"Hotel Mama" mit Vollpension (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Wissenschaftler untersuchen Gründe für's Daheimbleiben Wo die Nesthocker wohnen

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Der gemeine Nesthocker - ist er in Süddeutschland eher anzutreffen als im Norden? Junge Leute im Saarland wohnen öfter und länger bei den Eltern als in Schleswig-Holstein oder Bremen. Das zeigen neue Untersuchungen. SWR2 Impuls sprach mit dem Bevölkerungsgeografen Dr. Tim Leibert vom Leibniz-Institut für Länderkunde. 

Herr Leibert, was ist ein Nesthocker?

Das ist eine schwierige Frage, denn eine offizielle Definition für Nesthocker gibt es nicht. Allgemein versteht man darunter eine junge Person von Mitte zwanzig bis Anfang dreißig, die noch im Haushalt der Eltern wohnt. Der Haushalt wird in der Regel definiert als mehrere Personen, die zusammen leben und eine wirtschaftliche Einheit bilden.

Das heißt, ein Nesthocker ist nicht per se männlich?

Ja, allerdings ziehen junge Frauen in der Regel früher aus als junge Männer. Wenn man im Bekanntenkreis oder in der Verwandtschaft mal ein bisschen recherchiert, werden die jungen Leute, die noch im Elternhaus leben und in die entsprechende Altersgruppe fallen, eher die Männer sein.

Was für Daten haben Sie ausgewertet?

Das sind die Daten der letzten Volkszählung; wir haben uns vorgenommen, das Ganze nicht nur für Deutschland zu machen, sondern auch europaweit. Je größer man dann so eine Untersuchungseinheit fasst, desto eher ist man von Volkszählungsdaten abhängig. Die sind leider nicht ganz aktuell, sondern gehen auf das Jahr 2011 zurück. Allerdings muss man dazu sagen, wenn man sich geografische Phänomene wie dieses auf der Kreisebene in Deutschland anschauen möchte, dann kommt man an der Volkszählung eigentlich nicht vorbei. Aktuellere Zahlen bekommt man in der Regel im Mikrozensus, wobei der Mikrozensus nur repräsentativ für die Bundesländer verfügbar ist.

Karte der im Haushalt der Eltern lebenden 25-29 -Jährigen (Foto: © Leibniz-Institut für Länderkunde 2017 -)
Karte der im Haushalt der Eltern lebenden 25- bis 29-Jährigen. © Leibniz-Institut für Länderkunde 2017 © Leibniz-Institut für Länderkunde 2017 -

Ein Ergebnis Ihrer Auswertung dieser Volkszählungsdaten ist ein Nord-Süd-Gefälle. Warum?

Das Nord-Süd-Gefälle ist tatsächlich etwas verallgemeinernd gesagt, weil wenn man sich den Anteil der jungen Leute, die noch im Elternhaus leben, anguckt, dann hat man zum Beispiel auch in Brandenburg relativ hohe Werte. Dafür liegt Sachsen unter dem Bundesdurchschnitt. Ein ganz klares Nord-Süd-Gefälle ist es damit eigentlich nicht. Das hat sicherlich auch mehrere Gründe, warum in Süddeutschland der Anteil der jungen Leute, die im Elternhaus wohnen, tendenziell etwas höher ist. Einen der höchsten Werte hat das Saarland, das Saarland ist zudem bekannt dafür, dass es im bundesweiten Vergleich den höchsten Anteil an Eigenheimbesitzern hat. Junge Leute, die aus einem Elternhaus kommen, das über Wohneigentum verfügt, bleiben in der Regel auch länger dort wohnen als junge Leute, deren Eltern in einer Mietwohnung leben.

Welche Rolle spielt der Familienzusammenhalt?

Der Familienzusammenhalt spielt eine wichtige Rolle. Wenn die Kinder älter werden und dann wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen, dann wird das natürlich eine Frage, die innerhalb der Familie diskutiert wird. Und Familien, die harmonischer zusammenleben, sind dann auch in der Regel die Familien, in denen die Kinder am längsten im Elternhaus wohnen bleiben. Wohingegen Familien, die sich durch starke Konflikte auszeichnen, dann tendenziell auch die Familien sind, aus denen die Kinder besonders früh ausziehen.

Im Saarland verlassen junge Erwachsene deutschlandweit am spätesten ihr Nest (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Im Saarland verlassen junge Erwachsene deutschlandweit am spätesten ihr Nest Foto: Colourbox.de -

Wo sind denn die wenigsten Nesthocker zu finden?

Das ist in den Stadtstaaten der Fall, also in Berlin, Hamburg und Bremen, sowie ganz generell in den großen Städten. Besonders niedrige Werte haben wir dann zum Beispiel auch in Leipzig und Dresden. Das hat viel damit zu tun, dass das Städte sind, die als Universitätsstandorte eine besondere Bedeutung haben oder in denen junge Menschen oft ihre erste Arbeitsstelle finden. Darum ist es ein bisschen schwierig zu sagen, die Städter ziehen früher aus dem Elternhaus aus, weil sich hier Verschiedenes überlagert. Denn das sind die Kreise, in die besonders viele junge Menschen zuziehen. Das kann unter dem Strich auch damit zu tun haben, dass die großen Städte für junge Leute ein attraktives Zuzugsziel sind und der starke Zuzug würde dann überdecken, dass möglicherweise die Einheimischen tatsächlich auch länger im Elternhaus bleiben, als es in anderen Kreisen der Fall ist. Da muss man auch immer die Statistiken ein bisschen kritisch beleuchten. 

Wie angedeutet, es gibt einen geschlechtsspezifischen Unterschied, Frauen ziehen früher aus als Männer. Wie erklärt man sich das?

Das kommt vor allem daher, dass Frauen in einem jüngeren Alter ihre Familie gründen. Oft ist der Auszug aus dem Elternhaus mit der Familiengründung oder der Gründung einer Partnerschaft verbunden. Man hat europaweit hier einen Unterschied von drei Jahren im Heiratsalter zwischen Frauen und Männern, bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften ist das weniger stark ausgeprägt. Dann kommt noch hinzu, dass Frauen auch häufiger studieren, und die Aufnahme eines Studiums ist in der Regel mit dem Auszug aus dem Elternhaus verbunden. Wobei es vorkommen kann, dass man nach Beendigung der Ausbildung und des Studiums oder wenn eine Beziehung gescheitert ist, wieder in das Elternhaus zurückkehrt. Da muss man im Hinterkopf behalten, dass es sich hier nicht um lineare Lebensläufe handelt, sondern es kann häufig vorkommen, dass man wieder in das Elternhaus mehrmals einzieht und auszieht.

Gerade in Studentenstädten ist der Wohnraum oft knapp (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Gerade in Studentenstädten ist der Wohnraum oft knapp picture-alliance / dpa -

Das subjektive Gefühl sagt, dass das Phänomen zunimmt. Wenn ich Ihre Untersuchung richtig lese, dann stimmt das gar nicht?

Zumindest in der Altersgruppe der 18- bis 24-jährigen zeigen die aktuellen Mikrozensuszahlen, dass der Anteil gegenüber 2005 leicht zurück gegangen ist. Eine dramatische Zunahme geben die Zahlen nicht her. Auch wenn man sich in der wissenschaftlichen Literatur umschaut, gibt es dort viele unterschiedliche Aussagen. Das hängt sicher viel damit zusammen, dass es einfach schwierig ist, den Nesthocker zu definieren.

Die Infografiken zur Studie gibt es hier:

http://aktuell.nationalatlas.de/

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