Ilja Richter - "disco", Sketche und die "Pauker"-Filme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/United Archives | Arthur Grimm)

Ilja Richter - Disco, Sketche und die Pauker-Filme

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Hans-Jürgen Finger
Hans-Jürgen Finger (Foto: SWR, Alexander Kluge)
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Bastian Caspar

"Licht aus, Spot an!" Viele kennen den Moderator und Schauspieler Ilja Richter aus der beliebten ZDF-Sendung "disco" und den "Pauker"-Filmen. Das Multitalent hat aber noch viel mehr zu bieten.

Ilja Richter und seine ZDF-Sendung "disco"

Am 13. Februar 1971 hatte die "disco" (so die offizielle Schreibweise des ZDF) Premiere und fortan war alles, was im Entertainment Rang und Namen hatte, in der monatlichen Show zu Gast. Darunter nicht nur Stars der Musikbranche, sondern auch viele Größen aus Film, Fernsehen und vom Theater. Pop und Comedy lautete das Konzept der Sendung. Ilja Richter, der sich eher als Schauspieler denn als Moderator sah, sorgte mit Sketchen zwischen den Musiktiteln für Auflockerung. Wie man heute weiß, hatte er viele dieser komödiantischen Einlagen zusammen mit seiner Mutter erdacht.  

"Es war als denkender Mensch und als Mensch mit einem gewissen Geschmack anstrengend, dass man gar keinen Einfluss auf das Musikprogramm hatte und bestimmte Dinge dann auch ertragen musste."

Ilja Richter hob sich von seiner Generation ab, wirkte mit seinen gespreizten Manieren und durch sein Outfit mit Anzug und Krawatte bisweilen fremd inmitten seines Publikums. Dies war von ihm so gewollt, denn mit dem Musikprogramm konnte er sich nicht identifizieren. Seine Vorlieben lagen bei altmodischen Filmen und Chansons der 1920er und 1930er Jahre. Diesem Faible kam er ausgiebig in den dargebotenen Sketchen nach.

Ilja Richter - "disco", Sketche und die "Pauker"-Filme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/United Archives | United Archives / kpa / Grimm)
Ilja Richter moderierte 133 mal die ZDF-Sendung "disco". picture alliance/United Archives | United Archives / kpa / Grimm

Gerade diese Gegensätze einten das Fernsehpublikum und aus der eigentlichen Jugendsendung wurde ein Familienprogramm. Zwei Tage vor seinem 30. Geburtstag, am 22. November 1982, lief die letzte Ausgabe seiner "disco". "Ich hab' die Glitzerkugel abgeschnitten und spielte damit Fußball", sagte er in einem Interview. Nach 133 Ausgaben wandte er sich seiner eigentlichen Leidenschaft zu und kehrte zum Theater zurück. Zwischen Boulevard und ernsten Rollen etablierte er sich als Vollblutschauspieler, der auch singt.

So prägten die Eltern Ilja Richter

Dass er auf der Bühne landete, war nicht sein, sondern das Bestreben seiner Eltern. Sie prägten auch sein Gedankengut, denn beide schwärmten für die Weimarer Republik. Mutter Eva, eine Jüdin, konnte nur mittels einer gefälschten arischen Identität die Nazizeit überleben. Vater Georg war Kommunist und deshalb unter den braunen Machthabern einige Zeit inhaftiert.

So wichtig war Ilja Richters Mutter für seine Karriere

Ilja Richter wurde als drittes von vier Kindern im Ostteil Berlins geboren. Die Eltern versuchten sich als Kino- und Theaterbesitzer, später dann in der Gastro- und Hotelbranche. Allerdings blieb der berufliche Erfolg aus, so waren Richters Kinder- und Jugendjahre von Armut geprägt. Mit alledem waren mehrere Umzüge verbunden, die schließlich nach West-Berlin führten. Beim SFB (Sender Freies Berlin) nahm die Karriere des kleinen Ilja dann ihren Anfang. Dorthin hatte seine Mutter ihn zum Vorsprechen gebracht.

"Wenn Dich einer fragt, ob Du Seiltanzen kannst, sag' ja. Es wird schon nicht dazu kommen."

Das selbstbewusste Auftreten des jungen Mannes machte Eindruck. Am 27. Januar 1962 wirkte er zum ersten Mal in einem Hörspiel mit: "Pitt im Intervalltraining" war der Titel und seine Gage betrug 10 Mark. Der SFB vermittelte ihn an RIAS Berlin weiter. Schließlich war er bei beiden Sendeanstalten sehr gut beschäftigt und in nur kurzer Zeit in über 60 Hörspielen dabei. Zudem wurde er für Kinderrollen an Berliner Theater weiterempfohlen. Somit befreite Iljas Talent die Familie letztlich aus den finanziellen Nöten.

 "Zwischen dem neunten und sechzehnten Lebensjahr habe ich in Berlin an fast allen Bühnen gespielt, dies es so gab."

Ilja Richter (Foto: (Coverscan: Philips) -)
Ilja Richter als kleiner Steppke mit Bauchladen und seinem Sortiment "Schokolade, Pfefferminz, saure Drops". Dies war seine erste Schallplatte, die 1961 entstand. (Coverscan: Philips) -

Sie war Ilja Richters erste große Liebe

"Hier ist eine echte Begabung zu spüren. Ein kleiner Meisterspieler", so urteilte ein renommierter Theaterkritiker über Ilja Richter als "Little Jake" im Musical "Annie get your gun", das 1963 in Berliner "Theater des Westens" seine deutsche Erstaufführung hatte. Heidi Brühl spielte die Annie und sei seine erste große Liebe gewesen, gestand Richter später. Obwohl er nur eine kleine Rolle bekommen hatte, agierte der kleine Ilja so professionell auf der Bühne, dass er den Großen die Schau stahl und mehrfachen Szenenapplaus bekam.

Ilja Richter - "disco", Sketche und die "Pauker"-Filme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/United Archives | kpa /Grimm)
Ilja RIchter mit Heidi Brühl um 1980 picture alliance/United Archives | kpa /Grimm

"Ich habe sehr viele Kinder auf der Bühne gesehen, die eben nur niedlich waren. Ich war vielleicht gar nicht mal so niedlich wie pointiert."

Von nun an ging es steil bergauf. Ende 1963 absolvierte Ilja Richter seinen ersten "bunten Nachmittag" als Co-Moderator von Hans Rosenthal. Ebenfalls im Berliner "Theater des Westens" trat er 1966 neben Vico Torriani im Singspiel "Im weißen Rössl" auf und viel Beachtung fand er im Zwei-Personen-Stück "Freunde und Feinde" als Partner von Martin Held. Unter Peter Zadek spielte er Theater und wenig später vor der Filmkamera. 1967 kam das Fernsehen hinzu und Ilja Richter war in der ersten Jugend-Serie des ZDF "Till, der Junge von nebenan" zu sehen.

 "Eine Schauspielschule habe ich nie besucht, nicht einmal eine Tanzschule. Meinen ersten Gesangsunterricht bekam ich, als ich schon über dreißig war und ein Dutzend Schallplatten besungen hatte."

Als Antwort auf den "ARD-Beatclub" nahm das ZDF 1969 die Sendung "4-3-2-1 Hot & Sweet" ins Programm, eine Sendung, die "Musik für junge Leute" versprach. Die Sängerin Suzanne Doucet und Ilja Richter moderierten sie erst gemeinsam, später übernahm Richter die Aufgabe allein und galt als Deutschlands jüngster Moderator. Dies war der Vorläufer zur "disco", die ihn durch seine ganze Jugend hindurch begleitete.  

Ilja Richter Plattencover (Foto: (Coverscan: Philips) - )
1977, inmitten der „disco“-Ära veröffentlichte er „Der Welt erste und einzige Maxe-Flitter-Humpa-Oma-Lila-Beileid-Otto-Joker-Winsen-Sehnsucht-Eiernudel-Platte“. Als Stargast war Marianne Rosenberg mit von der Partie. Die beiden waren damals eine Zeitlang ein heimliches Paar. (Coverscan: Philips) -

Ilja Richter und sein großes Vorbild Rudi Carrell

In diese Zeit fielen auch die Filmklamotten über die "tollen Tanten", die seine Popularität zusätzlich steigerten. Dieses Angebot kam unverhofft, denn der Produzent suchte einen Filmpartner für Rudi Carrell. Ilja Richter sagte gerne zu, denn Carrell gehörte damals zu seinen Vorbildern. Die Grundidee, dass Männer in Frauenkleidern auftraten, war nicht neu, aber so erfolgsträchtig, dass man diesen Filmstoff in Variationen mehrfach kopierte. 

Ilja Richter - "disco", Sketche und die "Pauker"-Filme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, IMAGO / United Archives)
Ilja Richter (rechts) mit seinem Vorbild Rudi Carrell IMAGO / United Archives

Ilja Richters Verehrung für Theo Lingen

Ähnliches trifft auf die "Pauker"-Filme zu, in denen Ilja Richter mit Theo Lingen zusammenarbeitete, den er geradezu vergötterte und sogar parodieren durfte. Lingen schrieb ihm später: „Ich habe gestern auf der Leinwand mich, nein Sie, also doch mich gesehen. Es war sehr amüsant.“ Viel später schrieb Richter sogar ein Theaterstück über ihn mit dem Titel "Komiker aus Versehen".

"Herr Richter, Sie sind so unbeliebt, für Sie tu' ich alles."

Ilja Richter (Foto: IMAGO, IMAGO / Allstar)
Ilja Richter (rechts) zusammen mit Theo Lingen in dem Film "Wer zuletzt lacht, lacht am besten" IMAGO / Allstar

Schauspieler, Autor und Synchronsprecher - die vielen Seiten des Ilja Richter

Die 1980er Jahre gehörten hauptsächlich dem Theater, dazu war er Kolumnist für mehrere Zeitungen und arbeitete häufig als Synchronsprecher. Richter lieh vielen bekannten Filmfiguren seine Stimme, so u.a. dem Erdmännchen Timon in "Der König der Löwen". Als "Holzwurm in der Oper" wirkte er an einer Reihe "Opernführer für Kinder" mit und wurde dafür mit dem "Echo Klassik" ausgezeichnet. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher, darunter "Der deutsche Jude", ein Band, in dem er sich (zusammen mit seiner Mutter) ironisch mit der deutsch-jüdischen Geschichte auseinandersetzt.

"Mozart ist berühmt. Mein Sohn ist nur bekannt."

Ilja Richter - "disco", Sketche und die "Pauker"-Filme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Ilja Richter ist auch Autor und blickt mit seinen Büchern auf sein Leben zurück. picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Ilja Richter ist stolz auf seinen Sohn Kolja

Als "sein bestes Projekt auf zwei Beinen" bezeichnete er in einem Interview seinen 2001 geborenen Sohn Kolja. Mit ihm zusammen entstand 2010 sogar ein gemeinsamer Song: "Wir haben auf die Straßenbahn gewartet, welche nicht kam. Dabei haben wir das Lied von der Schnecke erfunden." Ein Jahr später trat Richter dann kurzzeitig von den Theaterbühnen ab, um die alten "disco"-Zeiten aufleben zu lassen. Anlässlich des 40. Jahrestages der Erstausstrahlung schlüpfte er ins Glitzer-Jackett und wie in den 70er Jahren schallte es noch einmal: "Hallo Freunde - hallo Ilja!"

Ilja Richter Plattencover (Foto: (Coverscan: Sony Music) - )
Zum Jubiläum kamen eine ganze Reihe von CD- und DVD-Veröffentlichungen auf den Markt, welche die "disco"-Ära nochmals feierten. (Coverscan: Sony Music) -

Ilja Richter im Steckbrief

Geboren am:24. November 1952 in Berlin-Karlshorst
ElternEva und Georg Richter
Erste Bühnenrolle1961 am Berliner Renaissance-Theater in „Belvedere“ mit Viktor de Kowa
Auszeichnungen (Auswahl)1975 "Goldener Bravo-Otto" als bester TV-Moderator, 1978 "Goldene Kamera", 2005 "Curt Goetz-Ring"
Familie1995 Heirat mit der Filmeditorin Stephanie von Falkenhausen, 1997 geschieden. 2001 Geburt von Sohn Kolja, die Mutter ist eine französische Maskenbildnerin.
BiografienZum 50. Geburtstag "Spot aus! Licht an!, zum 60. Geburtstag "Du kannst nicht immer 60 sein - Mit einem Lächeln älter werden", zum 70. Geburtstag "Nehmen Sie’s persönlich"

SWR4 Team Hans-Jürgen Finger

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