Schlagerlegende Das kurze Leben der Alexandra

Alexandra war eine Künstlerin der besonderen Art. Ihre Musik hatte einen eigenen unverwechselbaren Ton, der dem Chanson näherstand als dem Schlager. Wir blicken zurück auf ihre Karriere und auf ihren frühen Unfalltod, der immer noch zu Spekulationen einlädt.

Mit vier Jahren bereits war sie bühnenreif. Während fast allen Darstellern im Märchenspiel "Schneewittchen" vor Lampenfieber und Unsicherheit die Knie schlotterten, klaute Alexandra - engagiert als kleinster der sieben Zwerge - den anderen vor den Augen des Publikums unbekümmert die Kekse vom Teller.

Bilderstrecke Die schönsten Cover von Alexandra

Plattencover von Alexandra (Foto: SWR, Philips (Coverscan) -)
Alexandra gelang ein Start, den deutsche Schallplattenfirmen mit einer Nachwuchssängerin bis dato noch nie riskiert hatten: ihre erste Schallplatte ist eine Langspielplatte. Im April 1967 ließ „Premiere mit Alexandra“ die gesamte Fachwelt aufhorchen. Der darauf enthaltene "Zigeunerjunge" wurde zum Senkrechtstarter. Bereits am Jahresende wurde Alexandra von den prominentesten deutschen Show-Journalisten zur "interessantesten Nachwuchs-Entdeckung des Jahres 1967" gewählt. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Jahr nach der Premiere folgte die zweite LP. Produzent Fred Weyrich wollte dafür bewusst Lieder, von denen man so gerne sagt, sie seien „zu gut“, um anzukommen. So konnte Alexandra erstmals ihre eigenen Chanson-Ideen verwirklichen. Vier Kompositionen und sechs Texte sind von ihr. Darunter „Mein Freund, der Baum“ oder "Grau zieht der Nebel“, eine deutsche Übersetzung eines Adamo-Chansons. Der sagte über Alexandra: "Haltet sie bloß fest, sie ist bald schon eine ganz große Nummer." Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Alle sagten Alexandra eine Welt-Karriere voraus. Ihre Lieder, viele von ihr selbst komponiert und getextet, erklangen in halb Europa. Sie sang in allen Sprachen, sogar in Hebräisch. Alexandra beherzigte eine Branchen-Weisheit: Erfolg zu haben ist schwer, aber noch viel schwerer ist, Erfolg zu halten. Die Konsequenz: Hans R. Beierlein, der bereits Udo Jürgens zu einem Star gemacht hatte, nahm sich Alexandras an. Ihr Album „Sehnsucht - ein Porträt in Musik“ wurde in kürzester Zeit zum Renner. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Jahr nach Alexandras Unfalltod 1969 erschien das Album „Alexandra - Unvergessen“. Im Begleittext erzählte Fred Weyrich, wie es zur Entdeckung der Künstlerin kam. Bei einem Treffen mit der Sängerin "spürte (ich) sofort diese außerordentliche Begabung und schloss mit ihr noch an diesem Abend einen Vertrag... .“ Am nächsten Tag sang sie ihr „Privat-Repertoire“ noch einmal im Studio. "Unvergessen" beinhaltet diese Probeaufnahmen - im Nachhinein orchestral unterlegt. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Posthum erschien von Alexandra ein Lied, das sie kurz vor ihrem Tod noch aufgenommen hatte. Sie selbst schrieb den deutschen Text „Weißt Du noch“ zu der italienischen Komposition „Oltra la notte“. Auf der Rückseite der Platte erklang noch einmal ihr unvergängliches Chanson „Mein Freund, der Baum“. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Obwohl „Sehnsucht - das Lied der Taiga“ ihr größter kommerzieller Erfolg war, hatte Alexandra dieses Lied gehasst. Ihr Produzent erzählte später: „Sie sang es nur ein einziges Mal unter Tränen bei der Plattenaufnahme“. Sie schwor sich, dieses Lied nach der Aufnahme nie mehr zu singen und blieb ihrem Vorsatz treu. Noch bevor die Schallplatte angepresst war, lagen dem Fachhandel schon 70.000 Vorbestellungen vor! Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Sehnsucht“ wurde auch bei unseren westlichen Nachbarn unter dem Titel „La taiga“ zum Erfolg, denn… Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
…die Franzosen hatten Interesse an der Sängerin mit der tiefen, rauchigen Stimme gefunden. Ihr „Zigeunerjunge“, gesungen in französischer Sprache, wurde ein Ohrwurm. Die Aufnahme von Alexandra war sogar erfolgreicher als die Einspielung, welche Dalida für den französischen Plattenmarkt gemacht hatte. Gleichzeitig verhandelte die Künstlerin über ein Gastspiel im berühmten Pariser „Olympia“, zu dem es allerdings nicht mehr kam… Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Die Schallplatten von Alexandra wurden auch in Holland aufgelegt, wie dieses Beispiel zeigt. Beim „Walzer des Sommers“ stand einmal mehr ihr Liedermacher-Kollege und Freund Adamo Pate: er schrieb und sang im Original den „Valse d’été“. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Mit Brasilien hatte Alexandra eine besondere Verbindung. Sie arbeitet dort mit dem Musiker Antonio Carlos Jobim. Obwohl sie beim Festival in Rio mit „Illusionen“ durchfiel, war es für sie das schönste Land der Welt. Ein brasilianisches Lied sang sie 1966 bei Fred Weyrich vor: „Manhã de Carnaval“ aus dem 1959 gedrehten Film „Orfeu negro“. Die deutsche Fassung „Das Glück kam zu mir wie ein Traum“ kam 1970 mit der Veröffentlichung ihrer ersten Aufnahmen als Single-Auskopplung heraus. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Mitte der 1970er Jahre wurden im Archiv des Bayerischen Rundfunks in München zufällig unveröffentlichte Aufnahmen von Alexandra gefunden. 1968 war dort das 30-minütige Hörspiel „Die vier Schwestern“ zusammen mit Karin Hübner und Ivan Rebroff entstanden. Innerhalb dieser Produktion sang Alexandra insgesamt vier Titel. Zwei davon feierten 1976 ihr Schallplattendebüt: „O Duscha, Duscha“ und „Wenn die lila Astern blühen“. Philips (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
„Maskenball“ war 1968 als Alexandras zweite Single geplant. Der Titel wurde nie auf Schallplatte gepresst. Er wurde zugunsten von „Sehnsucht“ zurückgestellt und geriet dort in Vergessenheit. 2010 entdeckte man „Maskenball“ zufällig in einem Wochenschau-Beitrag. Das alte Band wurde gefunden und der Titel als Bonus auf dem Album „Unvergessen“ auf CD veröffentlicht. Parallel hierzu erschien „Maskenball“ als Vinyl-Single in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren. Plattenfirma (Coverscan) - Bild in Detailansicht öffnen
Im Zusammenhang mit dem TV-Portrait „Alexandra - Die Legende einer Sängerin“ erschien diese Doppel-CD mit bislang unveröffentlichtem Bild- und Tonmaterial. Darunter Ausschnitte aus der Gilbert Bécaud-Show „Monsieur 100.000 Volt“ und Aufnahmen aus dem Hörspiel „Die vier Schwestern“, das beim Bayerischen Rundfunk produziert wurde. Ein informatives Begleitheft rundete das Angebot ab. Mercury (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Anlässlich des 50. Todestages kam diese 3-CD-Box in die Geschäfte. Besonderes Interesse gehört den hier enthaltenen  internationalen Aufnahmen. Darunter ihre großen Erfolge aus Frankreich, sowie zahlreiche in englischer und russischer Sprache gesungene Titel. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Stars singen Alexandra“ - diese Hommage entstand 1999. Viele namhafte Künstlerinnen und Künstler - von Marianne Rosenberg über Shirley Bassey bis hin zu Udo Jürgens und Jay Alexander - interpretieren ihre Lieder. Exklusiv für dieses Album nahm Hans Blum alias Henry Valentino den Tribut-Song „Alexandra, wärst Du heute noch hier“ auf. Edel Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen

Viele Jobs für wenig Geld

Sieben Jahre später ersang sie sich ihre erste Gage: 60 Pfennig erhielt sie als Kirchenchormitglied fürs Jubilieren auf Hochzeiten. Als sie siebzehn war und die Meisterschule für Mode in Hamburg besuchte, kaufte sie sich von dem Geld, das sie sich als Zimmermädchen verdiente, eine Gitarre. Sie arbeitete bei einer Autoverleihfirma, um ihr Schauspiel-Studium zu finanzieren.

Hübsch zur Gitarre singen

Als Alexandra Theater in Neumünster spielte, erfuhr sie in einem Anruf, dass der bekannte Schallplattenproduzent Fred Weyrich händeringend nach Talenten suche. "Sie könne doch so hübsch zur Gitarre singen und ob sie nicht Lust hätte, dem Herrn vorzusingen." Weyrich war sofort begeistert von ihrem Talent, ihrer Ausstrahlung und ihrem außergewöhnlichen Repertoire. Er organisierte umgehend einen Studiotermin und machte mit ihr Probeaufnahmen.

Alexandra (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance/Wolfgang Weihs)
Alexandra bei einem Auftritt in der TV-Musiksendung "Musik aus Studio B". Picture Alliance/Wolfgang Weihs

Die Direktoren schäumten vor Wut

Mit diesen im Gepäck ging er zu einer namhaften Plattenfirma, wo er abgewiesen wurde: "Diese Lieder sind zu traurig und nicht kommerziell genug." Mit einem Trick gelang es Weyrich jedoch, die Zweifler zu überzeugen. Bei einer Firmen-Tagung kündigte er kurzerhand seine Neuentdeckung an, die er hinter der Bühne versteckt hielt. Die Direktoren schäumten vor Wut, waren aber sehr bald von Alexandra überzeugt. Eine großartige aber viel zu kurze Karriere nahm ihren Anfang.

Das geglückte Debüt überzeugte alle

Entdecker Fred Weyrich war es, der den Künstlernamen "Alexandra" in Anlehnung an den Namen ihres Sohnes Alexander erdachte. Darüber hinaus ging er mit ihr den ungewöhnlichen Weg, zur Premiere gleich mit einer ganzen Langspielplatte zu starten. Ihr Debüt glückte, überzeugte Kritiker und Publikum gleichermaßen und mit ihrem Lied "Zigeunerjunge" wurde sie über Nacht zum umjubelten Star.

Auf Tournee mit Hazy Osterwald

Fortan verlangte das Showgeschäft von ihr alles ab und hetzte sie von einer Verpflichtung zur nächsten. Gleich nach der Veröffentlichung ihrer ersten Platte ging sie mit Hazy Osterwald auf große Russland-Tournee und nahm an Festivals rund um den Globus teil. In zahlreichen Fernseh-Shows stand sie zusammen mit Größen wie Gilbert Bécaud, Chris Howland, Vico Torriani oder Peter Frankenfeld im Scheinwerferlicht. In einer der ersten Ausgaben der legendären ZDF-Hitparade war sie mit ihrem Lied "Schwarze Balalaika" vertreten, fiel beim Schlagerpublikum jedoch damit durch.

Mit ihrem Repertoire gegen den Strom zu schwimmen, erforderte viel Kraft. Ihren größten Erfolg "Sehnsucht - das Lied der Taiga" hat sie überhaupt nicht gemocht - sie wollte mehr als folkloristische Schlager singen und fürchtete, damit bald in einer Schublade zu landen. Anspruchsvolle Lieder und französische oder russische Chansons zu interpretieren, war ihr eigentlicher Traum. Sie komponierte, schrieb eigene Texte und fühlte sich mehr der Chanson-Szene zugehörig, was die Zusammenarbeit mit Udo Jürgens und Adamounterstrich. Mit letztgenanntem unternahm Alexandra ihre erste Deutschland-Tournee.

Alexandra (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance/Roland Witschel)
Die Preisträger der Goldenen Europa 1969: (l-r) Alexandra, Roy Black, Vicky Leandros und Rex Gildo. Picture Alliance/Roland Witschel

Auch in Frankreich gelang ihr der Durchbruch, wo sie mit "La taiga" und "Tzigane" in den Hitlisten stand. Frankreichs berühmter Show-Regisseur Jean-Christophe Averty verpflichtete sie für eine französische TV-Show und der deutsche Filmemacher Truck Branss drehte mit ihr ein ganzes Fernsehportrait. Ihre Lieder erklangen nun europaweit - es war ein einziger Höhenflug.