopez schon großen Erfolg hatte. Ariola (Coverscan) - Scan: SWR Bild in Detailansicht öffnen
1972 begab sich das Geschwisterpaar unter die Produzenten-Fittiche von Jack White. „Ein Häuschen auf zwei Rädern“, „Das Riesenrad des Lebens“ oder „Wenn ein Stein ins Rollen kommt“ waren Erfolgstitel, mit denen sie Stammgäste in der ZDF-Hitparade und vielen anderen TV-Sendungen waren. Allen voran der Hit „Ein Schlafsack und eine Gitarre“, der sich 1973 über 1,7 Millionen Mal verkaufte. Am 27. Mai 1975 wurde ihnen in München dafür eine goldene Schallplatte überreicht. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Geschwister Leismann gehörten zu den ersten Preisträgern der „Hermann Löns-Medaille“. 1975 wurde sie ihnen erstmals für besondere Verdienste um die Pflege deutscher Volksmusik verliehen. Bei seiner Laudatio sagte der Komponist Robert Stolz: „Wenn das deutsche Liedgut auch im Jahr 2000 gesungen wird, so kann man dies auch den Leismanns verdanken“. Trotz diesem Engagement in der Volksmusik blieb der Schlager stets das „zweite Standbein“. Zu den späteren Erfolgen zählt „Hey Fernando“. Ariola - Bild in Detailansicht öffnen
50 Jahre auf der Bühne und 20 Millionen verkaufte Tonträger - zum Jubiläum gab es nochmals „Das Beste“ auf CD. Plattenfirma (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Ganz normales Hausfrauenleben

Denn es ist um die Renate und Werner Leismann zwar etwas stiller geworden, ganz vom Showgeschäft verabschiedet haben sie die Geschwister aber nicht. Werner Leismann fühlt sich nach überstandener Krebserkrankung wieder fit für die Bühne. Renate, die nach eigenen Worten "ein ganz normales Hausfrauenleben" führt, bezeichnet ihren Beruf als "wahren Jungbrunnen".

Herzliche Freundschaft zu Chris Howland

Renate und Werner Leismann in den 1960er Jahren (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives)
Renate und Werner Leismann in den 1960er Jahren picture alliance / United Archives

Sie genießt es, wenn das Publikum ihre Lieder mitsingt, wenn gleich bei den ersten Takten die Hände nach oben gehen, wie das normalerweise bei "Ein Schlafsack und eine Gitarre" der Fall ist, ihrem wohl bekanntesten Hit. So wird der Terminkalender wieder öfter gezückt, meist für Veranstaltungen, bei denen das Duo der einzige prominente Act ist. "Dadurch hat man kaum Kontakte in die Branche" bedauert Renate Leismann, von Freundschaften ganz zu schweigen. Eine besonders herzliche pflegten die Geschwister zu Chris Howland, der bis zu seinem Tod "sozusagen um die Ecke wohnte", Werner, der seit Jahren in Bayern lebt, pflegt rege telefonische Kontakte nach Nordrhein-Westfalen.

Eine richtig schöne Frau

So auch jüngst, als er sich und seine Schwester in einem alten Film entdeckte. "Du warst eine richtig schöne Frau", so sein Kompliment nach Schmallenberg. "Das konnte ich so nicht stehenlassen", erzählt Renate Leismann mit einem tiefen Lachen. "Wieso war ich eine schöne Frau? Ich bin es doch immer noch!"

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