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Vom Tontechniker zum Plattenmillionär - was so märchenhaft klingt, wurde für den Bremer Wolfgang Roloff zur Realität. Unter seinem Künstlernamen Ronny begeisterte er mit seiner wohlklingenden Bass-Bariton-Stimme jahrelang das Publikum.

Wolfgang Roloff alias Ronny hatte bereits seit Mitte der 1950er Jahre im Musikgeschäft solistisch und im Ensemble gearbeitet. Nebenbei interessierte er sich - als gelernter Tontechniker - für alle möglichen technischen Tricks und experimentierte auf dem Gebiet der „Multitrack-Aufnahmen“.  So gelang es ihm, nur mit Gitarre, Bass und den Möglichkeiten der Technik ein ganzes Orchester auf Platte bringen. Er baute ein eigenes Studio auf und erarbeitete sich einen guten Ruf als Tonmeister, der über den norddeutschen Raum hinausreichte.

Die besten Cover von Ronny

Plattencover, Ronny (Foto: SWR, Plattenfirma (Coverscan) -)
Alles begann als Mitglied des „Valerie-Trios“, dem er sich 1954 anschloss. Das obere Foto zeigt Wolfgang („Eddy“) Börner am Akkordeon, Valerie Hueck als Frontfrau und Bob Hill (=Wolfgang Roloff) mit Melone und Schnurrbart am Kontrabass. In dieser Besetzung gab es nur eine einzige Schallplatte, bei der Paul Kuhn mit seinem Ensemble begleitete. Plattenfirma (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach dem Ausscheiden von Valerie Hueck im Jahr 1959 machten er und Wolfgang Börner als Duo „Bob & Eddy“ weiter. Bis 1962 kamen sechs Singles heraus, danach zog sich „Eddy“ aus dem Business zurück. „Peggy Lu“ war die deutsche Aufnahme des Buddy Holly-Klassikers „Peggy Sue“. Polydor (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Unikat: kurz vor dem Start der Solo-Karriere entstand zusammen mit seinem Bremer Sangesfreund Rolf Simson unter dem Pseudonym „Die Colorados“ die Single „Mexico-Rose“. Simson war bereits seit den 1950er Jahren als Solist erfolgreich und unterstützte darüber hinaus stimmlich mehrere Gesangsgruppen (z. B. „Die Starlets“). Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die erste Solo-Single unter dem Namen Ronny erschien mit einem neutralen Cover-Motiv, das - passend zum Thema der Platte - Wildwest-Stimmung vermittelte. Nach dem durchschlagenden Erfolg folgte wenig später das erste Album: „Oh my Darling Caroline und andere Western- und Folk-Songs“. Die Plattenhülle zeigte statt eines Fotos des Künstlers nur eine Zeichnung seines Gesichts im Western-Look. Dasselbe Motiv schmückte auch seine zweite Single-Veröffentlichung… Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
… „Kein Gold im Blue River“. Wie schon bei „Caroline“ handelte es sich um eine Bearbeitung einer amerikanischen Volksweise. Dies war gewissermaßen ein Erfolgsrezept von Ronny und seinem Texter Hans Hee. Mit dem sonoren Bariton von Ronny ergab dies ein unverwechselbares Markenzeichen. Sein Erfolg sorgte dafür, dass Ronny 1964 in mehrere Konzerte der legendären Europa-Tournee der Nashville-Stars Anita Kerr, Hank Snow, Chet Atkins, Jim Reeves und Bobby Bare eingebaut wurde. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Kleine Annabell“ war Ende 1964 der zweite Nummer 1-Hit innerhalb eines knappen Jahres und wurde - wie „Caroline“ - mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Die B-Seite „Kenn‘ ein Land“ platzierte sich ebenfalls in den Top Ten. Dieses Lied verschaffte ihm einen Auftritt im deutsch-französisch-italienischen Wildwest-Film „Die schwarzen Adler von Santa Fé“, der im März 1965 uraufgeführt wurde. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Seine zweite LP „Über Länder und Meere“ wurde 1965 veröffentlicht und war sogar im Ausland wie z. B. Argentinien oder Südafrika erhältlich. Ungewöhnlich war, dass keiner der hier enthaltenen Titel auf Single zu bekommen war. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Eine kleine Träne“ vom Frühjahr 1966 - weniger bekannt ist, dass die Original-Version dieses Titels bereits 1964 erschien: Ronny sang in englischer Sprache „Mountain-music's going round“. Auf der anderen Seite der Single war „Wind in my hair“ zu hören. Die deutsche Version („Rosen so rot“) nahm er erst 1967 auf. Im Zusammenhang mit diesem Titel zeigen wir hier als kleinen Bonus… Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…die Fassung der „Rio Rangers“. Hierbei handelte es sich um die musikalischen Begleiter von Ronny, die eigenständig nur diese einzige Single veröffentlichten. Die „Rio Rangers“ (=Sigi Hoppe, Karl-Heinz Goldbeck, Horst Half und Klaus Jacob, v. l. n. r.) präsentierten „Wind in my hair“ 1965 im Fernsehen in der „ZDF-Drehscheibe“. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Bei den meisten Aufnahmen von Ronny tauchen als Autoren immer vier Namen auf: einerseits „Roloff/Hee“ (wie hier bei „Dunja, Du“), also Wolfgang Roloff - der bürgerliche Name von Ronny - als Komponist und der Texter Hans Hee. Auf der anderen Seite der Single („Wenn Du einsam bist“) war ein anderes Team vermerkt, das als „Hausmann/Jorge“ firmierte. Hierbei handelte es sich um Pseudonyme, welche die beiden verwendeten - Wolf Hausmann steht für Ronny, Johannes Jorge für Hans Hee. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die 1969er LP „Über die weite Prärie“ beinhaltete erstmals in englischer Sprache gesungene Titel. So gab es ein Wiederhören mit „Mountain-music’s going round“, welches für diese Produktion neu aufgenommen wurde und sich somit von der Single-Version unterscheidet. Neben Western-Hits wie „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ oder "Tom Dooley" präsentierte das Album einige Single-Hits: „Wenn der Tag zu Ende geht“, „Jesse James“ oder „Musst nicht weinen um mich“. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach dem großen Erfolg seiner Aufnahme des volkstümlichen Evergreens „Hohe Tannen“ und der gleichnamigen LP im Jahr 1968 folgte ein Jahr später die Fortsetzung dieses Konzepts: „Im schönsten Wiesengrunde“ präsentierte weitere Volksweisen im beliebten „Ronny-Sound“. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Als 1970 das von Ronny komponierte Lied „Sierra Madre del Sur“ erschien, hatte es nur bescheidenen Erfolg. Erst mit den Zillertaler Schürzenjägern 1987 kam der Durchbruch. Die Original-Aufnahme mit Ronny erschien als Single und auf der LP „Little Sweetheart Belinda“. Mit dem gleichnamigen Titelsong und „Good morning my sweet Adalita“ gelangen 1971 nochmals zwei Hitparaden-Notierungen. Zum Start der neuen Aufnahmen bedachte Ronny seine treuesten Fans: sie bekamen von ihm eine Marzipan-Torte. Telefunken (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
In den 1970er Jahren wurde es stiller um Ronny. Er wechselte die Plattenfirma und ging von Telefunken zum neu gegründeten Plattenlabel BASF. Der dortige Einstand erfolgte 1974 mit der deutschen Bearbeitung des Arlo Guthrie-Klassikers „City of New Orleans“: „Einmal vergeht der schönste Sommer“. Dies war zugleich Einstimmung auf… BASF (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…das Album „Mit dem Wind muss ich weiterzieh’n“, das 1975 folgte. Kurz darauf zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, widmete sich fast ausschließlich der Arbeit in seinem Studio und konzentrierte sich auf seine Produzententätigkeit. Erst 1984 erschien eine LP mit einer Auswahl von bekannten Seemannsliedern („Stimme des Meeres“). Zusammen mit Heintje Simons trat er 2005 letztmalig vor das Mikrofon: im Duett sangen sie das zum Evergreen gewordene „Sierra Madre del Sur“. BASF (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen

Von Clementine zu Caroline

Im Sommer 1963 fiel ihm der amerikanische Western-Song „Oh my Darling Clementine“ in die Hände. Er bearbeitete ihn zeitgemäß und aus Clementine wurde Caroline. Mehr aus Jux und Tollerei nahm er den Titel selbst auf und legte das fertige Band in eine Schublade. Einige Wochen später besuchte der Produzent Horst Fuchs das Bremer Studio. Der Produzent hörte sich den Titel an, schien nicht abgeneigt zu sein und nahm das Band zur Plattenfirma mit. Ohne jegliche Werbung und in einer relativ schmucklosen Plattenhülle kam „Oh my Darling Caroline“ auf dem Telefunken-Label im Januar 1964 auf den Markt. Aus Wolfgang Roloff wurde „Ronny“. 

Konkurrenz belebt das Geschäft

Der Start verlief schleppend und kaum jemand nahm Notiz von dem neuen Sänger. Zudem stand unerwartet Konkurrenz ins Haus: „Oh my Darling Caroline“ hatte Roloff seinem Musikerkollegen Rolf Simson angeboten - zu einem Zeitpunkt, als an eine „Ronny“-Veröffentlichung noch niemand dachte. Der griff zu und bot die Aufnahme der Polydor an, die zügig eine Version mit Rolf Simson unter dem Pseudonym „Jim Robson“ veröffentlichte und ihm sogar zu einem Fernsehauftritt verhalf.

Schlagersänger Ronny mit Gitarre (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives/Pilz)
Ronny (1966) picture alliance / United Archives/Pilz

Die PR-Abteilung denkt sich einen Nachnamen aus

Doch das Blatt wendete sich. Der Funk spielte die Platte, der Umsatz der Ronny-Version florierte. Aus der Nachricht „gestern 3.000 Platten in Deutschland verkauft“ wurde nach einigen Tagen „wir können nicht mehr liefern.“ Sensationelles war gelungen: mit den Plattenumsätzen von einem uralten Volkslied sprengte Ronny die Millionengrenze. Plötzlich stand er im Rampenlicht und alle wollten mehr über diesen Sänger erfahren, von dem man bislang nicht einmal ein Foto kannte.  Die PR-Abteilung der Plattenfirma wurde kreativ und erdachte eilends für ihn den Nachnamen „Berger“, der allerdings bald sang- und klanglos in der Versenkung verschwand.

Für einen Westernsänger zu korpulent

Deutschland hatte einen neuen Westernsänger, von dessen Aussehen die Plattenfirma konkrete Vorstellungen hatte: er möge etwas an Gewicht abnehmen, da er für einen Wildwesthelden zu korpulent sei, hieß es aus den Chefetagen. Seine Fans und den Künstler selbst interessierte das wenig. Ohnehin arbeitete er viel lieber im Hintergrund. Viel mehr beschäftigte ihn, dass seine Sänger-Karriere wenig  Zeit für seinen Hauptberuf übrig ließ und er die Aufträge in seinem Tonstudio kaum erfüllen konnte.

Ronny (vorn) und Peter Beil (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / United Archives/Pilz)
"Hör hin, schau zu!" Ronny (vorn) und Peter Beil albern in einer Drehpause der Fernsehserie von 1966 picture alliance / United Archives/Pilz

Entdecker eines holländischen Jungstars

1967 wurde er im Rahmen seiner Produzententätigkeit auf einen zwölfjährigen Jungen aus Holland aufmerksam. Er holte den jungen Mann vor die Mikrofone seines Studios, nahm mit ihm den Titel „Mama“ auf und machte ihn zu einem der größten Kinderstars der Musikgeschichte - sein Name: Heintje. Für ihn schrieb er Erfolge wie „Ich bau‘ Dir ein Schloss“ oder „Schneeglöckchen im Februar“, die Ronny zu einem der Umsatz-Millionäre unter den Produzenten machten.

Erfolgreich gegen Konkurrenten wie die Beatles

Das internationale Showbusiness wollte den Mann kennenlernen, der dem deutschen Schlagermarkt einen solchen Aufwind durch die Entdeckung des Kinderstars beschert hatte. Die damit verbundenen Verpflichtungen zwangen ihn, die eigenen Gesangsambitionen zurückzustellen. Doch er hatte die Rechnung ohne seine Anhänger gemacht, die ihn bestürmten, eigene neue Platten aufzunehmen: „Fan-Clubs und tausende Briefe überzeugten mich, dass meine Lieder ankommen.“  Ronny wurde über sechs Jahre lang zum Dauerbrenner auf dem deutschen Schallplattenmarkt, trotzte allen musikalischen Moden und setzte sich gegen Beatles-, Rolling Stones- und Underground-Fieber erfolgreich durch.

Bis Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte Ronny regelmäßig neue Schallplatten, danach legte er seinen Schwerpunkt wieder auf die Arbeit in seinem Tonstudio. Obwohl nur noch ganz vereinzelt neues Material von ihm erschien, blieb er beim Publikum unvergessen. Am 18. August 2011 verstarb Ronny im Alter von 81 Jahren in seiner Heimatstadt Bremen.

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