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Zuerst sang er Rock’n‘Roll und Beat, später Schlager. Dann gründete er die Gruppe Boney M. und wurde zu einem der erfolgreichsten Musikproduzenten weltweit. "Ich bin ein guter Bastler, kein großer Komponist“ sagte Frank Farian über sich selbst.

Plattencover von Frank Farian als Sänger und Produzenten (Foto: SWR, Bellaphon (Coverscan))
Am Anfang seiner Plattenkarriere lieferten ihm "The Coasters" (Yakety Sax), "The Drifters" (Under the boardwalk) oder die "Rolling Stones" (Hearts of stone) passende Vorlagen. Zusammen mit seiner Band "Die Schatten" coverte er deren Hits, ohne dabei an den Erfolg des Originals heranzureichen. 1967 stand Otis Redding mit "Mr. Pitiful" Pate. Bellaphon (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Vom Beat, Rock’n’Roll und Soul zum deutschen Schlager - "um Kohle zu machen", wie Frank Farian es ausdrückte. 1968 erschien mit "Gipsy" sein Debüt auf diesem Sektor. Ein Jahr später folgte "Ein Kissen voller Träume". Der Pressedienst seiner damaligen Plattenfirma meldete "hitverdächtig" - eine Prognose, die sich nicht bewahrheiten sollte. Decca (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Premiere in zweierlei Hinsicht: 1971 begann die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit der Plattenfirma Hansa und im gleichen Jahr kam seine erste selbst produzierte Langspielplatte ("So ein Tag") auf den Markt. Darauf fand sich auch der Titel "Dana, my love", mit dem er 1969 mehrmals erfolgreich in der "ZDF-Hitparade" auftrat. Hansa (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Unter dem Band-Namen "Copains" nahm er zusammen mit dem Sänger Karl Heinz Lehmann eine deutsche Version von "Hello Mary-Lou" auf. Seit Anfang der 1970er Jahre begann Frank Farian Nachwuchskünstlern auf die Sprünge zu helfen, unter anderem seinem hier gezeigten Duett-Partner, der unter dem Künstlernamen Charly Marks einige Platten herausbrachte. Altaxon Records (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die erste Notierung in den Charts gelang 1973 mit "So muss Liebe sein" (Original: Smoke gets in your eyes). Die gleichnamige LP bot musikalisch unter anderem weitere Cover-Versionen wie "Ginny come lately" oder den Musical-Evergreen "Wunderbar" aus "Kiss me, Kate" von Cole Porter. Hansa (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Rocky" brachte Frank Farian zur Jahreswende 1975/76 den langersehnten Durchbruch im Schlagergeschäft. Über eine halbe Million Exemplare des traurig-sentimentalen Songs gingen über die Ladentische. In seiner Diskothek "Rendezvous" wurde ihm für dieses Rührstück ohne Happy End eine "Goldene Schallplatte" überreicht. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Bei der Suche nach einer deutschen Suzy Quatro entdeckte Farian die österreichische Sängerin Gisela Wuchinger alias "Gilla". Passend zu ihrer rauchigen Stimme produzierte er mit ihr Songs mit teils gewagten Texten im Disco-Rhythmus. "Willst Du mit mir schlafen geh’n" (Original: "Lady Marmelade") oder "Ich brenne" wurden europaweit populär. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1974 lernte er den 16-jährigen Benny bei einem Talentwettbewerb kennen. Mit seiner ersten Platte "Du bist sechzehn", der deutschen Version von "You’re sixteen", mit dem Ringo Starr zu dieser Zeit erfolgreich war, trat Benny in der "ZDF-Hitparade" auf und wurde quasi über Nacht zum Mädchenschwarm. 1976 gelang mit "Amigo Charly Brown" der größte Erfolg. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Platten von Boney M. verkauften sich weltweit millionenfach. Das Premierenalbum "Take the heat off me" mit den Nr. 1-Hits "Daddy Cool" und "Sunny" stand 1976 in den Geschäften. Seine Erfindung aus karibischen Klängen, heißen Disco-Beats und Elementen der Black Music brachten ihm über 800 Edelmetall-Auszeichnungen ein. Coverscan / Hansa Bild in Detailansicht öffnen
Anlässlich einer Benefiz-Platte zugunsten der Hungerhilfe Äthiopien gründete er 1985 die "Far Corporation". Zur Besetzung zählten u. a. Mitglieder von Barclay James Harvest und Toto. Bei der Cover-Version des Paul Simon-Hits "Mother and child renunion" waren darüber hinaus z. B. Angelo Branduardi und Stephan Remmler beteiligt. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Fab Morvan und Rob Pilatus stürmten als "Milli Vanilli" die Hitparaden und lieferten 1988 mit ihrem ersten Album "All or nothing" und der Single "Girl you know it’s true" ein grandioses Debüt ab. 1990 folgte der Skandal, der besonders in den USA hohe Wellen schlug: die beiden vermeintlichen Sänger hatten auf der Bühne lediglich die Lippen bewegt. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
"The Hit Man" und seine Welterfolge: Zur langen Liste der Top-Acts gehörten beispielsweise Boney M., Eruption feat. Precious Wilson, Meat Loaf, No Mercy, La Bouche und Terence Trent d’Arby. Cover-Scan, MCI/BMG-Ariola Bild in Detailansicht öffnen

Vom Koch zum Rock'n'Roller

 "Ich habe Koch gelernt, weil ich immer Hunger hatte und nie genug zu essen" erinnerte sich Frank Farian rückblickend. Er arbeitete in verschiedenen Hotels und sein Beruf führte ihn Ende der 1950er Jahre vom heimatlichen Saarbrücken ins luxemburgische Ettelbrück. Hier fand das Schlüsselerlebnis statt, das seinen weiteren Lebensweg nachhaltig beeinflussen sollte: Alljährlich gab es zu Ehren von General Patton, der Luxemburg von den Nazis befreite, ein großes Fest. Ein riesiges Zelt war aufgebaut, aus dem Rock’n’Roll-Klänge nach draußen drangen. "Die spielen Schallplatten" dachte der junge Mann und trat ein. Dann die Überraschung: Auf der Bühne spielte eine Band, die ihn restlos begeisterte.

"Das gab es eine Explosion in meinem Kopf - und dann konnte ich nicht mehr kochen."

Frank Farian bei einem Auftritt (Foto: Imago, Imago -)
Frank Farian bei einem Auftritt Imago Imago -

Er kehrte ins Saarland zurück und aus dem Koch war ein Rock ’n’ Roller geworden. Sämtliche Ersparnisse flossen in den Erwerb von Musikinstrumenten, Verstärkern und Lautsprechern. Er gründete seine eigene Band, gab zahllose Konzerte in der Region und war Garant für volle Lokalitäten. "Frankie Farian und die Schatten" boten nicht nur heiße Musik, sondern auch die dazu passende Show - mal traten sie im Glitzeranzug auf, mal mit Ku-Klux-Klan-Hauben verkleidet. 1963 entstand in einem alten Kuhstall die erste Schallplatte ("Shouting Ghost"), die im Selbstvertrieb unter die Leute gebracht wurde. Ein Auftritt im legendären Hamburger Starclub im Jahr 1964 war der Höhepunkt dieser Zeit.

Frank Farians Plattencover "Shouting Ghost" von 1963. (Foto: SWR)
Der Erstling von Frank Farian: Das schauerlich aufgenommene Stück erschien in einer Auflage von 1.000 Exemplaren.

Hören Sie doch mal rein, in Frank Farians erste Schallplatte:

Farian kommt aus kommerziellen Gründen zum Schlager

Eine Begegnung mit Monti Lüftner, dem Plattenboss der Ariola, brachte 1967 die Wende: "Was willst Du mit diesem Kram? Das haben wir hier tonnenweise liegen. Um Erfolg zu haben musst Du deutsch singen." Frank Farian unterschrieb den Plattenvertrag: "Ich war völlig niedergeschlagen, aber ich war pleite." Die Band war damit passé, die Karriere als Schlagersänger nahm ihren Anfang. Er begann zu produzieren und kümmerte sich um erfolgsversprechende Nachwuchskünstler. 1976 stellte sich für ihn persönlich mit "Rocky" der langersehnte Erfolg ein. Erstmals belegte er den Spitzenplatz der Hitparade.

Eine Art "schwarze Karibikmusik mit Discobeat"

Die Erfolge schafften ihm finanzielle Spielräume, so dass er sich ein Studio mieten konnte, um abseits vom Schlager experimentieren. Bei dieser Gelegenheit entstand "Baby do you wanna bump", das er selbst einsang und unter dem Namen "Boney M." veröffentlichte. "Das war so eine Art schwarze Karibikmusik mit Discobeat" erinnerte sich Frank Farian. Plötzlich war diese Nummer in mehreren europäischen Hitparaden vertreten und Fernsehanfragen trafen ein. Nun steckte er in der Zwickmühle: Er, der Schlagersänger, konnte unmöglich damit auf dem Bildschirm auftreten.

Boney M. war geboren

Mit Hilfe einer Castingfirma wurde nachträglich eine Gruppe zusammengestellt: "Das Neue daran war, dass ich für meine tiefe Stimme einen Tänzer gebraucht habe, der im Fernsehen dazu die Mimik gemacht hat." Diesen Part übernahm Bobby Farrell, hinzu kamen drei Damen aus der Karibik. Als ein absoluter Glückgriff erwies sich die Leadsängerin Liz Mitchell, die bereits bei den Les Humphries-Singers mit dabei war. Das Quartett mischte weltweit den Musikmarkt auf und Frank Farian hatte seine wahre Begabung, das Produzieren, entdeckt.

Frank Farian und Bobby Farrell (Foto: Imago, Imago/ - Foto: Michael Westermann)
Frank Farian und Bobby Farrell Imago Imago/ - Foto: Michael Westermann

Hits am Fließband: "Daddy Cool", "Sunny", "Rivers of Babylon", "El Lute" und viele mehr. 1978 wurde Boney M. von der Königin von England höchstpersönlich geehrt und gleich im Anschluss flog die ganze Truppe in die Sowjetunion, nachdem der KPdSU-Generalsekretär Breschnew die Erlaubnis für zehn Konzerte erteilt hatte. Die Gruppe sang und tanzte auf dem Roten Platz von Moskau vor fast 3.000 Zuschauern. Nur der Song "Rasputin" war den Machthabern ein Dorn im Auge und durfte aus historischen Gründen nicht gesungen werden.

Ein ganzes Jahrzehnt dauerte das Boney M.-Wunder an. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass Bobby Farrell auf der Bühne nur die Lippen zu Frank Farians Gesang bewegen durfte.

Milli Vanilli - "das haben wir so laufen lassen"

Es war nicht der einzige musikalische Schwindel, der aus seiner Hitküche serviert wurde. 1988 betrat Milli Vanilli die Showbühne: "Das war ein musikalisches Projekt im Studio, das wir aus dem Stegreif gemacht haben." Zusammen mit einem befreundeten Sänger und einem Rapper hat er "Girl you know it’s true" eingesungen. Die Produktion war fertig, als zufällig zwei Jungs in Studio kamen, die dazu ein Tanzvideo machen wollten. "Und dann haben wir das so laufen lassen, da hat kein Mensch dran gedacht, dass das so ein Riesenhit wird."

Milli Vanilli (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Franz-Peter Tschauner)
Das Pop-Duo "Milli Vanilli" picture-alliance / dpa - Foto: Franz-Peter Tschauner

Skandal mit tragischen Folgen

Nicht nur in Europa, vor allem auch in den USA räumten Milli Vanilli ab. Neben Edelmetall gab es sogar einen Grammy. Doch dann flog der Schwindel auf und die beiden Akteure entpuppten sich als Song-Statisten. Unerfreuliche Folgen für die Beteiligten: der Grammy musste zurückgegeben werden und die juristischen Folgen schlugen mit über drei Millionen Dollar zu Buche. Rob Pilatus, einer der beiden Tänzer, hat sein Leben nach diesen Ereignissen nicht mehr in den Griff bekommen und verstarb im Alter von nur 33 Jahren vermutlich an den Folgen von Drogen- und Medikamentenmissbrauchs. Ein schwerer Schlag für Frank Farian.

"Musik ist 'ne Droge"

Heute lebt Frank Farian in Florida und ist immer noch recht rührig: "Ich brauch‘ die Arbeit, das ist für mich wie eine Droge. Und Musik ist ’ne Droge. Und Erfolg ist auch ’ne Droge. Ich habe gern Erfolg." Einer der Höhepunkte in seiner Karriere war die Uraufführung des Musicals "Daddy Cool" im Jahr 2006 in London, ein Jahr später wurde es in Berlin gezeigt.

Das Musical "Daddy Cool" von Frank Farian (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Geisler-Fotopress | Geisler-Fotopress)
Das Musical "Daddy Cool" feierte 2006 Premiere. picture alliance / Geisler-Fotopress | Geisler-Fotopress

2021 - ein Jahr voller Feierlichkeiten

2021 ist für ihn ein besonders ereignisreiches Jahr, denn außer seinem 80. Geburtstag gilt es, das 25-jährige Jubiläum des Hits "Where do you go" der Gruppe "No Mercy" zu feiern. Zudem trat Frank Farian 45 Jahre nach seinem Hit "Rocky" wieder selbst vors Mikrofon und nahm zusammen mit seiner Tochter Yanina den "Kool & The Gang"-Klassiker "Cherish" neu auf. Außerdem plant er - wie er auf seiner Facebook-Seite verrät - Veröffentlichungen seiner ersten Band "Frankie Farian und die Schatten" und tüftelt unermüdlich in seinem Studio in Miami an neuen Ideen.

"Ich mache alles aus dem Bauch raus, was mir grade einfällt. Wenn’s klappt - wunderbar, wenn nicht, ist es auch gut."

Steckbrief von Frank Farian
Geboren18. Juli 1941 als Franz Reuther in Kirn
Nr. 1-Hit als SängerRocky (1976), 26 Wochen in der Hitparade
Produzent vonBoney M., Milli Vanilli, Eruption, Precious Wilson und auch Bruce Low.
ZitatAuf die Frage, was die Boney-M.-Songs so zeitlos macht, sagte Farian: "Man macht etwas nach seinem Gefühl, voller Leidenschaft und irgendwann steht man vor dem Ergebnis. Und dann wundert man sich."

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