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Der Hohlenstein

UNESCO-Welterbe Eiszeithöhlen auf der Schwäbischen Alb

Die Eiszeithöhlen in den Tälern der Ach und der Lone auf der Schwäbischen Alb sind Weltkulturerbe. Wir stellen Ihnen die Fundorte bedeutender Artefakte vor.

Mammut aus Elfenbein

Das Mammut aus der Vorgelherdhöhle gilt als das älteste, komplett erhaltene plastische Kunstwerk der Welt.

Sie sind die international anerkannten Stars der Höhlen im Lonetal bei Giengen und im Achtal bei Blaubeuren: das Elfenbein-Mammut von der Vogelherdhöhle, die Venus vom Hohlen Fels, der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel. Weltweit einmalige Kunstwerke, die eiszeitliche Jäger und Sammler vor rund 40.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb geschaffen haben. Löwenmensch, Mammut und Co. zählen zu den ältesten bekannten Kunstwerken der Menschheit.

Das mächtige Felsmassiv des Hohlensteins

Das mächtige Felsmassiv des Hohlenstein-Stadels im Lonetal bei Niederstotzingen.

Ritterschlag für die Eiszeithöhlen

Aber die älteste figürliche Menschendarstellung der Welt, die ältesten Musikinstrumente und plastischen Tierdarstellungen aus Mammutelfenbein waren nicht Gegenstand des Antrags. Es ging um die Fundstätten. Im Lonetal zwischen Giengen und Niederstotzingen (Kreis Heidenheim) sind das die Vogelherdhöhle, der Hohlenstein und die Bocksteinhöhle, im Achtal zwischen Schelklingen und Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis) der Hohle Fels, der Sirgenstein und das Geißenklösterle. Diese Höhlen sind seit der Entscheidung des Welterbekomitees vom Sonntag, 9. Juli 2017, Weltkulturerbe.

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Wandern von einem Weltkulturerbe zum anderen

Die Eiszeithöhlen im Lonetal und Achtal

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Wandergruppe am Eingang der Bocksteinhöhle. Über einem Talkessel des Lonetals, nördlich der Gemeinden Rammingen und Öllingen, liegt der so genannte Bocksteinkomplex, ein Felsmassiv mit mehreren Höhlen und einem Felsdach. Die Fundstellen des Bocksteinkomplexes sind vor allem für das Mittelpaläolithikum – die Zeit des Neandertalers – von europaweiter Bedeutung.

Wandergruppe am Eingang der Bocksteinhöhle. Über einem Talkessel des Lonetals, nördlich der Gemeinden Rammingen und Öllingen, liegt der so genannte Bocksteinkomplex, ein Felsmassiv mit mehreren Höhlen und einem Felsdach. Die Fundstellen des Bocksteinkomplexes sind vor allem für das Mittelpaläolithikum – die Zeit des Neandertalers – von europaweiter Bedeutung.

Kernzone und Pufferzone des geplanten Welterbegebietes im Lonetal mit den Höhlen Bockstein, Hohlenstein und Vogelherd.

Aus der Bocksteinhöhle hat man einen herrlichen Blick auf das Lonetal. Der heutige große Eingang zur Höhle ist das Ergebnis einer Sprengung im 19. Jahrhundert.

Infotafel zum Bocksteinkomplex mit Bocksteinhöhle, Bocksteinloch und Bocksteingrotte.

Erwin Pregel ist ein so genannter Alb-Guide. Der 82-Jährige hat sich auf Gästeführungen zu den Höhlen im Lonetal spezialisiert. Hier erklärt er einer Wandergruppe am Fuß der Bocksteinhöhle warum Steinzeitmesser so scharf sind.

Der Aufstieg zur Bocksteinhöhle und dann weiter auf die Anhöhe ist kein Spaziergang.

Eine beeindruckende Felsöffnung an der Bocksteinhöhle.

Über einem Talkessel des Lonetals, nördlich der Gemeinden Rammingen und Öllingen, liegt der sogenannte Bocksteinkomplex, ein Felsmassiv mit mehreren Höhlen und einem Felsdach.

Der Vogelherd befindet sich nordwestlich von Niederstotzingen auf der Südseite des Lonetals. Die Vogelherdhöhle ist seit Mai 2013 Teil des Archäoparks Vogelherd. Direkt unterhalb des Vogelherds trifft ein von Süden kommendes Trockental auf das Lonetal, so dass man von der Höhle eine gute Rundumsicht auf die Tallandschaft hat. Der etwa 50 Meter lange Höhlenraum besitzt zwei Hauptzugänge – den Südwest- und den Südeingang. Daneben gibt es eine kleine Öffnung in Richtung Norden, die aber nicht begehbar ist.

Aus Mammutelfenbein geschnitzter Höhlenlöwe aus der Vogelherdhöhle im Lonetal. Die meisten der bislang gefundenen Kunstobjekte bilden die Fauna der eiszeitlichen Landschaft einer Steppentundra ab - Mammut, Wisent, Pferd, Höhlenlöwe oder Höhlenbär. Daneben gibt es auch Darstellungen kleinerer Tiere - ein Wasservogel, ein Fisch und wahrscheinlich ein Igel. Etwas Besonderes sind Darstellungen von Menschen sowie Mischwesen von Mensch und Tier. Weltbekannt sind die Venus vom Hohle Fels, die die älteste Frauendarstellung ihrer Art ist, sowie der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel, ein aufrecht stehendes Mischwesen aus Mensch und Löwe.

Von den Höhlen - wie hier von der Bocksteinhöhle - hat man einen herrlichen Blick ins Lonetal.

Knapp fünf Zentimeter große Darstellung eines Wildpferds, gefunden in der Vogelherdhöhle im Lonetal. Das Wildpferd aus Mammutelfenbein ist mittlerweile eine Art Werbe-Ikone für die Eiszeithöhlen auf der Schwäbischen Alb.

Ebenfalls aus der Vogelherd-Höhle stammt diese Mammut-Skulptur aus Mammut-Elfenbein. Sie ist nur 3,7 Zentimeter lang und rund 35.000 Jahre alt. Die Figur gilt als das älteste, komplett erhaltene plastische Kunstwerk der Welt.

Die Wege zu den Eiszeithöhlen des Lonetals und den nächstgelegenen Ortschaften sind gut ausgeschildert.

Wie kaum eine andere Fundstelle im Lonetal hat der Hohlenstein herausragende Funde aus der Zeit der Neandertalers geliefert. Der Hohlenstein ist ein Felsmassiv am südlichen Rand des Lonetals nordwestlich von Asselfingen. Zwei Höhlen öffnen sich nebeneinander: die Bärenhöhle und die Stadel-Höhle. Im hinteren Teil der Höhle bilden zwei gegenüberliegende Nischen eine kleine Kammer – die sogenannte "Kammer des Löwenmenschen". Hier wurden die Bruchstücke des weltberühmten Löwenmenschen gefunden. Heute ist der Löwenmensch im Ulmer Museum zu sehen. So sieht er aus...

Der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal ist sicher die beeindruckendste Elfenbeinfigur der Eiszeit. Um die vielen hundert Bruchstücke zusammenzusetzen brauchten die Forscher 80 Jahre. Heute ist filigrane Figur aus Mammutelfenbein Teil einer archäologischen Dauerausstellung im Ulmer Museum.

Das mächtige Felsmassiv des Hohlenstein-Stadels im Lonetal bei Niederstotzingen.

Der hintere Teil des Hohlenstein-Stadels ist nicht mehr zugänglich.

Infotafel am Hohlenstein, dem Fundort des berühmten Löwenmenschen.

Der Hohlenstein-Stadel und rechts davon die kleinere Bärenhöhle.

Eingang zur Bärenhöhle, in der viele Überreste der eiszeitlichen Höhlenbären gefunden wurden.

Auf dem Neandertalerweg kann man die Eiszeithöhlen des Lonetals erwandern. Der Neandertalerweg beginnt am Waldrand nördlich von Lindenau und ist mit einem freundlichen Neandertaler markiert. Länge: ca. 11,5 km, Dauer: 3,5-4 Stunden, Start: Archäopark Vogelherd, Lindenau oder Parkplatz Bocksteinhöhle, Schwierigkeit: leicht bis mittel, 151 Höhenmeter Anstieg. Alle Infos zum Neandertalerweg finden Sie HIER.

Durch das Lonetal floss bis vor einigen Jahren noch der kleine Bach Lone. Mittlerweile ist die Lone ausgetrocknet.

Das Lonetal zwischen Giengen und Niederstotzingen Ende April.

Kernzone und Pufferzone des geplanten Welterbegebietes im Achtal mit den Höhlen Geissenklösterle, Sirgenstein und Hohle Fels.

Die Höhle im Hohle Fels liegt nordöstlich von Schelklingen am Talrand der Ach. Berühmtester Fund ist die Venus vom Hohle Fels. Der Höhleneingang öffnet sich nach Norden zu einem großen Vorplatz. Der Eingangsbereich der Höhle besteht aus einem fast 30 Meter langen Gang, der sich im hinteren Bereich zu einem etwa 10 Meter breiten Raum – dem sogenannten Korridor – weitet. Hinter dem Korridor gelangt man in die eigentliche Höhlenhalle, die etwa 25 mal 25 Meter groß und stellenweise bis zu 30 Meter hoch ist.

Eine aus Mammutelfenbein geschnitzte Frauenstatuette, die sogenannte Venus vom Hohle Fels. Sie wurde am 2009 in Tübingen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Höhle im Sirgenstein im Achtal. Der breite Höhlengang führt in eine kuppenartige Halle mit zwei Öffnungen in der Decke. Im hinteren Teil der Höhle liegen große Versturzblöcke, hinter denen sich der Höhlengang möglicherweise fortsetzt.

Das Achtal bei Blaubeuren (Luftbild: Christoph Steffen)


Der lange Weg zum Weltkulturerbe

Noch 2010 hatte Prof. Nicholas Conard von der Uni Tübingen bedauert, dass das Land so zurückhaltend mit den einzigartigen Höhlen und Funden umgehe. Archäologe Conard leitet seit Jahren die Ausgrabungen der Funde im Lone- und Achtal. Immer wieder besuchten Experten die Fundstätten - darunter auch Vertreter der Kultusministerkonferenz, des Auswärtigen Amtes, der Unesco. Im Jahr 2016 wurde ein fast 900 Seiten umfassender Antrag zu den Höhlen der ältesten Eiszeitkunst bei der UNESCO in Paris eingereicht, der mit der Entscheidung im polnischen Krakau von der UNESCO angenommen wurde.

Karten: Die Eiszeithöhlen im Lonetal und Achtal

Kern- und Pufferzonen des geplanten Welterbegebietes im Lone- und Achtal

2010 verabschiedeten Alb-Donau-Kreis und Landkreis Heidenheim eine Resolution, mit dem Ziel, den Weltkulturerbe-Antrag zu fördern. Einer der treibenden Kräfte ist Hermann Mader, heute Vorsitzender des Fördervereins Eiszeitkunst, damals noch Heidenheimer Landrat. Seit 2012 war der Antrag von einer Arbeitsgruppe des Landesamts für Denkmalpflege, unter Leitung von Prof. Claus-Joachim Kind, vorbereitet worden. Der Antrag umfasst sechs Höhlen im Lone- und im Achtal.

Seit 2012 wird am Landesamt für Denkmalpflege (LAD) die Nominierung der "Höhlen der ältesten Eiszeitkunst" (engl. "Caves with the oldest Ice Age art") vorbereitet. Der Antrag wurde von einer eigenen Arbeitsgruppe nach den Richtlinien der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) erstellt. Die Arbeitsgruppe besteht aus drei Wissenschaftlern mit Schwerpunkt in der Eiszeitforschung. Anfang 2016 wurde der Welterbeantrag offiziell bei der UNESCO eingereicht.

Im Juni 2014 wurden die "Höhlen der ältesten Eiszeitkunst" unter mehr als 30 Anträgen von der Kultusministerkonferenz auf Platz eins der deutschen Vorschlagsliste für den Welterbe-Antrag gesetzt. Mitbewerber sind zum Beispiel das Bauhaus in Dessau, der Naumburger Dom und die Lutherstätten in Mitteldeutschland. Die Chancen für die beiden Täler auf der Schwäbisch Alb Weltkulturerbe zu werden, sind nach Auffassung Kinds "relativ gut". Die UNESCO ernenne mittlerweile verstärkt prähistorische Orte.

Keine Windräder an den Höhlen

Ein Streit um ein kulturpolitisch heikles Windkraftprojekt der EnBW auf der Schwäbischen Alb ist zugunsten des Denkmalschutzes ausgegangen. Das Landratsamt des Alb-Donau-Kreises lehnte den Antrag des Stromkonzerns ab, bei der Bocksteinhöhle drei rund 200 Meter hohe Windräder zu bauen. Denkmalschützer hatten gewarnt, dass die Windräder für den offiziellen deutschen UNESCO-Antrag das Todesurteil bedeute. Den Denkmalpflegern dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, und nicht nur ihnen. Denn die Blamage wäre nicht auszudenken gewesen, wenn ausgerechnet ein landeseigenes Unternehmen dem vom Land initiierten UNESCO-Antrag den Garaus gemacht hätte. Die anderen Bundesländer hätten nur auf einen solchen Lapsus gewartet, denn ihre Anträge waren zugunsten der Alb zurückgestellt worden.

Denkmalpfleger rühren die Werbetrommel

Bei der Werbung für den erhofften Ritterschlag ging die Landesregierung in die Vollen. "Höhlen der ältesten Eiszeitkunst" nennt sich eine 150-seitige, zweisprachige Hochglanzschrift, die eigentlich mehr Buch ist als Broschüre. Auch im Internet, wo sich der Band als pdf-Datei herunterladen lässt, rühren die Denkmalpfleger die Trommel und haben mit www.iceageart.de eine neu gestaltete Website freigeschaltet. Hätte die UNESCO den Höhlen das Weltkulturerbesiegel versagt, wäre das nach Ansicht vieler Experten kein Beinbruch gewesen. Denn die Höhlen im Lone- und Achtal bleiben eine kulturhistorische Besonderheit mit Weltgeltung: Nirgendwo wurden bislang ältere Artefakte gefunden. Der Urknall der Kunst ereignete sich tatsächlich auf der Schwäbischen Alb.

Bisherige Welterbestätten in Baden-Württemberg sind:
das Kloster Maulbronn, die Klosterinsel Reichenau im Bodensee, der obergermanisch-rätische Limes, die Pfahlbauten im Bodensee und in Oberschwaben und zwei Häuser der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. 41 Stätten in Deutschland sind in die Welterbeliste der UNESCO eingetragen.


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