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Wittelsbacher an Rhein und Neckar Aufstieg und Fall einer Dynastie

In den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim beginnt am Sonntag eine große historische Ausstellung unter dem Titel "Die Wittelsbacher am Rhein". Eigentlich sind die Wittelsbacher ja vor allem als bayerisches Herrschergeschlecht bekannt. Eine bedeutende Rolle in der deutschen Politik spielten sie jedoch über Jahrhunderte an ihren Residenzen an Rhein und Neckar, in der Kurpfalz. Dabei gingen sie äußerst geschickt vor.

Heidelberger Schloss im Nebel

Heidelberger Schloss: hier residierten die Wittelsbacher über Jahrhunderte

Dass die Wittelsbacher, eines von Deutschlands bedeutendsten Adelsgeschlechtern, ihre große Zeit nicht in Bayern, sondern an Rhein und Neckar hatten, wer weiß das schon? Dabei haben sie hier berühmte Zeugnisse hinterlassen: Das Heidelberger Schloss, ein Touristenmagnet der Extraklasse, haben die Wittelsbacher seit dem 15. Jahrhundert immer weiter ausgebaut und rund 300 Jahre lang als Residenz genutzt. Die Universität in Heidelberg, die älteste auf deutschem Boden, hat 1386 Ruprecht I. gegründet, deutscher König aus dem Hause Wittelsbach.

Inszenierung und ein einzigartiges Beziehungsnetz

Das Mannheimer Schloss

Mannheimer Schloss - von Wittelsbachern erbaut

Für das Adelshaus waren diese Aktivitäten ein Mittel der Selbstdarstellung: Anderen Dynastien bewiesen sie damit ihren hohen Rang. Die prunkvollen Bauten sicherten ihnen letztlich eine führende Position im Reich, sagt der Historiker Bernd Schneidmüller: "Es gibt in der Vormoderne so etwas wie eine Ranggesellschaft, die sich dauernd aktualisiert, dauernd inszeniert und die von allen anderen Teilnehmern einfach geglaubt wird. Die rheinischen Wittelsbacher stehen seit dem 14. Jahrhundert als Kurfürsten in der Spitzengruppe des Adels , sie holen sich ihre Ehefrauen aus den europäischen Königsdynastien und bauen im späten Mittelalter damit ein Verwandten- und Beziehungsnetz auf, das im Reich völlig einzigartig ist und das anfangs auch weit über dem der bayerischen Wittelsbacher steht."

Falsche Karolinger: Wie man einen Stammbaum aufwertet

Die Inszenierung, der Schein, spiele eine zentrale Rolle in den vormodernen Gesellschaften, erläutert Schneidmüller, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg. Die Kurpfälzer Wittelsbacher stellten sich daher auch gern als Nachkommen der berühmten Karolinger dar. "Die Wittelsbacher entwickeln im Spätmittelalter die Vorstellung, dass sie von Karl dem Großen abstammen. Das ist zwar in der Wirklichkeit falsch, aber entscheidend ist die geglaubte Vergangenheit und damit die Herleitung von dem berühmtesten christlichen Kaiser des Mittelalters überhaupt: die Wittelsbacher als Karolinger." Das kann man noch heute im Heidelberger Schloss sehen. An der Fassade des Friedrichsbaus etwa ließen die Wittelsbacher an herausragender Stelle eine Statue Karls des Großen anbringen. Und das Dach der gotischen Halle im Schlosshof ruht auf Säulen, die ursprünglich in Karls Kaiserpfalz in Ingelheim verbaut waren.

tt

Die Wittelsbacher waren ursprünglich bayerische Herzöge. 1214 ernannte sie der deutsche König auch zu "Pfalzgrafen bei Rhein". Er belehnte sie mit Ländereien um Heidelberg, Bacharach und Alzey. Im 14. Jahrhundert beschlossen die Wittelsbacher die Trennung der beiden Herrschaftsgebiete. Die bayerische Linie herrschte in München, die Heidelberger Vettern regierten die Pfalzgrafschaft bei Rhein und die Oberpfalz. Über Jahrhunderte war die Kurpfälzer Linie die einflussreichere - im Gegensatz zu ihren bayerischen Verwandten durften sie deutsche Könige wählen. Nach dem Tod des letzten bayerischen Wittelsbachers 1777 verlegte der Kurpfälzer Carl Theodor seine Residenz von Mannheim nach München. Die Kurpfalz verlor zunehmend an Einfluss, wurde 1803 unter napoleonischer Besatzung aufgelöst.


Idee des "Ganzen Hauses" steht über der Region

Uni Heidelberg

Universität Heidelberg - von einem Wittelsbacher gegründet

Der Erfolg der Kurpfälzer Wittelsbacher lässt sich auch am langen Bestehen ihres Geschlechts ablesen: Es existiert jetzt seit rund 900 Jahren – so lange wie nur wenige deutsche Adelshäuser. Schlüssel zum Erfolg war der ungewöhnliche Entschluss im 14. Jahrhundert, die verschiedenen Abstammungslinien zu teilen – auch wenn einzelne Zweige nur ein winziges Herrschaftsgebiet bekamen. Wichtiger als das Territorium sei die Kontinuität der Dynastie gewesen, die Idee des "Ganzen Hauses", betont Schneidmüller: "Man hat also die Idee des gemeinsamen Blutes, des gemeinsamen Hauses, über die regionale Verankerung gestellt. Und das ist eigentlich ein konträres Modell von Geschichte gegenüber dem, was wir dann im 19. Jahrhundert eingeübt haben, nämlich die absolute Dominanz der Nation, die absolute Dominanz des Territoriums. Es sind die Menschen, die das Verbindende ausmachen – und die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die Länder, ist ja vielleicht nicht das schlechteste Modell."

Zwei Wappen auf Stein mit der Aufschrift: "Die Wittelsbacher am Rhein" im Hintergrund

Die Ausstellung "Die Wittelsbacher am Rhein" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen

Auch wenn Historiker es seit dem 19. Jahrhundert meist anders sahen: Dieses Konzept ist charakteristisch für die deutsche Geschichte, betont Bernd Schneidmüller. Im Gegensatz etwa zu Frankreich oder England sei Deutschland zutiefst durch die kleinen Staaten, unterschiedlichen Dynastien und wechselnden Residenz-Orte geprägt worden: "Typisch für die deutsche Geschichte sind diese Zufälle, die dynastischen Zufälle, die Orts-Zufälle, die Zusammenfügungen und die Auseinandersetzungen, die Bindestrich-Länder, die wir heute kennen, die alle durch reine politische und historische Zufälle zustande gekommen sind."

Einmal Kurpfalz - immer Kurpfalz

Heute ist kaum jemandem klar, dass es Wittelsbacher waren, die etwa 600 Jahre lang an Rhein und Neckar herrschten – doch der Name ihres Fürstentums ist tief im kollektiven Bewusstsein verankert geblieben. 1803 wurde die Kurpfalz aufgelöst und in die linksrheinische Pfalz und das rechtsrheinische Baden geteilt. Aber viele Menschen in der Region empfänden sie noch immer als Heimat, sagt Schneidmüller: "Das Bekenntnis der Menschen hier ist, dass sie Kurpfälzer sind, dass sie Kurpfälzisch sprechen, auch wenn diese Einheit vor mehr als 200 Jahren unterging."

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