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Er war Komponist, Arrangeur und Musiker mit Leib und Seele. Erwin Lehn leitete 40 Jahre lang das Südfunk-Tanzorchester und hat es weit über die Grenzen des Sendegebiets hinaus bekannt gemacht. Vor allem dem Jazz galt seine Leidenschaft. Wir blicken auf die Karriere des gebürtigen Pfälzers zurück.

Der Lebensweg von Erwin Lehn war voll Musik. Knapp sechs Jahre alt, erhielt er Geigen- und Klavierunterricht, später kamen Saxophon und Klarinette hinzu. Nach einer mehrjährigen Ausbildung an der Städtischen Musikschule in Peine rief die Wehrmacht, wo er im Musikkorps mit seiner Klarinette Marschmusik spielte. Doch schon damals arbeitete Erwin Lehn auch gelegentlich in renommierten Tanzorchestern.

Eine Auswahl interessanter Plattencover von Erwin Lehn

Plattencover Erwin Lehn (Foto: SWR, Polydor (Coverscan))
Einladung zur „Swing Party“! Werner Müller und das RIAS-Tanzorchester bestritten eine Plattenseite, Erwin Lehn mit seinem Südfunk-Tanzorchester die andere. Diese LP erschien sogar in Australien oder Südafrika. Die enthaltenen Lehn-Aufnahmen entstanden im Jahr 1952, darunter „Mr. Anthony’s Boogie“ aus der Feder des amerikanischen Trompeters und Orchesterleiters Ray Anthony. Am 21. August 1957 entstand im Studio der Villa Berg eine weitere Aufnahme des Titels - diesmal mit Ray Anthony als Solist. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die LP „Mal richtig tanzen“ wurde 1954 wiederum unter zwei Orchesterchefs aufgeteilt. Diesmal war Franz Thon mit dem Tanzorchester des Nordwestdeutschen Rundfunks in Hamburg beteiligt. Erwin Lehn nahm für diese Produktion die Evergreens „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“, „Glutrote Rosen“ und „Schöner Gigolo“ sowie den Marika Rökk-Schlager „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ auf. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Swing tanzen gestattet“: Die LP brachte ein Wiederhören mit dem Titel „Schirokko“, den Erwin Lehn 1948 noch mit dem RBT-Orchester aufnahm. Der Begleittext zur Platte stammte vom Jazzautor Horst H. Lange. Er schrieb: „Ein vielseitiges Orchester, das in der Lage war, neben den aktuellen Schlagern auch Jazz zu spielen“. Dazu zählte der „Festival Jump“ aus der Feder des Saxophonisten und Klarinettisten Werner Baumgart, der im Lehn-Orchester viele Soli spielte und als Arrangeur tätig war. Telefunken (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Dutzend swingende Titel aus der Zeit zwischen 1951 und 1965 vereinte diese CD unter dem Titel „Let ’em swing“. Diese ausschließlich für den Rundfunk produzierten Einspielungen wurden 2005 mit diesem Tonträger erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gleiches galt für die... CK Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...Zusammenstellung „The Lehn’s Men“ aus dem Jahr 2007. Sie bot einen Querschnitt durch die Aufnahmetätigkeit zwischen den Jahren 1954 und 1963 und dokumentierte die Vielseitigkeit des Klangkörpers. Zum Repertoire zählten hier u. a. „Goodnight, Sweetheart“ des britischen Orchesterleiters Ray Noble, „Rat Race“ von Quincy Jones, die weltberühmte Filmmusik „Les feuilles mortes“ aus dem 1946 uraufgeführten Film „Pforten der Nacht“ oder der weltberühmte Tango „Jalousie“ aus der Feder von Jacob Gade. CK Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Erwin Lehn am Vibraphon als „The German Jazz Hurricane“ - eine rare Jazzplatte von 1956. „Erwin Lehn und seine Band sind auf dem besten Wege, sich an die Spitze der deutschen Tanzorchester zu musizieren. Heute schon dürfen wir sie die „Band von morgen“ nennen. Morgen wird sie die „Band von heute“ sein. Wer den steilen Aufstieg dieses Orchesters in den vergangenen fünf Jahren verfolgt hat, der weiß, wie viel Wahrheit hinter diesem Schlagwort steht“ stand auf der Rückseite zu lesen. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Von „Mackie Messer“ über „La Paloma“ bis hin zu „Patricia“ und „Tea for two“. 1959 kam diese EP im Cha-Cha-Rhythmus auf den Markt. Im Bild die Original-Musterplatte, die seinerzeit von der Plattenfirma an die Rundfunkhäuser verschickt wurde. Deutlich sind der Stempel „SDR Musterplatte“ und das Eingangsdatums auf dem Plattenetikett zu erkennen. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Das Orchester produzierte nicht nur hauseigene Aufnahmen, sondern begleitete darüber hinaus für die Plattenindustrie viele Stars der Zeit. Bibi Johns, Eve Boswell, Angèle Durand, Ralf Bendix oder Fred Bertelmann seien als Beispiele genannt. Ebenso entstanden eine ganze Reihe von Conny Froboess-Aufnahmen unter der Mitwirkung des Südfunk-Tanzorchesters - neben ihrem Riesenhit „Diana“ war dies auch bei der „Teenager Melody“ der Fall. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
An zwei Oktober-Tagen des Jahres 1959 entstand die Langspielplatte „Jazz at the Television Tower“, hier in einer Reproduktion der frühen 1980er Jahre zu sehen. Im Fokus standen überwiegend Eigenkompositionen des Orchesterleiters und einiger seiner Solisten. Dem Jazz gehörte die Vorliebe, jedoch... Odeon (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...stellte Erwin Lehn fest: „Man darf aber nicht vergessen, dass wir in erster Linie die Aufgaben eines Tanzorchesters zu erfüllen haben und dass wir gute Tanzmusik bieten wollen, die intensive Arbeit voraussetzt. Die Liebe zum Jazz muss sich in zusätzlicher musikalischer Tätigkeit zeigen. Sie lässt sich nicht erzwingen, sie muss von innen heraus wachsen.“ Dieses Statement ist auf der Rückseite der Langspielplatte „Tanz am Funkturm“ nachzulesen, die ... Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...am 9. und 10. Mai 1960 in Stuttgart aufgenommen wurde. Das Album erschien Jahre später in einer zweiten Auflage mit anderem Cover und um zwei Stücke erweitert unter dem Titel „Erwin Lehn bittet zum Tanz“ erneut. Zum Programm gehörte u. a. der „Sahara-Marsch“ aus dem Kriegsfilm „Rommel ruft Kairo“, der 1959 in die Kinos kam. Wolfram Röhrig, damals Leiter der Abteilung Unterhaltungsmusik des Süddeutschen Rundfunks, schrieb diese Filmmusik. Röhrig dirigierte ... Die Volksplatte (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...darüber hinaus - neben Horst Jankowski - den Jankowski-Chor auf der Margot Hielscher-Langspielplatte „Frauen sind keine Engel“. Die Sängerin und Schauspielerin war im März 1962 in Stuttgart zu Gast und nahm in den Studios der Villa Berg zusammen mit dem Orchester Erwin Lehn diese Langspielplatte auf. Titelgebend war ihr großer Erfolg „Frauen sind keine Engel“ aus dem gleichnamigen, 1943 gedrehten Film. Eine ähnliche Besetzung fand sich auch auf... Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...dem Album „Bravo Jankowski“ von 1964. "Der „Traumklang der Welt“ ist in seiner Art wirklich etwas Einmaliges in Deutschland“ versprach der Begleittext. „Operetten-Melodien wie sie jeder kennt, in einer ganz neuen Aufmachung.“ Sie wurden vom 1960 gegründeten Jankowski-Chor in Begleitung des Orchesters Erwin Lehn gesungen. Für Horst Jankowski, der 1955 als 19-jähriger Pianist auf Empfehlung von Caterina Valente zum Südfunk-Tanzorchester kam, wurde Stuttgart das Sprungbrett zum Erfolg. Mercury (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1973 nahm Bully Buhlan zusammen mit seinem langjährigen Freund Erwin Lehn und dessen Südfunk-Tanzorchester im Wesentlichen seine alten Erfolge neu auf. Im Folgejahr erschienen sie auf der LP „Also wissen se, nee“, wobei Erwin Lehn in zwei Aufnahmen sogar als Duettpartner in Erscheinung trat. Bully Buhlan war oft beim ehemals Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart für Rundfunkaufnahmen zu Gast. BASF (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Marika Rökk, die temperamentvolle Sängerin und Schauspielerin mit dem sympathischen ungarischen Akzent, präsentierte in den Jahren 1964/65 unter dem Motto „So schön wie heut‘“ große, vom Süddeutschen Rundfunk produzierte Fernsehshows, in denen sie ihre großen Film- und Operettenerfolge tanzte und sang. Das Südfunk-Tanzorchester unter der Leitung von Erwin Lehn begleitete sie. Ausschnitte daraus bot die LP „Ich brauche keine Millionen“, bei der außerdem das Orchester Kurt Graunke mitwirkte. CBS (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1967 präsentierte Erwin Lehn mit dem Südfunk-Tanzorchester Melodien aus großen Broadway-Erfolgen wie beispielsweise „West Side Story“, „Kiss me, Kate“, „Annie get your gun“ oder Mary Poppins unter dem Motto „Musicals on Parade“. SABA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Anlässlich des 75-jährigen Vereinsjubiläums ließ es sich Erwin Lehn als bekennender Anhänger der Stuttgarter Kickers nicht nehmen, eine Jubiläumsplatte aufzunehmen. Er komponierte den „Kickers-Marsch“, den die Mannschaft des Fußball-Clubs in Begleitung des Südfunk-Tanzorchesters 1974 aufnahm. Den Text schrieb übrigens Joachim „Blacky“ Fuchsberger. Gleich noch ein Grund zum... Sonderauflage Stuttgarter Kickers (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
...Feiern! 1976 hieß es „25 Jahre Erwin Lehn“. Das Doppelalbum zum Jubiläum stellte das Orchester als Jazz-Bigband und im strikten Tanz-Rhythmus vor. Bei mehreren Titeln wuchs es auf 86 Musiker an und bewies Qualitäten als symphonischer Klangkörper. In dieser Besetzung entstand der Friedrich Schröder-Evergreen „Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen“. Dabei fand ein von Lehn bereits in den 1930er Jahren geschriebenes Arrangement Verwendung, das auf den aktuellen Produktionsstand gebracht wurde. HGBS (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Von „Akropolis adieu“ über „Strangers in the night“ bis zu „You are the sunshine of my life“: Die CD „Treffpunkt Tanzmusik” beinhaltete einmal mehr ausschließlich Aufnahmen des Süddeutschen Rundfunks aus drei Jahrzehnten, die hier erstmals in den Handel kamen. Sie bot u. a. ein Wiederhören mit Rita Paul, die 1948 „O Donna Juanita“, eine der ersten Erwin Lehn-Kompositionen, auf Platte brachte. TMK (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Zum Jubiläum blickte Erwin Lehn zurück: „Während sich die meisten Kollegen auf unterhaltende Musik konzentrierten, pflegten Kurt Edelhagen und ich darüber hinaus auch unser gemeinsames Hobby - den Big Band Jazz. Zwischen beiden Orchestern bestand immer eine gesunde Rivalität, in die sich gelegentlich auch Max Greger mit seinem Orchester einschaltete. Der freundschaftliche Kontakt unter den Musikern und Bandleadern hat aber nie gelitten. Rückblickend waren die über 40 Jahre viel, viel Arbeit.“ Intercord (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Der gute Tipp von Bully Buhlan

Die professionelle Laufbahn als Musiker begann nach Kriegsende in Berlin. Von Bully Buhlan, den er während einer Aushilfstätigkeit in einer Bigband kennengelernt hatte, erhielt er den Tipp, das neu gegründete Radio-Berlin-Tanzorchester suche dringend einen Ersatzmann am Klavier. Lehn spielte vor und erhielt den Posten. 

Ab 1948 leitete er das Orchester wechselweise mit Horst Kudritzki, wobei sich Lehn vorzugsweise um die Auskopplung der Swing-Band kümmerte. Der Bigband-Swing erlebte im Nachkriegsdeutschland eine Blütezeit und alle Musiker waren mit großem Engagement dabei.

Erwin Lehn (Foto: SWR, SWR)
Erwin Lehn SWR

Die Politik hörte mit

Unter den ersten Hits der Trümmerjahre waren auch Kompositionen von Erwin Lehn. Rita Paul, Ilja Glusgal und Bully Buhlan machten sich einen Namen mit Liedern wie „Gib mir einen Kuss durch’s Telefon“ und „O Donna Juanita“. Die Spielfreude wurde jedoch bald durch politische Einflussnahme getrübt. Die sowjetische Kommandantur war hellhörig und mischte sich in das Programm ein, wenn für sie die Musik zu „jazzbetont“ und „amerikanisch“ klang. Es kam zu Spannungen, die 1950 zur Auflösung des Orchesters führten.

Erwin Lehn  (Foto: SWR)
Eine Aufnahme von 1965 - Erwin Lehn

Start in Stuttgarter Kneipe

Wenig später kam Erwin Lehn auf Empfehlung von Hans Carste, damals Sendeleiter beim RIAS Berlin, nach Stuttgart. Der Süddeutsche Rundfunk wollte ein Tanzorchester aufbauen: „Ich hatte die Reste eines bestehenden Tanzorchesters zu übernehmen und sollte alle Musiker quasi als Unternehmer unter Vertrag nehmen.“ Im April 1951 trat Lehn seine neue Tätigkeit an, was sehr mühsam war. So konnte er seine Aufnahmen noch nicht im Sendesaal der Villa Berg machen, dafür hatte man mit viel Improvisationskunst eine Gaststätte in Stuttgart-Untertürkheim hergerichtet.

"Meine Aufgabe war es, immer so zu musizieren, dass es beim Hörer ankommt."

Erwin Lehn über seinen Start beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart

Lehn war es ein großes Anliegen, Jazz ins Repertoire mit aufzunehmen: „Ich musste sowohl Musiker als auch das Publikum daran heranführen.“ Allerdings waren unter den Musikern Talente mit Jazz-Ambitionen rar. So war er stets auf der Suche nach jungen Instrumentalisten, die er aufbauen und auch bezahlen konnte.

Zu den Solisten gehörten damals z. B. Horst Fischer (Trompete), Werner Baumgart (Klarinette & Saxophon), der Posaunist und spätere Egerländer Musikant Ernst Mosch sowie Horst Jankowski am Klavier.

Vom Radio auf Tournee

Bald hatte das Orchester eine bemerkenswerte Vielseitigkeit entwickelt. Das Repertoire reichte von Operettenklängen über kommerzielle Tanzmusik bis zum experimentellen Jazz. Zur Rundfunkarbeit kamen erfolgreiche Tourneen und Veranstaltungen. So war die Mitwirkung beim Deutschen Jazz-Festival in Frankfurt 1955 ein sensationeller Erfolg. Wenig später trat das Südfunk-Tanzorchester im Pariser „Palais Chaillot“ und auf der Weltausstellung in Brüssel auf. Auch auf internationaler Ebene erhielt Erwin Lehn viel Anerkennung, was ihm den Beinamen „The German Jazz Hurricane“ einbrachte. 

Erwin Lehn mit dem Bassisten Oscar Pettiford (Foto: SWR, SWR)
Erwin Lehn mit dem Bassisten Oscar Pettiford SWR

Die Großen des Jazz geholt

Bei den vom Süddeutschen Rundfunk initiierten „Wochen der leichten Musik“ mit Kompositionsaufträgen und Uraufführungen von der Unterhaltungsmusik über Jazz bis zur Kammermusik, konnte Erwin Lehn seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen. 1955 hob er die Konzertreihe „Treffpunkt Jazz“ mit aus der Taufe, zu der sich internationale Jazz-Größen in Stuttgart trafen. In diesem Rahmen begleitete das Orchester unter anderem Lester Young, Stan Getz, Benny Goodman, Chet Baker und Miles Davis.  

Freundin Bibi Johns

Im Bereich des Schlagers und der Tanzmusik spielte Erwin Lehn mit seinen Musikern ebenso eine große Rolle. Er begleitete namhafte Stars bei Live-Auftritten und in großen Fernsehshows. Die Liste reicht von Marika Rökk, Josephine Baker und Anneliese Rothenberger bis zu Vico Torriani und Udo Jürgens. Die erste Gesangssolistin, die er 1951 in Stuttgart begleitete, war Bibi Johns, die damals noch am Anfang ihrer Karriere stand. Zwischen ihr und dem Orchesterleiter entstand eine herzliche Freundschaft. So ist sie die Taufpatin seiner Tochter Georgia.

Erwin Lehn  (Foto: SWR)
Erwin Lehn mit seinem Orchester und Caterina Valente

Ganz privat mit der Valente

Eine ebenso enge Bindung bestand zu Caterina Valente, mit der er schon vor ihrem großen Durchbruch Aufnahmen machte. Später war er der musikalische Leiter in ihrer Fernseh-Show „Bonsoir, Kathrin“. Beide teilten die Liebe zur brasilianischen Musik. Als der Gitarrist Luiz Bonfá in Stuttgart gastierte, traf man sich im Partykeller von Lehn in Stuttgart-Schönberg und musizierte eine Nacht lang ganz privat.

Erwin Lehn  (Foto: SWR)
Das Erwin-Lehn-Orchester 1986

Aus dem Sendesaal der Villa Berg

Bis in die 1980er Jahre strahlte der Süddeutsche Rundfunk am Samstagnachmittag große Unterhaltungssendungen aus, viele davon mit Lehn und seinen Musikern. Außerdem übernahm das Orchester auch in zahlreichen Quizsendungen von Hans Rosenthal den musikalischen Part. Zwischen ihm und dem Orchesterchef bestand seit der gemeinsamen Zeit in der Fußballmannschaft des RBT-Orchesters eine innige Freundschaft.

Fußball war immer das Steckenpferd von Erwin Lehn geblieben. Der „gelernte Schwabe“, wie er sich selbst bezeichnete, war Anhänger der Stuttgarter Kickers und saß häufig unter den Zuschauern, wenn die Mannschaft unter dem Fernsehturm um den Ballbesitz kämpfte.

Ob auf dem „Südfunk-Ball“ oder bei der „Südfunk-Tanzparty“, Erwin Lehn traf immer den richtigen Ton. Mit Leichtigkeit dirigierte er seine Musiker, Lampenfieber war für ihn kein Thema, Konzentration, Präzision und Disziplin hingegen schon. Er galt als Perfektionist und dieses Verhalten forderte er auch von seinen Musikern.

"In jedem Raum sitzen ein paar Leute, die von Musik etwas verstehen und für die muss man musizieren.“

Erwin Lehn über den Anspruch an sich und seine Musiker
Erwin Lehn  (Foto: SWR)
Erwin Lehn mit Caterina Valente (l.) und Bibi Johns (r.) sowie Roberto Blanco (2.v.r.)

Ein Ohr für den Nachwuchs

Große Verdienste erwarb er sich mit seinem Engagement um die musikalische Nachwuchsförderung. Ab 1976 leitete er rund zwei Jahrzehnte lang die Bigband an der Musikhochschule in Stuttgart. Dabei entdeckte er einige Talente, die er später in das Südfunk-Tanzorchester übernahm. 1985 wurde er zum Professor ernannt.

Es traf Erwin Lehn schmerzlich, als Ende der 1980er Jahre die finanziellen Mittel für das Tanzorchester drastisch gekürzt wurden. Trotzdem gelang es ihm, das hohe Niveau zu halten und 1991 konnte er das 40jährige Bestehen seiner Bigband feiern. So lange hatte niemand ein Rundfunkorchester geleitet. Kurze Zeit später jedoch entschloss sich der mittlerweile 72jährige, den Taktstock aus der Hand zu legen.

Erwin Lehn  (Foto: SWR)
Giganten unter sich: Erwin Lehn und Max Greger am Saxophon

Ehrung für Pionierarbeit

„Erwin Lehn und sein Südfunk-Tanzorchester“ war für ein Millionenpublikum der Inbegriff swingender, gepflegter Tanzmusik. Für die Jazzfreunde war er ein Pionier auf diesem Gebiet und genoss hohes Ansehen, was 2001 in der Verleihung der „German Jazz Trophy“ für sein Lebenswerk gewürdigt wurde. Es war die zweite große Ehrung nach dem Bundesverdienstkreuz 1983.

Immer noch im Programm

Am 20. März 2010 verstarb Erwin Lehn im Alter von 90 Jahren in Stuttgart. Zu seinem musikalischen Vermächtnis gehören neben fünfzig Filmmusiken und zahlreichen Schallplatteneinspielungen rund 9.000 hauseigene Aufnahmen, die im Schallarchiv des Südwestrundfunks akribisch archiviert sind und auch heute noch die Hörerinnen und Hörer erfreuen.

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