Drafi Deutscher mit seiner Gitarre (1969) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Schlagerlegende

Drafi Deutscher - Marmor, Stein, Hits und Drogen

STAND
AUTOR/IN

"Marmor, Stein und Eisen bricht" machte ihn zur Legende. Drafi Deutscher war eine schillernde Persönlichkeit in der Musikszene, die mit enormer Wandlungsfähigkeit überraschte.

Von seinem ungarischen Vater, einem Violinisten, erbte er den Vornamen und das musikalische Talent. Der junge Drafi wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Den Papa lernte er nie kennen und die Mutter arbeitete Tag und Nacht als Krankenschwester, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Die dominante Großmutter kümmerte sich um das Kind. Sie schenkte dem Buben sein erstes Instrument - eine Mundharmonika.

Mit 11 Jahren gewann er den ersten Talentwettbewerb, bei dem er mit Akkordeon, kurzen Hosen und Strubbelhaaren auftrat. Als Teenager sang er in seiner Band "Charlie & The Timebombs" Lieder von Little Richard oder Elvis Presley vor Publikum, was aus Gründen des Jugendschutzes manchmal turbulent war:

"Ich bin in Berliner Kneipen aufgetreten. Wenn die Polizei kam, versteckte ich mich mit meiner Gitarre unter dem Tresen."

Nach der Schule schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete als Page oder in einer Eisengießerei.

Plattencover von Drafi Deutscher (Foto: SWR, Bear Family (Coverscan) -)
Das Plattendebüt im Jahr 1963 war sofort ein Achtungserfolg: von seiner ersten Single „Teeny“ gingen 80.000 Exemplare über die Ladentische. Auf der hier gezeigten gleichnamigen LP sind neben diesem erfolgreichen Einstand einige Raritäten aus seiner Anfangszeit zusammengefasst, darunter auch englischsprachige Aufnahmen. Bear Family (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Drafi Deutscher and his Magics - 5 Berliner Jungs machen 'dufte' Musik“, stand auf der Rückseite seiner ersten LP zu lesen, die 1964 in die Geschäfte kam. Neben seinen Single-Hits „Cinderella Baby“ und „Keep smiling“ enthielt die Produktion drei große Medleys mit Beat- und Rock’n’Roll-Klassikern. Decca (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Für diese Langspielplatte haben die Magics und ich Songs der verschiedensten Art aufgenommen: ausgesprochene Schlager, nachdenkliche Texte sowie ganz innige Love-Songs. Zweimal habe ich selbst als Komponist mitgearbeitet und bei dem Problem-Song „Welche Farbe hat die Welt“ habe ich den Text verfasst“, schrieb Drafi Deutscher im Begleittext zur LP. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Heute male ich Dein Bild, Cindy-Lou“ (Original: Jewel Akens „The birds and the bees“) schaffte es 1965 bis auf Platz 3 in den Hitparaden. Sogar die von Christian Bruhn komponierte B-Seite „Hast Du alles vergessen“ schaffte den Einzug in die Charts. Decca (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
An einem Nachmittag des Jahres 1965 erschien Drafi im Berliner Verlagsbüro der Gebrüder Meisel, schnappte sich die Gitarre und sang: „lalala-lala-lalala, dam-dam, dam-dam“. Als er aufhörte fragte ihn Christian Bruhn, wie es weiterginge? Deutscher antwortete: „Det machst Du“. Das Ergebnis war der Kult-Hit „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Teldec (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Im Jahr 1966 erreichte er den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere: Von der Jugendzeitschrift „Bravo“ wurde er zum „Sänger des Jahres“ gewählt und mit dem „Goldenen Otto“ ausgezeichnet. Während er 1967 noch vom „Hauptmann von Köpenick“ sang, geriet er im wirklichen Leben selbst mit dem Gesetz in Konflikt. Decca (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ein kurzes Comeback gelang in den Jahren 1969-71. Mit der deutschen Version des Bob Dylan-Hits „Wig Wam“ („Weil ich Dich liebe“) gelang im Februar 1971 - erstmals nach vier Jahren - eine Notierung in den Hitparaden. Die gleichnamige LP stellte ihn erstmals als Komponisten vor. Von den zwölf Songs stammten elf aus seiner Feder. Metronome (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Little Darling Dana“ aus dem Jahr 1974 markiert das vorläufige Ende seiner Karriere als deutscher Schlagersänger. Danach verschwand er als Interpret weitgehend aus dem Rampenlicht und verlegte sich auf das Produzieren und Komponieren. Zudem war er unter manchem Pseudonym sehr rührig, wie z. B. als Dave Bolan mit „Holiday“. Jupiter Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ein sensationeller Erfolg als Komponist gelang 1976 mit „Silver Bird“. Der von Tina Rainford gesungene Hit brachte ihm den amerikanischen Country-Award. Als „Mr. Walkie Talkie“ und dem Titel „Be my Boogie Woogie Baby“ punktete er vornehmlich in Holland und Belgien. Hierzulande lief die Melodie u. a. als Erkennungsmusik der SDR-Hörfunksendung „Musikmarkt - Vor Ort“. Eine ganze LP-Produktion folgte: „Happy Rummel Music“ stand 1977 in den Geschäften. Philips (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Elf Jahre waren seit seinem letzten deutschsprachigen Album vergangen: 1982 kam „Drafi“ auf den Markt und fast alle der darauf enthaltenen Titel hatte er wiederum selbst geschrieben. Als einzige Single-Auskopplung erschien die Cover-Version des OMD-Klassikers „Maid of Orleans“ („Jeanne d’Arc“). Ariola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Mit dem Musiker, Komponisten und Produzenten Chris Evans-Ironside bildete er die Formation „Masquerade“ und firmierte bei „Guardian Angel“ zudem unter dem Pseudonym „Kurt Gebegern“ als Autor. Das Original sowie die deutsche Version mit Nino de Angelo („Jenseits von Eden“) lieferten sich 1983 wochenlang ein Duell um den Hitparaden-Thron. Metronome (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nachdem er sich mit deutschen Produktionen unter eigenem Namen rar gemacht hatte, begann er ab Mitte der 1980er Jahre wieder verstärkt, in seiner Muttersprache zu singen: „Tief unter meiner Haut“ oder „Doch das Weinen hab‘ ich längst verlernt“ aus dem Album „Krieg der Herzen“ halfen ihm dabei, an seine alten Erfolge anzuknüpfen. Metronome (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Drafi Deutscher bot „You want love“ seiner Plattenfirma an, die einen geeigneten Interpreten dafür suchen sollte. Oliver Simon war der Mann der Wahl und bei den Aufnahmen kam Drafi auf die Idee, den Titel im Duett zu singen. Sie nannten sich „Mixed Emotions“ und lieferten bis 1989 Hits in Serie. Die LP „Deep from the heart“ erreichte den Platin-Status. Electrola (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach dem Platin-Album „Gemischte Gefühle“ im Jahr 1986 (u. a. mit „Herz an Herz Gefühl“ oder „Uns’re Herzen frieren“) kam ein Jahr später „Diesmal für immer“ in die Geschäfte. Die LP bot Neues („Das 11. Gebot“) und Bekanntes (z. B. „Welche Farbe hat die Welt“) im modernen Gewand. Die absatzstarke Mischung wurde mit „Gold“ ausgezeichnet. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1989 veröffentlichte Demis Roussos das Album „Voice and vision“, auf dem er mit verschiedenen europäischen Künstlern und Autoren zusammenarbeitete. Auch zwei Duette mit Drafi Deutscher waren dabei. Mit „Young love“ traten die beiden im Oktober des Jahres in der ZDF-Hitparade auf und erreichten den 2. Platz. EMI (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Eine letzte Chart-Notierung gelang 1989 mit der LP „Über Grenzen geh’n“, die von einer rund zweiwöchigen Deutschland-Tour begleitet wurde. Das Album widmete er seiner damaligen Frau Isabel Varell, die darauf auch als Backgroundsängerin zu hören ist. Die Ehe ging bald wieder entzwei und brachte ihm wieder einmal unerwünschte Schlagzeilen. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Nach längerer Pause meldete sich Drafi Deutscher 1996 mit „So viele Fragen“ zurück. „Wenn man liebt“ und vor allem „Amen“ kamen beim Publikum gut an. Mit Christian Bruhn als Co-Produzenten war ein Mann „der ersten Stunde“ an seiner Seite. Dessen Frau Erika (Gitti & Erika) sang mit Drafi Deutscher im Duett „Geträumte Liebe“. GIB Music (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Kristina Bach konnte ihn für ihr Album „Es kribbelt und es prickelt“ als Duett-Partner gewinnen. „Gib nicht auf“ erreichte Kult-Status und wurde 2011 anlässlich des 30-jährigen Bühnenjubiläums der Sängerin, Songwriterin und Produzentin unter der Regie seines Sohnes Drafi Deutscher jr. neu aufgenommen. Hierbei fand die Original-Gesangsspur von Drafi Deutscher Verwendung. Ariola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
2007 erschien posthum das Album „The last mile“. Es enthielt bislang unveröffentlichtes und vorproduziertes Material, das seine Söhne Drafi jr. und René mit Unterstützung seines langjährigen Freundes Christian Bruhn fertigstellten. Als Bonusmaterial enthielt diese CD ein TV-Special mit einem sehr persönlichen Interview. Palm Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Über 40 Pseudonyme sind bekannt, unter denen Deutscher gearbeitet hat: von „Blue Brothers“ (mit Michael Holm) über Jack Goldbird bis hin zu „Quickborner“, „Lars Funkel“ oder „Baby Champ“. Auf der Sammlung „Hits, Pseudonyme, Raritäten“ erschienen einige dieser Titel und sorgten für manche Überraschung unter den Musikliebhabern. Repertoire Records(Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Marmor, Stein und Eisen bricht wird ein unvorstellbarer Erfolg

1963 entdeckten ihn der Produzent Peter Meisel und der Komponist Christian Bruhn bei einem Gesangswettstreit und nahmen ihn unter Vertrag. Die erste Platte "Teeny" wurde gleich ein Achtungserfolg.

Ein Jahr später gelang der Durchbruch mit "Marmor, Stein und Eisen bricht" - die englische Version kam sogar in die US-Charts. Der Plattenindustrie war gelungen, einen Künstler aufzubauen, der sowohl die Schlagerfreunde als auch die Beat-Fans gleichermaßen begeisterte.

Drafi Deutscher macht mit Exzessen Schlagzeilen

Audio herunterladen (4,4 MB | MP3)

Drafi Deutscher war kein Kind von Traurigkeit und sein ausschweifendes Leben sorgte für Schlagzeilen. Das "enfant terrible" eckte häufig an und auch der Umgang mit Geld war nicht seine Stärke:

"Früher verdiente ich 45 DM pro Woche. Von einem Tag auf den anderen bekam ich 1.500 DM am Abend für drei gesungene Titel. Da gerät man ganz automatisch in irgendeinen Rausch.“

Alkohol- und Drogenexzesse, Ärger mit dem Finanzamt und vor allem die Verurteilung zu einer Haftstrafe auf Bewährung wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" setzten 1967 der Karriere ein jähes Ende. Als DJ und Verkäufer von Stoffen auf Wochenmärkten hielt er sich eine Zeitlang über Wasser.

Künstlernamen zur Tarnung vor dem Fiskus

In den 1970er Jahren war ein Comeback als Sänger nur von kurzer Dauer. Häufig trat er unter Verwendung von Pseudonymen in Erscheinung, was weniger der Musik als seinem Verhältnis gegenüber dem Fiskus geschuldet war. Neben zahlreichen anderen Projekten startete der von Kindheit an sehr gläubige Künstler die Gruppe "Wir" und nahm - im Stil von Les Humphries - deutschsprachige Gospelsongs auf.

Er arbeitete vorwiegend im Hintergrund als Komponist und Produzent und machte sich hier einen Namen von internationalem Format. Erfolge wie "Belfast" (Boney M.), "Fly away pretty flamingo" (Peggy March) oder "Mama Leone" (Bino) stammten aus seiner Hitwerkstatt. Ein sensationeller Erfolg als Komponist gelang 1976 mit "Silver Bird". Der von Tina Rainford gesungene Hit brachte ihm eine Auszeichnung mit dem amerikanischen Country-Award, nachdem sich der Song in den dortigen Country-Charts platzieren konnte.

Eine große Karriere als Komponist

Mann mit zwei Söhnen (Zwillinge) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Wulf Pfeiffer)
Drafi mit seinen Zwillingssöhnen Drafi und Rene picture-alliance / dpa - Foto: Wulf Pfeiffer

Dank seiner Gabe, publikumswirksame Ideen nach eigenen Soundvorstellungen umzusetzen und vor allem, sich dabei immer wieder selbst zu motivieren, kehrte Drafi Deutscher in den 1980er Jahren ins Rampenlicht zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten veröffentlichte er wieder eigene, deutschsprachige Platten, mit denen der alte Erfolg zurückkehrte. Darüber hinaus gründete er das Duo "Mixed Emotions", mit dem eine ganze Serie von Hits gelang. Als Komponist feierte er mit "Guardian Angel" einen weltweiten Erfolg.

Der Teufelskreis aus Erfolg und Drogen

Mann und Frau sitzen gut gekleidet an einem Tisch (Foto: imago images, Imago -)
Drafi und Isabel. Varell - die beiden heirateten 1989. Imago -

Ein randvoller Terminkalender bestätigte ihm, dass er - trotz vieler Eskapaden, die zu allen Zeiten von regem medialem Interesse begleitet waren - wieder ein gefragter Mann war. Doch sein ungesunder Lebenswandel holte ihn ein und forderte seinen Tribut. Rückblickend sprach er über den Teufelskreis, in dem er sich befand:

"Da hieß es, nun schreib‘ wieder ein paar Titel. Dann habe ich mich hingesetzt und daran gedacht, dass ich unter dem Einfluss von Kokain 'Jenseits von Eden' geschrieben habe. Um wieder so ein Ding zu schreiben, musst Du das Zeug wieder nehmen."

"Ich bin keiner, der über Leichen geht..."

Nach einem körperlichen Zusammenbruch diagnostizierten die Ärzte Diabetes. Fortan trat er kürzer und auch der Mensch Drafi Deutscher veränderte sich. War er früher stets in Begleitung von Bodyguards anzutreffen, kennzeichnete ihn nun ein äußerst bescheidenes Auftreten:

"Ich bin einer, der keine Schwierigkeit damit hat, seine Fehler zuzugeben. Ich bin einer, der immer bereit ist, wenn er jemand verletzt hat, sich dafür zu entschuldigen. Und ich bin keiner, der über Leichen geht - niemals im Leben gewesen."

Die Umkehr kam zu spät, denn mit seiner Gesundheit ging es weiterhin bergab. Der musikalische Tausendsassa verstarb am 9. Juni 2006 an den Folgen einer Herzerkrankung im Alter von 60 Jahren.

Das war Drafi Deutscher
Geboren9. Mai 1946 in Berlin-Charlottenburg
Gestorben9. Juni 2006 in Frankfurt
Größer HitMarmor Stein und Eisen bricht (1965). Der BR weigerte sich eine Zeitlang, das Stück zu spielen, weil auf eine Aufzählung an sich der Plural folgen müsse ("brechen"). Die ehemalige DDR sah in dem Stück eine Anspielung auf die Mauer und tat es als revisionistisch ab.
PseudonymeBis 1980 sollen unter 40 verschiedenen Pseudonymen ca. 60 Singles erschienen sein
Zitat"Ich fühle mich zwar nicht fit wie ein Turnschuh, aber immer noch so gut wie Herr Bohlen". (dpa, 1.3.1999)

Raritäten Schlagerlegenden von A-Z

Von Adamo bis Caterina Valente - hier finden Schlagerfans hunderte Geschichten, illustriert mit seltenen Plattencovern aus der Zeit ab den 50er Jahren bis heute.  mehr...

SWR4 Experte Hans-Jürgen Finger

Hans-Jürgen Finger ist SWR4 Experte für seltene Schlager und das Leben der Schlagerlegenden, von Peter Alexander bis Catarina Valente.  mehr...

Musikalische Raritäten im Podcast Selten aber super

Hans-Jürgen Finger ist jede Woche auf der Suche nach Schlager-Juwelen. Hier geht es nicht nur um Evergreens und Ohrwürmer - sondern auch um echte Raritäten.  mehr...