Wechselwirkungen Wenn Medikamente plötzlich falsch wirken

Ein Gespräch mit Dr. Nicola Hackmann-Schlichter, Apothekerin aus Wiesloch

Medikamente sollen Beschwerden lindern und Krankheiten heilen. Medikamente können aber auch krank machen! Es heißt, dass rund 3 Prozent aller Krankenhauspatienten wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen in die Klinik müssen. Was läuft schief, wenn Medikamente krank machen?

Frau Hackmann-Schlichter, sind unsere Medikamente nicht sicher?

Alle Medikamente, die in Deutschland neu in den Handel kommen, brauchen eine Zulassung. Diese wird nur erteilt, wenn das Medikament sicher erscheint. Auch danach werden weiterhin alle Beobachtungen zu diesem Medikament gesammelt und bewertet. Problematisch können Medikamente durch fehlerhafte Anwendungen werden, z.B. wenn man sie zu häufig oder zu lange nimmt (trifft oft auf Schmerzmittel oder abschwellende Nasensprays zu). Auch das Zusammenspiel mit Nahrungsmitteln, Getränken und mehrerer Medikamente untereinander kann die Sicherheit beeinträchtigen.

Kopfschmerztabletten und Blutdrucksenker sind gängige Medikamente, die man oft zusammen schluckt. Kann das bei einem Mal schon gefährlich werden?

Schmerzmittel, wie Ibuprofen und Diclofenac, sind keine guten Partner für bestimmte Blutdrucksenker. Es kann einen Erhöhung des Blutdrucks die Folge sein und/oder auch eine Verschlechterung der Nierenfunktion. Allerdings gilt dies bei mehrmaliger oder längerer Anwendung, die einmalige Kombination bleibt normalerweise ohne Folgen.

Wenn man die Medikamente zeitversetzt einnimmt, lässt sich so die Gefahr der Wechselwirkungen bannen?

Pillen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Medikamente können sich auf zwei Arten stören: In ihrer jeweiligen Wirkungsweise oder bei der Aufnahme und Verarbeitung der Wirkstoffe im Organismus. Bei diesem zweiten Fall lässt sich mit einer zeitversetzte Einnahme das Problem oft umgehen. Bestes Beispiel dafür sind die Schilddrüsenhormone, die man nüchtern vor dem Frühstück nehmen soll. Deren Aufnahme wird nämlich durch Mineralstoffe wie Magnesium oder Calcium vermindert. Das gilt auch für bestimmte Antibiotika wie Doxycyclin oder Ciprofloxacin.

Ab Oktober 2016 haben Patienten Anspruch auf einen Medikationsplan. Kann er Klarheit bringen?

Alle Patienten, die mindestens 3 Medikamente dauerhaft einnehmen müssen, haben dann einen Anspruch auf diesen schriftlichen Medikationsplan von ihrem Arzt. Apotheker dürfen diesen Plan ergänzen. Das Dokument ist als Information für Fachärzte und Notfallärzte gedacht, deshalb sollte man es immer bei sich haben. Ideal ist diese Form noch nicht, Ziel ist ein elektronischer Medikationsplan auf der Gesundheitskarte. Dafür hat man 2018 ins Auge gefasst. Zusätzlich bieten viele Apotheken schon jetzt eine Medikationsanalyse an. Diese Dienstleistung ist kostenpflichtig und wird von den Krankenkassen nicht übernommen.

Medikamente können sich gegenseitig negativ beeinflussen, problematisch kann es auch im Zusammenspiel mit manchen Lebensmitteln werden. Da fällt einem spontan die Warnung ein: Tabletten nie mit Milch einnehmen!

Der Grund ist das Calcium in der Milch, es verringert oder hemmt sogar ganz die Aufnahme mancher Medikamente im Körper (z.B. Schilddrüsenhormone, das Antibiotikum Doxycyclin, das Osteoporosemittel Alendronsäure). Die Warnung gilt auch für Milchprodukte. Hier sollte man einen zeitlichen Abstand von zwei Stunden beachten, dann ist die Arznei vom Körper aufgenommen und man kann z.B. Joghurt essen.

Der Grapefruitsaft wird in dem Zusammenhang auch oft diskutiert.

Mann mit Tablette und Glas in den Händen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Medikamente am besten mit Wasser einnehmen Thinkstock -

Grapefruitsaft stellt eine Besonderheit dar, weil hier ein zeitlicher Abstand nichts bringt. Er kann manche Arzneistoffe immer stark verändern. Ein anderes Beispiel sind Vitamin K-reiche Gemüse, etwa Kopfsalat, Brokkoli oder Spinat. Vitamin K ist für die Blutgerinnung wichtig, Patienten, die gerinnungshemmende Mittel (z.B. Marcumar® oder Phenprocoumon) nehmen müssen, können durch diese Gemüse die Wirkung des Medikamentes aufheben. Hier gilt: Man kann diese Gemüse in normalen Mengen essen.

Also bleibt‘s dabei: Tabletten am besten mit dem berühmten Glas Wasser schlucken?

Die einfachste Lösung ist die beste: Tabletten mit einem Glas Leitungswasser einnehmen!

Wechselwirkungen von Medikamenten (Tabelle)

Die Übersicht zeigt Beispiele dafür, dass sich Medikamente, die zusammen eingenommen werden, in ihrer Wirkung aufheben oder Nebenwirkungen verstärken können. Häufig hilft es bereits, zwischen der Einnahme einen zeitlichen Abstand einzuhalten. In jedem Fall sollten Sie Ihren Arzt oder Apotheker danach fragen.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
MedikamentMedikamentWechselwirkung
Blutdrucksenker (Betablocker, ACE-Hemmer, Diuretika) wie Metoprolol, Lisinopril oder FurosemidEntzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) wie Ibuprofen oder DiclofenacErhöhung des Blutdrucks
Blutverdünnungsmittel
wie Marcumar
Entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (Aspirin)Verstärkte blutverdünnende Wirkung (erhöhte Blutungsneigung)
Bronchien-erweiternde Asthmasprays oder –inhalatoren
beispielsweise mit Salbutamol
Betablocker (Blutdrucksenker oder Mittel gegen erhöhten Augeninnendruck) wie Metoprolol oder TimololAuslösen eines Asthmaanfalls
Kaliumsalze

Entwässerungsmittel / Blutdrucksenker (Kaliumsparende Diuretika) wie Triamteren oder AmiloridÜberhöhter Kaliumspiegel kann zu Blutdruckabfall oder Muskelschwäche führen
Osteoporosemittel
wie Alendron-, Risedron- oder Ibandronsäure
Mineralstoffe wie Magnesium oder CalciumVerminderte Wirkung des Osteoporosemittels bei zeitgleicher Einnahme
Mineralstoffe wie Magnesium oder CalciumAntibiotika wie Ciprofloxacin, Levofloxacin, Norfloxacin, OfloxacinVerminderte Wirksamkeit des Antibiotikums bei zeitgleicher Einnahme
Schilddrüsenhormone
wie L-Thyroxin
Mineralstoffe wie Magnesium oder CalciumVerminderte Wirkung des Schilddrüsenhormons bei zeitgleicher Einnahme
Mineralstoffe
wie Magnesium oder Calcium
Antibiotika wie Doxycyclin oder TetracyclinVerminderte Wirksamkeit des Antibiotikums bei zeitgleicher Einnahme
Entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR),
wie Ibuprofen oder Diclofenac
Kortisonpräparate zum Einnehmen wie PrednisolonErhöhte Gefahr für Magenblutungen
Cholesterinsenker (Statine)
wie Simvastatin, Atorvastatin
Lovastatin
Antibiotika wie Erythromycin oder Clindamycin Verminderte Wirkung des Cholesterinsenkers
Quelle: Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, September 2016.

Wechselwirkungen von Medikamenten mit Lebensmitteln (Tabelle)

Milch ist für die Einnahme von Medikamenten nicht geeignet. Grapefruitsaft ist ebenfalls nicht zu empfehlen. Aber wussten Sie, dass auch Goji-Beeren, Lakritze oder Brokkoli die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen können?

Wechselwirkung mit Nahrungsmitteln
LebensmittelMedikamenteWechselwirkungen vermeiden
Milch und MilchprodukteEinige Antibiotika, Medikamente gegen Knochenschwund, EisenpräparateZwei Stunden Abstand zwischen Medikament und dem Verzehr von Milchprodukten
Goji-BeerenEinige blutverdünnende MedikamenteAuf Goji-Beeren und Zubereitungen mit diesen Beeren verzichten
Grapefruit (Frucht und Saft)Verschiedene MedikamenteVerzichten Sie auf Grapefruit und Grapefruitsaft
Lakritze (mit Extrakt der Süßholzwurzel, auch in Tees)Blutdrucksenkende MittelPatienten mit Bluthochdruck sollten wenig oder keine Lakritze essen
Grüne Gemüse mit Vitamin K (Spinat, Brokkoli)Einige blutverdünnende Medikamente (Vitamin-K-Antagonisten) z.B. MarcumarKeine abrupte Umstellung der Ernährung – grüne Gemüse nur in normalen Mengen essen
Alkohol Verschiedene Medikamente, z.B. einige Psychopharmaka und SchlafmittelAuf Alkohol verzichten
Citrathaltige Getränke wie Limonaden, Fruchtsäfte, WeineSäurebindende Mittel (Antazida), die bei Magenbeschwerden (z.B. Sodbrennen) eingenommen werden und die Aluminiumsalze enthaltenZwei Stunden vor und nach der Medikamenteneinnahme auf diese Getränke verzichten
Koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Cola, schwarzer TeeMedikamente mit dem Wirkstoff Theophyllin gegen Asthma oder chronische BronchitisWährend der Einnahme vollständig auf koffeinhaltige Getränke verzichten
Lang gelagerte, eiweißreiche Lebensmittel wie Salami, Käse, Suppenwürfel, SojasauceVerschiedene Medikamente gegen Depressionen und die Parkinson-KrankheitNur kleine Mengen zu sich nehmen oder ganz darauf verzichten
RauchenVerschiedene Medikamente wie Antibabypille, einige Mittel gegen Asthma, Depressionen, ParkinsonZigarettenrauch steigert den Abbau mancher Wirkstoffe in der Leber und erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Ganz auf das Rauchen verzichten.
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