Ausgefallene Haare in einer Bürste (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de - Foto: Phimchanok Srisuriyamart)

Gesundheit Haarausfall bei Frauen

Wann sind ausgefallene Haare bereits ein Haarausfall und welche Mittel helfen dagegen? Was strapaziert die Haare unnötig und was taugt die Haartransplantation? Antworten von Prof. Dr. Bauer.

Herr Prof. Bauer, der Mensch verliert jeden Tag Haare. Was ist normal und wann ist es Haarausfall?

Unsere Haare unterliegen einem natürlichen Erneuerungszyklus. Sie wachsen bei jungen Menschen über 6-8 Jahre, fallen dann aus und werden durch ein neues Haar mit einer ebenfalls erneuerten Haarwurzel ersetzt. Das Ausfallen von 60-100 Haaren pro Tag ist also ein Zeichen der Regeneration. Die Zahl der ausfallenden Haare pro Tag unterliegt auch einer individuellen Schwankungsbreite, von Mensch zu Mensch, im Laufe des Jahres und auch im Laufe des Lebens. Sind es deutlich mehr als 100 Haare am Tag liegt ein Haarausfall vor.

Welche Ursachen kann Haarausfall haben, sind das bei Frauen andere als bei Männern?

Es gibt eine Vielzahl von Ursachen von Haarausfall, von aus dem Gleichgewicht geratenen Hormonen, über Infektionen, Mangelzustände, Diäten, bis hin entzündliche Erkrankungen. Die meisten kommen in jedem Alter und bei Männern und Frauen vor. Bei dieser Vielzahl möglicher Ursachen sind für eine korrekte Diagnose ein erfahrener Hautarzt, eine gründliche Diagnostik und teilweise auch eine Zusammenarbeit mit Ärzten anderer Fachrichtungen erforderlich.

Färben, heißer Lockenstab, häufiges Waschen sind das Pflegefehler, die Haarausfall begünstigen?

Solche äußeren Faktoren schädigen die Cuticula, die äußere Haut der Haare. Die Haare trocknen aus, werden spröde und brechen. Dadurch werden die Haare auch lichter, ein eigentlicher Haarausfall liegt aber nicht vor. Das Ergebnis kann aber das gleiche sein. Wenn man zu spröden Haaren, Spliss oder abbrechenden Haaren neigt, sollte man die Haare also schonen und pflegen.

Die große Angst der betroffenen Frauen ist, dass die Haare nicht mehr nachwachsen. Stimmt das?

Natürlich haben Frauen diese Angst. Schöne Haare erwartet die moderne Leistungsgesellschaft. Auch Männer stehen unter diesem Druck. Ob alle Haare wieder nachwachsen hängt von der genauen Ursache ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Ein Beispiel für beste Chancen ist Haarausfall nach schwerer körperlicher Belastung, wie zum Beispiel einem hochfieberhaften Infekt. Wenn sich der Körper erholt, wachsen die Haare mit Kraft wieder nach.

Ansprechpartner ist der Hautarzt, wie stellt er die Diagnose?

Zu jeder Diagnose gehören zunächst ein Gespräch über den Erkrankungsverlauf und mögliche Ursachen und eine Untersuchung der Patientin.

  • Bei vielen Haarerkrankungen macht dann eine Haarwurzeluntersuchung Sinn. Diese kann unter dem Mikroskop erfolgen. Dazu müssen allerdings an zwei Stellen jeweils etwa 50 Haare herausgezogen werden. Herausgezogene gesunde Haare wachsen wieder nach. Alternativ kann etwa ein Quadratzentimeter Haare rasiert werden, die Stelle wird dann mit einer speziellen Kamera und Software untersucht. Bei dieser Methode entfällt das Herausziehen der Haare und die Haare wachsen rascher wieder nach.
  • Bei bestimmten entzündlichen Haarerkrankungen kann eine Gewebeprobe entscheidend zur Diagnose beitragen. Dabei wird in örtlicher Betäubung ein etwa 4 Millimeter großes Stückchen Kopfhaut entnommen und im Labor untersucht. Ergänzend können Laboruntersuchgen des Blutes erforderlich sein. Beispiele sind die Bestimmung von weiblichen Hormonen, Schilddrüsenhormonen, Blutbild und Eisen.

Nicht bei jeder Form des Haarausfalls ist jede der Untersuchungen erforderlich und sinnvoll.

Bei der Behandlung geht es ja darum, dass die ausgefallenen Haare wieder nachwachsen. Wie schnell kann man mit einem Erfolg rechnen?

Der Haarzyklus mit seiner Ruhe- und Regenerationsphase der Haarwurzel nach dem Haarausfall und das Wachstum der Haare laufen langsam ab. Es kann Monate dauern, bis man einen Erfolg sieht. Man sollte daher bei einer Behandlung auf keinen Fall zu früh die Hoffnung verlieren.

Werden die Medikamente eingenommen oder auf die Kopfhaut aufgetragen?

Das hängt vor allem von der Ursache des Haarausfalls ab. Die Haarwurzel sitzt etwa 5 Millimeter tief in der Kopfhaut und nicht jeder Wirkstoff kann so tief in die Haut eindringen. Um zu wirken, müssen diese Wirkstoffe dann eingenommen werden.

Coffein im Shampoo, Haarwasser, freiverkäufliche Kieselsäure-, Eisen und Vitamin D-Präparate versprechen auch Abhilfe. Was hält der Experte davon?

Wenn zum Beispiel ein Eisenmangel vorliegt, hilft die Einnahme von Eisen natürlich. Solche echten Mangelzustände sollte allerdings der Arzt diagnostizieren. Wenn eine Patientin unterstützend etwas tun möchte, ist gegen einen maßvollen Einsatz von Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln nichts zu sagen. Wenn es ein Vermögen kostet, ist es aber wahrscheinlich Humbug.

Die Anforderungen an den Nachweis der Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika sind nicht so hoch, wie bei Arzneimitteln. Nicht jede Hoffnung, die geweckt wird, wird erfüllt. Auf jeden Fall sind eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebenswandel sinnvoll. Rasche Gewichtsabnahme, strenge Diäten, Eiweiß-, Eisen- oder Vitaminmangel können auch einen Haarausfall verursachen.

Große Hoffnungen ruhen auf einer „Zufallsentdeckung“, einem Wirkstoff, der eigentlich gegen Bluthochdruck entwickelt wurde. Kann damit tatsächlich auch Haarausfall bei Frauen gestoppt werden?

Ja, bei diesem als Tabletten eingenommenen Blutdruckmittel war eine unerwünschte Nebenwirkung verstärkter Haarwuchs, auch an Stellen wo man es sicher nicht wollte. Man hat die Chance erkannt und trägt die Substanz "Minoxidil" jetzt da auf, wo man Haarwuchs will. Bei einigen Haarerkrankungen wie zum Beispiel dem hormonell bedingten Haarausfall gehört "Minoxidil" heute zu den gut wirksamen Behandlungsmöglichkeiten.

Als letztes Mittel bleibt dann die Haartransplantation. Ist das eine schmerzhafte und auch teure Prozedur und wie sicher ist der Erfolg?

Es ist für manche Patienten und manche Haarerkrankungen eine zusätzliche Option. Es werden allerdings nur einige Tausend Haare verpflanzt. Gemessen an den 100.000 Haaren auf unserem Kopf kann das also nur gewisse Bereiche mit Haarausfall kaschieren. Zuvor muss man allerdings die Ursache wirksam behandeln und auch klären, ob die verpflanzen Haare überhaupt die Chance haben, anzuwachsen. Wer nach der Verpflanzung weiter Haarausfall hat, hat dann nach einiger Zeit ein paar einsame verpflanzte Haare auf dem Kopf stehen.

Das vielleicht zu Unrecht „letzte Mittel“ ist ein Haarteil oder eine Perücke. Hier haben viele Patientinnen Berührungsängste. Es gibt aber so professionell gemachte Perücken, dass selbst ich als Hautarzt es erst auf den zweiten Blick bemerke. Und auch ein geschickter Friseur kann viel für die Patientin erreichen.

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