Schlagerlegende Chris Howland alias "Heinrich Pumpernickel"

Der Rücken schmerzt ein bisschen und beim Treppensteigen kann er nicht mehr schwungvoll zwei Stufen auf einmal nehmen. „Sonst geht es mir prima“ sagt Chris Howland im SWR4 Interview zu seinem 85. Geburtstag und bekennt: „Jetzt ist die glücklichste Zeit meines Lebens.“

Wir sind auf den späteren Nachmittag verabredet, ein paar Tage vor dem Geburtstag, denn dieser wird ganz privat gefeiert. Wie, das bleibt Ehefrau Monika überlassen, der Jubilar jedenfalls hat für seinen Ehrentag keine großen Pläne. „Mit 85 ändert sich nichts, das Datum ist nichts Besonderes“, kommentiert Chris Howland das Ereignis mit britischem Understatement.

Große Liebe Radio

Vermutlich wird er also auch am Geburtstag ein paar Stunden im Büro verbringen und Moderationen schreiben, denn einmal pro Woche ist der Plattenplauderer immer noch bei seiner Heimatwelle WDR4 live auf Sender. Diese kontinuierliche Arbeit am Mikrofon trage viel zu seiner inneren Zufriedenheit bei, „Radio war und bleibt meine große Liebe“ bilanziert Howland sein überaus vielfältiges Berufsleben.

Bilderstrecke Die besten Plattencover von Chris Howland

Plattencover Chris Howland (Foto: Hans-Jürgen Finger -)
Es klang abenteuerlich, was aus dem Radioempfänger zu hören war - ein Pferd wieherte, die Musik lief an und eine seltsame Stimme sagte: „Hello meinar Freundar. Das war mein Ferd Pegasus und ish bin der Scharlblattentschokei mit viele Musik für Sie, Sie und besonders Sie! Sitzen Sie bekwäm? Dann fanger ish arn!“ Das 60-minütige eigenwillige Chaos kam bei den Hörern grandios an und Deutschland hatte seinen ersten Schallplatten-Discjockey. Von den British Forces Networks (BFN) über den NWDR in Ham… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Chris Howland wollte schon immer Popsänger werden: „Als Discjockey musste ich so viele Platten von Leuten spielen, die überhaupt nicht singen konnten, da dachte ich, so schlecht kannst Du auch singen.“ Mit einer Handvoll Musiker nahm er den Klassiker „Alexanders Ragtime Band“ auf und spielte die Aufnahme seinem Chef beim WDR vor und fragte, ob er den Titel in seiner Sendung spielen dürfe. Dieser stimmte zu und die Hörerreaktionen waren ermutigend. Er packte sämtliche Hörerpost in einen Sack und… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Kritiker und Fans waren in einem Punkt ausnahmsweise einer Meinung: eine schöne Gesangsstimme hatte Chris Howland nicht unbedingt. Trotzdem erreichten seine Schallplatten Verkaufszahlen, um die ihn so manche aus der Branche beneideten. Ein Jahr nach „Fräulein“ gelang der nächste große Wurf: „Das hab’ ich in Paris gelernt“. Wiederum ein dritter Platz und 22 Wochen Hitparadenpräsenz. Den Titel hatte sich Horst Heinz Henning einfallen lassen, der auch schon für Paul Kuhn „Der Mann am Klavier“ sch… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Die Musik hatte es Chris Howland schon immer angetan. Als Junge spielte er oft in einer kleinen Dorfkirche unweit von London die Orgel. Im Alter von vierzehn Jahren komponierte er ein Konzertstück für Klavier und Orchester mit „Rumpelstilzchen“ betitelt, das sogar im Funk gespielt wurde. Er erlernte den Orgelbau, begann vor der Einberufung zum Militär ein Veterinärstudium und verfasste nebenbei Werbetexte. Seine Plattenfirma ließ in einer Presseveröffentlichung wissen, dass er ganz besonderes I… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Auf einer Party in Oberstorf absolvierte Chris Howland unbeabsichtigt seinen ersten Bühnenauftritt als Sänger. Die Fred Bertelmann-Platte „Der lachende Vagabund“ war mehr als eine Million mal verkauft worden und aus diesem Anlass wurde eingeladen. Irgendwo muss bei Veranstaltung allerdings der Wurm drin gewesen sein, denn Angèle Durand, die als Sängerin engagiert wurde, war verschwunden. Nachdem die Lücke nicht zu schließen war, bat Fred Bertelmann Chris Howland, ob er nicht einspringen würde. … Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Parallel zu seinen Rundfunksendungen, in denen er nach wie vor mit seinem ein wenig unbeholfenen aber dafür umso liebenswürdigeren Deutsch zu allerlei Schallplatten plauderte und dabei von seiner Familie, seinen beiden Kindern und seinen sieben Siam-Katzen erzählte, holte ihn der Deutsche Film immer wieder vor die Kamera. Was bei „Das hab’ ich in Paris gelernt“ schon der Fall war, nämlich dass sein Erfolgsschlager zum Filmtitel avancierte, war wenig später erneut eingetreten: „Geh’n Sie nicht a… Columbia (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…mit dem er im Film den Schlager „Weit weg von hier“ sang. Der Titel blieb seinerzeit auf Schallplatte unveröffentlicht. Drei Jahre später ergab sich jedoch die Gelegenheit für eine gemeinsame Platte: Heinz Gietz produzierte die beiden Titel „Sagst Du alles Deiner Frau“ und „Zwei alte Freunde“. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Heinz Gietz erdachte auch die Noten zu Chris Howlands 1961er-Hit über das Sparschwein, das er mit dem Hämmerchen kaputt haut. "Mr. Heinrich Pumpernickel", sein Spitzname, den er sich selbst gab, war erstaunt, als er bereits einen Tag nach Fertigstellung der "Hämmerchen-Polka" den Titel nochmals aufnehmen sollte, diesmal in holländischer Sprache. Das Resultat kam niemals in den Handel und wartet unter vielen Staubschichten bis heute auf seine Veröffentlichung. Stattdessen bekam er hierzulande Ko… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
„Mädchen für alles“ - Chris Howland war Hansdampf in allen Gassen. Nicht nur im Film, im Rundfunk und auf der Schallplatte konnte man ihm begegnen, sondern auch im Fernsehen. Die WDR-Hörfunksendung „Musik aus Studio B“ wurde auf den Bildschirm übertragen und darüber hinaus zeigte er für die deutschen Zuschauer etwas ganz Neuartiges: Streiche mit versteckter Kamera. „Vorsicht Kamera“ war der Titel der Sendung, die im Original („Candid Camera“) aus Amerika kam. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
„Chris ist kein „Beau“, kein „Held“ und auch kein dämonischer Typ - er ist einfach einer jener ewigen „Großen Jungen“, die man gerne haben muss, ob man will oder nicht.“ Dies schrieb die Presseabteilung eines Filmverleihs anlässlich eines neuen Streifens mit Chris Howland. „Wenn ich James Bond wär“ blieb eine Fiktion, allerdings reichte es allemal für Rollen in mehreren Edgar Wallace-Verfilmungen und blaue Bohnen flogen ihm in etlichen Karl May-Verfilmungen um die Ohren, in denen er skurrile Ch… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Weder Unter- noch Oberpfaffenhofen war 1965 seine Wohnadresse, sondern Mallorca. Chris Howland kehrte Deutschland den Rücken und wurde Hotelier. Er baute die Ferienanlage „Villa Columbus“ auf und hob nebenbei das erste deutschsprachige Urlauber-Radioprogramm der Insel aus der Taufe. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Ab Mitte der 1960er-Jahre blieben die Schallplatten-Hits aus. Er wechselte mehrmals die Plattenfirma und absolvierte kurzzeitige Gastspiele bei der Ariola, Polydor, Metronome und Cornet. Interessant aus dieser Epoche ist seine deutsche Version des Nancy Sinatra & Lee Hazlewood-Klassikers „Jackson“. Die deutsche Aufnahme wird von einem Mysterium begleitet: wer war die Duettpartnerin von Chris Howland? Das Plattenetikett schweigt sich darüber aus und eine eindeutig belegte Antwort darauf gibt es … Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Nach seiner Rückkehr von Mallorca war für Chris Howland zunächst tingeln angesagt. Beim WDR erhielt er eine neue Hörfunk-Sendereihe betitelt mit „Gestatten, neue Platten“ und in Hamburg wurde „Musik aus Studio B“ für das Radio neu aufgelegt. An alte Schallplattenerfolge konnte er nicht mehr anknüpfen. Mit dem von Christian Bruhn geschriebenen und produzierten Titel „Wischi-Waschi, Bla Bla Bla“ reichte es 1976 nur zu einem Achtungserfolg. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Auf insgesamt sechs Langspielplatten begrüßte Chris Howland seine Zuhörer im „Schlager-Studio“. Zwischen den einzelnen Titeln kommentierte er in seinem gewohnt lockeren Plauderton die neuesten Hits aus dem In- und Ausland. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
„Ich hasse Abschied, machen wir es kurz! Die acht Jahre waren schön, sie waren ausgezeichnet. Wir sehen uns wieder!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Chris Howland am 10. Februar 1969 im Deutschen Fernsehen von den Zuschauern der Sendereihe „Musik aus Studio B“. Seit er am 22. Oktober 1961 erstmals als Fernseh-Discjockey auftrat, hatte er in sechzig Sendungen über dreihundert prominente Schlagerstars und viele Nachwuchstalente präsentiert. Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen
Bereits 1988 wurde „100 Jahre Chris Howland“ gefeiert. „Das Festival der Rübe“ stellte die augenzwinkernde Würdigung zweier Jubiläen dar: seinen 60. Geburtstag und den 40jährigen Aufenthalt in seiner Wahlheimat Deutschland. Seine sehr eigene Art, die deutsche Sprache mit quäkendem, englischem Akzent zu sprechen; seine trockene, unterkühlte Masche, als Schauspieler Rollen im Film und auf der Theaterbühne zu spielen und schließlich sein unvergleichlicher Stil, Rundfunk- und Fernsehsendungen für M… Hans-Jürgen Finger - Bild in Detailansicht öffnen

Mikrofon statt Bienenstock

Das hätte sich John Christopher Howland auch gut als Imker vorstellen können, verrät er im Gespräch mit SWR4 Baden-Württemberg, doch das deutsche Publikum wollte es anders. „Obwohl ich anfangs nur englisch sprach und ausschließlich englische Lieder spielte“, zeigt er sich immer noch etwas erstaunt über seinen spontanen Erfolg als „Deutschlands erster Discjockey.“ Rund sechs Jahrzehnte später ist seine Popularität ungebrochen, auch die von „Heinrich Pumpernickel“ wie er sich in den 1950er Jahren ganz spontan über Sender nannte.

„Pumpernickel“ für gute Laune

Chris Howland (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Chris Howland in jungen Jahren picture-alliance / dpa -

Wie er auf die Idee für diesen Spitznamen kam, kann er sich bis heute nicht erklären, den Grund dafür kennt er aber noch ganz genau: „Ich wollte einen Tontechniker aufmuntern, der weder mich noch meine Musik mochte“ erzählt uns Chris Howland.“ Diese Antipathie war dem Umstand geschuldet, dass sich der erste Gastarbeiter im deutschen Radio nicht aufs Moderieren beschränkte, sondern auch den technischen Ablauf seiner Sendungen buchstäblich selbst in die Hand nahm. Was heute (auch bei SWR4 Baden-Württemberg) Moderatorenalltag ist, war damals ein Novum und sei, so erinnert sich Howland, dem WDR ein für seine Bedürfnisse neu konzipiertes Studio wert gewesen.Der Neckname habe den Techniker keinesfalls amüsiert, dafür aber umso mehr die Zuhörer. Vermutlich sei Heinrich Pumpernickel inzwischen bekannter als Chris Howland, mutmaßt der Entertainer. Er wertet das als besten Beweis dafür, dass die Deutschen entgegen aller Vorurteile doch viel Humor haben.

Britische Lebensart am Rhein

Nach Abstechern in die englische Heimat und auf Mallorca ist er seit längerem wieder bei seiner großen Fangemeinde daheim. Mit Ehefrau Nummer vier, einer deutschen Innenarchitektin, lebt er jetzt in Rösrath bei Köln. „Deutschland ist mein Zuhause“ sagt Chris Howland, doch ein bisschen britische Lebensart hat er sich selbstverständlich bewahrt. So unterhält sich das Paar privat ausschließlich auf Englisch und der „Five o’clock-tea“ ist ein tägliches Ritual. Bestimmt auch am Ehrentag des Hausherrn.

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