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Meereswellen brechen sich

"Das wird ein gutes Wissenschaftsjahr" Echter Dialog statt reines Marketing

Ein Kommentar von Martin Schneider

Diese Woche startete das Wissenschaftsjahr "Meere und Ozeane". Solche Wissenschaftsjahre gibt es seit 2003 und wurden oft ihrem Anspruch nicht gerecht. Das ist diesmal anders, findet Martin Schneider.

Wirres Haar, verschmitztes Gesicht und die berühmte herausgestreckte Zunge: Das bekannte Bild von Albert Einstein half dabei, die Jahre der Wissenschaft populär zu machen. 100 Jahre nach Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie wurde das Jahr 2005 zum Einstein-Jahr, das Bild der Ikone deutscher Wissenschaft prangte von den Plakatwänden der Republik. 

Die Wissenschaftsjahre gibt es seit 2003, und sie sind eine Folge der Bemühungen um ein besseres "Public Understanding of Science and the Humanities", kurz PUSH, in den 1990er-Jahren. Der Wissenschaft wurde seinerzeit klar, dass sie aus ihrem Elfenbeinturm hinaustreten muss, um für mehr Akzeptanz von Wissenschaft und Technik in der Öffentlichkeit zu sorgen – und um mehr Nachwuchs in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern zu bekommen. 

Das Aktionsprogramm PUSH war die Geburtsstunde der langen Nächte der Wissenschaft, der Tage der offenen Tür und eben auch der Wissenschaftsjahre, in die das Bundesforschungsministerium jährlich 5,8 Millionen Euro fließen lässt. 

Trotz intensiver Bemühungen der Organisatoren schaffte es im folgenden Jahrzehnt kein Jahr der Wissenschaft mehr, eine ähnlich öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen wie das Einsteinjahr. Nachdem der universitäre Fächerkanon durchdekliniert war – Physik, Chemie, Mathematik, Geo- Lebens- und Geisteswissenschaften – folgten eher allgemeinere Themen wie Demografie, die Zukunft der Stadt oder die digitale Gesellschaft. Wahrgenommen wurden sie vor allem in den gewöhnlich ohnehin gut unterrichteten Kreisen. 


Darüber hinaus gab es auch grundsätzliche Kritik. Viele Wissenschaftler hätten die Millionen, die in das Wissenschaftsmarketing flossen, lieber in ihren eigenen Forschungsprojekten gesehen. Und selbst die Akademien der Wissenschaft bemängelten in einer Stellungnahme, dass reine PR-Aktionen gerade nicht für mehr Akzeptanz von Wissenschaft und Technik sorgen und dass statt eines bloßen Wissenschaftsmarketings doch ein tatsächlicher Dialog mit der Bevölkerung geboten sei. 

Schon in den vergangenen Jahren wurde daher mehr Wert auf den Dialog mit der Öffentlichkeit gelegt – und jetzt kommt mit "Meere und Ozeane" auch noch ein Thema hinzu, dessen Faszination sich quasi allein vermittelt. Die Lektionen, so scheint es, wurden gelernt. 

Das Motto "Entdecken, Nutzen, Schützen" zeigt, dass es nicht um eine bloße Leistungsshow deutscher Meeresforschung gehen soll, sondern dass der Konflikt Mensch-Natur zur Diskussion gestellt wird. 

Das Ziel der Veranstalter, die faszinierende Welt der Ozeane zu vermitteln, gleichzeitig aber für das Ökosystem und die Rolle des Menschen darin zu sensibilisieren, könnte aufgehen. Das Meer als Nahrungsquelle und Schatzkammer, Rohstofflager und Energielieferant, Wetterküche und Klimamaschine, als Seestraße und Handelsroute, Sehnsuchtsort und Naturgewalt  – diese Oberthemen fordern die Rezipienten heraus, sich der Frage zu stellen: Welcher Stellenwert des Meeres ist der wichtigste, und wie bedingt eins das andere? 

Bundesweite Ausstellungen, Mitmachaktionen, Citizen Science Projekte und das altbewährte Ausstellungsschiff "MS Wissenschaft", das auf Flüssen und Kanälen durch ganz Deutschland tourt, sorgen dafür, dass die Bedeutung unserer Meere nicht nur bei den Küstenbewohnern ankommt. Dialogorientierte Onlineformate und soziale Netzwerke sind eingebunden, so dass die Chancen gut stehen, dass ein tatsächlicher Dialog mit der Bevölkerung entsteht – und dies erstmalig sogar über zwei Jahre hinweg. 

Natürlich ist das Wissenschaftsjahr auch eine Leistungsshow der deutschen Meeresforschung. Und die kann sich ja durchaus sehen lassen: Allein die deutsche Forschungsflotte mit 16 Schiffen setzt internationale Maßstäbe. 

Die Wissenschaftler beklagen sich übrigens auch nicht mehr darüber, dass die Marketing-Gelder doch besser in ihre Forschungen fließen sollten. Schließlich investieren deutsche Forschungsinstitute in den nächsten Jahren insgesamt über vier Milliarden Euro in Projekte zur Erforschung und Schutz unserer Meere.

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