Kieferprobleme durch Stress Zähneknirschen: Was man dagegen tun kann

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Immer mehr Menschen lassen ihren Stress und Druck an den eigenen Zähnen ab - in der Regel unbewusst. Zahnärzte und Kieferorthopäden versuchen, die schlimmsten Schäden durch Aufbissschienen zu vermeiden.

Menschen, die mit den Zähnen knirschen oder sie ständig fest zusammenpressen bekommen oft schlimme Kieferprobleme. Abgeschmirgelte Zahnflächen, zerbrochene Kronen, verhärtete Kiefermuskeln - im schlimmsten Fall entwickelt sich aus dem ständigen Knirschen und Zähne zusammenpressen eine sogenannte CMD – eine craniomandibuläre Dysfunktion. Das bedeutet, dass ein Patient irgendwann den Mund nicht mehr schmerzfrei öffnen kann. Bruxisten nennt man die Knirscher im medizinischen Fachjargon.

Eine Aufbissschiene schützt die Zähne

Das Knirschen und Zusammenbeißen geschieht oft unbewusst und ganz häufig nachts. Um schlimmere Gesundheitsschäden am Kiefer zu verhindern und die Zähne zu schützen, passen die Zahnärzte den Patienten sogenannten Aufbissschienen an.

Eine sogenannte Knirschschiene soll dabei helfen, das Zähneknirschen in den Griff zu bekommen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Mascha Brichta)
Eine sogenannte Knirschschiene soll dabei helfen, das Zähneknirschen in den Griff zu bekommen picture-alliance / dpa - Foto: Mascha Brichta

Bruxismus ist kein seltenes Phänomen

2016 kamen die gesetzlichen Krankenkassen für rund 1,7 Millionen Aufbissschienen auf. Zehn Jahre zuvor waren es nur rund 950.000. Das hat die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung berechnet.

Die steigende Zahl der Aufbissschienen liegt aber auch daran, dass Zahnärzte mittlerweile häufiger auf Anzeichen von Bruxismus achten – möglicherweise um Klagen zu vermeiden wenn ein Patient sich eine neue Krone zerbeißt. Hinzu kommt, dass Mediziner die Aufbissschienen in der Regel ohne vorherige Kassen-Genehmigung verschreiben. Viele Krankenkassen verzichten aus Zeitgründen auf eine Prüfung.

Stress und starke Schmerzen sind die Hauptursachen für das Zähneknirschen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Christin Klose)
Stress und starke Schmerzen sind die Hauptursachen für das Zähneknirschen picture-alliance / dpa - Foto: Christin Klose

Die meisten Knirscher sind zwischen 35 und 45 Jahren alt

In diesem Jahrzehnt ist das Risiko am größten, zum Knirscher zu werden. Im Alter – wenn alles wieder etwas entspannter wird – nimmt es eher wieder ab. Das hat auch Jean-Marc Pho Duc beobachtet. Er ist Oberarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und erklärt das Zähneknirschen so:

Bestimmte Situationen bringen Stresshormone zur Ausschüttung. Die erfordern normalerweise auch eine körperliche Reaktion. Aber das geht in unserer Gesellschaft eigentlich gar nicht mehr. Wir können also jetzt nicht zum Beispiel wegrennen oder eben in Kampfhahn-Haltung gehen oder ähnliches. Statt dessen müssen wir vielleicht sogar Ruhe bewahren, freundlich bleiben und so weiter. Und deshalb suchen wir uns ein Ventil...

Zunehmender Stress und starke Schmerzen sind die Hauptursachen für das Zähneknirschen

Psychologe Ralf Schäfer von der Universität Düsseldorf hat den Zusammenhang zwischen Bruxismus und Stress in mehreren Studien untersucht. Er hat herausgefunden, dass wir unter starker emotionaler Belastung dazu neigen Defensiv-Reaktionen zu zeigen, die dann eher in so in Richtung Abwehr gehen und da die Zähne eher zusammenpressen. 

Für Wolf-Dieter Seeher ist klar: Wer einem Bruxisten helfen will, braucht Geduld. Der Münchner Zahnarzt spricht deshalb auch nicht von Heilung, sondern eher von Bruxismus-Management. Und dazu gehört erstmal, die Zähne vor weiterer Zerstörung zu schützen.

Aufbissschienen sind nur der Anfang  

Die Aufbissschienen sind aus extrem haltbarem Kunststoff und werden mit Hilfe von Alginatabdrücken und einem Gipsmodell genau nach dem jeweiligen Gebiss gefertigt. Sie sind circa einen Millimeter dick und halten Ober- und Unterkiefer auf Abstand. Ein Allheilmittel sind die Schienen aber nicht, gibt Wolf-Dieter Seeher zu bedenken. Denn es gibt auch Patienten, bei denen die Muskelaktivität durch die Schiene eher gesteigert wird, die auf der Schiene erst recht rumkauen. Er findet, als Zahnarzt müsse man mit dem Patienten drüber sprechen: Woher kann die ganze Angelegenheit kommen? Was sind die Ursachen dahinter?

Zwei Menschen sitzen nebeneinander im Lotussitz und meditieren. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Betroffene müssen aktiv bemerken, wenn sie den Kiefer anspannen und dann aus dieser Anspannung auch wieder herausfinden Thinkstock -

Entspannungsübungen helfen den verspannten Kiefer wieder zu lockern

Ingrid Peroz, Zahnärztin an der Berliner Charité, rät Patienten, das Zähneknirschen im Alltag so unaufgeregt wie möglich zu managen. Peroz koordiniert die Arbeiten an einer neuen Leitlinie zur Diagnose und Behandlung des Zähneknirschens. Sie gibt dem Patienten in der Regel ein paar rote Punkte mit, die er dann in seiner Arbeits- oder häuslichen Umgebung hinkleben kann als optische Markierungshilfen.

Sie sollen ihn immer wieder daran erinnern, dass er überprüft, ob er mit den Zähnen aktiv ist. Außerdem zeigt sie den Knirschern Atemübungen oder Entspannungsübungen, mit denen man die lockere Abstandshaltung des Unterkiefers zum Oberkiefer finden kann. Der Patient soll merken, wenn er den Kiefer anspannt und dann aus dieser Anspannung auch wieder herausfinden.

So sind es schließlich die Knirscher selbst, die am meisten für die eigenen Zähne tun können. Indem sie herunterkommen und lockerlassen, statt das eigene Gebiss als Stressventil zu benutzen. Mit Aufbiss-Schienen können Zahnärzte nur versuchen, die empfindlichen Tastorgane schützen. Mit der eigenen Unruhe aufräumen, können aber nur die Knirscher.

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