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Hände mit Seife waschen

Putzfimmel und Waschzwang Zwangsstörungen erkennen und behandeln

Zwangsstörungen wie Waschzwang und Putzfimmel: Jeder Hundertste in Deutschland ist Zwangserkrankter. Wie man das Leiden wieder zur Normalität umkehrt.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eben in Ihrer Wohnung die Fenster geputzt – und den Küchentisch abgewischt. Und verspüren plötzlich den Impuls, die Fenster nochmal zu putzen – und den Küchentisch nochmal abzuwischen. Und dann nochmal und nochmal.

Waschzwang: Noch ein Mal putze ich

So ging es Charlotte S., sie hat zwei kleine Kinder, ist verheiratet, voll berufstätig – und lebt mit ihrer Familie einen ganz normalen Alltag. Irgendwann aber verschiebt sich etwas in ihr. Sie beginnt, die Teppiche in ihrer Wohnung abzuwischen. Charlotte S. weiß, dass das, was sie tut, keinen Sinn macht – trotzdem kann sie nicht aufhören. Denn sobald sie die Handlung ausgeführt hat, kann sie erst wieder ruhiger werden.

Eine müde Frau, die neben Putzmittel schläft.

Zwangspatienten haben oft hohe Erwartungen an sich selbst – und Angst vor Fehlern – und Kontrollverlust

Von einer Zwangsstörung spricht man, wenn Menschen bestimmte Handlungen nach selbst festgelegten Regeln und meist in der gleichen Abfolge immer wieder ausführen müssen. Auf diese Weise werden Ängste, Unsicherheiten und Spannungen abgebaut – und befürchtete Katastrophen, die dem Betroffenen selbst oder einer nahestehenden Person zustoßen könnten – scheinbar abgewendet.

Zwangsstörungen haben zahlreiche Ursachen

Zwangserkrankungen, egal welche Formen, beginnen meist im Jugendalter und können gehäuft in der Familie auftreten – es gibt eine relativ hohe Erblichkeit unter erstgradigen Angehörigen. Fast immer aber haben sie verschiedene Ursachen. Es spielen Störungen des Hirnstoffwechsels eine Rolle, so Katharina Stengler - die Professorin für Psychiatrie leitet die Ambulanz für Zwangserkrankungen am Leipziger Uniklinikum.

Ein Junge putzt den Boden, indem er sich mit Tüchern unter Händen und Füßen fortbewegt.

Eine wichtige Rolle bei der Diagnostik spielen auch die Angehörigen – denn die Kinder, Eltern oder Partner beobachten oft viel deutlicher, im welchem Umfang sich die Zwänge im Leben des Betroffenen ausgebreitet haben

Und man weiß, dass psychologische Faktoren eine Rolle spielen, hier insbesondere auch Verhaltensmuster, man kann also Zwänge "lernen". Zwangspatienten haben oft hohe Erwartungen an sich selbst – und Angst vor Fehlern – und Kontrollverlust. Gleichzeitig schämen sie sich meist entsetzlich für ihre Erkrankung – und versuchen das, was sie plagt, geheim zu halten.

Auslöser von Zwangserkrankungen sind vielseitig

Daraus aber kann schnell ein Teufelskreis werden – erklärt die Medizinerin Katharina Stengler – somit ist das Wichtigste, frühzeitig darüber zu reden, um überhaupt eine Chance zu haben, es erfolgreich zu behandeln.

Aufnahmen von aktiven Gehirnregionen

Lassen sich Zwangsstörungen auch im Gehirn lokalisieren?

Da die Ursachen für eine Zwangserkrankung so verschieden seien können – ist auch die Diagnostik meist umfangreich. Neben einem Blutbild, um beispielsweise hormonelle Veränderungen feststellen zu können, machen die Psychiater oft eine bildgebende Untersuchung des Gehirns.

Noch wichtiger aber, erklärt die Leipziger Psychiaterin Katharina Stengler, ist das ausführliche psychologische klinische Interview, um die Auslöser und den Schweregrad der Erkrankung festzustellen.

Hilfe bei zwanghaftem Leiden einbeziehen

Eine wichtige Rolle bei der Diagnostik spielen auch die Angehörigen – denn die Kinder, Eltern oder Partner beobachten oft viel deutlicher, im welchem Umfang sich die Zwänge im Leben des Betroffenen ausgebreitet haben.

Das Leben von der Patientin Charlotte S. beispielsweise wurde immer stressiger. Ihre Familie, die Freunde, ihre Arbeit – alles litt unter dem ständigen Putzen-, Reinigen- und Saubermachen-Müssen.

Spülende Hände

Das Wichtigste ist, frühzeitig darüber zu reden, um überhaupt eine Chance zu haben, die Erkrankung erfolgreich zu behandeln

Charlotte S. hat sich, als sie nicht mehr anders konnte, ihrer Hausärztin anvertraut, dann Medikamente genommen, eine Selbsthilfegruppe für andere Betroffene gegründet – und sie war drei Monate in einer Klinik. Heute geht es ihr gut – gut aufpassen auf sich muss sie aber immer – denn eine Zwangsstörung kann durch Krisensituationen oder besondere Lebens-Anforderungen wieder stärker werden.

Die Ambulanz für Zwangserkrankungen der Uni Leipzig ist derzeit die größte in Deutschland, die insbesondere multiprofessionell für schwer Zwangs-Erkrankte arbeitet. Die Wartezeit für einen Termin dauert meist nur wenige Wochen.

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