STAND
AUTOR/IN

Renate Kern zählte zu den „Unverwechselbaren“ - eine einprägsame Stimme, stampfender Beat und aufmunternde Texte waren ihr Erfolgsrezept. Wir blicken auf die Karriere einer früh verstorbenen Künstlerin, die jetzt 75 Jahre alt wäre.

Der Aufenthalt in den USA als Austauschschülerin war schuld daran, dass Renate Poggensee - so ihr bürgerlicher Name - Sängerin und nicht, wie zuerst angestrebt, Lehrerin wurde. Per Zufall kam sie an einen Regionalsender und erhielt so in Detroit die Gelegenheit, erste Aufnahmen zu machen. Nach der Rückkehr in die Heimat ließ sie die Musik nicht los und sang in einer Amateurband, die sich „The Foot Tappers“ nannte.

Die schönsten Plattencover von Renate Kern

Plattencover Renate Kern (Foto: SWR, Polydor (Coverscan))
"Die Welt ist so schön wie ein Traum" und "Kiss and shake" - die ersten Renate Kern-Titel standen im Frühjahr 1965 in den Geschäften. Diese hatte sie übrigens - quasi nebenbei - während den Vorbereitungen auf ihr Abitur aufgenommen. Die Plattenfirma schrieb: „Und das wird man sich merken müssen: Renate Kern-Titel werden auffallen. Ihre Interpretationen sind eigenwillig. Teen- und Twen-Herzen werden dem brünetten angehenden Plattenstar spontan zufliegen.“ Nicht nur diese beiden Single-Titel… Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
…sondern auch die Nummer 3 in ihrer Discographie „Du bist meine Liebe“ nahm sie in London in englischer Sprache auf (I’ll remember summer“). Zudem präsentierte sie ihr Lied erfolgreich beim internationalen Finale für die „Canteuropa-Tournee“ und erreichte den zweiten Platz. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Passend zu ihrem Image trat sie gern im betont legeren Outfit auf. Sie trug überwiegend schlichte Hosen und Blusen, manchmal Pullover oder ein Hemd - wie hier auch auf dem Cover von „Stop the Beat“ zu sehen. Einerseits verschaffte ihr das viele Sympathien beim Publikum als „bodenständige Sängerin“, die sie immer sein wollte, andererseits gab es Kritiker in der Branche, die ihr dieses Erscheinungsbild zur Last legten. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Mit „Lieber mal weinen im Glück“ trat sie 1968 beim „Deutschen Schlagerwettbewerb“ auf, womit jedoch nur ein 7. Platz gelang. Bemerkenswert ist, dass die Nummer - im Gegensatz zu manch besser platziertem Beitrag - ein Verkaufsschlager wurde. Es wurde ihr erster und gleichzeitig einziger Top Ten-Hit. Er war Namensgeber ihrer Debüt-LP, welche die bisherigen Single-Veröffentlichungen bündelte. Auch im benachbarten Ausland stand sie hoch im Kurs: Radio Salzburg wählte sie zur „Sängerin des Jahres“. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Beim „Gala-Abend der Schallplatte“ des Jahres 1969 fand die Uraufführung von „Lass‘ doch den Sonnenschein“ statt, womit sie nahtlos an ihre Hit-Serie anknüpfen konnte. Es lief rund für die Künstlerin. In einem an den ehemals Süddeutschen Rundfunk gerichtetes Schreiben stand zu lesen: „Da Renate schon seit Anfang Juli ständig unterwegs ist, war es nicht möglich, die viele Autogrammpost zu erledigen. Wir bitten alle Fans um etwas Geduld, denn das wird vor Ende November kaum möglich sein.“ Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Als am 18. Januar 1969 die erste ZDF-Hitparade über die Bildschirme flimmerte, war Renate Kern mit von der Partie. Bei der Premieren-Sendung sang sie unter der Startnummer 8 den von ihr selbst getexteten Schlager „Du musst mit den Wimpern klimpern“. Ihren Auftritt musste sie auf Krücken absolvieren, nachdem sie kurz zuvor von einem Auto angefahren worden war. Rex Gildo, der ebenfalls teilnahm, war ihr beim Auf- und Abgang von der Bühne behilflich. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ihre zweite Langspielplatte belegte, dass Renate Kern mehr als nur nette Schlager singen konnte. Das Repertoire reichte vom Musical („You’ll never walk alone“, „Der Wassermann“) bis hin zum Chanson („Non, je ne regrette rien“). Der Begleittext verriet: „Meine Welt ist schön - das könnte ihr Wahlspruch sein. Mit harter Arbeit ist sie ihrem großen Ziel einer internationalen Karriere ein gutes Stück nähergekommen.“ Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1970 nahm sie erneut am „Deutschen Schlagerwettbewerb“ teil und stand am Ende auf dem Treppchen der Bestplatzierten. Hinter Howard Carpendale („Das schöne Mädchen von Seite 1“) belegte sie den zweiten Platz. Dies zog eine Einladung in die „Starparade“ nach sich, die zu jener Zeit hohe Einschaltquoten zu verzeichnen hatte und eine der beliebtesten Musikshows im Fernsehen war. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ennio Morricone schrieb die Musik zum Film „Sacco und Vanzetti“. Joan Baez sang dazu erfolgreich den Text „Here’s to you“. Die Adaption „Geh‘ mit Gott“ war hingegen kein Hit. Anlässlich eines Interviews, das Renate Kern dem SDR gab, berichtete die Presse: „Bereits vier Rundfunkanstalten haben ihr wegen dem „christlichen“ Text Schwierigkeiten gemacht.“ Dabei hatte der Titel absolut keinen kirchlichen Hintergrund. Parallel existierte eine ebenso glücklose Aufnahme des Liedes mit Agnetha Fältskog. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Seit Anfang der 1970er Jahre hatte Peter Orloff die Produzententätigkeit übernommen. Unter seinen Fittichen entstand die LP „Nur wer liebt“. Neben internationalen Hits wie „Locomotion“, „Help me make it through the night“ oder „The days of Pearly Spencer“ in deutscher Sprache bot die Platte zwei aktuelle Single-Auskopplungen, die ihr neuer Produzent geschrieben hatte: „Das macht diese Welt erst richtig schön“ und „Morgen früh, da lachst Du schon wieder“. Ein Anschluss an ihre alten Erfolge… Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
…gelang damit ebenso wenig, wie der Wechsel zu einer neuen Plattenfirma. Mit dem von Joachim Heider komponierten Lied „Wenn Du gehst“ gelang Renate Kern Anfang 1974 vorerst ein letztes Mal eine Notierung in den Verkaufshitparaden. BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Erfolgsgaranten wie Chris Andrews, Henry Mayer, Joachim Heider, Jean Frankfurter oder ihr Entdecker Kai Warner schrieben für das Album „…und draußen geht immer der Wind“, das 1975 in den Geschäften stand und dort auch liegen blieb. Künstlerisch betrachtet war der Wind rauer geworden und Renate Kern im Schlagergeschäft kaum mehr gefragt. Dennoch … BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
…veröffentlichte sie regelmäßig neue Schallplatten. 1976 war es die LP „Jahr für Jahr“, aus der die von ihr selbst geschriebene Nummer „Tonio“ zumindest kurzzeitig die Airplay-Charts erreichte. Auf der Platte fanden sich darüber hinaus zwei Titel („Komm‘“ und „When you’re close to me“), welche sie unter dem… BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
… Pseudonym Nathalie de Navarre völlig erfolglos auch bei unseren westlichen Nachbarn in französischer Sprache veröffentlichte. Bei „Quand tu es chez moi“ handelte es sich um eine gesungene Version des Millionen-Instrumentalhits „Verde“ aus der Feder der italienischen Brüder Guido und Maurizio de Angelis und bei „Tu es moi“ stand Ludwig van Beethoven mit seiner „Mondscheinsonate“ Pate. BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
DJs von AFN-Bremerhaven gaben den Anstoss, es mit Country-Music zu versuchen. Die in Nashville 1981 produzierte Single „Imagine that“ platzierte sich auf Anhieb in den „Billboard Hot 100 Country-Charts“ und mit diesem Rückenwind kam Renate Kern als „Nancy Wood“ zurück ins Rampenlicht. 1982 startete sie hierzulande ihre zweite Karriere als „Germany’s First Lady of Country Music“. Im von Radio Bremen ausgestrahlten „Musikladen“ war sie mehrfach zu Gast. Ariola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Mit „König der Nacht“ schloss sich der Kreis. Als ihre letzte Single-Veröffentlichung 1990 erschien, war ihre Karriere bereits von einer schweren psychischen Erkrankung und privaten Problemen überschattet. Lovelight (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Werner Last entdeckte Renate Kern

Der Zufall war ein weiteres Mal im Spiel, als sie im Rahmen eines Sängerwettbewerbs auftrat. Im Publikum saß ein beeindruckter Werner Last, der zu dieser Zeit für die Polydor als Produzent tätig war. Er nahm sie unter seine Fittiche, verpasste ihr den Künstlernamen „Kern“ und steuerte mit ihr geradewegs auf Erfolgskurs. Das Debüt „Kiss and shake“ erschien 1965 und wurde auch als „Now and then“ für den internationalen Markt produziert.

Der Einstieg war vielversprechend und so nahm sie nach bestandenem Abitur Gesangs- und Schauspielunterricht und bald zählte sie zu den etablierten Künstlerinnen im deutschen Schlagergeschäft. Da das herkömmliche "Liedgut" nicht zu ihrer herben Stimme und etwas burschikosen Ausstrahlung passte, kamen die Plattenbosse auf die Idee, sie als „gute Freundin“ und „Ratgeberin für alle Lebenslagen“ zu vermarkten.

Renate Kern 1970 bei einem Auftritt in der ZDF Hitparade (Foto: Imago, imago/United Archives)
Renate Kern 1970 bei einem Auftritt in der ZDF Hitparade Imago imago/United Archives

Aufgebaut als "Gute Freundin"

Diese Masche kam an, denn ihre gesungenen Weisheiten wie „Lass’ doch den Sonnenschein“, „Lieber mal weinen im Glück“ oder „Du musst mit den Wimpern klimpern“ waren durchschlagende Erfolge. Diese waren nicht nur auf Deutschland beschränkt, denn ihre Platten erschienen teilweise auch in englischer Sprache. Darüber hinaus nahm sie an mehreren internationalen Festivals teil und Tourneen führten sie ins benachbarte Ausland.

„Renate hatte etwas, was man nicht lernen kann - Personality“. So beschrieb sie rückblickend Dieter Thomas Heck, in dessen ersten „ZDF-Hitparade“ sie mit von der Partie war. Während ihre Singles eher „leichte Kost“ beinhalteten, zeigten die von ihr aufgenommenen LPs und vor allem ihre Bühnenprogramme die Künstlerin von einer ganz anderen Seite. Internationale Standards, Folklore, Chansons und Musical gehörten hier zu ihrem Repertoire.

Die Jahre 1968 bis 1970 waren zweifelsohne die erfolgreichsten in ihrer Karriere. Sie war gern gesehener Gast in allen möglichen Radio- und TV-Sendungen, ein vierwöchiges Gastspiel führte sie nach Hongkong und James Last nahm sie mit auf Welttournee. Selbst als Darstellerin im Beat-Musical „Was ihr wollt“ konnte sie 1970 in der Rolle der Viola mit ihren Schauspielfähigkeiten überzeugen.

Dauer

Alle Blumen brauchen Sonne

Im selben Jahr trat sie beim „Deutschen Schlagerwettbewerb“ an und galt bereits im Vorfeld als Anwärterin für die vordersten Plätze. Und wirklich erreichte ihr Lied „Alle Blumen brauchen Sonne“ den zweiten Platz. Daran, dass genau diese Liedzeile Jahre später auf ihrem Grabstein stehen sollte, dachte zu diesem Zeitpunkt niemand.  

Nach den Erfolgen folgte der Abstieg

Renate Kern war eine feste Größe im Showgeschäft geworden. Ihre hohe Popularität spiegelte sich auch in rund 200 Fanclubs wieder. Trotz allen Erfolgen blieb sie bodenständig. Mit Fleiß, Ehrgeiz und einem hohen Pflichtbewusstsein hatte sie es zu Vermögen gebracht. Ihre Einkünfte machten es ihr nun möglich, sich den Wunsch nach einem Eigenheim zu erfüllen. Bei der Grundsteinlegung mauerte sie ihren ersten Schallplattenvertrag ein, in der Hoffnung, dass ihr Glück Bestand haben möge.   

Doch bald sollte sich das Blatt wenden. Die ganze Branche befand sich im Umbruch, was auch Renate Kern zu spüren bekam. Die Auftritte nahmen ab, die Plattenumsätze sanken. Hinzu kam, dass Ende 1970 ihr musikalischer Begleiter Werner Last seine Produzententätigkeit aufgab, um sich seiner eigenen Karriere als Orchesterchef „Kai Warner“ zu widmen. Peter Orloff übernahm fortan den Job, jedoch blieben sämtliche Bemühungen hinter den Erwartungen zurück.

Während es beruflich stagnierte, klappte es im privaten Bereich umso besser. 1974 heiratete sie den Toningenieur Klaus-Dieter Hildebrandt und zusammen mit ihm nahm sie nun selbst die Zügel in die Hand. Sie gründete einen Musikverlag, produzierte andere Künstler und baute ein eigenes, sehr teures Tonstudio, in dem sogar Roger Whittaker aufnahm. Mehr und mehr wandelte sie sich zur Geschäftsfrau und ihr eigenes Talent lag brach.

Auf der Suche nach neuen Wegen besann sie sich auf ihre anfänglichen Erfolge in den USA. Den Anstoß, es mit Country-Music zu versuchen, gab ein Discjockey von AFN-Bremerhaven. Sie nahm in Nashville/Tennessee einige Titel auf und die Einsatzbereitschaft von Tommy Cash, dem Bruder von Johnny Cash, half ihr beim Erfolg. Mit „Imagine that“ gelang es ihr, sich in den Billboard Top 100 Country Charts 1981 zu platzieren. 

Renate Kern (Foto: Imago, imago/United Archives)
Renate Kern alias Nancy Wood bei einem Auftritt 1983 Imago imago/United Archives

 Aus Renate Kern wird Nancy Wood

Mit diesem Rückenwind gelang Anfang der 1980er Jahre ein kleines Comeback in Deutschland. Aus Renate Kern wurde Nancy Wood (zusammengesetzt aus Nancy Reagan und Nathalie Wood). Als „Germany’s First Lady of Country-Music“ präsentierte sie sich - mittlerweile „erblondet“ und mit Cowboy-Hut - u. a. im „Musikladen“ von Radio Bremen. Sie gründete ein eigenes, kleines Plattenlabel und veröffentlichte wieder regelmäßig Schallplatten.

Neben Live-Verpflichtungen bekam sie mit „Nancy’s Country Drive-in“ eine eigene Radio-Sendung. Sie betitelte ihre Show als „Treffpunkt für nette Leute aus aller Welt, die Spaß an der Country-Music haben“ und begrüßte im Studio neben Prominenten der Szene auch Westernclubs oder Nachwuchstalente. 1984 kürte sie das holländische Country-Magazin „Gazette“ zur besten europäischen Country-Sängerin.

Das traurige Ende der Sängerin

Doch trotz alledem schaffte sie es nicht, in der Szene Fuß zu fassen. Die Wende hätte es eventuell vermocht, denn vor allem in der ehemaligen DDR hatte sich ein Stamm von treuen Nancy Wood-Anhängern gebildet. Diese Entwicklung kam allerdings zu spät. Ihre psychische Erkrankung war weit fortgeschritten und endete im Februar 1991 mit ihrem Freitod.

Das Leben von Renate Kern wurde unter dem Titel „Und vor mir die Sterne“ verfilmt. 2003 beleuchtete die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Margit Rogall den Werdegang der Künstlerin in dem Theaterstück „Butterfahrt“. Drei Jahre später befasste sich Wolfgang Miko im dokumentarischen Roman „Singen und Suizid: Aufstieg und Niedergang einer deutschen Sängerin“ mit der Thematik.