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Raritäten "Sanella, Sanella auf’m Teller..."

Hitkopplungen sind preiswert, schnell zu produzieren und erfüllen den Wunsch der Musikfans, alle großen Hits zu besitzen. In den 60ern begann eine Plattenfirma mit der Veröffentlichung von Spitzenreitern, nach Jahrgängen sortiert. Den Anfang machte das Gründungsjahr der Bundesrepublik. Da findet sich manches vergessene Juwel.

Es gibt immer einen Grund zu feiern! Vor allem bei runden Geburtstagen. 60 Jahre ist es her, als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Im selben Jahr veröffentlichte RCA Victor in Amerika die erste Vinyl-Single-Schallplatte und mit der Genehmigung der Militärregierung brachte im April des Jahres 1949 die Deutsche Grammophon-Gesellschaft die ersten „Sternchen“ auf dem Polydor-Label heraus.

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Bilder der "Spitzenreiter 1949"

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Damals passte noch der Text zum Bild: Die Spitzenreiter-Platte wurde mit einem Springreiter illustriert.

Damals passte noch der Text zum Bild: Die Spitzenreiter-Platte wurde mit einem Springreiter illustriert.

Das nostalgische Programm beginnt mit dem niederländischen Gesangsduo Goldy & Peter de Vries, das Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre auch hierzulande Schallplatten mit ansehnlichem Erfolg veröffentlichte. „Von den blauen Bergen kommen wir“, einer amerikanischen Volksweise nachempfunden, war der größte Hit der beiden.

René Carol war gleich mit zwei Gassenhauern vertreten. Zusammen mit Danielle Mac war er am Puls der Zeit und nahm zwei Titel im Sambarhythmus auf. Dieser Tanz erfreute sich Ende der 1940er Jahre in Deutschland großer Popularität. „Maria aus Bahia“ und „Am Zuckerhut“ waren die Titel, die südamerikanisches Flair auf die Grammophone brachten. Beim „Zuckerhut“ wurde Willy Schneider noch als stimmliche Verstärkung engagiert. Vielleicht erinnert man sich auch noch an die Parodie, die es auf die Melodie von „Maria aus Bahia“ gegeben hat. Die Menschen im Nachkriegsdeutschland sangen „Ay, ay, ay Sanella, Sanella auf’m Teller…"

Willy Schneider, der Sänger vom Rhein, den man meist mit Liedern im Volkston oder Operettentiteln in Verbindung bringt, ist auf der LP zweimal als Solist dabei. Das „Märchen von Tahiti“ (im Original: Pagan Love Song) wurde bereits 1930 beispielsweise von Richard Tauber gesungen. Ende der 40er Jahre gab es zeitgleich noch Aufnahmen von Lys Assia oder den Kilima Hawaiians. Darüber hinaus erklingt von ihm die Eindeutschung des amerikanischen Volksliedes „Carry me back to old Virginny - Heimweh nach Virginia"

Der erste deutsche Nachkriegshit „Capri-Fischer“, den Gerhard Winkler bereits 1943 schrieb, ist - selbstredend - mit Rudi Schuricke vertreten. Dieser war jedoch gar nicht der Originalinterpret dieses Liedes, sondern die Sopranistin Magda Hain, welche vom Komponisten Gerhard Winkler entdeckt wurde. Erst in der Interpretation von Rudi Schuricke war dem Schlager Erfolg beschieden. Bei der Beschriftung der LP hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen: angekündigt wird die rare Einspielung von 1943 mit dem Orchester des Plaza-Variètes unter der Leitung von Theo Knobel. Diese Aufnahme landete seinerzeit auf dem Index, nachdem die Alliierten 1943 bereits auf Capri gelandet waren. Die bereits gepressten Schellack-Platten wurden entsorgt. Stattdessen erklingt die Einspielung von 1949 mit dem Orchester Alfred Hause, die Rudi Schuricke eine der ersten goldenen Schallplatten einbrachte, die in Deutschland verliehen wurden. Ganz in diesem Kolorit war auch der zweite Schuricke-Titel auf der „Spitzenreiter-LP“: „Abends in Napoli“. Ein Lied, welches leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 1950 wurde es von René Carol nochmals aufgenommen, allerdings ohne Erfolg.

Mit Gitarre, Kontrabass und Akkordeon waren „die drei Nickels“ (ähnlich den „3 Travellers“) erfolgreich. Neben Solo-Platten war das Terzett auch als Begleitchor auf etlichen Schallplattenaufnahmen zu hören. Zu dem größten Hit wurde „Der alte Schimmel ist im Himmel“. Dieser Titel wurde bereits 1934 von Jimmy Kennedy komponiert und hieß im Original „Roll along covered wagon“ und war ein Erfolg für etliche renommierte Tanzkapellen der 1930er Jahre in Großbritannien und Amerika. In den 1960er-Jahren wurde der Titel erneut von den James Brothers (Peter Kraus & Jörg Maria Berg) aufgenommen.

Aus der Schweiz kam Marthely Mumenthaler, die zusammen mit ihrer Partnerin Vrenely Pfyl über 25 Jahre das erfolgreichste Schweizer Jodlerduo war. Über 100.000 Exemplare wurden von dem in schwyzerdütsch gesungenen Lied „Nach em Räge schint Sunne“, das Artur Beul (der Ehemann von Lale Andersen, welche diesen Titel auch sang) komponierte, verkauft. In Deutschland hatten diesen Titel („Nach Regen folgt Sonne“) neben den „3 Travellers“ Will Höhne sowie Rita Paul im Duett mit Bully Buhlan aufgenommen. Selbst in den USA war es unter “When a Swiss Boy goes calling to a Swiss Miss in June” erfolgreich. Die Andrews-Sisters waren damit ein halbes Jahr lang an der Spitze der Hitparaden zu finden.

Die österreichische Schauspielerin Maria Andergast sang 1947 im Film „Hofrat Geiger“ den von Hans Lang komponierten Schlager „Mariandl“, der ihre zweite Karriere als Sängerin begründete. Hans Lang war nicht nur der Komponist sondern gleichzeitig auch ihr ständiger Duettpartner. Auf der LP ist auch deren Evergreen „Du bist die Rose vom Wörthersee“ zu hören. Er stammt aus dem 1948 gedrehten Film „Der alte Herr Kanzleirat“, in dem Hans Moser die Hauptrolle spielt.

Die unglaublich rasante Fußballreportage über das Spiel von Schienbein 04 gegen die Meniskus-Kickers ist längst Kult. Theo Lingen sang diesen Schlager vom „Theodor im Fußballtor“ von Werner Bochmann nicht nur auf Schallplatte, sondern ein Jahr später auch im Film. 1950 wurde das gleichnamige Lustspiel gedreht, in welchem neben Theo Lingen so bekannte und beliebte Stars wie Lucie Englisch, Hans Moser, Gustav Knuth, Josef Meinrad oder Beppo Brem zu sehen waren.

Detlev Lais war in den 1940er und 1950er Jahren ein gefragter Saxophonspieler und Sänger. Bei vielen großen Big-Bands in Berlin war er als Musiker dabei, so z. B. bei Willy Berking, Kurt Hohenberger oder dem legendären „Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchester“. Darüber hinaus unterhielt er sein eigenes Orchester „Detlev Lais und seine Rhythmiker bzw. seine Solisten“. Unter dem Pseudonym „Juan Miguel Gonzales“ begleitete er 1955 „Frederico Quinn“ (Freddy Quinn) auf einer seiner ersten Schallplatten. Mit Anneliese Rothenberger („La-Le-Lu“) und Renée Franke („Eine weiße Hochzeitskutsche“) hat Detlev Lais etliche Duettplatten mit großem Erfolg aufgenommen. 1949 sang er Edith Piaf’s unvergessliches Chanson „La vie en rose“ in deutscher Sprache: „Schau’ mich bitte nicht so an"

„Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt“ wurde nicht nur zum geflügelten Wort sondern zu einem Karnevalsevergreen der Extraklasse. 1949 hatte dieses Walzerlied, das Jupp Schmitz komponierte und im Original sang, Premiere. Es entsprach voll und ganz dem Zeitgeist und hat an Aktualität bis heute nichts verloren. Kurt Feltz ließ sich den Text dazu einfallen. Er war es auch, der Jupp Schmitz einst dazu animierte, Lieder zu komponieren.

Die "Spitzenreiter" als Jahrgangschronik

Die Polydor kam in den 1960er Jahren mit einer LP-Serie auf den Markt, die mit „Die Spitzenreiter“ betitelt war. Die Veröffentlichungen begannen mit dem Jahr 1949 und widmeten jedem Schlagerjahrgang bis in die (damalige) Gegenwart eine komplette Langspielplatte. Also eine „Greatest Hits“-Sammlung, wie man heute dazu sagen würde. Sämtliche Cover waren gleich strukturiert. Auf der Vorderseite war unter der Inhaltsangabe ein Motiv aus dem Pferdesport abgebildet, auf der Rückseite zeigte man in der oberen Hälfte die Künstler, die auf der LP zu hören waren, in der unteren Hälfte waren die entsprechenden Titel aufgeführt.

Hitkopplungen sind kommerzielle Selbstläufer

Das Konzept der Hitkopplungen war (und ist) simpel und effizient zugleich. Es fielen kaum Kosten an, da das Material komplett im Archiv vorhanden war und nicht erst neu produziert werden musste. Nachdem die Titel in unserem heutigen Beispiel im Original alle auf Schellack-Platte erschienen waren und die eine oder andere Kostbarkeit sicher im Laufe der Zeit zu Bruch gegangen war, konnte man auf dieser LP diese Titel nun alle in bester Qualität wiederhören, so dass man diese Offerte auf Vinyl gerne annahm.

Ein Jahr und zwei noch dazu

Drehen wir nun also das Rad der Zeit um die besagten 60 Jahre zurück. Auf der vorliegenden Zusammenstellung „Die Spitzenreiter 1949“ finden sich insgesamt 14 Aufnahmen aus den Jahren 1947 bis 1949. Es stellt sich dem aufmerksamen Leser nun die Frage, weshalb drei Jahrgänge für eine Veröffentlichung zusammengefasst wurden. Die Antwort ist bei den Umständen der damaligen Zeit zu suchen. Die Schallplattenindustrie begann erst nach und nach wieder zu produzieren, Neuerscheinungen in großer Zahl gab es anfänglich nicht. Bis ein Titel in jenen Tagen erfolgreich war, musste er einige Hürden nehmen. Von dem wenigen Geld, welches zur Verfügung stand, musste der Lebensunterhalt bestritten werden und ließ wenig Raum für Luxus. Rundfunkempfang war keine Selbstverständlichkeit und Fernsehen gab es noch nicht.

Von den Stars der ersten Stunde, die auf dieser LP sich ein Stelldichein geben, sind heute noch einige Namen geläufig. Es finden sich allerdings auch Interpreten, die im Laufe der Jahre gänzlich in Vergessenheit geraten sind. In unserer Bilder-Galerie sind die Mitwirkenden alle abgebildet. Darunter sind die entsprechenden Geschichten zu den einzelnen Titeln zu finden.

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