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150 Millionen Schallplatten hat der britische Schlagersänger weltweit verkauft und vermutlich ebenso viele Frauenherzen im Sturm erobert. Seine Lieder wie "Release me" oder "The last waltz" sind längst zu Evergreens geworden. Wir schauen auf die Karriere von Engelbert, dem "King of Romance", der am 2.5.2021 85 Jahre alt wird.

"Ich träumte immer davon, eine Bigband zu leiten, was aber nicht vom Namen oder von einer Vorliebe für weiße Anzüge herrührt. Viel eher von meiner Liebe zum Saxophon und dem Führungsinstinkt vieler Stier-Geborenen."

Engelbert Humperdinck
Engelbert Humperdinck (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

Mit 17 Jahren spielte der im indischen Madras (heute: Chennai) geborene Arnold George Dorsey, so sein bürgerlicher Name, in einem Pub Saxophon, als dort ein Gesangswettbewerb ausgetragen wurde. Seine Freunde drängten ihn dazu, mitzumachen. Er überraschte das Publikum mit seinem Gesangstalent und einer perfekten Imitation des Komikers Jerry Lewis. In Anlehnung daran "erfanden" seine jungen Fans den Namen "Gerry Dorsey", der für die nächsten zehn Jahre sein Künstlername blieb. Seine gerade erst begonnene Karriere wurde durch den Militärdienst unterbrochen, den er übrigens in Deutschland ableistete.

Drei Mark Sozialhilfe mussten reichen

Mann auf einer Liege wird massiert (Foto: Imago, Imago -)
Locker bleiben - Engelbert wird massiert Imago Imago -

Wieder Zivilist, nahm Gerry seine Karriere erneut in Angriff und ein erster Schallplattenvertrag wurde geschlossen. Titel wie "I’ll never fall in love again" oder "Crazy bells" liefen nur mäßig erfolgreich und er verdiente seinen Lebensunterhalt mit Auftritten in diversen Lokalitäten. Eine schwere Lungenerkrankung zwang ihn dazu, seine musikalische Laufbahn monatelang zu unterbrechen. Rückhalt fand er bei seiner Frau Pat. Die junge Familie wohnte in einem Möbelladen in einem etwas heruntergekommenen Wohnviertel im Westen von London. "Damals mussten wir von drei Mark Sozialhilfe am Tag leben", erinnerte sich Engelbert in einem Interview.

Mit Gordon Mills traf Engelbert den richtigen Mann

Das Zusammentreffen mit Gordon Mills, einem Freund aus früheren Tagen, erwies sich als Glücksfall. Dieser galt im britischen Musikzirkus als erfolgreicher Talentsucher, Produzent und Komponist. Eben hatte er Tom Jones groß herausgebracht und nun hielt er nach einem Pendant Ausschau, das die romantische Welle bedienen sollte. Gerry Dorsey schien die Idealbesetzung hierfür zu sein. Er verpasste ihm den Künstlernamen „Engelbert Humperdinck“ und verhalf ihm zu einem neuen Plattenvertrag. Auf einer USA-Reise entdeckte Mills die alte Country-Ballade "Release me" und hatte die Idee, den Song mit seinem neuen Schützling herauszubringen. Am 13. Januar 1967 stand die Platte in den Geschäften.

Der Zufall half Engelbert auf die Sprünge

Ein Zufall gab der Karriere von Engelbert den entscheidenden Schub: auf der Gästeliste der erfolgreichen britischen TV-Show "Sunday Night at the Palladium" stand der Sänger Dickie Valentine, der kurz vor der Sendung erkrankte. Engelbert sprang ein und konnte seinen Titel vor einem Millionenpublikum präsentieren. Die Nummer schlug ein wie eine Bombe. Alle fragten nach der Platte von jenem smarten Sänger mit dem ungewöhnlichen Namen. Im Handumdrehen landete die Single auf Platz 1 der britischen Hitparade.

Plötzlich läuft es für Engelbert wie geschmiert

Engelbert Humperdinck (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

Der Erfolg blieb nicht auf England beschränkt, andere Märkte wie beispielsweise Amerika und Deutschland folgten. Weltweit gingen über fünf Millionen Exemplare der Single über die Ladentische, davon eine Million in Großbritannien, wo an einem Rekordtag 85.000 Stück verkauft wurden. Mit "There goes my everything" und "The last waltz" legte Engelbert zwei weitere große Treffer nach und binnen eines Jahres war aus dem unbekannten Sänger Gerry Dorsey der Weltstar Engelbert geworden. Bereits im November 1967 startete er seine eigene Fernsehshow.

Engelbert war der Mann der Galas und Shows

Besonders in Amerika war Engelbert ein gefragter Mann, so dass er bald zum Pendler zwischen der alten und der neuen Welt wurde. Als Anfang der 1970er Jahre die Plattenverkäufe sanken, konzentrierte er sich auf große Bühnenshows. Über viele Jahre hinweg war er gut ein Drittel des Jahres auf immer derselben Route unterwegs: Las Vegas, Reno, Lake Tahoe, Atlantic City und zurück. Dort feierte er wahre Triumphe in den größten Show-Palästen.

Jack White und Dieter Bohlen machen ihn wieder groß

Zwei Männer im Porträt (Foto: Imago, Imago -)
Jack White und Engelbert Imago Imago -

Nachdem er sich bei uns rar gemacht hatte, gelang ihm hierzulande Mitte der 1980er Jahre ein glänzendes Comeback. Neben seinen Nonstop-USA-Engagements wurde Deutschland zu seinem neuen Terrain und wichtigsten Schallplattenmarkt. Vornehmlich Jack White und Dieter Bohlen schrieben für ihn maßgeschneiderte Titel. Ausgedehnte Tourneen führten ihn durch die deutschsprachigen Länder, um seine alten wie auch die neuen Hits seinem Publikum live zu präsentieren.

"Die vergangenen Jahre kommen mir wie ein Abenteuer, wie eine Story ohne Drehbuch vor", erklärte Engelbert vor einiger Zeit in einem Interview. Voller Stolz kann er auf das Erreichte zurückblicken: 64 vergoldete Alben, 23 in Platin, vier Grammy-Nominierungen, ein Golden Globe und Sterne auf dem "Walk of Fame", sowohl in Hollywood als auch in Las Vegas.  Er hat mehrmals für die Königin und viele Staatsoberhäupter gesungen. Sein Repertoire hat eine beachtliche Bandbreite und reicht von den romantischsten Balladen bis hin zu Filmthemen, Disco, Rock und sogar Gospel.

Die schönsten Plattencover von Engelbert

Plattencover von Engelbert (Foto: SWR, Decca (Coverscan) -)
Der Superhit "Release me" hielt sich 1967 für sechs Wochen an der Spitze und war in England insgesamt sensationelle 56 Wochen lang in den Bestsellerlisten notiert. Das gleichnamige Album, übrigens sein erstes überhaupt, erreichte Edelmetall-Status. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
In einer Zeit, in der eher lärmende Rhythmen den Musikmarkt beherrschten, machte er die altmodische Welle wieder populär: "The last waltz" bescherte ihm im Jahr 1967 den zweiten Nummer 1 Hit in Großbritannien. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Hitserie setzte sich 1968 fort: Bei "A man without love" handelte es sich im Original um einen Beitrag vom San Remo-Festival ("Quando m’innamoro"). Erfolgreich verlief auch sein Debüt als Schauspieler im Musical „Robinson Crusoe“, mit dem er über ein halbes Jahr im Londoner „Palladium“ gastierte. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Winter World of Love" war der Weihnachtshit des Jahres 1969. Im Dezember startete seine überaus erfolgreiche TV-Show. Dionne Warwick und Tom Jones zählten zu den Gästen der ersten Sendung. Auf Einladung des Premierministers Harold Wilson und seiner Gattin durfte Engelbert sogar vor der englischen Königin singen. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1971 kam "Another time, another place" auf den Markt. Ein TV-Auftritt in Amerika brachte ihm einen derart großen Bekanntheitsgrad ein, dass eine Welt-Tournee abgesagt werden musste, damit Engelbert vier Monate lang in den britischen Fernsehstudios (auch für mehrere amerikanische Sender) aufgezeichnet werden konnte. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
In den 1970er Jahren verlegte Engelbert seinen Wohnsitz nach Amerika und zog mit seiner Familie nach Hollywood in das ehemalige Anwesen der Schauspielerin Jayne Mansfield. Seit Beginn des Jahrzehnts konzentrierte er sich zunehmend auf Gala-Konzerte in führenden Clubs und Hotels und avancierte zur Hauptattraktion in Las Vegas. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die LP "In time" stieß 1972 beim Publikum auf wenig Interesse. Ungebrochen war hingegen seine Popularität auf der Bühne und im Fernsehen. In einer Co-Produktion zwischen ZDF und BBC stand er in der mehrteiligen TV-Show "Engelbert und die Young Generation" mit Marlène Charell vor der Kamera. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Tourneen, Fernsehshows, Gastrollen in Filmen und Fernsehserien bestimmten den Terminkalender des Entertainers. Während sich in Deutschland 1976 seine Fans über eine Kopplung mit zwanzig Super-Hits aus den Jahren 1967 bis 1969 freuten, gelang Engelbert in Amerika mit "After the lovin‘" ein Comeback-Hit. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Hierzulande verlief seine Karriere weiterhin auf Sparflamme und neue Platten erschienen nur sporadisch. Dazu zählt beispielsweise das 1978 in Amerika aufgenommene Album "Last of the romantics". Der Titelsong war für ihn ein Nummer 1 Hit in Kanada. EMI (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Jack White gelang es, Engelbert von seinen Engagements in Las Vegas nach Deutschland wegzulocken. 1985 trat er nach Jahren erstmals wieder bei uns im Fernsehen mit "Portofino" auf. In einem Interview bekannte White: "Ich habe schon als junger Mensch für Engelbert geschwärmt und bin stolz, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen." Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Jahr später kam die LP "Träumen mit Engelbert" auf den Markt. Binnen weniger Monate verkauften sich über 500.000 Exemplare und das Album wurde mit Gold und Platin ausgezeichnet. "The spanish night is over" (geschrieben von GG Anderson), "Torero" oder "Dream of me" wurden erfolgreich auf Single ausgekoppelt. Ariola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Heerscharen weiblicher Fans sorgten auf den Tourneen für volle Hallen. Die LP "In Liebe - Engelbert" erreichte bereits knapp zwei Monate nach Veröffentlichung den Platinstatus. Danach endete die Zusammenarbeit mit Jack White und europäische Produzenten, wie zum Beispiel Dieter Bohlen oder Leslie Mandoki, übernahmen. White Records (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Das Komponieren und Texten fiel Engelbert seit jeher sehr leicht. Dennoch griff er viel lieber auf renommierte Autoren zurück. Anfang der 1990er Jahre änderte sich dies. Auf der hier gezeigten und in Amerika aufgenommenen Produktion "Quiereme Mucho" sind einige Kostproben aus seiner Feder zu finden. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Alle Lieder der CD-Produktion "Romantic Songs" stammten von niederländischen Autoren, die teilweise von seiner Tochter Louise ins Englische übersetzt wurden. Daraus entwickelte sich "Something’s breaking" zum Radio-Hit. Der Liedermacher Benny Neyman hatte das Lied in deutscher Sprache ("Dann ruf‘ ich wieder Deinen Namen") populär gemacht. EMI (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Auf "Let there be love" zeigte er sich 2005 von einer ungewohnten Seite: "Einige dieser Songs waren populäre Lieder, die ich schon immer mal auf meine eigene Art und Weise interpretieren wollte." Die Arrangements waren deutlich von Jazz und Swing geprägt und schufen eine lounge-jazzige Atmosphäre. Decca (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Das Konzept eines Duett-Albums ist zwar nicht neu, aber für ihn war es 2014 das erste Mal in seiner Karriere: "Diese Zusammenstellung von Künstlern und Liedern hat mich daran erinnert, weshalb Musik mein Lebenselixier ist." Zudem nahm er mit seinen Kindern Louise und Bradley je ein gemeinsames Lied auf. OK! Good (Scan) - Bild in Detailansicht öffnen
"The Man I Want to Be" von 2017 bot neben brandneuen Titeln auch überraschende Coverversionen von Bruno Mars "Just the way you are" oder Ed Sheeran‘s "Photograph". Von seiner Tochter Louise wurde das Lied "I’m glad I danced with you" beigesteuert. Das sehr persönliche Lied sang er mit seiner Enkelin Olivia im Duett. Hans-Jürgen Finger Bild in Detailansicht öffnen
Engelberts Frau erkrankte an Alzheimer und verstarb daran in Verbindung mit Covid-19 Anfang 2021. Sie waren seit 1964 verheiratet und Eltern von vier Kindern. Auf seinem neuesten Album "Sentiments" findet sich das Lied "What I am living for", worin er sich mit dem herben Verlust auseinandersetzt. Hans-Jürgen Finger Bild in Detailansicht öffnen

"Don’t let the old man in"

Entsprechend dem Titel eines seiner jüngsten Lieder "Don’t let the old man in" zeigt der mittlerweile 85-jährige Entertainer keine Ermüdungserscheinungen und bleibt auf der Höhe der Zeit. Im Juli 2020 präsentierte er sein erstes Live-Streaming-Konzert auf YouTube. Nach wie vor steht er weltweit regelmäßig auf großen Bühnen, um sein Publikum zu erfreuen oder arbeitet im Studio an einer neuen CD-Produktion. Mit seiner aktuellen Tour wird er auch in Europa gastieren. Die bereits terminierten Konzerte mussten jedoch auf Grund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Sobald die Umstände es zulassen, werden die neuen Termine bekannt gegeben. 

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