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Im Herbst 2020 geschah etwas, was es vorher noch nie gegeben hat: Renommierte wissenschaftliche Fachmagazine haben erstmals vor einer US-Wahl klar politisch Position bezogen. Denn wie kein anderer US-Präsident in der jüngeren Vergangenheit hat Trump in seiner bisherigen Amtszeit wertvolle staatliche Institutionen angegriffen und die Wissenschaft untergraben.

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"March for Science" als Reaktion auf Trumps Politik

Der Prozess der Politisierung der Wissenschaft begann schon kurz nach Trumps Amtsantritt im Januar 2017. Der "March for Science" brachte Hunderttausende auf die Straße. Trumps Leugnung des Klimawandels als chinesische Propaganda und die Ankündigung, Umweltschutzgesetze zurückzudrehen, brachten rund um den Globus Forscherinnen und Forscher auf die Straße. Sie ahnten noch nicht, wie weit Trumps Ignoranz gegenüber der Wissenschaft gehen würde.

Trump nahm sich eineinhalb Jahre Zeit, um den Posten des Wissenschaftsberaters zu besetzen. Und von dem hörte man dann nicht viel, erzählt Andrew Rosenberg von der "Union of Concerned Scientists", einer kritischen Wissenschafts-Organisation. Die Organisation hat in den vergangenen vier Jahren die wissenschaftlichen Sünden der Trump-Regierung genauestens protokolliert. Auf ihrer Website listet sie 147 Angriffe auf die Forschung auf, von Personalia über laxere Umweltgesetze bis hin zu offener Zensur. Vor allem die laxeren Umweltbestimmungen sind Rosenberg ein Dorn im Auge.

Eine gemeinnützige Organisation wie die "Union of Concerned Scientists" darf in den USA nicht direkt Partei für einen der Kandidaten ergreifen und für ihn Wahlkampf machen. Daher machen sie hauptsächlich Aufklärungsarbeit, vor allem zum Klimawandel und zur Bedrohung durch Atomwaffen.

Hunderttausende protestieren auf einem der ersten "March for Science" vor dem Washington Monument im April 2017 (Foto: Imago, Andy Katz)
Hunderttausende protestieren auf einem der ersten "March for Science" vor dem Washington Monument im April 2017 Imago Andy Katz

Wissenschaflter*innen geben traditionelle Zurückhaltung auf

Traditionell halten sich amerikanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit politischem Engagement zurück, wenn ihre eigene Arbeit nicht betroffen ist. Das ist auch die Grundhaltung von Melanie Ott, einer deutschen Forscherin, die seit 30 Jahren in den USA arbeitet. An den Gladstone Institutes in San Francisco arbeitet sie in einem Gebiet, das bis vor ein paar Monaten völlig unpolitisch war – in der Virologie.

Diese traditionell unpolitische Position geben nun viele ihrer Kolleginnen und Kollegen zunehmend auf, wenn auch zögernd. Zu ihnen gehört Thomas Südhof, der 2013 den Nobelpreis für Medizin bekam, für seine Forschungen über die Signalleitungen im Gehirn. Südhof, der wie Melanie Ott die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und seit vielen Jahren an der Universität Stanford lehrt, hat zusammen mit 80 anderen Nobelpreisträgern in einer knappen Erklärung dazu aufgerufen, bei dieser Wahl das Kreuz bei Joe Biden zu machen. Trump und seine Regierungsbilanz werden darin nicht einmal erwähnt. Doch Südhof ist der Meinung, dass es unter dem Präsidenten noch schlimmer gekommen ist, als viele befürchtet haben.

Wissenschaftler*innen kandidieren für politische Ämter

Die Corona-Pandemie machte auch die Forschungen von Melanie Ott plötzlich gesellschaftlich relevant. Sie hatte bis dahin vor allem am Aids-Virus gearbeitet, jetzt stellt sie ihr Labor ganz in den Dienst des Kampfs gegen den neuen Erreger. Zusammen mit Jennifer Doudna, die 2020 einen Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der CRISPR /Cas9-Technik erhält, entwickelte Ott einen preiswerten Schnelltest für das Virus, der auf Crispr basiert.

Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben es nicht bei Petitionen und Aufrufen gelassen. Sie kandidieren – aus Protest gegen Trumps Politik und Einstellung zu Forschung und Wissenschaft – selbst für politische Ämter, wie Nancy Goroff, die für einen Wahlbezirk im Bundesstaat New York ins Repräsentantenhaus einziehen will. Die Demokratin wäre dort die erste weibliche Abgeordnete mit Doktortitel.

Schon bei den Zwischenwahlen vor zwei Jahren zogen neun neue Abgeordnete mit wissenschaftlichem Abschluss ins Parlament ein. Sieben davon waren Demokraten, und sie hatten die Unterstützung einer Organisation namens “314 Action”. Benannt nach den ersten drei Stellen der Kreiszahl Pi – typischer Wissenschaftshumor. Ziel ist es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Kandidaten für öffentliche Ämter zu rekrutieren, von der Stadtverwaltung bis hinauf zur Bundesebene, und sie zu qualifizieren, damit sie auch gewählt werden. Und das bereits mit Erfolg, sogar in Staaten, die vorher keinen Demokraten gewählt hätten.

Republikanische Partei: fest im Griff wissenschaftsfeindlicher Trump-Anhänger

“314 Action” ist nicht per Definition eine Organisation der Demokratischen Partei, aber in der Praxis hat sie bisher nur Kandidatinnen und Kandidaten dieser Partei gefördert. Gibt es denn keine vernünftigen konservativen Wissenschaftler? Das schon, doch die republikanische Partei sei so stark im Griff der wissenschaftsfeindlichen Trump-Anhänger, dass vernünftigere Stimmen Schwierigkeiten hätten, sich durchzusetzen, so Laura Helmuth, die Chefredakteurin von Scientific American.

Die symbolische Unterzeichnung des UN-Klimaabkommens am Tag der Erde 2016 in New York - hier John Kerry mit Enkeltochter - ein Jahr, bevor Trump das Abkommen kündigte (Foto: Imago, imago/Xinhua)
Die symbolische Unterzeichnung des UN-Klimaabkommens am Tag der Erde 2016 in New York - hier John Kerry mit Enkeltochter - ein Jahr, bevor Trump das Abkommen kündigte Imago imago/Xinhua

Einer der wenigen bekannten konservativen Sozialwissenschaftler ist Robert Mather. Er schreibt in der Zeitschrift Psychology Today eine Kolumne mit dem Namen "The conservative social psychologist". Auf die Frage, wieso denn die Universitäten mehrheitlich links seien, hat der Sozialpsychologe keine wirkliche Antwort. Aber sobald eine solche Mehrheit einmal besteht, würden ein Herdentrieb und die zunehmende Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft dazu führen, dass sich die Linkslastigkeit stabilisiere. Und einseitige Wissenschaft durch demokratisch orientierte Forschende, vor allem in den Sozialwissenschaften, ist schlechtere Wissenschaft, findet Mather.

Mather ist Fan von Präsident Trump. Bezogen auf die Covid-19-Pandemie sind sich die Demokraten in den USA, aber auch viele Menschen im westlichen Teil der Welt einig, dass der Präsident verantwortlich ist für viele tausend Menschenleben. Der Republikaner Mather sieht das anders. Seiner Ansicht nach hätte Trump nichts vor den Bürgern verborgen und die Wissenschaft stets genügend einbezogen.

Unis kritisieren Trumps Einreisestopp für Menschen aus muslimischen Ländern

Wissenschaft lebt vom internationalen Austausch. 40 Prozent der amerikanischen Nobelpreisträger waren Immigranten. Die Trump-Regierung hat Einreisestopps für Menschen aus einer Reihe mehrheitlich muslimischer Länder verhängt, was viele Universitäten kritisiert haben. Der Präsident betont bei jeder Gelegenheit, dass amerikanische Interessen Vorrang haben, “America First”. Gleichzeitig beteuert er, dass das Land für hoch qualifizierte Forscher weiterhin offen sein soll, falls er mit seiner Einwanderungsreform zum Zuge kommt. Doch diese Reform hat nie stattgefunden.

Sollte Trump abgewählt werden, dann werden die USA einen Präsidenten haben, der der Wissenschaft offener gegenübersteht. Joe Biden hat angekündigt, das Land wieder auf den Kurs zu bringen, den es vorher hatte. So einfach lässt sich aber die Uhr nicht zurückdrehen. Nobelpreisträger Thomas Südhoff sieht mit Sorge, dass von jungen Leuten fast alle, die in seinen Augen intelligent, engagiert, ehrgeizig, interessiert sind, nichts mit Kultur und Wissenschaft zu tun haben wollen.

Sollte Joe Biden die Wahl gewinnen, muss sein Team erst einmal Wiederaufbauarbeit leisten: Die USA sollen sich nach seinem Willen wieder aufs Pariser Klimaabkommen verpflichten und die Mitgliedschaft in der Weltgesundheitsorganisation wieder aufleben lassen. Auch zu Hause gilt es, die Trümmer aufzuräumen. Vier Jahre Trump, aber auch vier Jahre Protest, haben die Welt für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entscheidend verändert.

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