STAND
AUTOR/IN

Kirchgang, gutes Essen und die Verwandtschaft, Weihnachten ist das Fest der Traditionen und das der Familie. Das kann schön sein, aber auch richtig nerven. Facharzt und Familientherapeut Dr. Markus Löble hat im Gespräch mit SWR4 viele Tipps für ein entspanntes Miteinander.

Weihnachten wie alle Jahre wieder, wie sagt man es der Familie, wenn man darauf schon lange keinen Bock mehr hat?

Keine rigorose Abrechnung machen, nicht grundsätzlich werden. Man stellt nicht die Familie an sich, alle Werte oder gar die ganze Gesellschaft in Frage, es geht nur um dieses Weihnachten, an dem Sie für sich etwas verändern wollen. Formulieren Sie sachlich, bleiben Sie offen für die Argumente der Anderen. „Ich möchte darüber reden, wie ich mir dieses Jahr Weihnachten vorstelle und auch darüber, wie ihr Euch das vorstellt“, ist ein guter Einstieg in ein solches Gespräch. Kommendes Jahr kann Ihr Weihnachten dann ja wieder anders aussehen, vielleicht kehren Sie sogar zu den alten Traditionen zurück.

Deine Eltern, meine Eltern, die eine Oma, der andere Opa … lässt sich der weihnachtliche Besuchsmarathon stoppen, ohne dass jemand gekränkt ist?

Verhandeln und zuhören, das ist der Schlüssel zum Miteinander der Generationen. Wer nur anordnet, bzw. sich verweigert, kommt nicht weit. Auch hier geht es nicht um das grundsätzliche Verhältnis zueinander, sondern nur um ein paar Stunden an diesem Weihnachten. Wie man die zusammen verbringen möchte, darüber redet man vor dem Fest mit den Verwandten, wer an Heiligabend vor den Kopf gestoßen wird, ist zu Recht verletzt. Denn ein gemeinsamer Kompromiss muss mit allen Beteiligten meist regelrecht ausgehandelt werden, das braucht Zeit. Eine Möglichkeit könnte aber auch sein, dass die „Kernfamilie“ alleine feiert, die Verwandten freut bestimmt auch noch ein Besuch nach den Feiertagen.

Für Jugendliche ist die Verwandtschaft sowieso meist nur ätzend…

Jugendliche schauen ins Smartphone, die Eltern schmücken den Weihnachtsbaum (Foto: Imago, Imago -)
Jugendliche an Weihnachten ... Imago Imago -

Wenn wir verhandeln und Kompromisse suchen, dann planen wir Weihnachten ohne emotionale oder psychische Aufladung. Deals nach dem Motto: „Ich bin zwei Stunden bei der Oma, dann darf ich in die Disco“, die sind völlig legitim. Viele Eltern sehen es sehr skeptisch, wenn die Jugend gerade an diesen Tagen außerhalb der Familie feiern will. Doch das sind genau die Weihnachten, an die sich die Kinder noch in Jahrzehnten mit glänzenden Augen erinnern. Hier entstehen und festigen sich Freundschaften für ein ganzes Leben! Deshalb rate ich den Eltern: Gönnen Sie den Kindern altersentsprechend selbstbestimmte Weihnachten, sie werden es Ihnen garantiert irgendwann danken!

Ist man als der oder die Neue in der Familie an Weihnachten ein Störfaktor oder sind die Feiertage ideal fürs erste Kennenlernen?

Familie und Freunde beim Weihnachtsessen (Foto: Imago, Imago/Westend61 -)
Gemeinsames Weihnachtsessen Imago Imago/Westend61 -

Das Fest ist eine großartige Chance, um in der noch fremden Familie Sympathiepunkte zu sammeln. Meine Tipps für die Neuen: Sich bescheiden im Hintergrund halten, Sie müssen keine Zeichen setzen, niemandem etwas beweisen. Sie wollen jeden Einzelnen kennenlernen, nicht Ihre eigene Bedeutung herausstreichen. Ihre Position und Ihren Platz in der neuen Familie werden Sie erst über lange Zeit finden können, nicht an Weihnachten. Und für die Familie gilt: Gegenüber dem/der Neuen nicht auftrumpfen wollen, kein Humor auf Kosten anderer, niemanden bloßstellen.

Weihnachten allein, aber nicht einsam zu verbringen, welche Tipps hat der Fachmann dafür?

Planung und Kreativität sind alles, am besten mit wenig Selbstmitleid. Meine ganz privaten Tipps dazu sind:

  • Arbeiten an Weihnachten ist nicht das Schlechteste.
  • Nicht in jede Kirche, deren Gottesdienste man besucht, muss man gleich eintreten. Es geht um die Menschen, die man trifft, nicht um Ideologie oder Religionen.
  • Schaffen Sie sich für die Weihnachtstage private Literatur- oder Filmzyklen. Lesen Sie ein Buch auf die Feiertage verteilt, schauen Sie jeden Abend eine Folge irgendeines Mehrteilers. Lassen Sie sich was einfallen!

Endlich ist die Familie zusammen, da kann man doch gleich ein paar Probleme offen diskutieren?

Paar streitet vor einem Weihnachtsbaum, davor ein genervter Junge (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Vater, Mutter, Stress... Foto: Colourbox.de -

Eindeutig nein! An Weihnachten geht man rücksichtsvoll und auch großzügig miteinander um, es steht im Vordergrund, was einen miteinander verbindet (etwa die gemeinsame Kindheit) und nicht, was einen heute voneinander trennt. Probleme sollte man in Ruhe und geplant, evtl. auch mit den anderen Familienmitgliedern verabredet (wer spricht wann mit wem?) im neuen Jahr angehen. Entscheidungen unter Zeitdruck, z.B. Erbschaftsangelegenheiten oder familiäre Umbrüche und Weihnachten, das verträgt sich nicht!

Das ganze Jahr über wird immer wieder gezofft, warum ist uns gerade an Weihnachten Harmonie so wichtig?

Weil wir alle, ganz unabhängig von Religion, Glaube und Tradition einen natürlichen Licht-und Jahreszyklus haben, der sich in der dunklen Jahreszeit dem Ende zuneigt. Wir ruhen aus, nach einem Jahr voller Arbeit, mit vielen Erlebnissen, Anstrengungen, Neuerungen, vielleicht auch mit viel Zoff. Deshalb wollen wir die weihnachtliche Harmonie und haben sie uns auch rechtschaffend verdient.

STAND
AUTOR/IN