Menschen mit Karte oder Kompass suchen den Weg (Foto: Colourbox)

Statt Navigationsgerät Orientierung kann man trainieren

Wo steht das Auto, wie komme ich durch den Wald? Im Urlaub geht nichts über einen guten Orientierungssinn. Dr. Tobias Meilinger hat Tipps, wie man ihn schärfen kann und erklärt, ob sich Frauen öfter verlaufen als Männer.

Wenn sich Eltern und Kinder uneins sind über die richtige Route, wem würden Sie vertrauen?

Grundsätzlich den Erwachsenen, denn Kinder orientieren sich noch nicht so gut. Und da es bei erwachsenen Frauen und Männern in der Orientierung dann doch einen kleinen Unterschied gibt, würde ich eher dem Papa vertrauen.

Menschen mit Karte oder Kompass suchen den Weg (Foto: Colourbox)
Wo geht's lang? Können die Menschen noch Karten lesen?

Es ist also kein Vorurteil, sondern Tatsache, dass Frauen keinen guten Orientierungssinn haben?

Das wird meist viel zu hoch gehängt. Aber es gibt unterschiedliche Fähigkeiten, wie man sich orientieren kann. Wir unterscheiden zwischen dem Routen- und dem Überblickswissen. Beim Routenwissen orientieren Sie sich auf dem Weg von A nach B an „Landmarken“, also besonders markanten Punkten. Zum Beispiel, dass es am roten Haus nach rechts, am Brunnen dann nach links geht. Sie wissen also zunächst nicht, in welcher Richtung das Ziel liegt, aber, an welchen Punkten Sie Ihren Weg ändern müssen, um zum Ziel zu kommen.

Beim Überblickswissen kennen Sie nicht unbedingt die Route, aber die Richtung. Sie verorten das Ziel räumlich, etwa direkt neben dem Berg oder drei Kilometer östlich Ihres Ausgangspunkts. In dieser Fähigkeit haben Männer gegenüber Frauen einen kleinen Vorsprung und wenn andere Informationen fehlen, würde ich mich lieber darauf verlassen, als auf die Routenstrategie.

Die meisten nutzen heutzutage aber weder das eine noch das andere, sondern nur das Navi. Verlernen wir dadurch unsere natürliche Orientierung?

Es gibt keine Studie, die das klar belegen würde, das liegt daran, dass die Forschung dazu sehr schwierig ist. Man müsste zwei Gruppen von Testpersonen haben, die einen mit, die anderen ohne Navi, dann könnte man nach einer gewissen Zeit schauen, wer sich besser orientieren kann. Doch diese Gruppen gibt es nicht, deshalb kann man nicht sagen, das Navi macht uns blöd. Da die Orientierung aber zu den Fähigkeiten gehört, die man erlernt, kann man davon ausgehen, dass sie nur durch stetes Training erhalten bleibt. Ich würde also erwarten, dass wir uns bei ständigem Navi-Gebrauch mit der Zeit nicht mehr so gut orientieren können, wenn es mal weg ist. Aber ob das tatsächlich so ist, das wissen wir nicht.

Wegweiser ohne Ziele zeigen verschiedene Wege im Gebirge (Foto: Colourbox)
Wenn die Beschilderung versagt, ist der Orientierungssinn gefragt

Im Gegensatz zu den anderen Sinnen ist der Orientierungssinn ja nicht an ein Organ gebunden…

Hier spielen verschiedene Sinne zusammen. Allen voran die Augen, eine große Rolle kommt aber auch dem Gleichgewichtssinn und den Muskeln zu. So registriert das Gehirn, welche Muskeln in Bewegung waren, dann wissen wir die Anzahl der Schritte. Auch die Kommandos an die Beine merkt sich das Gehirn, dadurch bleibt ebenfalls hängen, wie weit wir uns bewegt haben.

Je mehr Aufmerksamkeit und Anstrengung Sie in die Orientierung investieren, desto besser werden Sie!

Tobias Mellinger

Haben Sie Tipps, wie man den Orientierungssinn trainieren kann?

Navigationsgerät in einem Auto (Foto: Colourbox)
Der Tipp:: Das Navigationssystem mal ausschalten

Versuchen Sie immer wieder, einen Weg ohne Navi zu finden.
Prägen Sie sich eine neue Strecke zunächst anhand der Karte ein. Konzentrieren Sie sich dabei auf Abbiegepunkte, setzen Sie sich die schon erwähnten „Landmarken.“ Denn man weiß aus der Forschung, das sind die wichtigsten Informationen, damit Sie erfolgreich an Ihr Ziel kommen.
Anspruchsvoller und für das Training noch effektiver: Wenn man eine unbekannte Strecke geht, sich bei jedem Abbiegen umdrehen und aufmerksam zurückschauen. So nimmt man immer wieder die Perspektive des Rückwegs ein, auf dem man sich dann später viel leichter zurechtfindet.
Wenn Sie dazu noch versuchen, sich auch den Himmelsrichtungen nach zu verorten, dann haben Sie Ihren Orientierungssinn sehr gut trainiert.

Der SWR4 Experte

Dr. Tobias Meilinger (Foto: Privatfoto)
Dr. Tobias Meilinger (Tübingen) ist Psychologe und Experte auf dem Gebiet der biologischen Kybernetik. Dabei geht er der Frage nach, wie das Gehirn von Mensch und Tier Informationen verarbeitet. Privatfoto
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