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Nicole und Andy Borg waren Debütanten, Nena und Peter Schilling millionenschwere Musikexporte, Vicky Leandros und Peter Maffay sangen für die Umwelt. In den 1980er Jahren gab es heftige Umbrüche in der Musik. Die Spanne reichte vom Schlager über die Neue Deutsche Welle bis hin zum anspruchsvollen Popsong. Wir lassen die kreative Zeit Revue passieren.

Die Schallplatte war plötzlich out, jetzt legte man eine Compact Disc ein und mit dem Walkman war die Lieblingsmusik sogar überall zu hören. Die ersten Computerspiele kamen auf den Markt und beim Zauberwürfel suchten alle mehr oder weniger verzweifelt den richtigen Dreh. Monchichi-Affen gehörten in jedes Kinderzimmer, in den Wohnstuben hielt der Videorekorder Einzug. Er war das Mittel der Wahl, um dem reichen Angebot im Fernsehen folgen zu können.

Die 80er Jahre (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa / Foto: Bernd Thissen)
Der magische Zauberwürfel - das knarzende Geräusch beim Drehen des Würfels wird keiner je vergessen, der in den 1980ern versucht hat, den Würfel zu bezwingen. picture alliance / dpa / Foto: Bernd Thissen

Nena, Andy Borg und Lambada - die besten Cover

Schimmi und „Tutti Frutti“


„Wetten, dass…?“ feierte im Fernsehen Premiere, ebenso wie „Schimanski“. Deutschland befand sich im Serienfieber: „Dallas“, „Denver“, „Magnum“ oder „Miami Vice“ aus Amerika fesselten die Zuschauer. Wer’s gemütlicher mochte, schaute „Die Schwarzwaldklinik“ oder „Lindenstraße“ aus einheimischer Produktion. ARD und ZDF bekamen ab 1984 Konkurrenz durch das Privatfernsehen. Damit gingen völlig neue Sendeformate einher. „Glücksrad“ und „Tutti Frutti“ waren in aller Munde.

Der Schlager wird politisch

Aus dem Radio klangen nur noch selten die fröhlichen Mitklatsch-Schlager des vergangenen Jahrzehnts. Jetzt hörte man Madonna und Michael Jackson. Wer national Anfang der 1980er Jahre Erfolg haben wollte, konnte am ehesten noch mit balladesken Liedern punkten. Das hatte auch mit der Stimmung der Bevölkerung zu tun, denn die angespannte weltpolitische Lage (NATO-Doppelbeschluss, Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, Krieg zwischen Iran und Irak) bereitete Sorgen.

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Schrill, grell, bunt: NDW

Ein Kontrapunkt zu diesem nachdenklich-melancholischen Musikstil war die „Neue Deutsche Welle". Sie kam zu Beginn der 1980er Jahre auf und hatte ihren Ursprung in der britischen Punk- und New Wave-Bewegung. Die „NDW“ kam schrill, grell und bunt daher, präsentierte neue Klänge und neue Namen. Für die einen war es einfach nur schräg und abgefahren, für andere der Aufbruch zu neuen Ufern.

Die 80er Jahre (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Willy Schöttner)
Nena war ein Shooting-Star der 80er Jahre, die auch international Beachtung fand picture alliance / Willy Schöttner

„Leicht rockorientiert“


„Bärchen und die Milchbubis“, „Mittagspause“ oder „Die Atlantikschwimmer“ - viele dieser teils lustigen Namen aus jener Zeit sind längst Schall und Rauch. Andere hingegen haben diese Mode überlebt und sind bis heute erfolgreich. Dazu zählen beispielsweise Nena und Markus, aber auch die Münchener Freiheit. Deren erste Alben waren noch stark vom Einfluss der „Neuen Deutschen Welle“ geprägt: „Weder Fisch noch Fleisch, Schlagertexte zu seichter, leicht rockorientierter Musik“, so urteilte die Presse damals.


Doch bereits 1984 hatte sich die Band weiterentwickelt und landete mit „Oh Baby“ den ersten Hitparadenerfolg. Zwei Jahre später dann kam mit „Ohne Dich schlaf‘ ich heut‘ Nacht nicht ein“ und rund 600.000 verkauften Singles der Durchbruch. Die „Neue Deutsche Welle“ wirkte nach: Sie hatte das Publikum gegenüber der Rock- und Popmusik offener werden lassen. Immer mehr Mainstream-Hörer interessierten sich für poppige und eingängige Melodien mit anspruchsvollen Texten.

Udo Lindenberg wird 1983 in der DDR vor dem Palast der Republik von Fans umringt (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa -)
Fans umringen Udo Lindenberg 1983 bei seiner Ankunft vor dem Palast der Republik. Sein erstes und einziges Konzert in der DDR wird von der FDJ unter dem Motto "Für den Frieden der Welt - Weg mit dem NATO-Doppelbeschluss" organisiert. picture-alliance / dpa -

Mut zu nachdenklichen Tönen

Ob Politik oder Umwelt, die Inhalte waren ernsthafter geworden. Vicky Leandros, die in den 70er Jahren noch der Langeweile auf dem Land entfliehen und mit ihrem Theo nach Lodz wollte, sorgte sich nun um Gift auf den Feldern und um Betonwüsten statt Flora und Fauna. Zurück ins „Verlorene Paradies“ traf damit den Nerv der Zeit. Mit Udo Jürgens und Peter Maffay stimmten weiter namhafte Künstler in diese nachdenklichen Töne ein. Beim einen war es „Fünf Minuten vor zwölf“, der andere sang von der „Eiszeit“.

Akio Morita - Sony-Chef mit einem Walkman - 1982 (Foto: SWR)
Akito Morita, der Sony-Firmenchef mit einem Walkman - 1982

Singen für Spenden

Peter Maffay zeigte weiteres gesellschaftspolitisches Engagement. Er war bei einem Projekt dabei, das 1985 Spendengelder für Afrika sammelte. Die „Band für Afrika“, entstanden nach dem britischen Vorbild „Band Aid“, nahm die Single „Nackt im Wind“ auf und von jeder verkauften Platte wurden 2 Mark als Spende abgeführt. Die Liste der Mitwirkenden war lang und reichte von Juliane Werding, Gitte, Herbert Grönemeyer bis zu Udo Lindenberg, Klaus Lage, Trio und Wolf Maahn.

Mit Musik gegen Atomkraft

Rockmusiker Wolf Maahn führte dann gleich ein Jahr später viele Künstler aus ebenfalls aktuellem Anlass zusammen. In der Folge der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl entbrannte bundesweit die Diskussionen über das Ausmaß der radioaktiven Belastung von Lebensmitteln und die Anzahl der Kernkraftgegner stieg deutlich an. Musiker wie u. a. Anne Haigis oder Wolfgang Niedecken leisteten einen Beitrag zum gewaltfreien Widerstand gegen Atomkraft und mahnten mit der Platte „Tschernobyl - das letzte Signal“.  

Die 80er Jahre (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Northcliffe Collection)
Helden und Gehetzte der 80er Jahre - die königliche Familie um den Prinzen von Wales und Prinzessin Diana, Prinz Harry und William beim Urlauben in Venedig picture alliance / Northcliffe Collection

Romantik ohne Herz-Schmerz

Optimismus und Lebensfreude waren in dieser politisch und soziologisch brisanten Zeit verständliche Wünsche. Auch hierzu gab es die passende musikalische Untermalung, denn nach dem Abflauen der „Neuen Deutschen Welle“ kehrte in die deutsche Musik auch wieder die Romantik ein. Doch mit „Herz-Schmerz“ vergangener Jahre hatte dies nichts mehr zu tun. Die Grenzen zwischen deutschem Schlager und der Popmusik hatten sich zwischenzeitlich fast vollständig aufgelöst. Deutsche Produktionen waren moderner geworden. In dieser Zeit entstanden viele Klassiker, etwa von Howard Carpendale oder Roland Kaiser. Deutschpop“ war „in“, war massen- und kassentauglich.

Zum Ende des Jahrzehnts präsentierte sich auch die Volksmusik in einem zeitgemäßen Gewand und konnte so neues Publikum gewinnen. Karrieren von Anita & Alexandra Hofmann, damals noch als Geschwister Hofmann unterwegs, oder von Patrick Lindner fanden in diesem Zusammenhang ihren Anfang. Unterstrichen wurde dieser Boom von Wettbewerben wie dem 1986 ins Leben gerufenen „Grand Prix der Volksmusik“.

Sehnsucht nach „ein bisschen Frieden“

Apropos Grand Prix: Zu einem ganz besonderen Highlight der 1980er Jahre zählt bis heute der 24. April 1982. An jenem Abend wurde in Harrogate der jährliche Eurovisionswettbewerb ausgetragen. Als letzte Teilnehmerin ging die junge Saarländerin Nicole für Deutschland ins Rennen. Die langen, blonden Haare engelhaft gebürstet, ein schwarzes Kleid und eine weiße Gitarre, so saß sie auf einem Hocker und gab dem Wunsch nach „Ein bisschen Frieden“ Ausdruck. Die Botschaft war in der ganzen Welt angekommen und wurde mit insgesamt 161 Punkten belohnt. Deutschland hatte damit erstmals den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewonnen.

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