Harry Belafonte (2015) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Pop-Legende

Harry Belafonte sang für die Bürgerrechte

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In den 1950er-Jahren gelang ihm mit seinem "Day-O" der internationale Durchbruch. Seither zählt Harry Belafonte zu den größten internationalen Stars, der keine Sprach-, Generations- und Kulturbarrieren kannte.

Plattencover Harry Belafonte (Foto: SWR, RCA (Coverscan) -)
Ein jamaikanisches Volkslied verhalf Harry Belafonte 1956 zu einem Millionenseller. Es erzählte von Hafenarbeitern, die in der Nacht Bananen verluden. Der Ruf nach dem Tagesanbruch und dem damit verbundenen Ende der anstrengenden Schicht ("Day-O") ging als "Banana Boat Song" in die Musikgeschichte ein. "Nichts nimmt es mit diesem Song auf. Er ist meine Visitenkarte." Fortan galt Harry Belafonte als "König des Calypso" - ein Beiname, der dem Künstler missfiel. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Auf Grenada und Barbados fanden die Dreharbeiten zu seinem Film "Island in the sun" statt, in dem er neben Joan Fontaine und James Mason die Hauptrolle spielte. Die Produktion war so erfolgreich wie umstritten: Die Liaison zwischen einem Schwarzen und einer Weißen entfesselte Diskussionen, denn 1957 galten in den USA noch strikte Rassenschranken. Dennoch wurde der Titelsong zu einem seiner größten Hits, zu finden auf dem Album "Belafonte sings of the Caribbean". RCA Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein frühes Zeugnis seines sozialen Engagements sind die legendären Benefizkonzerte zugunsten zweier Schulen, die er am 19. und 20. April 1959 in der New Yorker Carnegie Hall gab. Die Vorstellungen erschienen in Auszügen auf einem Doppelalbum, das 1960 mit dem Grammy Award für die "beste Technik" ausgezeichnet wurde. Den krönenden Abschluss bildete "Matilda", bei dem nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker des Orchesters und der Dirigent mit einstimmten. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Zusammen mit der Sängerin und Schauspielerin Lena Horne präsentierte er 1959 Melodien aus der Oper "Porgy and Bess" von George Gershwin und knüpfte damit quasi an die Verfilmung des Werkes an, die im selben Jahr in die Kinos kam und in der sein bester Freund Sidney Poitier die Hauptrolle spielte. Lena Horne und Belafonte sangen lediglich zwei Titel gemeinsam, alle anderen Songs waren Soloaufnahmen. 1970 kam es zu einer erneuten Zusammenarbeit... RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
... für das amerikanische Fernsehen entstand das TV-Special "Harry und Lena". Begleitend hierzu gab es eine weitere gemeinsame Platte, die nur in einer limitierten Auflage auf Bestellung zu bekommen war. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1960 nahm Harry Belafonte ein Album mit Spirituals auf. Unterstützung bei der Produktion "My Lord what a mornin‘" bekam er von den "Belafonte Folk Singers" (anfänglich auch "The Belafonte Singers"). Die meist 12-köpfige Sänger- und Musikantengruppe wurde gegründet, um Harry Belafonte auf seinen Tourneen zu begleiten. Darüber hinaus wirkte das Ensemble - wie hier - auf einigen Schallplatten mit und nahm auch vereinzelt eigene Produktionen ohne seinen Namensgeber auf. RCA Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Jump up Calypso" - 1961 kamen neue Calypso-Rhythmen auf den Plattenteller, mit Hits wie "Jump in the line" oder "Angelina". "Das Album wurde zu einer meiner meistverkauften Platten und brachte mir die sechste "Goldene" ein", erinnerte er sich in seiner Autobiographie. Er wollte sich in seiner Kunst nicht zu stark vom Calypso dominieren lassen. Daher vergingen meist rund fünf Jahre, bis er seine Anhänger mit diesen Klängen bediente: 1966 folgte "Calypso in Brass" und 1971 "Calypso Carnival". RCA Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Im September 1960 gastierte Harry Belafonte in Griechenland und erlebte in einem Club außerhalb von Athen die junge Nana Mouskouri, deren Stimme ihn sofort fesselte. Er wollte sie dem amerikanischen Publikum vorstellen. Bereits beim ersten Konzert 1964 erntete sie Beifallsstürme und Sympathien. Diese enthusiastischen Reaktionen des Publikums führten zu diesem gemeinsamen Album mit Liedern aus Griechenland, bei denen Harry Belafonte in der Landessprache sang. RCA Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1958 begann Belafonte die aus Südafrika stammende Künstlerin Miriam Makeba zu fördern. Das Album "An evening with Belafonte/Makeba", wurde 1966 mit einem Grammy Award ausgezeichnet. "Der Spiegel" schrieb: "In neun der zwölf Songs aus Südafrika üben die politisch aktiven Unterhaltungsstars im Tom-Tom-Rhythmus zu Chorbegleitung Sozialkritik. Nur drei Liedtexte sprechen von Kindern und Liebe." Dieses Doppel-Album ist eine Art "Best of" der beiden Künstler. RCA Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Harry Belafonte - der Balladensänger: Auf dem 1966 erschienenen Album "In my quiet room" präsentierte er mit großem Orchester selbst ausgewählte Songs. Darunter ein Lied, das besonders populär wurde: "Try to remember". Anfang der 1960er-Jahre hatte er es im Rahmen einer TV-Show gesungen, 1962 erschien es auf "The many moods of Belafonte". Vier Jahre später nahm er es für das hier gezeigte Album neu auf. Es wurde zu einem festen Bestandteil seiner Tour-Programme. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
"Ein Konzert für Studenten ist immer noch das spirituell Lohnendste für einen Künstler", sagte Harry Belafonte über seine Auftritte an Universitäten. Seine erste College-Tour unternahm er 1964. Drei Jahre später erschien das Album "Belafonte on campus", auf dem er eine Auswahl der Folksongs präsentierte, die er bei seinen dortigen Konzerten sang. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er rund vierzig Hochschulen besucht und vor einer Viertelmillion amerikanischer Studenten gesungen. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach Gospels, Folksongs, Swing und Jazz begann er Ende der 1960er einige poporientierte Alben aufzunehmen. Auf "Belafonte sings of love" interpretierte er 1968 Liebeslieder wie den Jimmy Webb-Titel "By the time I get to Phoenix". Auf der Rückseite der LP stand - quasi als Botschaft an alle Verliebten - ein Zitat aus dem Buch "Der Prophet" des libanesisch-amerikanischen Malers, Dichters und Philosophen Kahlil Gibran: "Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen." RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
1970 erschien "Homeward Bound" mit Liedern erfolgreicher Singer-Songwriter. Dem von Paul Simon geschriebenen Titelsong folgten u. a. Werke von Gordon Lightfoot ("The last time I saw her"), Tim Hardin ("If I were a carpenter"), Leonard Cohen ("Suzanne") oder Bob Dylan ("Tomorrow is a long time"). Dylan wirkte übrigens 1962 bei der Belafonte-LP "The Midnight Special" als Musiker mit und spielte beim Titeltrack die Mundharmonika - dies war seine erste offizielle Schallplattenaufnahme. Victor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Eine Ära ging langsam zu Ende: 1973 veröffentlichte er sein letztes Studio-Album bei RCA Records, wo er seit 1952 unter Vertrag stand. Der Neil Diamond-Hit "Play me" eröffnete die gleichnamige LP, auch Don McLean steuerte Titel ("Empty chairs", "And I love you so") bei. Den Plattenvertrag beschloss ein Jahr später eine Live-LP mit Ausschnitten seiner Japan-Tournee. Erst 1977 sollte mit "Turn the world around" eine neue Platte von Harry Belafonte folgen. RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Als Live-Künstler blieb Harry Belafonte weiterhin aktiv, neue Schallplattenaufnahmen wurden rarer. Nach dem Album "Loving you is where I belong" aus dem Jahr 1981 vergingen sieben Jahre, bis er mit "Paradise in Gazankulu" eine neue Produktion vorlegte - seine letzte Studioproduktion. Daraus erschien auf Single ausgekoppelt die Ballade "Skin to skin" mit Jennifer Warnes im Duett. Die Plattenfirma schrieb: "Die Melodie dieses eindringlichen Love-Songs verursacht, dank ihrer Wärme, Gänsehaut." RCA (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Mit der Schauspielerei klappte es für Harry Belafonte nicht sofort

Schauspieler war der Traumberuf von Harry Belafonte, er absolvierte eine New Yorker Schauspielschule, bekam aber kein Engagement - die Diskriminierung von Schwarzen war damals auch in Hollywood üblich. Ein Freund half ihm aus der Klemme und bot ihm an, in dessen Jazzclub als Sänger aufzutreten - in den Pausen.

Sein erster Auftritt fand Anfang 1949 statt. Als er auf die Bühne ging, rechnete er nur mit der Anwesenheit des Klavierspielers. Statt dessen erwartete ihn die Jazzelite dieser Tage: Charlie Parker, Miles Davis und Tommy Potter. "Ich stand da, steif wie ein Brett und trotz meiner Schauspielausbildung wusste ich nicht, was ich mit meinen Händen tun sollte. Wenn ich lächelte, war mein Mund so trocken, dass ich meine Oberlippe nach unten ziehen musste. Ich war nervös und ängstlich - ich gehörte nicht zu ihrer Liga."

Eine musikalische Ausbildung hat er nie genossen, doch beim Publikum kam sein Jazzgesang hervorragend an. Aus zwei Wochen wurden 22 Wochen, der erste Schallplattenvertrag folgte. Doch bald kehrte er dem Musikgeschäft wieder den Rücken. Er fühlte sich mit seinem Repertoire nicht wohl, wollte etwas ganz Neues machen und eröffnete ein kleines Restaurant im Greenwich Village.

Runter mit dem Schnurrbart - Harry Belafonte erfindet sich neu

Harry Belafonte auf der Bühne (2003) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Harry Belafonte live (2003) picture-alliance / dpa -

Dort kamen immer wieder mal alte Freunde vorbei und einmal kramte jemand eine Gitarre hervor und bald begannen alle gemeinsam zu singen. Hierbei entdeckte Harry Belafonte seine Leidenschaft für Volkslieder. Mit zwei Musikern erarbeitete er ein Repertoire mit alten und neuen Folksongs. Er rasierte seinen Bleistiftschnurrbart ab und begann, offene Hemden zu tragen, was später zu seinem Markenzeichen werden sollte. So trat er im Village Vanguard Nachtklub auf und startete eine neue Karriere im Showgeschäft.

Plötzlich läuft alles gut für Harry Belafonte

Filmszene aus "The World, the flesh and the devil" (1959) (Foto: Imago, Imago -)
Harry Belafonte in einer Filmrolle Imago Imago -

1952 nahm ihn die Plattenfirma RCA unter Vertrag und dann klappte es auch mit dem Film. In "Bright road" hatte er 1953 sein Leinwand-Debüt und ein Jahr später folgte "Carmen Jones", eine Adaption der Georges Bizet-Oper "Carmen". 1955 eroberte er mit dem Musical "Three for tonight" den Broadway und im Herbst des Jahres stand er im Plattenstudio, um "Calypso" - sein mittlerweile drittes Album - aufzunehmen. Dieses entfachte ein wahres Calypso-Fieber und hob seinen bereits aufkeimenden Ruhm auf ein neues Niveau.

Die Zugnummer des Albums - "The Banana Boat Song" - kam allerdings erst ein Jahr später als Single auf den Markt. Eine Auskopplung war gar nicht vorgesehen, aber nachdem das Folk-Trio "The Tarriers" plötzlich mit der Nummer in den Charts auftauchten, zog Belafontes Plattenfirma nach.

Ein "King of Calypso" wollte Harry Belafonte nie sein

Mit dem "Calypso"-Album brach Harry Belafonte alle Rekorde. Es war das allererste Popalbum, das sich über eine Million Mal verkaufte und machte sogar - inmitten des Rock’n’Roll-Fiebers - der Debüt-LP von Elvis Presley den Hitparaden-Thron streitig. Dieser Erfolg brachte ihm den Beinamen "King of Calypso" ein, den er überhaupt nicht mochte: "Das war zwar ein marktfähiger Titel, aber nur wenige meiner Songs waren Calypsos. Ich protestierte und habe deswegen den "Banana Boat Song" lange nicht gesungen, da mein Repertoire weitaus vielfältiger war."

Die deutschen Fans sind die treuesten der Welt

Harry Belafonte und Nana Mouskouri (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Harry Belafonte und Nana Mouskouri bei einer Hochzeit (2004) picture-alliance / dpa -

Im Sommer 1958 unternahm er seine erste europäische Konzertreise, die ihn auch nach Deutschland führte. In Berlin verabschiedete er sich im überfüllten Titania-Palast in gebrochenem Deutsch mit den Worten "Ihr seid dufte". Es sollte bis 1977 dauern, ehe er wieder hierzulande gastierte. Obwohl seine Platten nicht mehr die Hitlisten anführten, strömten die Besucher in seine Konzerte. "In Deutschland haben mir die Fans die Treue gehalten wie nirgends auf der Welt."

Mit Joachim Fuchsberger war Harry Belafonte befreundet

Als er Anfang der 1980er im Deutschen Fernsehen in der TV-Show "Auf los geht’s los" auftrat, brachte er den minutiös ausgeklügelten Zeitplan ins Wanken, weil die Zuschauer im Saal lautstark eine nicht eingeplante Zugabe einforderten. Mit Joachim Fuchsberger, dem Showmaster der Sendung, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. Als dieser 2010 für sein Lebenswerk mit der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet wurde, bekam er diesen Preis - sichtlich überrascht und gerührt - aus den Händen von Harry Belafonte überreicht. Bei der Präsentation von Belafontes Autobiografie im Jahr 2012 sagte Fuchsberger: "Harry Belafontes Lebens- und Leidensgeschichte - ein einziges Faszinosum. Das Buch zeigt einen Menschen, den ich so bisher nicht kannte. Sein Freund zu sein ehrt mich."

Harry Belafonte kämpfte für Bürgerrechte und gegen Diskriminierung

Harry Belafonte mit Martin Luther King, Asa Philip Randolph und Sidney Poitier (Foto: Imago, Imago/Zuma Press -)
Harry Belafonte (2.v.l.) mit dem Bürgerrechtler Martin Luther King (links) Imago Imago/Zuma Press -

Das Entertainment ist nur eine Seite des Künstlers. Seit vielen Jahren engagiert er sich weltweit auf vielfältige Art und Weise auf dem sozialen und politischen Sektor. Er setzte sich für die Rechte der Unterprivilegierten ein und kämpfte mit unermüdlichem Einsatz gegen die Rassendiskriminierung. Er war bei der Bürgerrechtsbewegung in Amerika dabei und engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und die Apartheid. Der Bürgerrechtler Martin Luther King zählte zu seinen engsten Freunden.

Das Musikprojekt "USA for Africa", das 1985 mit dem Titel "We are the world" einen Welthit verbuchen konnte, geht auf die Idee von Harry Belafonte zurück. Er war zugleich Mitorganisator dieser Benefizplatte. Michael Jackson und Lionel Richie schrieben den Song, dessen Verkaufserlös den Opfern der Hungersnot in Äthiopien zugute kam.

In Bonn demonstrierte Harry Belafonte gegen die Nachrüstung

Harry Belafonte mit einem kleinen schwarzen jungen in Ruanda (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Harry Belafonte nahm seine Aufgabe als Unicef-Botschafter ernst picture-alliance / dpa -

Auch hierzulande unterstützte er Projekte: 1977 verzichtete er bei einem Solidaritätskonzert in Düsseldorf ganz auf seine Gage und stellte sich in den Dienst einer von einer politischen Jugendzeitung initiierten Weltfestspielbewegung. Als er 1981 von deutschen Studenten angefragt wurde, bei der großen Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten mitzuwirken, sagte er spontan zu und sang zum Abschluss mit der Menge "We shall overcome". Zu alledem ist er seit 1997 Botschafter des guten Willens der UNICEF.

Zum 90. Geburtstag erschien unter dem Titel "When colors come together" eine Zusammenstellung seiner Hits, für die Harry Belafonte selbst die Auswahl traf. Das gleichnamige Lied mit dem Untertitel "Our island in the sun" singt ein Kinderchor, "um den tiefen Wert der Rasseneinheit als Ziel der Menschheit in den kommenden Jahren zu präsentieren."

Steckbrief von Harry Belafonte
Geboren1. März 1927 in New York (Harlem) als Harold George Bellafanti jr.
ElternDer Vater war Matrose aus Martinique, die Mutter Hilfsarbeiterin aus Jamaika. Dazu hatte Harry Belafonte zwei ältere Brüder.
SchauspielBelafonte studierte an der New School for Social Research des deutschen Regisseurs Erwin Piscator, wo Tony Curtis und Marlon Brando zur selben Zeit lernten.
PreiseErhielt als erster Schwarzer den Emmy (1960, für seine TV-Show "Tonight with Belafonte"). Dazu erhielt er drei Grammys.