Schlagerlegende

Manuela und die Schuld des Bossa Nova

STAND
AUTOR/IN

Der Bossa Nova war "schuld" an der glänzenden Karriere des Arbeitermädchens Manuela aus Berlin-Wedding. Wenig bekannt ist, dass die Sängerin auch eine tüchtige Vermarkterin der eigenen Mode war...

Manuela wuchs in dem grauen Häusermeer des Berliner Bezirks Wedding in einfachsten Verhältnissen auf. Für einen schmalen Monatslohn arbeitete sie in einer Berliner Elektro-Fabrik und lötete Radio-Kondensatoren. Von ihrem Verdienst leistete sie sich eine Gitarre und musizierte zusammen mit den Jungen aus der Nachbarschaft zuerst in Hinterhöfen, dann in Jugendclubs und Kneipen. Im „Ufer-Eck“ erkannte der Plattenproduzent Peter Meisel ihr Potential und nahm sie unter Vertrag. Nachdem sie bei einem Nachwuchswettbewerb den 1. Preis gewann, stand 1962 ihre erste Schallplatte „Hula-Serenade“ in den Geschäften. Ein Flop.

Plattencover der Schlagersängerin Manuela (Foto: SWR, Telefunken (Coverscan) -)
Ihre erste LP erschien 1964 unter dem Titel „Manuela“. Eigene Hits waren zu diesem Zeitpunkt noch wenige vorhanden, so dass die Produktion mit Cover-Versionen angereichert wurde. „Ein Schiff wird kommen“, „Spiel’ noch einmal für mich, Habanero“ odere „Diana“ hätte man von ihr gesungen wohl kaum erwartet. Das Volkslied „Horch, was kommt von draußen rein“ hatte sie ebenfalls im zeitgemäßen Rhythmus aufgenommen und sogar eine englische Fassung unter dem Titel „There goes Charly“ veröffentlicht. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Manuela mit Feder, Tintenfass, Kreide und Schiefertafel: ihr Hit „Ich geh’ noch zur Schule“ galt auch für die Künstlerin. Zu Beginn ihrer Karriere nahm sie Unterricht an der Berliner Oper in „modernem Tanz“, besuchte die Schauspielschule, nahm Gesangsunterricht, lernte Sprachen und perfektionierte ihr Gitarrenspiel. Die hier gezeigte EP mit vier Titeln brachte auch nochmals ihren ersten großen Hit auf den Plattenteller: „Schuld war nur der Bossa Nova“. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Das gab’s noch nie: die Jugendzeitschrift „Bravo“ brachte eine Single-Platte heraus und führte damit die Gewinner des "Goldenen Bravo-Indianers" Drafi Deutscher und Manuela musikalisch zusammen: "Die goldene Zeit" und "Take it easy" waren allerdings nicht so erfolgreich, wie die Beiden es als Solisten gewohnt waren. Bereits bei Platz 32 war Schluss. Decca (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Komponisten Christian Bruhn und Dieter Zimmermann zeichneten für die Reise "Rund um die Welt" verantwortlichaber in „Verliebt in Amsterdam“ feierte die Komponistin Doris Wegener alias Manuela ihren Einstand. Während die meisten dieser Titel in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten sind, gelang ihr mit der einzigen Cover-Version dieses Albums „Wenn es Nacht wird in Harlem“ (Original: Percy Sledge „When a man loves a woman“) Anfang 1968 immerhin ein 16. Platz in den deutschen Hitparaden. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Jung, sportlich, bequem und schick - und das alles mit viel Musik!“ - die pfiffige Geschäftsidee von Manuela wurde mit der LP „Star-Boutique Manuela“ verstärkt. Sie erschien mit aufwändigem Klappcover und Abbildungen aus der eigenen Kollektion: preiswerte „Manuela-Modelle“, gefertigt aus dem modernen STELLA-Material. Musikalisch gab es auch knitterfreie, strapazierfähige und pflegeleichte Hits zu vermelden: „Mademoiselle Angelique“, „Monsieur Dupont“ oder auch „Lord Leicester aus Manchester“. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Gestatten: mein Name ist „Bobby“! Ich bin ein reinrassiger Zwergpudel und mein Stammbaum ist so umfangreich, dass ich bei der Einreise nach Europa mehr Papiere benötigte als mein Frauchen, das ja immerhin ein berühmter Gesangsstar ist. Ihr müsst nämlich wissen, dass mich Manuela bei ihrem ersten Amerikabesuch in einem Schaufenster am berühmten Sunset Boulevard in Hollywood entdeckte.“ So stellte sich der Vierbeiner dem deutschen Publikum vor und Manuela widmete ihm sogleich diese Single. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
In den „Star-Informationen“ vom Dezember 1969 stand: „Amerika will Manuela behalten“. Dort war sie in mehreren Shows aufgetreten und das US-Plattendebüt stand kurz bevor. Dennoch bekannte die Künstlerin: „Die deutschen Fans brauchen mich. Ihnen habe ich den Aufstieg zu verdanken. Ich will weiter in Deutschland singen..." Die LP „Die großen Erfolge - Made in Germany & USA“ wurde beiden Märkten gerecht: auf der A-Seite sang sie englisch und auf der B-Seite aktuelle deutsche Produktionen. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Zu Weihnachten 1970 erfüllte sich Manuela selbst einen Wunsch: Sie nahm ihre erste Langspielplatte mit Kinderliedern auf und widmete sie der UNICEF: „Seit langem interessiere ich mich für die Arbeit des Weltkinderhilfswerkes. Ich finde, dass gerade für die Kinder, die unschuldig unter Elend, Hunger und Krankheit leiden müssen, nicht genug getan werden kann“. Später überreichte Manuela der Schirmherrin der UNICEF Hilda Heinemann einen Scheck über 10.000,-- DM. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die irische Sängerin Dana gewann 1970 in Amsterdam mit dem Titel „All kinds of everything“ den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson. Die deutsche Version „Alles und noch viel mehr“ wurde von Manuela gesungen, die bei der Aufnahme der Platte mit einer schweren Grippe zu kämpfen hatte. In der ZDF-Hitparade erreichte sie am 30. Mai 1970 souverän den ersten Platz und ließ sämtliche Konkurrenz hinter sich. Das hatte in dieser Sendung bislang noch keine Künstlerin geschafft. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Manuela in USA - angefangen hatte diese Glückssträhne mit einer Reise nach Amerika. Manuela wurde dem Hollywood-Agenten Kurt Frings vorgestellt, der schon Stars wie z. B. Elke Sommer oder Audrey Hepburn auf den richtigen Weg brachte: „Das ist das Mädchen, das ich zehn Jahre lang nicht in den USA fand.“ Er nahm sie unter Vertrag und sie trat u. a. mehrmals z.B. in der Show von Dean Martin auf. Die Titel aus der LP „Songs of love“ wurden seit ihrem Erscheinen im Jahr 1971 nicht mehr neu aufgelegt. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Gleiches kann bei der LP „Wenn Du in meinen Träumen bei mir bist“ festgehalten werden. Die Titel dieses Konzept-Albums mit den „schönsten Liebesliedern der Welt“ sind seit 1972 nicht mehr erhältlich. Das Repertoire fiel aus dem bisher gewohnten Rahmen: der „Schneewalzer“, „Tiritomba“, „Abendglocken“, „Du, Du liegst mir im Herzen“ oder „Plaisir d’amour“, seien als Beispiele genannt. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„In München steht ein Hofbräuhaus“ neben den Hits der Beatles - und das Ganze auch noch in Amerika? Manuela machte dies im Las Vegas-Hotel „Dunes“ möglich. Es war bekannt, dass in Top-Hotels unbekannte Künstler gern gesehen waren, um die Lücke zwischen zwei Star-Auftritten zu füllen. Aber der Gast musste die Reklame selbst bezahlen, was gerne getan wurde; ein Gastspiel in Las Vegas machte sich einfach gut. Ein Mitschnitt wurde unter dem Titel „Manuela in Las Vegas“ 1973 auf den Markt gebracht. BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Nach dem Auslaufen des Vertrages mit der „Teldec“ Anfang der 1970er Jahre ging es mit den Plattenumsätzen bergab. 1973 präsentierte sich Manuela volkstümlich: für „Da sagen sich die Füchse gute Nacht“ lernte sie sogar das Jodeln. Laut Plattenfirma hatte ihr der Bürgermeister von Seeg bei Füssen im Allgäu entsprechenden Unterricht erteilt. Dorthin war sie von Berlin kurz zuvor auf einen Berghof umgezogen. Preußen meets Bayern! BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Sie tingelte erfolglos zu den Plattenfirmen und geriet in die Schlagzeilen wegen eines verlorenen Prozesses um angebliche Schmiergelder an das ZDF. Die Folge: sie wurde von den deutschen Fernsehsendern regelrecht boykottiert. Sie konzentrierte sich auf den amerikanischen Markt und nahm eine Country-LP auf. 1980 gründete sie ein eigenes Plattenlabel, blieb aber erfolglos. Erste größere Hits hatte sie erst wieder Mitte der 1980er Jahre mit „Rhodos bei Nacht“ oder „Auf den Stufen zur Akropolis“. Koch Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Mit „Für immer“ (Original: Roy Orbison „You got it“) wollte Manuela erneut versuchen, an die alten, großen Erfolge anzuknüpfen. In vielen Rundfunkhitparaden konnte sie sich damit auch platzieren. Parallel zur Single erschien eine CD unter dem Titel „Olé Mallorca“, der neben dem von ihr geschriebenen Titelsong vierzehn goldene Hits von früher in Neuaufnahmen beinhaltete. Zett-Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1990 präsentierte sich Manuela ganz volkstümlich: „Sehnsucht nach der Heimat“ sollte eine ihrer letzten Platten sein. Leider blieb der Erfolg aus. Hinzu kam, dass ihr inzwischen verstorbener Lebenspartner und Manager Werner Fey sie durch Missmanagement um ihr Vermögen brachte. Mitte der 1990er Jahre übernahm ihr Bruder die Geschäfte und gemeinsam versuchten sie ein Comeback. Doch ein Gaumen-Tumor durchkreuzte diese Pläne und 2001 erlag Manuela mit 57 Jahren in Berlin dieser Krankheit. Zett-Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Ein bisschen Südsee-Exotik

Anfang der 1960er Jahre kamen in Amerika die Girl-Groups in Mode. Peter Meisel und Christian Bruhn stellten ein deutsches Pendant, „Tahiti Tamourés“ genannt, zusammen. Als Leadsängerin verpflichteten sie Manuela. Gleich der ersten Aufnahme „Wini Wini“ gelang der Sprung an die Spitze der Hitparaden. Parallel hierzu arbeitete Meisel weiterhin daran, Manuela als Solistin zu etablieren. Er produzierte mit ihr die deutsche Version des Eydie Gormé-Hits „Blame it on the Bossa Nova“ und landete einen Volltreffer. „Schuld war nur der Bossa Nova“ wurde zum Sommerhit des Jahres 1963.

Die Indexierung konnte ihren Erfolg nicht aufhalten

Nicht überall teilte man die Freude an dem Überraschungs-Hit, dem keinerlei Werbung, keine Tournee oder ein Fernseh-Auftritt vorausgegangen war. Beim Bayerischen Rundfunk in München ließ die erste Strophe des Textes von Georg Buschor die Programmverantwortlichen aufhorchen:

„Als die kleine Jane grade 18 war, führte sie der Jim in die Dancing Bar,
doch am nächsten Tag fragte die Mama, Kind, warum warst Du erst heut morgen da?“

Ein noch nicht volljähriges Mädchen, das sich bis früh morgens in männlicher Begleitung in einem Tanzlokal aufhielt, passte ganz und gar nicht zu den Moralvorstellungen der damaligen Zeit. Da gab es nur eine Konsequenz: der Titel wurde auf die schwarze Liste gesetzt.

Weltweit erfolgreich

Manuela in den 1960er Jahren (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives/Pilz)
Manuela in den 1960er Jahren picture alliance / United Archives/Pilz

Dies schadete dem Erfolg des Titels nicht im Geringsten. Manuela landete in kurzen Abständen Hit auf Hit und wurde mit allen möglichen Auszeichnungen überschüttet. Filmproduzenten klopften bei ihr an und ihre Plattenfirma schloss mit ihr einen langjährigen exklusiven Welt-Vertrag ab. Manuela-Platten erschienen rund um den Globus und selbst in Amerika konnte sie das anspruchsvolle Publikum für sich gewinnen.

Pfiffige Zweitverwertung in Sachen Mode

Auf dem Zenit ihres Erfolges hatte Manuela eine pfiffige Idee, die sie im Grunde ihrer angeborenen Sparsamkeit verdankte: 1968 eröffnete sie ihre eigene Mode-Boutique. Zahlreiche Nachfragen nach ihrer Bühnengarderobe brachten den Stein ins Rollen. Bei den von ihr entworfenen Modellen dachte sie vor allem an den kleinen Geldbeutel der jungen Mädchen: „Ich habe nie vergessen, wie es ist, wenn man auf den Pfennig achten und jede Mark umdrehen muss, bevor man sie ausgibt. Ich ging davon aus, dass auch preiswerte Sachen schick sein können“.

Schallplatten als Werbeträger in eigener Sache

Schlagersängerin Manuela bei einem Auftritt (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa)
Manuela bei einem Auftritt picture-alliance / dpa

Ihre Schallplatten nutzte sie als Werbefläche für ihre Kollektion. Unter dem weißen „M“ mit rotem Herz stand praktischerweise gleich die Bestell-Nummer des Kleidungsstückes, das sie auf dem Bildcover trug. Sie fand reißenden Absatz und selbst im Ausland wurden ihre Modelle vertrieben. Beim Kauf gab es als Dreingabe noch einen Kunststoffkleiderbügel, an dem eine goldene Schallplattenattrappe angebracht war und eine Schallfolie incl. persönlichen Grußworten und dem von ihr gesungenen amerikanischen Volkslied „Careless love“, das sonst nirgendwo zu bekommen war. Als tüchtige Geschäftsfrau versprach sie, mit Manuela-Mode immer up to date zu sein, „weil ich Euch natürlich von meinen zahlreichen Gastspielreisen im Ausland immer viel neue Musik und stets den letzten Modeschrei mitbringen kann“.

Zehn Jahre durfte sie sich an ihrem sagenhaften Erfolg freuen, bis sich Anfang der 1970er Jahre die ersten Schatten über ihre Karriere legten. Wie die Geschichte weiterging, erzählt unsere Bildergalerie

Mehr Schlagerlegenden

Raritäten Schlagerlegenden von A-Z

Von Adamo bis Caterina Valente - hier finden Schlagerfans hunderte Geschichten, illustriert mit seltenen Plattencovern aus der Zeit ab den 50er Jahren bis heute.  mehr...

SWR4 Experte Hans-Jürgen Finger

Hans-Jürgen Finger ist SWR4 Experte für seltene Schlager und das Leben der Schlagerlegenden, von Peter Alexander bis Catarina Valente.  mehr...

Musikalische Raritäten im Podcast Selten aber super

Hans-Jürgen Finger ist jede Woche auf der Suche nach Schlager-Juwelen. Hier geht es nicht nur um Evergreens und Ohrwürmer - sondern auch um echte Raritäten.  mehr...