Zockerei in der Spielhölle Wie Automaten abhängig machen

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Heute machen Casinos bis zu 90 Prozent ihres Umsatzes mit Spielautomaten. Sie haben ein enormes Suchtpotential. Auch illegale Sportwetten boomen.

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Knapp ein Prozent der Deutschen sind pathologische oder problematische Glücksspieler, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermittelt. Gut vier Prozent gelten als „auffällige Glücksspielende". Nach angelsächsischen Daten stammt etwa die Hälfte der Gewinne mit Spielautomaten von Süchtigen. Ob das auch für Deutschland gilt, ist umstritten. Doch sie tragen auf jeden Fall einen großen Teil zu den Einnahmen bei. Und die sind enorm.

Illegale Sportwetten werden vom Staat geduldet

„Der Gesamtumsatz am regulierten Markt ist der Bruttospielertrag: 10,5 Milliarden Euro. Dazu gehören Lotterien, Geldspielgeräte, Spielhallen, Gaststätten, Spielbanken, Pferdewetten und die regulierten Sportwetten“, berichtet Professor Tilman Becker, der Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim bei Stuttgart.

Die regulierten, das heißt legalen Sportwetten laufen über die Lotto-Gesellschaften. Doch daneben gibt es den illegalen Markt. Viele Sportwetten-Geschäfte haben zum Beispiel keine glücksspielrechtliche Genehmigung. Sie sind damit illegal, werden aber geduldet. Eine Genehmigung wird aufgrund von gerichtlichen Problemen seit 2012 nicht erteilt. Die rechtliche Situation ist kompliziert. Und die illegalen Betreiber können sich teure Juristen leisten.

Ein Schild mit der Aufschrift "Sportwetten" (Foto: picture-alliance -)
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Sportwetten sind nicht harmlos

Denn während die klassischen Lotterien wie „6 aus 49“, Glücksspirale und die Fernsehlotterien immer mehr an Popularität verlieren, boomen die Sportwetten. 13 Prozent der jungen Männer im Alter von 18 bis 20 setzen bei illegalen Sportwetten. Unter denen mit Migrationshintergrund sind es sogar 19 Prozent. Dabei sind Sportwetten keineswegs harmlos, illegale wie legale. Sie sind „risikoreich für das Auftreten von Problemspielverhalten“, wie es die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ausdrückt.

Im Unterschied zu den eigentlich illegalen Sportwetten-Geschäften sind die Spielbanken, auch Spielcasinos genannt, völlig legal. Oft werden sie sogar in staatlicher Regie betrieben. Ungefährlich sind sie deswegen noch lange nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zählt auch sie zur „Risikogruppe“ unter den Glücksspielen.

Keine Limits für Automaten in Spielbanken

Die Hauptrolle hat jedoch längst eine Spielform übernommen, die man eher mit schmuddeligen kleinen Spielhallen verbindet. Spielbanken haben heute fast die gleichen Automaten wie die Spielhallen. Allerdings sind für die Geräte der Spielbanken keine Limits vorgeschrieben.

Über seine Chancen weiß der Spieler praktisch nichts, seit 2006 eine neue Spielverordnung in Kraft trat. Bis dahin war zum Beispiel vorgeschrieben, wie hoch die Auszahlungsquote zu sein hat. Wie viel also vom Einsatz im langfristigen Durchschnitt wieder zurückgegeben werden muss. Seit der neuen Spielverordnung von 2006 weiß der Spieler nicht mehr, wie die Auszahlungsquote beim Automaten ist.

Frau sitzt vor einem Spielautomaten. (Foto: SWR, SWR -)
Wie hoch die Gewinnchancen an Glücksspielautomaten sind, ist nicht transparent. Am Ende gewinnen wahrscheinlich immer die Betreiber. SWR -

Spielhallen in sozial schwachen Gegenden

Beim Glücksspiel kann man sich spielend ruinieren, zumal die Automaten-Spieler eher nicht zu den Begüterten gehören. Die meisten sind Männer, viele arbeitslos. Auch deshalb siedeln Spielhallen sich besonders oft in sozial schwachen Gegenden an. Spielautomaten standen lange in einer belächelten Nische des Glücksspielmarkts.

Ihr Vorläufer wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Brooklyn entwickelt. Wenn die richtige Kartenkombination angezeigt wurde, zahlte der Ladenbesitzer den Gewinn in Form von Drinks, Zigarren oder Bargeld aus.

Ausgeklügelte Abzocke

Etwas später vervollkommnete ein Immigrant aus Bayern das Gerät, sodass es den Gewinn selbst auszahlen konnte, wenn drei Glockensymbole angezeigt wurden. Der Gewinn: ein paar Münzen.

Das Spielprinzip hat sich scheinbar kaum verändert, auch wenn die Automaten zahllose Spiele mit vielen phantastischen Designs und Spielvarianten anbieten. Noch immer gewinnt der Spieler, wenn genügend gleiche Symbole in einer Linie stehen. Doch der Computer zockt die Spieler mit ausgeklügelten psychologischen Taktiken ab. Sie sind so gebaut, dass sie die Spieler abhängig machen.

Schnelle Glücksspiele machen schneller abhängig

Automatenspiele sind deshalb „mächtig“, weil sie schnell sind. Beim Lotto füllt der Spieler seinen Schein aus und hofft den Rest der Woche auf die Millionen. Schnelle Lotterien wie Keno, bei dem täglich gezogen wird, machen ebenfalls viele abhängig.

Auch bei Spielautomaten sorgt Tempo für Sucht. Ein Automatenspiel dauert nur Sekunden. Dann hat der Spieler meist verloren und macht gleich weiter. Die heutigen Speilautomaten-Designer haben die Kunst perfektioniert, Spieler so zu verstärken, dass sie immer weiterspielen und möglichst viel Geld verlieren.

De Staat kassiert mit

Viele Spieler ruinieren sich dabei. Und der Staat verdient kräftig mit. Knapp zwei Milliarden Euro bringt die Rennwett- und Lotteriesteuer im Jahr ein. Entsprechend halbherzig und eigennützig fallen die Versuche aus, „den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken“, wie es im Glücksspielstaatsvertrag der Bundesländer heißt. So hat er zwar verboten, dass im Internet Spiele angeboten werden, die genau wie die von Spielautomaten funktionieren. Doch er unterbindet die Online-Casinos nicht, die aus anderen EU-Ländern auf deutsch offeriert werden.

Poker Jetons liegen auf einem Laptop, auf dem im Hintergrund ein Poker-Online-Spiel abläuft. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Online-Poker boomt - lässt sich aber nur schwer kontrollieren Thinkstock -

Keine staatliche Stelle prüft, wie die Internet-Spiele funktionieren und ob sie überhaupt Gewinne ausschütten. Wer virtuell an einem der vielen Pokertische im World Wide Web Platz nimmt, spielt also vertrauensvoll gegen viele Unbekannte. Denn er kann nicht wissen, ob ein anderer Spieler ein Pokerprogramm einsetzt, das sogar Profis schlägt. Oder ob sich einige der Mitspieler gegenseitig ihre Karten verraten und ihn so gemeinsam über den Tisch ziehen.

Was hilft bei Spielsucht?

Die Hauptmaßnahme der Glücksspielkommission in Deutschland besteht darin, süchtige Spieler in Spielbanken zu sperren. Heute dauert eine Sperre, gesetzlich vorgeschrieben, mindestens ein Jahr. Dann muss ein Therapeut den Gesperrten begutachten, bevor er wieder spielen darf. Zwangssperren sind allerdings die Ausnahme. Die meisten Gesperrten haben sich selbst sperren lassen. Das Gros der Spielsüchtigen aber lässt sich natürlich nicht sperren und fällt auch dem Personal nicht auf.

Den Spielsüchtigen helfen könnte eine Karte, die Spieler beispielsweise auch in die Spielhalle mitbringen müssten. Sie könnten etwa eine Summe speichern, die der Spieler in einem Monat maximal verspielen darf. Das Limit würde der Spieler vorher selbst freiwillig festsetzen. Wenn solche Beschränkungen nicht greifen, bleibt am Ende eine Therapie. Aber auch in die begeben sich freilich die allerwenigsten Spielsüchtigen.

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