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Kein Dichter der Welt hätte sich die unglaublichen Höhen und Tiefen ausdenken können, die sie durchlebte. Aus der Gosse sang sich Edith Piaf zum Weltstar empor und ihr Name wurde zum Synonym für das französische Chanson.

Wenn man der Legende glaubt, kam Édith Giovanna Gassion, so ihr bürgerlicher Name, auf dem Regenmantel eines Pariser Polizisten in einem Hauseingang zur Welt. In Wahrheit wurde ihre hochschwangere Mutter vor einem Haus in der Rue Belleville von Streifenpolizisten aufgefunden und in ein Hospital gebracht. Am 19. Dezember 1915 erblickte sie dort gegen 5 Uhr morgens - so der Eintrag in ihrer Geburtsurkunde - als Tochter eines Akrobaten und einer Straßensängerin das Licht der Welt.

Bilderstrecke Die besten Cover von Edith Piaf

Plattencover von Edith Piaf (Foto: SWR, Fontana (Coverscan))
Bei ihrem Debüt im Oktober 1935 sprang Maurice Chevalier auf und rief: „Bravo! Die Göre hat einen tollen Stimmenumfang!“. Sehr schnell wurde die 19jährige via Rundfunk zum Liebling und im November unterzeichnete sie den ersten Schallplattenvertrag. Am 18. Dezember 1935 entstanden vier Aufnahmen zusammen mit „Les Accordéonistes Médinger“. Darunter „Le java de cézigue“, welches auf dieser Zusammenstellung „Attention! Edith Piaf!“ vertreten ist. Fontana (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Durch einen Zufall fand man in den Archiven der Phonogram in Paris zehn Jahre nach ihrem Tod eine ganze Reihe von frühen Chansons, die bis dato nie auf Schallplatten veröffentlicht wurden. Diese Raritäten erschienen 1973 auf einer Doppel-LP als „Hommage à Edith Piaf“. Die beiden Innenseiten des Album-Covers zeigten viele seltene Schwarz-Weiß-Fotos der Künstlerin. Philips (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Zwölf Ausgaben umfasste die Schallplatten-Edition „La Chanson“, eine komplette LP war dem „Spatz von Paris“ gewidmet. Mit „Mon légionnaire“ und „L’accordéoniste“ waren hierauf zwei Chansons dabei, die untrennbar mit Edith Piaf verbunden sind. In all ihren Liedern besang sie fast ausschließlich und in immer neuen Variationen die zumeist unglückliche Liebe. Der französische Künstler Jean Cocteau zählte zu ihren glühendsten Verehrern und nannte sie die „Tragödin des Chansons“. Philips (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1936 freundete sich Edith Piaf mit der Pianistin Marguerite Monnot an - eine Verbindung, die ein Leben lang hielt. Sie schrieb ihr zahlreiche Chansons auf den Leib. Allein sechs davon finden sich auf dem Album „Mes prémières chansons“. Monnot, Tochter eines blinden Organisten, wollte eine Laufbahn als Klaviervirtuosin einschlagen. Eine Krankheit machte ihre Zukunftspläne jedoch zunichte. Stattdessen begann sie zu komponieren. Außer für die Piaf schrieb Marguerite Monnot auch für… Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
…”Les Compagnons de la Chanson”. Während einer Tournee durch das Elsass freundete die Piaf sich mit Jean-Louis Jaubert, einem Mitglied der Truppe, an und die beiden wurden ein Paar. „Les Compagnons“ wurden von ihr gefördert und unterstützt. Auf ihr Anraten hin modernisierte das neunköpfige Ensemble sein bislang folkloristisches Repertoire und 1946 entstand zusammen mit der Piaf „Les trois cloches“. Das Chanson wurde zu einem internationalen Erfolg… Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
… und öffnete sowohl für Édith Piaf als auch für die neun Herren das Tor zur großen, weiten Welt. Mit ihnen zusammen war sie 1948 auch im Film „Neuf garçons, un coeur“ auf der Leinwand zu sehen. 1960 kam „Les trois cloches“ in Deutschland auf dieser EP nochmals auf den Markt, zusammen mit weiteren großen Chansons der Piaf: „Padam Padam“, „La goualante du pauvre Jean“ oder auch „C’est à Hambourg“. Diese Titel sang sie auch am 13. Januar 1957, als sie… Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
…in der New Yorker Carnegie Hall auftrat. Bislang hatte hier kein Solo-Künstler ein ganzes Konzert gegeben. Rückblende: bei ihren ersten Auftritten in Übersee im Jahr 1947 kam der Erfolg nur zögerlich, da nur wenige Amerikaner der französischen Sprache mächtig waren. Vor jedem Lied musste der Conférencier den Inhalt erklären. Die Piaf lernte englisch, um die Überleitungen selbst sprechen zu können und nahm auch einige Lieder in englisch auf. Das Konzert wurde erst 1977 veröffentlicht. EMI (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1936 stand Édith Piaf erstmals vor der Filmkamera: in „La garçonne“ spielte sie eine Sängerin und interpretierte das Jean Wiener-Chanson „Quand meme“. Es war der Anfang einer Reihe von Filmen mit ihr: „Montmartre sur Seine“ (1941), „Étoile sans lumière“ (1946) zusammen mit Yves Montand, den sie kurz zuvor lieben lernte. 1959 drehte sie mit Michel Auclair „Les amants de demain“. Der Soundtrack erschien auf dieser EP, dessen Cover eine Filmszene mit den Hauptdarstellern zeigt. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Bereits seit 1957 sah man an ihrer Seite einen neuen Liebhaber: Georges Moustaki. Der in Ägypten geborene Sohn griechischer Eltern wurde ihr ständiger Begleiter. Auch diese Verbindung war nicht von Dauer: Als Edith Piaf mit einem Magendurchbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde, trennte sich Moustaki von ihr. Wenige Monate zuvor hatte sie einen Titel aufgenommen, dessen Text ihr Ex-Liebhaber geschrieben hatte: „Milord“. Dem Lied gelang 1959 nicht nur in Frankreich ein sensationeller Erfolg. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Toujours aimer“ war in all‘ ihren Liedern das bestimmende Thema. Auf dieser Sammlung fanden sich Aufnahmen der Jahre 1960 bis 1962. Darunter „La vie, l’amour“, das unter dem Dirigat von Robert Chauvigny, der auf einer Vielzahl von Schallplatten Édith Piaf mit seinem Orchester begleitete, am 10. November 1960 eingespielt wurde. Bei dieser Aufnahmesitzung entstand auch… Columbia (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…das legendär gewordene Chanson „Non, je ne regrette rien“, welches zu ihrem Lebensmotto geworden war. Schwere Autounfälle, Operationen und Zusammenbrüche auf offener Bühne konnten ihr anscheinend nichts anhaben, denn lächelnd meinte sie: „Ich bin ein glücklicher Mensch und ich bereue nichts“. 1962, von schwerer Krankheit gekennzeichnet, sang sie von der Plattform des Eiffelturms ihr „Non, je ne regrette rien“, so dass es den Parisern kalt den Rücken runter lief. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Im Februar 1962 lernte sie Théophanis Lamboukas kennen, dessen Eltern einen Friseursalon in der Nähe von Paris betrieben. Der rund zwanzig Jahre jüngere Mann wollte Sänger werden und stellte sich bei ihr vor. Sie verliebte sich in ihn und Ende des Jahres heirateten die beiden in einer griechisch-orthodoxen Kirche in Paris. Die Piaf gab ihm den Künstlernamen Théo Sarapo und es entstand das Duett „A quoi ca sert l’amour“. Sie traten gemeinsam im Pariser Olympia und Anfang 1963 im „Bobino“ auf. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Am 07. April 1963 sang Édith Piaf todkrank in ihrem Wohnzimmer das Chanson „L’homme de Berlin“. Mit dabei waren der Pianist Noel Commaret und Francis Lai, der das Chanson komponiert hatte und Akkordeon spielte. Wenige Tage später wurde sie mit einem Leberkoma ins Krankenhaus eingeliefert und die Aufnahme konnte nicht mehr fertiggestellt werden. Diese Demo-Version blieb jedoch erhalten und wurde 1968 als letztes Zeugnis einer großen Stimme veröffentlicht. Columbia (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Edition 2000 brachte von jedem Album lediglich 2000 Exemplare heraus. Diese Serie war daher besonders für Sammler geeignet. Auch Édith Piaf fand mit einem Doppelalbum innerhalb dieser Veröffentlichungsreihe eine Würdigung. Die Innenseiten präsentierten eine Kurzbiographie in deutscher und englischer Sprache, die durch schwarz-weißes Bildmaterial ergänzt wurde. Columbia (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Nach einem überwältigenden Auftritt in Kalifornien sprach sie der amerikanische Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent Darryl F. Zanuck an: „Madame, ich möchte Ihre Lebensstory kaufen und verfilmen. Geht das okay?“ Die Piaf lehnte ab - sie verkaufte ihr Leben nicht. Erst nach ihrem Tod wurde ihre Geschichte mehrfach verfilmt. Basierend auf der Biographie „Piaf“ von Simone Berteaut, einer engen Freundin, entstand der Film „Der Spatz von Paris“. Der Soundtrack erschien ein Jahr später. EMI (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Anlässlich des 40. Todestages des „Spatz von Paris“ erschien unter dem Titel „Éternelle“ eine Doppel-CD mit ihren schönsten Chansons. Diese Zusammenstellung beinhaltete auch vier bis dato unveröffentlichte Titel. Ihr Chanson „Padam Padam“, für welches sie 1952 den „Grand Prix du Disque“ erhielt, wurde für diese Hommage mit Musikern der Gegenwart originalgetreu neu aufgenommen. Die Technik machte es möglich, die Stimme von Édith Piaf mit dem neuen Orchesterplayback zusammenzuführen. EMI (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Alkohol, Bordell und die Straße

Edith Piaf als Kind mit 5 Jahren (genaues Aufnahmedatum nicht bekannt) (Foto: Imago, Imago -)
Edith Piaf als Kind mit 5 Jahren Imago Imago -

Die Zeiten waren schwierig: der Vater im Krieg, die Mutter Alkoholikerin und ihrer Tochter bald überdrüssig. Sie gab die Kleine in die Obhut der Großmutter mütterlicherseits, die - selbst dem Alkohol zugetan - das Kind ebenso vernachlässigte. Der Vater auf Heimaturlaub brachte das Mädchen zu seiner Mutter, die in der Normandie in einem Bordell als Köchin arbeitete. Trotz der zweifelhaften Umgebung wuchs sie dort unter besseren Bedingungen auf. Édith war gerade mal 6 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater zurück in Paris auf der Straße und auf Rummelplätzen auftrat.

Werkausgabe von Edith Piaf in Form eines Akkordeons (Foto: SWR, SWR - Foto: Werner Volmari)
Eine Rarität - die Piaf-Werkausgabe in Form eines Akkordeons SWR - Foto: Werner Volmari

Piaf bedeutet "Spatz" - der Name wird zu ihrem Markenzeichen

Mit 15 Jahren verließ sie ihren Vater und schlug sich als Straßensängerin durch. Ihr Zuhause war ein schäbiges Hotelzimmer in einem zwielichtigen Milieu, ihr Umfeld bestand aus Ganoven, Zuhältern und leichten Mädchen. Aus einer Äffäre ging Tochter Marcelle hervor, die schon mit zwei Jahren an einer Hinrhautentzündung starb. Die Wende kam 1935: an einer Straßenecke entdeckte sie der bekannte Nachtklub-Betreiber Louis Leplée. Er engagierte sie und gab ihr den Künstlernamen „Môme Piaf“, was „kleiner Spatz“ bedeutete.

Ruinierter Ruf und Wiederaufstieg

Filmszene aus "Etoile sans lumiere" mit Edith Piaf und Yves Montand (Foto: Imago, Imago -)
Filmszene aus "Etoile sans lumière" mit Édith Piaf und Yves Montand Imago Imago -

Bald war sie in ganz Paris bekannt, doch das Glück währte nur kurz: als Louis Leplée einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel, wurde sie fälschlich verdächtigt, daran beteiligt gewesen zu sein. Nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft war ihr Ruf ruiniert. Der Texter Raymond Asso nahm sich ihrer an und krempelte ihr Image um. Er gab ihr den Namen „Édith Piaf“ und unterstützte sie bei ihrer Rückkehr auf die Bühne. Diese Verbindung beschränkte sich nicht nur auf die künstlerische Ebene - er wurde der Erste in einer langen Reihe von Liebhabern.

„Stets ist die Liebe von mir geflohen. Nie konnte ich den, den ich liebte, lange in den Armen halten. Jedes Mal, wenn ich glaubte den Mann meines Lebens gefunden zu haben, wurde alles zunichte und ich war wieder allein.“

Édith Piaf

„La vie en rose“ war der Durchbruch für die Piaf

Edith Piaf mit Eddie Constantine und Charles Aznavour (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Edith Piaf mit Eddie Constantine und Charles Aznavour (rechts) 1951 im Studio Imago Imago/Fotograf XY -

Am Ende des zweiten Weltkriegs war Édith Piaf in ganz Europa eine gefeierte Sängerin. Sie begann zu komponieren und schrieb „La vie en rose“. Der Welterfolg öffnete ihr 1947 das Tor zur USA. Der große Durchbruch gelang im „Versailles“ in New York. Sie sang in der Carnegie Hall und im Waldorf-Astoria und verdiente Unsummen. In Amerika lernte sie auch den Boxer Marcel Cerdan kennen, ihre große Liebe: „Bevor ich ihn kannte, war ich nichts. Ich war zwar eine berühmte Sängerin, aber innerlich nichts als eine Frau ohne Hoffnung.“ Als er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, stürzte sie in eine schwere Krise. Sie verfiel dem Alkohol, betäubte sich mit Aufputsch- und Beruhigungsmitteln, später mit Morphium.

„Ich gab ein Vermögen aus, um Morphium zu bekommen. Wozu wäre ich nicht fähig gewesen, um mir meine Tagesdosis zu verschaffen, wenn ich kein Geld gehabt hätte. Aber ich hatte ja genug. Ich verdiente Millionen.“

Edith Piaf

Am Ende, aber nicht besiegt

Zusammenbrüche und Ausfälle auf der Bühne wurden immer häufiger: „Ich war in einer solchen Verfassung, dass ich an manchen Abenden die Worte meiner Chansons durcheinanderbrachte oder neue erfand. Meine Musiker mussten wahre Wunder vollbringen, um mich einzuholen.“ Es folgten Entziehungskuren, Krankenhausaufenthalte und Operationen. Als sie eines Tages in Stockholm so krank wurde, dass sie befürchtete, Paris nie wieder zu sehen, mietete sie für zweieinhalb Millionen Francs ein Flugzeug, um allein damit nach Frankreich zurückzufliegen. Mit eisernem Willen kehrte sie immer wieder ins Rampenlicht zurück. Als sie 1960 im Pariser „Olympia“ auftrat, empfing das Publikum sie mit einem viertelstündigen Beifallssturm.

„Meine Zähigkeit wurde belohnt. Es verstrichen gar nicht so viele Tage, bis ich andere Bildunterschriften las: „Édith Piaf singt dennoch…!“, „Édith Piaf auf der Bühne - ein Wunder?“, „Sie singt bis zuletzt.“, „Dieses kleine Häufchen Frau, der personifizierte Mut.“

Die Piaf als Förderin der Begabtesten

„Padam Padam“, „Hymne à l’amour“, „Mon Dieu“ - Chansons, die Welterfolge wurden und mit dem Namen Édith Piaf untrennbar verbunden sind. Sie entdeckte und förderte Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Eddie Constantine oder Yves Montand, um nur einige zu nennen.

Die Grabstätte von Edith Piaf in Paris (Foto: SWR, Hans-Jürgen Finger -)
Das Grab von Edith Piaf Hans-Jürgen Finger -

Am 10. Oktober 1963 fiel für Édith Piaf der letzte Vorhang. Das exzessive Leben hatte seinen Tribut gefordert. Sie starb im Alter von nur 47 Jahren in einer Villa an der Côte d'Azur. Ihr Leichnam wurde unter Anteilnahme von über 40.000 Menschen auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt. Auch viele Jahre nach ihrem frühen Tod hat ihr Publikum sie nicht vergessen, worüber die stets frischen Blumen auf ihrer Grabstätte Zeugnis ablegen.

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