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Alexandre Yersin Der Entdecker des Pesterregers

Wer in Zentralvietnam gleich neben Buddha wie ein Heiliger verehrt wird, ist eine der faszinierendsten Forscherpersönlichkeiten der jüngeren Geschichte: Alexandre Yersin. Während Jahrzehnten forschte der gebürtige Schweizer Mediziner, der einst zum innersten Kreis von Louis Pasteur gehörte, in Indochina. Er erlangte Weltruhm, als er vor 120 Jahren, im Juni 1894, den Pesterreger entdeckte - ein medizinhistorischer Krimi.

Im Tempel von Suoi Cat wird Yersin neben Buddha verehrt.

Im Tempel von Suoi Cat wird Yersin neben Buddha verehrt.

Alexandre Émile Yersin wird 1863 geboren im kleinen Schweizer Weinbaudörfchen Lavaux am Genfer See. Der Vater, ein leidenschaftlicher Insektenforscher, stirbt drei Wochen vor Alexandres Geburt.

Yersin als Kind

Yersin als Kind zusammen mit seiner Mutter.

Das naturwissenschaftliche Interesse erwacht, als Yersin als 8-Jähriger auf dem Dachboden Vaters Insektensammlung entdeckt und selber zu züchten und zu sezieren anfängt.
Fand er zu fremden Frauen keinen guten Draht, zu seiner Mutter hatte Yersin bis zu ihrem Tod 1905 ein sehr inniges Verhältnis. Rund tausend Briefe schrieb er ihr an den Genfer See. Dank dieser Briefe ist sein Leben minutiös dokumentiert.

Bei Pasteur in Paris

Yersins medizinische Karriere beginnt 1884 im Deutschen Kaiserreich. Er schreibt sich an der Universität Marburg an der Lahn ein fürs Fach Medizin. Doch Alexandre Yersin bleibt nur ein Jahr in Marburg und beendet sein Medizinstudium in Paris. Die Vorlesungen beginnen im November 1885 – Paris wird für Yersin lebensbestimmend. Er gehört zum inneren Kreis des Forscherteams rund um den Mikrobiologen Louis Pasteur, dem weltberühmten Impfpionier und Erfinder der Pasteurisierung.

Yersin als Student

Als Student bei Louis Pasteur.

Doch das Forscherleben in Paris behagt Yersin nicht. Es zieht ihn in die Ferne und vor allem fühlt er sich vom Meer magisch angezogen. Am 21. September 1890 um 16 Uhr 30 sticht der Dampfer „Oxus“ mit Zielhafen Saigon in Marseille in See. An Bord 410 Passagiere mit Soldaten, die nach Tonkin entsandt wurden, so hieß damals Nordvietnam. An Bord auch viele Benediktinermönche und Alexandre Yersin als frisch gebackener Schiffsarzt in Uniform. Ein Jahr lang dient er auf verschiedenen Schiffslinien der französischen Kolonialmacht in Indochina.

Sehnsucht nach Meer

Das Yersin-Denkmal am südchinesischen Meer in der zentralvietnamesischen Stadt Nha Trang

Yersin-Denkmal in Nha Trang

Von der Schönheit der von Hügeln umsäumten Sandbuchten von Nha Trang war Yersin so begeistert, dass er sich hier niederließ und mehr als vier Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1943 blieb. Hier baute er das erste Pasteur-Institut außerhalb Frankreichs auf. Im ursprünglichen Gebäude ist heute das Yersin-Museum untergebracht. In einer Glasvitrine wird der stumme Zeitzeuge wie eine Reliquie präsentiert. Die Messingverkleidung ist oxydiert, das Relikt erzählt von einem der Aufsehen erregendsten medizinhistorischen Ereignisse, damals im Juni 1894: Von Yersins Entdeckung des Pest-Erregers. Die Pest, eine Seuche, die sich wie keine andere tief ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat.

Fischerhafen von Nha Trang

Fischerhafen von Nha Trang

Allein in Europa forderte der Schwarze Tod im Laufe der Geschichte um die 25 Millionen Menschenleben. Dutzende von Millionen kamen in Asien um. In Wien tötete die Pest 1679 etwa 76 000 Menschen. Die Seuche galt als Strafe Gottes. Pestkranke wurden vertrieben. In Basel, im süddeutschen Raum, am Genfer See und andernorts wurden im Zuge des Antisemitismus Juden hingerichtet, weil sie als Überbringer der Pest galten. Besucher aus Frankreich lesen im Yersin-Museum von Nha Trang Auszüge aus Briefen zur Entdeckung des Pestbazillus.

Ein medizinhistorischer Krimi

Empfang des Yersin-Museums in Nha Trang.

Empfang des Yersin-Museums in Nha Trang.

Die bedeutende Kolonialmacht Frankreich will ihren Ruf verbessern und schickt den damals 31-jährigen Pasteur-Zögling Yersin nach Hong Kong, um die Pandemie vor Ort zu studieren. Am 12. Juni 1894, drei Tage bevor Yersin dort ankommt, trifft ein japanisches Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Prof. Kitasato in Hong Kong ein. Mit dem gleichen Ziel: Die Ursache der Pest zu finden.

Die Japaner und die Engländer verhalten sich gegenüber Yersin abweisend, ja feindselig. Sie verweigern ihm einen Arbeitsplatz im Kennedy Tower-Krankenhaus, wo Kitasato und sein Team arbeiten. Schließlich wird ihm eine Ecke des Treppenhauses zugestanden, wo er am 17. Juni 1894 ein Labor einrichtet. Zuerst untersucht er unter dem Mikroskop mehrere Blutproben von Pestkranken. Erreger findet er nicht. Er fragt nach, ob er eine Leiche sezieren darf. Doch Pestleichen sind den Japanern vorbehalten.

Bestechung für Leichen

Um weiter zu kommen, braucht Yersin unbedingt Leichen. Auf Anraten eines christlichen Missionars besticht er einen Matrosen, der als Bestatter arbeitet. So erhält er Zutritt zu einem Keller, wo die Toten vor der Beisetzung hingebracht werden.

Pestbakterium Yersinia pestis

Pestbakterium Yersinia pestis

"Sie liegen in ihren Särgen, ganz mit Kalk bedeckt. Ein Sarg wird geöffnet. Ich schiebe den Kalk beiseite, um die Leistengegend freizulegen. Die Beule ist deutlich auszumachen. In weniger als einer Minute habe ich sie herausgeschnitten und bringe sie in mein Labor. Im Nu habe ich ein Präparat hergestellt und lege es unter mein Mikroskop. Auf den ersten Blick erkenne ich einen regelrechten Brei aus Mikroben, die alle gleich aussehen.“

Das Arbeiten im Treppenhaus ist mühsam. Ständig wird Yersin gestört. So lässt er sich auf Vermittlung seines Missionar-Freundes neben einem anderen Krankenhaus eine kleine Bambushütte bauen. Bereits kurze Zeit später zieht er dort zusammen mit seinen Bakterienkulturen und Versuchstieren am 22. Juni 1894 ein. Als Kitasato hört, dass Yersin Pestbeulen untersucht, tut er dasselbe und behauptet, den Bazillus entdeckt zu haben. Tatsächlich aber hat er den Bazillus mit Pneumokokken verwechselt.

Die richtige Temperatur

Das Glück für Yersin ist, dass es in seiner Bambushütte keinen Brutkasten gibt und er die Kulturen den herrschenden Außentemperaturen aussetzt – um die 27 Grad. Kitasato hingegen lagert die Kulturen im Brutkasten bei 37 Grad. Sind sowohl Pneumokokken als auch Pestbazillen im Blut, entwickeln sich Pneumokokken besser bei 37 Grad Celsius – doch die Pestbazillen gedeihen nicht.

Alexandre Yersin vor seiner Bambushütte

Alexandre Yersin 1864 vor seiner Bambushütte

Die erste offizielle und schriftlich festgehaltene Beschreibung des Pest-Erregers findet sich in einem Brief Yersins, den er am 30. Juli 1894 der französischen Akademie der Wissenschaften vorlegt. Yersin weist nach, dass die Pest bei Mensch und Tier durch das gleiche Bakterium ausgelöst wird. Und so wird er auch zum Entdecker der Rinderpest und zu einem der Mitbegründer des Veterinärwesens.
Der Pesterreger erhält seinen Namen: Yersinia Pestis. Alexandre Yersin beginnt mit der Produktion von Impfseren. Eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit ist in die Schranken gewiesen.

Wer kannte seinen Vornamen?

Obwohl Straßen, Universitäten und Lokale seinen Namen tragen: Alexandre Yersin ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das hat auch viel mit seinem Charakter, mit seiner legendären Bescheidenheit zu tun.

Yersin-Straße in Nha Trang

Yersin-Straße in Nha Trang

Er war schüchtern, machte sich nichts aus öffentlichen Ehrungen, gab nichts auf das Urteil anderer und mied Kongresse und Journalisten. Er sprach nie über seine Person und tat von sich aus nichts für seine Popularität. Das war schon in jungen Jahren so: Als ihm die Pariser Fakultät für seine Doktorarbeit eine Medaille verlieh, vergaß er, sie abzuholen. Er galt als verschwiegen, wortkarg und zugeknöpft. Selbst seine engsten Mitarbeiter kannten seinen Vornamen nicht.

Yersins Grab in Suoi Cat.

Yersins Grab in Suoi Cat.

Durch einen kleinen Dschungel, vorbei an Zuckerrohr, Palmen, Gummi- und Chinarindenbäume führt eine lange steile Treppe auf eine Anhöhe. Hier in Suoi Cat, einige Kilometer von Nha Trang entfernt, seinem ehemaligen Wirkungsort, liegt die letzte Ruhestätte von Alexandre Yersin. Dort, wo er einst seine Kautschuk- und Chinarindenplantagen anlegte. Am Boden die große Grabplatte. Alexandre Yersin 1863 bis 1943. Links daneben ein kleiner Altar mit seinem Bild. Wie jeden Tag wischt Luu Nam Trieu den Platz. Bevor Yersin starb, wählte er diesen Platz aus. Hier wollte er begraben sein.

Yersin und Vietnam

Die französischen Kolonialherren wollten Yersins Grab in Vietnam aufheben und seine Überreste nach Frankreich schaffen. Das löste einen heftigen Protest der lokalen Bevölkerung aus.

Yersin-Altar in Suoi Cat.

Yersin-Altar in Suoi Cat.

Die Leute legten einen Brief von Yersin auf den Tisch, in dem stand, dass er nach seinem Tod in Vietnam bleiben will und niemand dürfe seinen Körper wegschaffen. Darum zündet jeden Tag Luu Nam Trieu auf dem Altar mit Yersins Bild Räucherstäbchen an und bittet ihn um Frieden und Gesundheit und genügend Kraft, um auch weiterhin den Armen helfen zu können.