Tony Marshall - mehr als nur ein Fröhlichmacher

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Hans-Jürgen Finger

Der "Fröhlichmacher der Nation" ein Opernsänger? Kaum zu glauben, wenn man Schlager wie "Schöne Maid" im Ohr hat. Doch Tony Marshall kann viel mehr als nur Stimmungsmusik - und das zeigte sich schon sehr früh.

Schlagersänger Tony Marshall sitzt lächelnd in einer Talkshow (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Henning Kaiser/dpa | Henning Kaiser)
Tony Marshall in einer Talkshow 2018 picture alliance / Henning Kaiser/dpa | Henning Kaiser

Beim Südwestfunk lernt Tony Marshall große Künstler kennen

Inspiriert vom Kinofilm "Der große Caruso" und der Rolle des Tenors bewarb sich der junge Herbert Anton Bloeth (später Tony Marshall) als Chorsänger beim damaligen Südwestfunk. 1954 wurde er nach einem Vorsingen auf Anhieb genommen: "Da wurde ich mit großen Künstlern konfrontiert, die man bislang nur aus dem Rundfunk kannte", erinnerte er sich. Zu denen gehörte beispielsweise Caterina Valente. Tony: "Für alle, die hier Aufnahmen machten, haben wir den Chor gesungen. Diese Erfahrung war ganz wichtig für meine Zukunft."

Aus Tony Marshall sollte ein zweiter Charles Aznavour werden

In Freiburg und Karlsruhe studierte Herbert Musik mit der Fachrichtung Opernsänger. Nach dem Abschluss unterschrieb er den ersten Plattenvertrag - jedoch nicht im ernsten Fach: Aus dem ausgebildeten Opernsänger sollte ein Chansonsänger wie der Franzose Charles Aznavour werden. Man verpasste ihm den Künstlernamen Tony Marshall und schrieb ihm den Song "Aline" auf den Leib - die deutsche Version des französischen Superhits. 1966 stand seine erste Schallplatte in den Geschäften.

Tony Marshall (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / dpa / Ossinger)
Schlagersänger Tony Marshall im Jahr 1972. picture-alliance / dpa / Ossinger

Jack White machte Tony Marshall zum "Fröhlichmacher der Nation"

Als mit dem Chanson der Erfolg ausblieb, machte Tony Marshall 1968 in seinem Heimatort Baden-Baden eine Kneipe auf. Eines Abends bekam er dort Besuch von Jack White. Der war Disc-Jockey in Pirmasens und hat dort Marshalls Platte "Aline" jeden Abend aufgelegt. Schon bei der ersten Begegnung stellte White fest, dass er es mit einem Mann zu tun hatte, zu dem fröhliche Musik besser passen würde. Kurze Zeit später bot der Produzent Tony eine Volksweise aus Tahiti an, aus der er den Titel "Schöne Maid" gemacht hatte.

"Wenn man aus der klassischen Musik kommt, dann anspruchsvolle Chansons interpretierte und plötzlich soll man Trallala und Hoppsassa singen - das war eine Phase, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen."

Tony Marshall (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / dpa / Uli Deck)
Tony Marshall in seinem Museum in Baden-Baden picture-alliance / dpa / Uli Deck

Der Karneval hilft mit beim Erfolg von "Schöne Maid"

Die Single "Schöne Maid" kam zur Karnevalszeit heraus und ging durch die Decke. Die Sendung "Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht" half dabei mit: Hier war Tony Marshall als Ersatz vorgesehen und sollte auf Handzeichen auf die Bühne kommen. "Es war Karneval und es floss reichlich Wein" - dann kam überraschend der Wink vom Bühnenrand: "Ich nahm meinen Stuhl, schob ihn vor die Bühne, kletterte sehr schwerfällig hoch, ging zum Chor und sang "Schöne Maid". Nach dem Lied tobten die Leute und riefen "Zugabe".

Große Enttäuschung für Tony Marshall beim Grand Prix

Eines seiner schönsten Lieder ist "Der Star". Mit ihm sollte Tony Marshall 1976 Deutschland beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson in Den Haag vertreten. Doch eine junge Sängerin legte Einspruch ein: Sie habe den Titel vor einigen Jahren bereits in einer Disco im Bayerischen Wald gesungen. Daraufhin wurde der Song von Tony Marshall disqualifiziert - eine herbe Enttäuschung. Der Sänger behauptete später, die Konkurrenz habe das bewusst arrangiert, um seine Teilnahme am Grand Prix zu verhindern.

Neue Herausforderung im Musical "Anatevka"

Schlagersänger Tony Marshall als Milchmann Tevje mit mehreren Darstellerinnen des Musicals "Anatevka" auf der Bühne (Foto: IMAGO, POP-EYE)
Tony Marshall als Milchmann Tevje im Musical "Anatevka" POP-EYE

Tony Marshall war bereits Ende der 1960er Jahre vom Musical "Anatevka" und der Rolle des Milchmanns Tevje begeistert gewesen. 2005 bekam der Sänger die Chance, selbst in die Rolle zu schlüpfen - und das mit großem Erfolg. Mancher Kritiker gab zu, dass er den Sänger vollkommen unterschätzt hatte. Tony Marshall erinnerte sich im Gespräch mit SWR4 an die Worte einer israelischen Journalistin. Sie kam auf die Bühne und sagte zum Publikum:

"Ich hab‘ sie alle gesehen, alle Tevjes dieser Welt. Und wissen Sie was? Tony Marshall ist der Beste!"

Trotz Diabetes und Schlaganfall noch auf der Bühne

Tony Marshall hatte mit zunehmendem Alter mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen - unter anderem mit Diabetes. Nach Umstellung seiner Ernährung nahm er 35 Kilogramm ab. 2019 erlitt der Sänger einen Schlaganfall und Nierenversagen und lag tagelang im Koma. Doch er rappelte sich wieder auf und dachte nicht ans Aufhören. Sogar in der Reha-Klinik sang er für Patienten und Gäste. Trotz seiner Einschränkungen trat Tony Marshall 2020 mit seinen Söhnen Pascal und Marc auf der Bühne auf und zeigte sich im Sommer 2021 sogar noch in der ARD-Show "Immer wieder sonntags".

"Bis zum letzten Atemzug werde ich versuchen, Fröhlichkeit zu verbreiten, denn Freude ist das größte Glück der Erde."

Im Oktober 2021 infizierten sich der Sänger und seine Frau trotz zweifacher Impfung mit dem Coronavirus und erkrankten an COVID-19. Tony Marshall musste sogar auf die Intensivstation, erholte sich dann aber von der Erkrankung.

Tony Marshall - der Steckbrief

Geboren3. Februar 1938 als Herbert Anton Bloeth. Den Namen änderte er später in Hilger.
FamilieMarshall ist 1962 verheiratet und drei Kinder, Marc, Pascal und Stella.
StiftungMit seiner "Tony-Marshall-Stiftung" kümmert sich der Schlagerstar seit 1999 um Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung. Marshalls Tochter Stella ist seit ihrer Geburt behindert.
PseudonymMarshall komponierte einige Stücke unter dem Namen Herb Tomar.
Zitat"Ich bin fast erstickt in der Schublade "Schlagerfuzzi" (aus "Die Zeit")

Besondere Plattencover von Tony Marshall

Plattencover Tony Marshall (Foto: SWR, Ariola (Coverscan) -)
Es ging um die gute Sache und Stars wie Mireille Mathieu, Adamo, Udo Jürgens oder Michael Schanze stellten sich gerne in ihren Dienst. 1981 war es Tony Marshall, der das Motto-Lied zur Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" sang: "Mach‘ Dir das Leben doch schön". Zwar gelang damit keine nennenswerte Hitparaden-Notierung - dafür hatte der Titel eine starke Präsenz im Fernsehen und im Rundfunk. Die Platte entwickelte sich zum Wunschkonzert-Renner. Ariola (Coverscan) -
Plattencover Tony Marshall (Foto: SWR, Ariola (Coverscan) -)
Auf der B-Seite seines 1974er-Hits "Onkel Golle" bekannte er: "In Baden-Baden bin ich geboren". Das Lied an seine Heimatstadt könnte auch als Richtigstellung verstanden werden, denn auf Grund seiner frankophilen Anfänge war eine entsprechend angepasste Biographie im Umlauf: "Sonnyboy Tony Marshall kam am 3. Februar 1942 als Herbert Anton Hilger im französischen Nancy auf die Welt." Kurioserweise ist die frei erfundene Version auf der Rückseite dieser Plattenhülle abgedruckt. Ariola (Coverscan) -
Plattencover Tony Marshall (Foto: SWR, Ariola (Coverscan) -)
Der Sänger wollte 1986 auf einer Benefiz-Gala in Freudenstadt seinen neuesten Titel aus der Taufe heben. Die Lokal-Zeitung druckte vorab den Text: "In Freudenstadt im Schwarzwald, da war die Freude groß - da hat der Storch ein Kind gebracht, hurra, da war was los"! Darüber waren einige Freudenstädter überhaupt nicht erfreut und schrieben Leserbriefe: zu frivol und sexistisch! Der Titel hat diesen Wirbel gut überstanden und heute denkt kaum jemand an die Turbulenzen zurück. Ariola (Coverscan) -

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