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Hobbyforscher Das unterschätzte Wissen der Laien

Die Arbeit von Hobbyforschern wird unter professionellen Wissenschaftlern oft gering geschätzt. Völlig zu Unrecht, findet der Wissenschaftstheoretiker und Kulturökologe Peter Finke. Er fordert in seinem neuen Buch, man soll das Wissen der Laien anerkennen.

Reporterin Stephanie Grimme bei der Vogelbeobachtung

Vogelbeobachtung ist eine typische Citizen Science

Was macht eigentlich den Wissenschaftler zum Wissenschaftler? Erst mal denkt man da natürlich an die Profis, also diejenigen, die studiert haben und an Universitäten oder anderen Einrichtungen dafür bezahlt werden, dass sie forschen. Man könnte aber auch mit Aristoteles sagen: Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Und dann kann vielleicht auch jeder ein Wissenschaftler sein. Citizen Science, also grob übersetzt Bürgerwissenschaft, heißt das Buch von Peter Finke, emeritierter Professor für Wissenschaftstheorie.

Was muss ich mir unter dieser Bürgerwissenschaft denn vorstellen?
Finke: Man muss nicht unbedingt ein Studium absolviert haben, man muss nicht unbedingt eine Stelle in einem Labor haben, man muss nicht Berufswissenschaftler mit Doktortitel sein, um Wissenschaft zu betreiben. Es genügt, dass man sich sehr stark für eine Sache interessiert, dass man sich Kenntnisse auf einem speziellen Gebiet aneignet, indem man sehr viel liest und autodidaktisch Wissen akkumuliert.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Hand hält 3-Puzzle mit Wikipedia-Logo

Wikipedia ist auch ein Citizen Science-Projekt


Finke: Man kann alle möglichen Felder nehmen. In Bezug auf die Natur haben wir viele Kenner etwa der Vogelwelt oder der Welt der Schmetterlinge, etwa der Nachtschmetterlinge, wo sich nur ganz wenige Menschen gut auskennen, weil man die Arten kaum voneinander unterscheiden kann. Man kann auch an die Kultur denken. Zum Beispiel interessieren sich viele Menschen für Geschichte, nicht nur für die Geschichte der Königshäuser oder der Kriege in den vergangenen Jahrhunderten, sondern für die Geschichte ihrer Stadt oder ihrer Straße. Ich habe neulich mit einem gesprochen, der hat mir erzählt, er hätte da mit Nachbarn die Geschichte seiner Straße erforscht, das sei hoch spannend gewesen, man habe daraus ein Buch gemacht, das war sehr begehrt. Um so etwas kümmert sich die große Geschichtswissenschaft nicht. Ein weiteres Beispiel: Viele Ökonomen und Politiker huldigen noch immer der Wachstumsideologie und sagen, Wachstum sei das einzige Überlebensmittel. Viele Menschen glauben das nicht mehr, sie wissen, dass man neue Konzepte benötigt, sonst zerstören wir die Erde. Und diese Menschen suchen Ziele jenseits der Wachstumsideologie. Viele von diesen Querdenkern sind weiter als so manche Experten. Und deren Wissen ist doch genauso wichtig wie das Wissen der Experten. Genau das ist Citizen Science.

Wo sind die Grenzen dieser Art von Bürger-Wissenschaft?
Finke: Sie liegen dort, wo Forschung besonders komplex geworden ist, wo sie einen sehr hohen theoretischen Abstraktionsgrad erreicht hat oder wo sie im hohen Maße laborabhängig ist, geräteabhängig oder mittelabhängig. Klar, Citizen Science verfügt über keine großen finanziellen Mittel und große Labore.

Welche Kriterien gelten für die Citizen Science?

Bei der Ausschreibung von EU-Fördermitteln für Nachwuchsforscher hat Baden-Württemberg am besten abgeschnitten

Wissenschaft findet nicht nur im Labor statt

Finke: Ja, man muss sehen, dass diese Art der Wissenschaft in den USA schon sehr populär ist. Dort versuchen eben Wissenschaftler Laien in ihre Arbeit einzubeziehen. Es gibt Projekte, bei denen Laien durch eigene Beobachtungen die Forschung ergänzen, und die Profis versuchen dann dieses Laienwissen nach wissenschaftlichen Kriterien auszuwerten. Also hier gelten harte wissenschaftliche Kriterien. Schwierig wird es, wenn die Laien ganz unter sich bleiben, wenn sie nicht durch Experten geführt werden, wenn sie etwa Publikationen ganz allein machen müssen. Es gibt ja viele Hobbygeschichtler, die schreiben Bücher über die Geschichte ihrer Stadt ohne professionelle Hilfe. Viele von ihnen sind hier in Deutschenland etwa in historischen Vereinen tätig. Diese Laien konzentrieren sich übrigens fast immer auf ein sehr enges Gebiet, ganz im Gegensatz zu den Experten, die interessieren sich ja nicht unbedingt für die Geschichte in einem ganz bestimmten Gebiet, sondern es geht ihnen fast immer um eine ganze Disziplin. Sie fragen etwa, wie können wir die Sprachwissenschaft vorantreiben. Den Laien geht es um das, was um sie herum passiert, was mit ihrem Leben zu tun hat.

Wie könnte man Laienbeteiligung in den Wissenschaftsbetrieb richtig einbinden?
Finke: Ich bringe nochmal das Thema Wachstumsgesellschaft. Es gibt Menschen, die sich in dem Netzwerk „Wachstumswende“ engagieren. Das haben Studenten gegründet. Jetzt hat das Netzwerk ganz viele Teilnehmer. Alle Bürger arbeiten gemeinsam daran, wie man jenseits des Wachstums leben und arbeiten kann, sie glauben nicht an die Wirtschaftswissenschaftler, die immer nur vom Wachstum reden. Diese Bürger treffen sich in Think Tanks und probieren aus, wie sie ihr Leben konkret ohne Wachstum gestalten können.

Peter Finke: Citizen Science - Das unterschätzte Wissen der Laien; Oekom Verlag 19,95 Euro

Peter Finke plädiert für die Öffnung des Wissenschaftsbegriffs

Wie das dann auf die professionelle Wissenschaft wirkt, ist eine ganz andere Frage. Man muss überhaupt erst einmal sehen, dass es so ein Laienwissen mitten in der Gesellschaft gibt, ein Wissen, das unabhängig von der offiziellen Forschungsgemeinschaft existiert, das bereichernd sein kann. Man muss darauf aufmerksam gemacht werden. Der Nimbus unserer modernen Wissenschaft ist ja sehr stark verbunden mit der wirkungsmächtigen professionellen Wissenschaft in den verschiedenen Institutionen wie den Universitäten. Das ist gut und wichtig. Aber daneben gibt es eben diese Wissenschaft mitten in der Gesellschaft, die einfacher, bescheidener und praxisnäher ist. Citizen Science ist eine freie Wissenschaft, sie ist nicht eingebunden in finanzielle Zwänge, in institutionelle oder politische Zwänge, sie wird durch keinen Wissenschaftsminister reglementiert, und das ist ein Vorteil.

Aber kann Laienwissen nicht auch chaotisch und falsch und subjektiv sein?
Finke: Das kann sein, aber in der Praxis sieht das anders aus. Beispiel: es gibt Menschen, die schließen sich zusammen, gehen 24 Stunden in eine bestimmte Region und versuchen so viele Vorgelarten wie möglich zu finden. Das ist so eine Art Wettbewerb. Und jetzt stellt sich die Frage, ob man da nicht wunderbar betrügen kann, um zu gewinnen, die Teilnehmer könnten ja einfach behaupten: Wir haben zwei Auerhähne gesehen! Nur: Die Erfahrung zeigt, das macht keiner der Teilnehmer, weil es dann keinen Spaß mehr macht. Und übrigens: Auch in der professionellen Wissenschaft gibt es ja, wie man weiß, Betrüger.

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