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Dokumentation über Harry Wörz Leben unter Verdacht

Interview mit dem Regisseur Gunther Scholz

Harry Wörz kämpfte zwölf Jahre gegen den Verdacht, er habe versucht seine Ex-Frau zu töten. Hinter ihm liegt eine beispiellose Odyssee durch die Institutionen der deutschen Justiz - die erst am 15. Dezember 2010 zu Ende ging. Der Filmemacher Gunther Scholz hat Wörz dabei mit der Kamera begleitet. Im Interview mit SWR.de erzählt der Regisseur, warum ihn der "Fall Harry Wörz" seit so langer Zeit beschäftigt und bewegt.

SWR.de: Herr Scholz, Sie haben seit 2001 ingesamt drei Filme über den "Fall Harry Wörz" gedreht – wie kamen Sie dazu, sich so intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen?

Porträt von Gunther Scholz

Regisseur Gunther Scholz

Gunther Scholz: Ich hatte einen Film über einen anderen vermutlich Unschuldigen gedreht und dafür den deutschen Fernsehpreis bekommen. Nach einer solchen Sendung bekommt man natürlich sehr viel Post, unter anderem schrieben mir Freunde von Harry Wörz, die nach Unterstützern suchten. Ich hatte zunächst wenig Lust, mich erneut eines solchen Themas anzunehmen, denn das ist immer eine sehr komplizierte Entscheidung, weil Sie ja auch Position beziehen müssen.

Ich habe mich dann in den Fall vertieft. Das Besondere war, dass ein Mann verurteilt worden ist und ein Jahr später ein anderer deutscher Richter sagt: Ich kann einer Schadenersatzforderung nicht zustimmen; ich kann nicht sagen, ob Wörz der Schuldige ist oder nicht, aber hier stimmen viele Dinge nicht. Mit diesem Richter hatte ich wiederholt gesprochen, was dann mein Engagement in diesem Fall ausgelöst hat - weil ich mir sicher sein konnte, nicht auf der falschen Seite zu stehen.

Im Film spürt man eine große Vertrautheit zu Wörz, die Sie ja auch thematisieren. Wie geht das zusammen mit dem Anspruch des Dokumentarfilmers, objektiv zu sein?

Das ist ein ganz komplizierter Prozess. Man braucht ein großes Maß an Überzeugtheit, um dann irgendwann zu sagen: Gut, ich positioniere mich. Ich bin überzeugt, er war es nicht, er kann es nicht gewesen sein, zu vieles spricht dagegen. Aber ich habe in diesem letzten Film auch kurz die Frage thematisiert: Und wenn er es nun doch war? Das begleitet Sie natürlich, und immer wieder klopfen Sie Ihre eigenen inneren Argumente und die Sachverhalte ab. Man fühlt sich natürlich besser aufgehoben, wenn man merkt, dass ein Gericht – wie 2009 – den Fall mit ebenso kritischen Fragen beleuchtet und auf einmal ganz erstaunliche Dinge zutage fördert, die die eigene Position stützen.

War Harry Wörz Ihnen von Anfang an sympathisch?

Harry Wörz sitzt in seinem Wohnzimmer, mit einem Stapel Akten auf dem Schoß

Harry Wörz während der Dreharbeiten

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass er ein Mann ist, der Hilfe braucht. Ich hatte ihn im Gefängnis besuchen können, und er hatte eine solche Geradlinigkeit. Wie er sich abgegrenzt hat, wie er vor Verurteilung, gerade seiner Ex-Frau Andrea, zurückgeschreckt ist. Sie stand unter Drogenverdacht, und er sagte: Ich will mich dazu nicht äußern. Eine überaus vorsichtige, sehr redliche und sehr ehrliche Position.

Gab es auch Situationen während der Entstehung des Films, die Sie als schwierig empfunden haben?

So ein Film ist auch eine Belastung für den Einzelnen. Auch für Wörz ist es eine Anstrengung gewesen. Sie haben auch mal das Gefühl, dass Sie mit der Kamera stören. Sie müssen ihm immer auf die Pelle rücken, müssen ihn immer fragen, wie es ihm geht. Das ist schon schwierig. Im Grunde seines Herzens hat er einfach den Wunsch, unbehelligt in seinem Dorf zu leben und ein normales Leben zu führen. Aber das ist eben seit zehn Jahren nicht möglich. Welche inneren Prozessen bei ihm passiert sind, wissen wir wahrscheinlich alle gar nicht. Man kann nur die Fakten schildern, ein Gefühl für die Zeitläufte vermitteln. Wie die Zeit verstreicht in einem Leben und man immer unter diesem Verdacht steht. Der Film ist ein Versuch, davon zu erzählen.

Mir drängte sich beim Anschauen des Films der Verdacht auf, dass man vielleicht von Ermittlerseite dachte, Harry Wörz sei ein leichtes Opfer, weil er einen so gutmütigen Eindruck vermittelt. Glauben Sie, dass das eine Rolle gespielt hat?

Ja, das glaube ich schon, aber Sie müssen es auch von der anderen Seite her sehen. Betroffen waren Polizisten. Da ist zum einen der Vater, der natürlich bei einer solchen Geschichte am Anfang sehr viel Mitleid bekommt. Aber er ist Polizist, ein Kollege, und schon wird er anders befragt. Und da ist noch der andere Polizist [Anmerkung: Thomas H., der verheiratete Geliebte des Opfers].
Von Anfang an muss bei den Ermittlern die Meinung geherrscht haben: Von uns war es keiner. Es sind Entscheidungen gefallen, die die Ermittlungen wahnsinnig erschwert und belastet haben - oder in eine gewünschte Richtung gebracht haben.

Warum wollte die Familie des Opfers nicht mit Ihnen sprechen?

Ich hatte ein langes erstes Gespräch und hatte auch die Möglichkeit, einen Spaziergang von Andrea [Anm.: das Opfer] mit der Mutter zu drehen. Als der erste Film rauskam, merkten sie, dass ich mich anders positioniere, dass meine Sympathien auf eine andere Seite gehören und haben seitdem konsequent jeden Kontakt verweigert. Ein Grundproblem, das ich auch im Film benenne, ist, dass ich Fragen an den Vater habe, die mir bisher noch nicht beantwortet worden sind.

Haben Sie noch Kontakt zu Harry Wörz?

Ja, es gibt noch Kontakt.

Wie geht es ihm?

Das müssten Sie ihn am besten selber fragen.

Am Ende des Films äußern Sie den Wunsch, dass dies der letzter Film war, den Sie über Harry Wörz gedreht haben. Glauben Sie, dass der "Fall Wörz" nun tatsächlich zu den Akten gelegt werden kann?

Ich kann es nur hoffen. Das Gericht hat mit einer großen Klarheit gesagt, dass nichts dafür spricht, dass er der Täter war. Im Gegenteil. Es gibt dringende Verdachtsmomente, dass ein anderer in Frage kommt. Sie haben das im Urteil personifiziert. Deshalb glaube ich schon, dass der "Fall Wörz" abgeschlossen werden kann. Ich würde mir wünschen, dass der "Fall Andrea" noch nicht abgeschlossen ist. Ich bezweifle aber, dass es tatsächlich möglich ist, noch einen Täter zu überführen.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Polizei und zur Justiz durch den Film geändert?

Ich bin kritischer geworden bei der Bewertung von Dingen, die ich höre. Wobei es natürlich auch eine Menge an klugen und interessanten Polizisten gibt, die aufopferungsvoll ihre Arbeit machen, die ja nicht leicht ist. Was aber in diesem Fall passiert ist und sich mir aufgetan hat, ist erschreckend gewesen. Und es wird mich deutlich hindern, ein ungetrübtes Vertrauen zur Polizei zu haben.

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