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National Medals of Science and National Medals of Technology and Innovation

Mehr als Nobel Inflation der Wissenschaftspreise

Längst gibt es wissenschaftliche Auszeichnungen, die genauso seriös und noch höher dotiert sind als die Nobelpreise. Dennoch konzentriert sich die mediale Aufmerksamkeit auf das Ritual in Stockholm. Das mag nicht fair sein – ist aber trotzdem gut so, meint Gábor Paál.

Ach, diese vielen Preise … Im Mediengewerbe erlebt man einiges: Preise, die nach ziemlich undurchsichtigen Kriterien vergeben werden. Laudatoren, die schon bei der Preisverleihung nicht mehr wissen, was sie da eigentlich auszeichnen. Etliche Medienpreise verfolgen auch nicht wirklich den Zweck, eine Leistung zu würdigen, sondern dienen mehr dazu, dass sich der Preisstifter mit dem Glamour der geehrten Prominenz selbst schmückt.

All das hat der Nobelpreis nicht nötig. Der Preis belohnt wirklich Leistung, nicht Berühmtheit – was bei den Preisen in dieser Woche wieder deutlich wurde, wo auch die allermeisten Wissenschaftsjournalisten die Namen der gekürten Preisträger zum ersten Mal  gehört haben. Die Nobelpreis-Komitees nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, niemand steht im Verdacht, die eigenen Leute zu protegieren.

Natürlich ist auch die Nobelpreisankündigung ein Ritual und eine Show – die aber zum Anlass passt. Die Nobelpreiskomitees kämen zum Beispiel nie auf die Idee, diese durch den "Oscar" bekannte und inzwischen weit verbreite Marotte zu übernehmen: drei Kandidaten zu "nominieren", um eine künstliche Spannung aufzubauen. Ich habe es selbst bei mehreren Preisen erlebt: Bei vielen dieser Medienpreise ist zum Zeitpunkt der "Nominierung" schon klar, wer den Preis am Ende bekommt und wer nicht.

Aber natürlich gibt es auch Kritik am Nobelpreis: etwa dass sich die Kategorien zum Teil überholt haben. Für Geowissenschaften gibt es keinen Nobelpreis, für Mathematik ebenso wenig und auch nicht für Biologie. Charles Darwin wäre, hätte es damals den Nobelpreis schon gegeben, leer ausgegangen, so wie viele andere Evolutionsbiologen und Ökologen nach ihm. Überhaupt verkörpern die wissenschaftlichen Nobelpreise einen sehr reduktionistischen Fortschrittsbegriff. Nobelpreise gibt es für kleine bedeutende Schritte, aber nicht für große Synthesen.

Der Menschheit Nutzen zu bringen – die von Alfred Nobel genannte Voraussetzung für den Preis – das wird denjenigen Forschern zugebilligt, die Nano-Maschinen bauen oder auch noch die kleinsten Vorgänge in den Zellen entschlüsseln – aber nicht denjenigen, die vorhandene Techniken zu etwas intelligentem Neuem verknüpfen. Das alles hat natürlich mit Alfred Nobel und seiner Zeit zu tun.

Diese Kritik gibt es auch schon lange, und deshalb wurden mit der Zeit immer neue Wissenschaftspreise ins Leben gerufen, die zum Teil diese Lücken schließen. In der Mathematik etwa gibt es die Fields-Medaille oder seit 2003 auch den Abel-Preis. Der Abel-Preis wird von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften verliehen, nach einem ähnlichen Verfahren wie der Nobelpreis. Die ebenfalls norwegische Universität Bergen verleiht wiederum für Geistes- und Sozialwissenschaften den Holberg-Preis.

Der Abelpreis ist mit rund 700.000, der Holberg-Preis mit rund 500.000 Euro dotiert, was der Größenordnung des Nobelpreises schon nahe kommt. Aber die Norweger haben noch viel mehr zu vergeben: Seit 2008 gibt es den Kavli-Preis, ebenfalls vergeben von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Die Preissumme ist mit umgerechnet knapp 900.000 € ähnlich der des Nobelpreises, und man findet bei den Preisträgern immer häufiger die gleichen Namen.

Den Kavlipreis – gestiftet vom 2013 verstorbenen Erfinder und Unternehmer Fred Kavli – gibt es für Astrophysik, Nanowissenschaften und Neurowissenschaften, insofern schließt er nicht wirklich die thematischen Lücken des Nobelpreises, sondern ist nur mehr vom selben. Nebenbei hat sich durch diese diverse Preise eine fast schon lustige Konkurrenz zwischen Norwegen und Schweden entwickelt.

Nach objektiven Maßstäben jedenfalls – Seriosität, fachliche Bedeutung, Preissumme – müssten die Medien die meisten dieser Preise genau so behandeln wie den Nobelpreis. Und dann gibt es ja auch noch die ganz fetten Preise in der internationalen Wissenschaftslandschaft – die kommen aber nicht aus Skandinavien, nicht einmal aus Europa. Sondern zum Beispiel aus Taiwan. Dort wird seit drei Jahren der Tang-Preis verliehen – er ist rund mit einer Million Euro dotiert. Es gibt ihn in den Kategorien "biopharmazeutische Forschung" und "nachhaltige Entwicklung" – womit immerhin auch dieses Themenfeld mal mit einer lukrativen Auszeichnung versehen wurde.

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Internationale Wissenschaftspreise

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Der Abel-Preis für Mathematik wird von der Norwegischen Akademie für Wissenschaft seit 2003 verliehen. Jetzt erscheint er in neuem Look.

Der Abel-Preis für Mathematik wird von der Norwegischen Akademie für Wissenschaft seit 2003 verliehen. Jetzt erscheint er in neuem Look.

Die iranische Mathematik-Professorin Maryam Mirzakhani von der Stanford University hat 2014 als erste Frau überhaupt die Fields-Medaille bekommen.

Der Vorstandsvorsitzende von Alibaba Jack Ma ist Mitbegründer des Breakthrough-Preises.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verleiht den Leibniz-Preis. Er ist mit bis zu 2,5 Millionen Euro dotiert.

Hans Clevers hat am 7.9.2016 im Hamburger Rathaus den Körber-Preises für die Europäische Wissenschaft bekommen.

In den USA werden die National Medals of Science and National Medals of Technology and Innovation verliehen. Im Jahr 2014 gab es 19 Preisträger.

Die Nobel-Stiftung hat das Preisgeld 2017 nun wieder erhöht - von acht auf neun Millionen Schwedische Kronen. Umgerechnet bekommen die Gewinner dieses Jahr rund 940.000 Euro. Trotzdem: Der finanziell lohnendste Wissenschaftspreis hat nochmal ein anderes Kaliber. Es ist der Breakthrough-Preis, dotiert mit drei Millionen Dollar. Ihn gibt es seit 2012 für Grundlagenphysik, seit 2013 auch für Lebenswissenschaften und seit 2014 zusätzlich für Mathematik.

Hinter diesem Preis stecken zum Teil bekannte Namen, der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder die Silicon-Valley-Unternehmerin Anne Wojcicki (Ehefrau des Google-Mitgründers Sergej Brin). "Wir wollen wissenschaftliche Superhelden schaffen", so erklärte sie einmal den Anspruch des Preises. Und der russische Milliardär Juri Milner, ebenfalls Mitbegründer des Preises, sagte einmal, er wolle, dass Grundlagenforscher genauso viel verdienen können wie Superstars im Sport, in der Unterhaltung oder in der Wirtschaft.

So ist in den letzten Jahren eine Debatte entstanden: Nützt diese Inflation wirklich der Wissenschaft? Schaffen diese Megapreise Anreize für den wissenschaftlichen Nachwuchs? Wohl eher nicht: Niemand entscheidet sich für eine Karriere in der Forschung, weil vielleicht – mit viel Glück – am Ende ein hochdotierter Preis winkt. Wenn es wiederum darum geht, exzellente Wissenschaft zu unterstützen, gibt es andere Mittel wie die bekannten und ebenfalls hochdotierten Forschungsförderpreise,  in Deutschland den Leibnizpreis oder den Körberpreis für Europäische Wissenschaft.

Die vielen neuen Preise dagegen führen tatsächlich zu einem Superstarwesen in der Wissenschaft. Ein paar wenige Koryphäen werden mit Geld überschüttet,  viele andere gehen leer aus. Fördern die vielen Preise die Popularität der Wissenschaft? Auch das ist zu bezweifeln, denn vom Nobelpreis abgesehen, bekommt die breite Öffentlichkeit von ihnen wenig mit.

Die Ausrichter des Breakthrough-Preises versuchen das freilich zu ändern. Die jüngste Preisverleihung fand in einer Raketenhalle der NASA in Kalifornien statt. Christina Aguilera war dabei und der Schauspieler Russel Crowe. So nähern sich die Wissenschaftspreise stilistisch zumindest den vielen Medienpreisen an. Vor diesem Hintergrund dieser Entwicklung ist es vielleicht doch gut, wenn sich die öffentliche Aufmerksamkeit trotz der genannten Kritikpunkte weiter auf die Nobelpreise konzentriert.

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