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Schwebende Zigarren Graf Zeppelin und seine Luftschiffe

Am 8. März 1917 - vor 100 Jahren – starb der "Vater der Luftschiffe", Ferdinand Graf von Zeppelin. Die fliegenden Riesen waren sein großer Traum - als luxuriöse Luftfahrzeuge für Fernreisen und Kriegs-Wunderwaffen. Aber auch durch tragische Unglücksfälle machten Zeppeline Schlagzeilen. Im 21. Jahrhundert kommen sie, technisch weiterentwickelt, mit Spezialaufgaben zum Einsatz.

Graf Ferdinand Zeppelin

Ferdinand Graf von Zeppelin - zeitgenössische Darstellung des Luftfahrtpioniers


Die Jungfernfahrt der LZ1

Am Bodenseeufer bei Friedrichshafen drängen sich Tausende aufgeregte Zuschauer. Es ist der 2. Juli 1900, kurz nach acht Uhr abends. Vor aller Augen steigt eine 130 Meter lange Riesenzigarre in den Himmel. Ein Gebilde aus Aluminiumstreben und Baumwolltuch, prall gefüllt mit Wasserstoffgas. Das Luftschiff LZ-1 des Ferdinand Graf von Zeppelin dreht ein paar Kreise über dem Wasser. Als wäre es von der Schwerkraft entfesselt, steigt es, sinkt und steigt wieder.

Erster Aufstieg von LZ 1 am 2. Juli 1900

Erster Aufstieg von LZ 1 am 2. Juli 1900

Nach 18 Minuten endet die Jungfernfahrt fünf Kilometer weiter, vor Immenstaad. Eine unberechenbare, halsbrecherische Angelegenheit, warnen Skeptiker. Ein bedeutender Schritt auf dem Weg in eine glorreiche Zukunft, hält der Graf dagegen. Eine seiner Reden wurde 1908 auf Schallplatte aufgezeichnet:

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Graf Zeppelin: Zeppeline als sicherste Fahrzeuge

SWR

Ein merkwürdiger Luftfahrtpionier ist Graf Zeppelin freilich, einer der kein einziges Patent selbst erfunden, der kaum etwas eigenhändig konstruiert hat. Er ist zwar Aushängeschild und größter Geldgeber des ehrgeizigen Projektes und unterhält beste Beziehungen zum württembergischen Königshaus. Doch Ballone und Lenkballone, wie man die ersten Luftschiffe nannte, wurden in Frankreich erfunden – ab Ende des 18. Jahrhunderts bereits. Erprobt wurden sie von waghalsigen Pionieren wie dem Brasilianer Alberto Santos-Dumont, der zum ersten Mal den Eiffelturm umflog.

Die Vision des gefallenen Grafen

Ferdinand von Zeppelin ist Offizier. Er sieht in Luftschiffen vor allem raffinierte Waffen, die dem deutschen Kaiserreich militärische Überlegenheit versprechen. Seine erste Vision soll dem Grafen schon 1863 gekommen sein, als er – als Beobachter des Amerikanischen Bürgerkrieges – zum ersten Mal den militärischen Einsatz von Ballons erlebte. Über Saint Paul, Minnesota, konnte er selbst am Aufstieg eines Fesselballons teilnehmen. Er war begeistert von den militärischen Möglichkeiten des Blicks von oben.


Graf Zeppelin mit seiner Tochter im LZ 3 am 26.09.1907

Graf Zeppelin mit seiner Tochter im LZ 3 am 26.09.1907

Vielleicht sah er in Ballonen so etwas wie mobile Feldherrnhügel.1890 endet die Karriere des lang gedienten Kavallerie-Generals jäh: Graf Zeppelin fällt bei preußischen Militärs in Ungnade. Eine Schmach, die dem 52jährigen zugleich die Chance bietet, sich nun ganz der Entwicklung von Starr-Luftschiffen zu widmen.
Die ersten Prototypen zerbrechen in Böen, die Motoren erweisen sich als unzuverlässig, die Luftschiffe als schwer steuerbar. Graf Zeppelin fehlt es an Kapital, und die Berliner Reichsregierung, der er seine Geheimwaffe wie sauer Bier anbietet, bleibt skeptisch und lehnt ab, Jahr für Jahr. Kaiser Wilhelm II. beschimpft den unbeirrbaren Konstanzer Visionär einmal gar als „Dümmsten aller Süddeutschen“.

Sind Norddeutsche noch dümmer?

1908 endlich verpflichtet sich die Reichsregierung, die weitere Entwicklung der Zeppeline zu finanzieren, wenn eine 24-stündige Zielfahrt gelingt. Wichtigste Voraussetzung: ein Luftschiff muss aus eigener Kraft an seinen Ausgangsort zurückkehren. Am 4. August 1908 startet das Luftschiff LZ 4, der vierte Prototyp Zeppelins, um 6:22 Uhr zur alles entscheidenden Langstreckenfahrt.

Luftschiff des Grafen von Zeppelin (erste Konstruktion)

Luftschiff des Grafen von Zeppelin (erste Konstruktion)

An Bord der mittlerweile 70jährige Graf. Er lässt von Friedrichshafen aus über den Bodensee steuern und dann rheinabwärts, über Konstanz, Schaffhausen und Basel hinweg. Jubel überall: In Straßburg grüßt der Oberbürgermeister persönlich vom Turm des Münsters herüber. Mannheim und Worms werden überflogen, dann geht es weiter Richtung Mainz, in Abenddämmerung und Nacht hinein. Als sich der Zeppelin frühmorgens der königlichen Residenzstadt Stuttgart nähert, läuten dort alle Kirchenglocken.

Teure Tränen des Grafen

In der Führerkanzel des LZ-4 ist der Begeisterungstaumel derweil fieberhafter Anspannung gewichen. Ein Kurbelwellenlager an einem der Motoren ist heiß gelaufen: Notlandung – bei Echterdingen auf den Fildern. Dort wird der Zeppelin auf einem Acker provisorisch verankert, Soldaten der Stuttgarter Garnison halten ihn mit Seilen am Boden, so gut es geht. Bis ein Gewitter heran zieht: böiger, umspringender Wind – der größte Schrecken der Luftschiffer.
Glück im Unglück: Der ausgeglühte Zeppelin und sein beharrlicher, trotziger Verfechter lösen eine Welle von Mitgefühl und nationaler Begeisterung aus – quer durch das Kaiserreich. Noch am Unglücksort beginnen Luftschiffbegeisterte Spenden zu sammeln. Bald sind sechs Millionen Reichsmark zusammen, eine Sympathiebekundung ohne gleichen – und ein stolzes Startkapital für die Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen.

Auffahrt, Flug und Ende des ZL Modell 4, Katastrophe bei Echterdingen August 1908

Katastrophe bei Echterdingen August 1908


Luxusflieger und Kriegsgerät

1909 wird in Frankfurt am Main die Deutsche Luftschiffahrts-AG gegründet, die erste Fluggesellschaft der Welt. Ihre Passagiere genießen den Komfort einer Bahnreise erster Klasse, während sie, ungläubig staunend, ein paar hundert Meter hoch über der Landschaft schweben. Ein mühelos wirkendes, fast geräuschloses Dahingleiten in beschaulichem Tempo. An die 35.000 Menschen werden so ohne ernste Personenschäden befördert, auf Rundflügen von Baden-Baden, Frankfurt, Leipzig oder Dresden aus.

Passagiere im Speisesaal der Hindenburg

Passagiere im Speisesaal der Hindenburg

Bevor sich die zivile Luftschifffahrt zu einem echten Verkehrsmittel entwickeln kann, beginnt der Erste Weltkrieg. Die Zeppelinwerft in Friedrichshafen wächst zu einem der größten Konzerne im deutschen Südwesten, mit 17.000 Mitarbeitern. Zulieferer und Komponentenentwickler, die später zu Weltfirmen werden sollten, entstehen: Die Maybach-Werke liefern leistungsstarke Benzinmotoren, die Zahnradfabrik Friedrichshafen Getriebe, von Reutlinger Firmen kommen die Baumwoll-Bespannungen. Neben Militärflugzeugen werden in Friedrichshafen an die 100 Zeppeline für Heer und Marine gebaut.

Die einst so harmlosen, majestätischen Luftschiffe tauchen jetzt im Schutz der Nacht über Belgien und Großbritannien auf und lassen Sprengbomben und Brandsätze fallen: auf Antwerpen und London, auf die englischen Midlands, ja sogar auf das schottische Edinburgh. Es ist der erste strategische Bombenkrieg der Geschichte, ein Krieg auch gegen damals vollkommen ungeschützte Zivilisten. Graf Zeppelin – ein glühender Militarist – befürwortet ihn ebenso vorbehaltlos wie den uneingeschränkten U-Boot-Krieg.

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