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Wisent Freiheit für das europäische Bison

Wisente sind die größten Landsäugetiere Europas, die europäische Variante des Bisons. Ausgewachsene Bullen können zwei Meter hoch, drei Meter lang und eine Tonne schwer werden. Auf dem heutigen Gebiet Deutschlands sind die Tiere seit dem 16. Jahrhundert verschwunden. Jetzt siedelt Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg sie wieder hier in freier Wildbahn an.

Quintus und Araneta

Die Wisente haben Nachwuchs bekommen

Bad Berleburg am 11. April, auf einem matschigen Waldweg steht Johannes Röhl, Kammerdirektor im Fürstenhaus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Er dirigiert gut 60 Journalisten, die aus ganz Deutschland angereist sind, vor einen Zaun. Ein Schild hängt noch dran "Vorsicht Strom", den hat man aber abgeknipst. Denn gleich wird Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg zusammen mit vier weiteren Herren den Zaun durchtrennen. Eine Herde von acht Wisenten soll künftig frei durch den Wittgensteiner Wald streifen.

Wild in Wittgenstein

Wisente sind friedliebende Tiere

Wisente sind friedliebende Tiere

Die Tiere wissen aber noch nichts von ihrer neuen Freiheit. Bulle Egnar, Leitkuh Araneta und die sechs weiteren Wisente der Herde stehen irgendwo in ihrem Auswilderungsgehege und verpassen diesen historischen Moment.

Initiator des Artenschutzprojektes ist Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. In Bad Berleburg, das im südlichen Westfalen, zwischen Winterberg und Siegen liegt, wohnt er mit seiner Familie oben im Schloss. Der Prinz gehört zu den größten Waldbesitzern Deutschlands. Das Schloss, die Familie und 70 Angestellte leben vom Wald. Dabei gehören Wald und Wild für das Fürstenhaus zusammen, Wildschweine, Rotwild, Rehe und Muffelschafe tummeln sich im Forst. Heute ist für den 78jährigen Prinzen ein großer Tag, sein Herzensprojekt geht in Erfüllung. Jahrelang hat er darum gekämpft, dass es in Westeuropa wieder frei lebende Wisente gibt.

Vom Banker zum Ranger

Wanderwege der Wisente werden teilweise per GPS verfolgt

Wanderwege der Wisente werden teilweise per GPS verfolgt

Fest eingebunden in den fürstlichen Betrieb und das Artenschutzprojekt ist Prinz Gustav. Der Sohn des Fürsten hat früher bei einer Bank in London gearbeitet, jetzt geht er in praktischer Outdoor-Kleidung durch die Schlossflure: braune strapazierfähige Hose, Anorak, feste Wanderschuhe an den Füßen. Er ist viel im Wald unterwegs, jederzeit könnte er eine Wandergruppe durch die Fichten- und Buchenbestände lotsen und dabei über Flora und Fauna dozieren. Speziell über den Schwarzstorch, für den er zusammen mit Prinz Richard Tümpel angelegt hat, damit sich der Storch hier wieder heimisch fühlt. Jetzt hat er sich auch das größte Projekt seines Vaters zu Eigen gemacht.

Vereinzelt ist zwar auch über den Wisent nachgedacht worden, aber die Tiere benötigen unverbaute Fläche, sie brauchen Rückzugsgebiete und unterschiedlich dichte Vegetation. Fläche hat das Fürstenhaus und die Wisente fand Prinz Richard mehr als sympathisch.

Wisente sind Vegetarier

Wisente sind Vegetarier

Sympathische Bullentonne

Wisente sind die größten Landsäugetiere Europas, die europäische Variante des Bisons. Ausgewachsene Bullen können die Maße 2-3-1 erreichen: zwei Meter hoch, drei Meter lang, eine Tonne schwer. Die nach innen gebogenen Hörner, die auf dem breiten Kopf sitzen, werden bis zu 35 Zentimeter lang.

Wisente haben außerdem einen kurzen Hals und lassen ihren Kopf meist nach unten hängen. Dadurch wirken sie auf viele Menschen angriffslustig. Es gab Fragen an die Adelsfamilie: Können die Tiere dem Menschen gefährlich werden? Wo werden sie sich aufhalten? Machen sie den Wald kaputt?

Das Fürstenhaus hat nicht nur den Wald für das Artenschutzprojekt zur Verfügung gestellt, sondern auch Durchhaltevermögen bewiesen. Bis die Landesregierung grünes Licht gab, wurden die Wisente drei Jahre in einem Auswilderungsgehege auf die Freiheit vorbereitet. Von Anfang an haben sechs Forscherteams das Projekt begleitet. Sie beobachten weiterhin den Fluchtinstinkt der Tiere, begutachten Waldschäden, erforschen die Auswirkungen auf Flora und Fauna, analysieren Marketingeffekte.

Was macht Freiheit mit Tieren?

Der moderne Wisent wird in einer Patchwork-Familie groß

Der moderne Wisent wird in einer Patchwork-Familie groß

Prinz Gustav interessiert vor allem, was die Herde mit ihrer Freiheit anfängt. Wohin es die Tiere zieht. Die Freiheit der Wittgensteiner-Wisente ist eine relative Freiheit. Zwei Kühe und Bulle Egnar tragen noch Funkhalsbänder, das ist ein übliches Verfahren bei Auswilderungsprojekten. Die GPS-Sender schicken in verschiedenen Abständen Koordinaten an einen Computer.

Ursprünglich waren Wisente in Europa weit verbreitet, sie sind schon auf Höhlenmalereien aus der Steinzeit zu sehen. Auf dem heutigen Gebiet Deutschlands sind die Tiere seit dem 16. Jahrhundert verschwunden. Und im Kaukasus hat 1927 ein Wilderer den letzten freien Wisent Europas erlegt. Krankheiten, Jagd und Wilderei hätten die Art ausgerottet, wenn nicht 54 Tiere in Zoos und Wildgehegen überlebt hätten. Von ihnen hatten sich jedoch nur 12 für die Zucht geeignet. Heute gibt es wieder gut 4.000 Exemplare, die alle von diesen zwölf Gründertieren abstammen. Um Inzucht zu vermeiden sind alle Wisente in einem internationalen Zuchtbucht registriert.

Al Jazeera kommt vorbei

Kalb Quintus der Kuh Araneta

Kalb Quintus der Kuh Araneta

Mit dem Pressetermin am Zaun zur Auswilderung schaffte es das Projekt in die Tagesschau und in die Tagesthemen. Drei Tage später stand ein Fernsehteam von Al Jazeera in der Stadt. Die Region war schon lange nicht mehr so im Gespräch. Da die Tiere um Leitkuh Araneta im Auswilderungsgehege im Winter gefüttert wurden, ist dieses Gebiet ihre Heimat. Doch seit es keinen Zaun mehr gibt, haben die Tiere auf ihren Streifzügen schon die Kreisgrenze überschritten und den benachbarten Hochsauerland-Kreis besucht. Sie sind offenbar nicht so scheu wie vermutet, erklärt Prinz Gustav. Die regionalen Zeitungen haben aufgeregt darüber berichtet. Damit sie sich auch wieder wie Wildtiere verhalten, müssen zwei, drei Generationen in Freiheit aufgewachsen sein.

Durchgebrannt ins Sauerland

Kalb Quattro

Die Tiere müssen sich erst wieder an das Leben in Freiheit gewöhnen

Wisent-Ranger Jochen Born hat die Herde schließlich wieder in die Heimat getrieben. Der Mensch und die freien Wisente – sie befinden sich noch im Kennenlern-Stadium. In jedem Zeitungsartikel über das Projekt stehen Verhaltenshinweise für die Bevölkerung und für Wanderer. Denn Mitten durch das Gebiet verläuft der Rothaarsteig, einer der Premiumwanderwege, mit über 1,5 Millionen Gästen pro Jahr. Der Weg beginnt hinter der Kreisgrenze, im benachbarten Sauerland. Und anders als in Bad Berleburg ist der Wald dort nicht Eigentum des Prinzen, sondern gehört dem Land oder den Kommunen. Verantwortlich für diesen Wald ist Hans von der Goltz, er ist Leiter des Forstamtes in Schmallenberg und Mitinitiator des Wanderwegs am Rothaarsteig. Vom Wisent-Projekt aus dem nachbarlichen Privatwald ist er nicht begeistert. Er sorgt sich um die Besucher und will, dass diese Abstand halten. Berechtigte Bedenken vom Umweltministerium Nordrhein-Westfalen, von Anwohnern, Bauern und Förstern. Kammerdirektor Johannes Röhl weiß, dass es schwer ist alle auszuräumen. So könne es durchaus sein, dass ein kleiner Waldbesitzer das Pech hat, dass Wisente in ihrem Waldstück eine Buche schälen. Dann wird er sagen: "die Mistviecher machen mir den Wald kaputt".

Haftpflicht für Tiere

Schautaufel Wisent Wildnis am Rothaarsteig

Schautaufel Wisent Wildnis am Rothaarsteig

Schäden wie die an den Buchen können ersetzt werden, denn der Trägerverein ist Eigentümer der Herde und hat für die Auswilderungsphase eine umfangreiche Tierhaft-Pflicht abgeschlossen. Das Land Nordrhein-Westfalen und das Bundesamt für Naturschutz unterstützen das einmalige Artenschutzprojekt mit 1,5 Millionen Euro. Das Fürstenhaus stellt den Wald, Personal und Arbeitszeit zur Verfügung, hochgerechnet bisher gut eine halbe Million Euro. Drei bis vier Jahre geben sie den Wisenten Zeit, das Leben in Freiheit zu lernen. Sollten die Tiere damit nichts anfangen können, zunehmend Schäden anrichten oder, so Kammerdirektor Johannes Röhl, sich Zwischenfälle mit Menschen häufen, kann der Versuch abgebrochen werden.

Artenschutz fürs eigene Land

Ältere Bullen streifen schon mal als Einzelgänger durch den Wald

Ältere Bullen streifen schon mal als Einzelgänger durch den Wald

2015 läuft die Förderung durch das Bundesamt aus. Bis dahin muss sich das Artenschutzprojekt selbst tragen. Dafür gibt es den "touristischen Arm". Ein paar Kilometer außerhalb von Bad Berleburg wurde ein Schaugehege angelegt, in dem Besucher eine zweite Herde beobachten können. Es ist kein klassisches Gehege, sondern ein Areal mit Felsen, Brücken und Tunneln, die Zäune für die Tiere wurden möglichst gut getarnt. Die Einnahmen aus dem Schaugehege, von Kooperationspartnern aus der Hotelerie und Sponsorengelder sollen das Artenschutzprojekt mittelfristig finanzieren. Die umfangreiche Begleitforschung, die Einbindung unterschiedlicher Gruppen, die Struktur des Trägervereins und die Öffentlichkeitsarbeit setzen neue Maßstäbe, findet Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz. Es zeige, dass Deutschland den Artenschutz auch im eigenen Land ernst nehme. Und sich nicht nur für die Vielfalt der Affen in Afrika oder der sibirischen Tiger engagiere.

Wisente sind keine Haustiere

Wisente sind keine Haustiere

Drei Kälber kamen im Schaugehege zur Welt, zwei in der freien Herde. Es gibt allerdings auch einen Verlust. Jungbulle Quandor, den Born auf der Kontrollfahrt vermisst hat, wurde vier Tage später im Staatswald im Sauerland gefunden. Bulle Egnar hatte ihn bei einem Rangkampf so schwer verletzt, dass er eingeschläfert werden musste. So etwas ist in einem Artenschutzprojekt nicht zu vermeiden – gab das Wisent-Büro relativ nüchtern bekannt. Auch für Prinz Gustav gehören Verluste und schwierige Phasen dazu. Wer für kommende Generationen einen Wald erhalten will, müsse die Dinge sowieso in größeren Zusammenhängen sehen, sagt er. Und denkt die Vision seines Vaters bereits zu Ende.


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