Skurriles Schlagergenre Gesungene "Antworten" auf Hits

Antwort-Platten - sie waren fast schon eine Kunstgattung für sich. Vor allem in Amerika erfreuten sie sich großer Beliebtheit, aber auch in Deutschland gab es den einen oder anderen Versuch, damit einen Hit zu landen.

Was veranlasst Komponisten oder Autoren, einen Antwort-Song zu schreiben? Lockt die Aussicht auf einen schnellen Erfolg, indem man kurzerhand auf einen fahrenden Zug, der bereits Richtung Hitparadenspitze fährt, aufspringt? Unbestritten, das Risiko, einen Absturz dabei zu erleben, ist kalkulierbar und oft hat dieses Rezept auch funktioniert. Außerdem war dies ab und an auch ein willkommenes Vehikel, um No-Name-Künstler ins Rampenlicht (zumindest kurzzeitig) zu befördern. Wollte man sie alle aufzählen, die Liste wäre endlos. Einige Beispiele gefällig? Bobby Vee bat „Take good care of my baby“, was ein gewisser Ralph Emery auch zusagte „I’ll take good care of your baby“. Aus Roger Miller’s „King of the road“ wurde „Queen of the house“ mit Jody Miller, Elvis Presley fragte „Are you lonesome tonight“, worauf Dodie Stevens bzw. Thelma Carpenter „Yes, I’m lonesome tonight“ erwiderten. Es sei noch Skeeter Davis erwähnt, eine der Top-Künstlerinnen der Country-Szene, die 1960 sogar eine komplette LP mit Antwort-Songs auf den Markt brachte.

Plattencover von "Antwortsongs"  (Foto: SWR, RCA (Coverscan))
Skeeter Davis nahm eine komplette Antwortplatte auf RCA (Coverscan)

Der erste Antwortsong ging "baden"

Was auf dem amerikanischen Musikmarkt funktioniert, kann für die deutsche Szene nicht schlecht sein - man orientierte sich ja schon immer gerne auswärts... Zur Ehrenrettung der deutschen Musikszene muss man allerdings anmerken, dass bereits in den 1920er Jahren ein Beispiel zu finden ist, welches genau diese Mode schon damals auf Schellack brachte. 1925 fiel Fred Raymond ein Schlager ein, der zum Evergreen und fast schon zum geflügelten Wort wurde: „Ich hab’ das Fräulein Helen baden seh’n“. Der Komponist höchstpersönlich setzte ein Jahr später eins drauf: „Das Fräulein Helen soll nicht mehr baden geh’n“, was allerdings eher in den Fluten unterging. Daran gemessen, war die „neue“ Masche aus Amerika doch nicht ganz so „neu“, wie man vielleicht zunächst glauben mochte.

Die Antworten hatten nicht immer die selbe Melodie

Die Antwort-Songs hatten oftmals eines gemeinsam: entweder sie wurden auf dieselbe Melodie wie das Original gesungen, so dass die Zugehörigkeit zweifelsfrei belegt war oder aber es wurde neu komponiert, allerdings mit Anleihen, die unüberhörbar auf den Ursprung der Idee verwiesen. Die Blütezeit dieses Genres waren die 1950er und 1960er Jahre. Danach begann diese Musikgattung nach und nach zu sterben. Auf dem internationalen Musikmarkt findet man - mit etwas Glück - komplette CD-Zusammenstellungen, die sich mit Antwort-Songs befassen.

Dauer

Antwort oder Fortsetzung?

Einen ähnlichen Weg beschritten Titel, die als Fortsetzung eines erfolgreichen Stoffes geschrieben wurden. Hierfür finden sich etliche Beispiele vor allem in der jüngeren Schlagervergangenheit. Die Grenzen sind allerdings fließend, so dass eine Zuordnung, ob es sich nun eher um einen „Antwort-Song“ oder eine „Fortsetzungs-Geschichte“ handelt, eher subjektiv ist.

Die besten Antworten in der Bildergalerie

Unsere Bildergalerie zeigt eine Vielzahl von Beispielen aus den 1950er bis 1980er Jahren. Große Hits neben „Nevergreens“, große Stars neben Unikaten. Dazu die entsprechenden Facts und Geschichten. Viel Vergnügen beim Durchklicken.

Die besten "Antworten" auf Hits

Plattencover von "Antwortsongs"  (Foto: SWR, Ariola/Barclay (Coverscan))
Charles Aznavour schrieb „Tu t'laisses aller“ („Du lässt Dich geh’n“) für die 1960 gedrehte französisch-italienische Liebeskomödie „Eine Frau ist eine Frau“ (Hauptrollen: Anna Karina, Jeanne Moreau und Jean-Paul Belmondo). Der Ehemann hält seiner Frau eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten vor, allerdings mit dem Fazit, dass er sie trotz alledem liebt. Ariola/Barclay (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Kritik des Ehemanns ließ sich Friedel Hensch nicht widerspruchslos gefallen. Die Retourkutsche erfolgte unter dem Titel „Mein Ideal“. Caterina Valente hatte ebenfalls eine Fassung davon aufgenommen. Selbst in Holland gab es contra: Corry Brokken sang es in holländischer Sprache. Natürlich auch hier: Story mit Happy-End. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Manos Hadjidakis erhielt für den Titel „Never on Sunday“ aus dem gleichnamigen Film 1961 einen Academy Award. Für Lale Andersen war es nach dürren Jahren ein Riesencomeback. „Ein Schiff wird kommen“ erschien in Deutschland seinerzeit auch mit Melina Mercouri (die es auch im Film gesungen hatte), Caterina Valente, Dalida und Lys Assia. Die erfolgreichste Aufnahme kam allerdings von Lale Andersen. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Nachtigall des Swing oder - wie sie sich selbst nannte - „die Fette aus Dingsda“, Evelyn Künneke, ging mit der Antwort auf das sehnsüchtig erwartete Schiff an den Start. „Ahoi-Ahoi-Hurra, das Schiff ist endlich da“! Allzu viele Hoffnungen auf Tantiemen hegte man offensichtlich nicht, der Titel wurde nur als B-Seite auf den Markt gebracht. Zum Ausgleich dafür allerdings mit zwei verschiedenen Covern. Bella Musica (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Are you lonesome tonight“ - Elvis’ Hit wurde als „Bist Du einsam heut’ Nacht“ mit Peter Alexander zu einem der großen Hits des Jahres 1960. Wie damals so üblich, gingen mehrere Interpreten mit ein und demselben Titel gleichzeitig an den Start. Um die Gunst der Schallplattenkäufer buhlten damals auch Gerhard Wendland und Wyn Hoop - vergeblich. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Was in Amerika Dodie Stevens bzw. Thelma Carpenter übernahmen, war hierzulande der Part von Wilma Lucini: „Ja, ich bin einsam heut’ Nacht“. Während sie auf der A-Seite eine Antwort gab, so schlüpfte sie auf der B-Seite in die Rolle der Fragestellerin: „Kannst Du mir noch mal verzeih’n“ - die deutsche Fassung des Wanda Jackson-Hits „Right or wrong“. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Der Geschichte von „Tom Dooley“ liegt ein wahrer Kriminalfall zugrunde, der sich in den 1860er Jahren in North Carolina zugetragen hatte. Die Version des Kingston-Trios, die 1958 weltweit sechs Millionen Käufer fand, machte dieses Volkslied, welches direkt nach der Vollstreckung des Todesurteils 1868 entstand, überaus populär. In Deutschland hatten neben anderen die Nielsen Brothers (u. a. mit Walter Leykauf=Patrizius) damit einen Hit, der über 7 Wochen auf Platz 1 rangierte. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ein Jahr später wurde Tom Dooley rehabilitiert. Auf „Tom Dooley II“ hieß es, dass er „ein guter Mann“ gewesen war und die Tat nicht begangen habe. Sein Grab wird in diesem Lied zur Pilgerstätte. Parallelen zum „echten“ Mordfall sind auch hier zu finden. Widersprüche fanden sich auch in dem damaligen Mordprozess, allerdings wurde Thomas C. Dula (wie er richtig hieß), auch in der Berufung zum Tode verurteilt. Die Nilsen Brothers hielten sich mit der "Antwort" für 6 Wochen in den Hitparaden. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
In der Steiermark waren STS (Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz) nicht mehr aus der lokalen Musikszene wegzudenken. Mit „Fürstenfeld“ gelang den drei Musikern 1984 auch bei uns ein respektabler Hit, der auch heute noch häufig gespielt wird und zum Evergreen wurde: I will wieder hoam… Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
O-Ton Plattenfirma: „Haben Sie schon einmal auf einer Österreichkarte nach Fürstenfeld gesucht...? In Wien weiß man schon längst, dass Fürstenfeld am Ende der Welt liegt und um das dem Rest der Welt kundzutun, begibt sich „Franzi aus Wien“ in den Wienerwald, um den vorliegenden Antwort-Song gen Fürstenfeld zu schleudern.“ Hinter „Franzi geht in’ Wienerwald“ steckte der Komponist und Popmusiker Nikolaus Kalita. EMI (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Falco verursachte 1985 mit „Jeanny“ einen Riesenwirbel. Das Lied wurde von etlichen Rundfunkanstalten nicht gesendet und trotzdem (oder gerade deswegen?) auf Platz 1 der Hitparaden notiert. „Jeanny“ lässt textlich viele Interpretationen zu, deutet aber stark auf den Hergang eines Gewaltverbrechens hin. Der damalige Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben unterstreicht mit dem von ihm gesprochenen Newsflash die Annahme, dass es sich um die Schilderung eines Mordes aus Sicht des Täters handelt. Gig Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
1986 koppelt Falco aus dem Album „Emotional“ den Titel „Coming Home“ aus - Untertitel: „Jeanny Part 2, ein Jahr danach“. Die Sichtweise aus Part I wird hier relativiert - Jeanny ist am Leben. Auch die Fortsetzung wird zum Hit. Platz 1 in Deutschland. Frank Zander brachte 1986 „Jeanny - die reine Wahrheit“ auf den Markt und im neuen Jahrtausend - 2001 - erschien eine Fassung von Reamonn zusammen mit Xavier Naidoo. Ein Stück Popmusik, das Kreise zog… Von "Jeanny" gibt es mittlerweile fünf Teile. Gig Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Er erfand Milli Vanilli oder Boney M. und war seit Ende der 1960er Jahre selbst als Sänger tätig: Frank Farian. 1976 gelang ihm sein einziger Nummer 1-Hit als Solist: „Rocky“. Die Liebesgeschichte ohne Happy End - dafür mit Vaterfreuden - war 26 Wochen in den Hitparaden notiert. Die Stimme des Mädchens gehört übrigens Herlinde Grobe, die sich bereits seit vielen Jahren in der volkstümlichen Szene als „Bianca“ einen Namen gemacht hat. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Fortsetzung der Rocky-Geschichte als „Was wird aus Jenny“ verdankt ihre Hitparaden-Präsenz dem Umstand, dass auf der A-Seite der Platte „Spring’ über Deinen Schatten, Tommy“ veröffentlicht wird. Erneut eine mit Problemen behaftete Liebesstory ähnlich dem Strickmuster von „Rocky“. Immerhin kletterte der Titel bis auf Platz 12 empor. Wie sich die Bilder gleichen - Bianca ist auch bei dieser Produktion wieder mit von der Partie. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Einschlafhilfen gibt es viele - Bill Ramseys Freundin Mimi legte sich beispielsweise nie ohne Krimi ins Bett. Die laut vorgelesene Story störte die Nachtruhe und der geplagte Bill fand Trost in der Kneipe gegenüber. Diese Szenerie unterhielt viele Schlagerfreunde - es wurde ein Evergreen. Ein gleichnamiger Film folgte auf dem Fuße: Karin Dor, Edith Hancke, Trude Herr, Heinz Erhardt, Harald Juhnke und natürlich Bill Ramsey sorgten für Kurzweil im Kinosessel und später auch im Pantoffelkino. Bear Family (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Eine ganz andere Lektüre bevorzugte die Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Dany Mann im Jahr 1963: ich lese abends keinen Krimi - so wie die Mimi tu’ ich das nicht. Viel lieber lese ich bei Jimmy in seinen Augen „ich liebe Dich“…. ein pfiffiger Schlagertext, der aus der Feder von Gisela Zimber stammte. Leider reichte es nicht zum großen Hit. Ein zu Unrecht vergessenes Stückchen Musik. Electrola (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Wilfried Gliem und Wolfgang Schwalm aus dem Hessen-Lande, besser bekannt als die „Wildecker Herzbuben“, gelang gleich mit dem ersten Titel ein Riesenerfolg: „Herzilein“. Der Schunkelhit wurde Kult. Produziert wurde die Erfolgsnummer übrigens von Engelbert Simons und Gerd Grabowski (G. G. Anderson). Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Nach der Tat die Reue: In „Und heut’ verwöhn’ ich Dich (Herzilein - Teil 2)“ setzten die Wildecker Herzbuben alles daran, das Herzilein, welches durch die Zechtour arg strapaziert wurde, wieder zu versöhnen. Trotz der vielen guten Taten gefiel den Schlagerfreunden das Besäufnis im Dreivierteltakt entschieden besser. Es ist nicht überliefert, aber evtl. wurden die Sorgen über mangelnde Absätze von „Herzilein 2“ sicherlich in einem Gläschen Wein ertränkt. Hansa (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Ein ehemaliger Kindergarten in Stuttgart-Wangen war der Schauplatz des ersten gemeinsamen Auftritts der „Fantastischen Vier“. Die Stuttgarter Rap-Band hatte 1992 einen Riesenhit mit „Die da“, der Geschichte über eine Frau, die freitags nie kann….. In Österreich und in der Schweiz belegte das Quartett damit Platz 1 der Hitparade, hierzulande reichte es „nur“ bis Platz 2. Columbia (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
„Die Galaktischen 2“ mit der schlagfertigen Antwort auf „Die da“: „Der da“ hieß der Rap-Song von Anja und Monique. Die beiden Mädels erzählen, warum sie freitags nie da waren und wie „der da“ erst einmal unter die Lupe genommen werden musste, bevor irgendetwas läuft. Produziert wurde dieser Antwort-Song von Henner Hoier. Er war von 1968-1970 Leadsänger der „Rattles“, gründete mit Les Humphries die Les Humphries Singers. Später komponierte er u.a. Wencke Myhre oder Jürgen Drews. Polydor (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Story vom Truckerfahrer, der via Funkgerät Kontakt zu einem an den Rollstuhl gefesselten Jungen bekommt, rührte viele zu Tränen. 1978 hat Jonny Hill diese - im Grunde genommen - Rezitation aufgenommen und ist seither ein oft gewünschtes Lied im Rundfunk. Das Original „Teddy Bear“ kommt übrigens aus Amerika und wurde 1976 von Red Sovine geschrieben und gesprochen. RCA (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen
Die Zeit vergeht und die Genesung macht Fortschritte… 7 Jahre nach „Ruf Teddybär 1-4“ erschien die Fortsetzung „Hallo Teddybär“. Dieses Mal werden Freudentränen vergossen - der Junge aus dem Rollstuhl kann nun ohne fremde Hilfe ein paar Schritte gehen. Trotz dieser hoffnungsfrohen Botschaft wurden keine Trucks zur Auslieferung der schwarzen Scheibe benötigt. Aller guten Dinge sind drei: Jahre später entstand mit der weiteren Fortsetzung („Teddybär, ich danke Dir“) eine Triolgie. Koch Records (Coverscan) Bild in Detailansicht öffnen