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Über die Wirkung von Computerspielen Virtuelles Ballern und reales Töten

Über 90 Prozent aller Teenager zocken regelmäßig Computerspiele. Da wird viel virtuelles Blut vergossen. Eltern und Pädagogen fragen sich immer wieder, was dieses Gemetzel in den Köpfen der Spieler anrichtet. Eine neue Meta-Analyse der Universität Innsbruck liefert nun eine Antwort. SWR 2 Impuls sprach mit dem Sozialpsychologen Dirk Mügge.

Sie kommen zu dem Fazit: So richtig viel wissenschaftlich Fundiertes kann man über die Wirkung von Computerspielen gar nicht aussagen, ist das richtig?

Mügge: Das würde ich so nicht sagen, es gibt viele Studien, die zeigen, ja es gibt negative und positive Konsequenzen, und zwar nicht nur auf die Aggression bezogen, die ja in der Öffentlichkeit immer gerne diskutier wird, sondern auch in bezug auf kognitive Leistungen, wie Lese- oder Rechenfähigkeit.

Sie haben in Ihrer Metastudie alle möglichen aktuellen Studien zum Thema noch einmal ausgewertet, wie viele haben Sie berücksichtig?

Mügge: Wir haben 98 Einzelstudien ausgewertet, die sich mit dem Sozialverhalten beschäftigt haben, mit der Frage, wie wirken Computerspiele auf das solidarische Verhalten der Menschen, auf Aggression und dergleichen. Wir haben uns nur die Spiele vorgenommen, die ein gewalttätiges Ziel beinhalten und solche, die ein prosoziales Ziel verfolgen, wo es darum geht, einander zu helfen.

Asmo spielt Counterstrike

Counterstrike ist ein beliebter Egoshooter

Und haben Sie unterm Strich einen Effekt ausmachen können?

Mügge: Es gibt einen Effekt etwa von gewalthaltigen Computerspielen auf aggressives Verhalten, die Aggression wird durchs Spiel gefördert; ebenso gibt es Konsequenzen für die Empathie, die Spieler werden weniger empathischer, und es gibt darüber hinaus auch einen Langzeiteffekt: die Desensibilisierung gegenüber Gewalt. Das ist alles nichts Neues, aber wir haben uns ja auch die prosozialen Spiele angesehen. Da kann man sagen, die wirken positiv genau in dem Sinne, wie gewalthaltige Spiele negativ wirken. Unser wichtigstes Ergebnis ist: Es kommt nicht allein darauf an, was das nun genau für ein Spiel ist – ein Egoshooter oder etwas anderes- , sondern es geht auch um die Frage, was ist denn die dahinter stehende Spielidee, die die Spieler verfolgen müssen, also geht es etwa nur darum, so viele Figuren wie möglich abzuschießen, oder geht es um taktisches Verhalten.

Bei dem Thema geht es auch um die Frage, was war zuerst da, die Henne oder das Ei. Machen aggressive Spiele die Spieler nun gewaltbereiter, oder ist es so, dass Menschen, die sowieso schon gewaltbereiter sind, genau auf solche Spiele zurückgreifen?

Jugendlicher reckt eine Faust in die Kamera

Aggressionen durch Computerspiele sind nicht nachgewiesen

Mügge: Sowohl als auch. Man muss dazu sagen, die Effekte, die wir gefunden haben, sind eher klein, das darf man jetzt nicht überbewerten. Man darf jetzt nicht sagen, wir verbieten alle gewalthaltigen Spiele, weil dadurch Amokläufer gezüchtet werden. Das ist übertrieben! Kein seriöser Forscher sagt das so. Zu Ihrer Frage: Es gibt schon Hinweise darauf, dass aggressive Personen zu aggressiven Spielen neigen, aber es gibt auch eher friedfertige Menschen, die ebenfalls damit  spielen. Die Effekte, die wir gefunden haben, sind eben eher klein.

Was heisst klein?

Mügge: Es ist in der Wissenschaft  schwierig mit solchen Begriffen wie „klein“,  „mittel“ oder „groß“, das sind letztlich subjektive Kategorien, deshalb wird ja in der Wissenschaft so viel darüber diskutiert. „Klein“ würde ich so einordnen: Gewalthaltige Spiele wirken auf aggressives Verhalten, aber andere Faktoren wirken viel stärker, zum Beispiel die Frage, ob der Spieler männlich oder weiblich ist. Jungs zeigen nämlich eher Aggression als Mädchen, also ist das Geschlecht ein wichtigerer Faktor für aggressives Verhalten. Ein anderer Faktor kann etwa ein erhöhtes Temperament sein. Diese Faktoren sind dafür wichtig, wenn Menschen aggressiv sind, sie sind wichtiger als der Einfluss von Computerspielen.

Computerspieler

Vor allem Jugendliche spielen an PC oder Konsole

Was machen die Computerspiele mit unseren kognitiven Fähigkeiten? Da gibt es ja Hirnforscher, die sagen Computerspiele würden dumm, dick und traurig machen?

Mügge: Das sehe ich überhaupt nicht so, es gibt viele Studien, die zeigen, das intelligente Spiel eine positive Wirkung entfalten, und das sind seriöse Studien, auf die man sich guten Gewissens berufen kann.

Warum ist die Diskussion immer so aufgeladen mit Emotionen?

Mügge: Einige sagen, vielleicht geht es da um einen Generationenkonflikt, ich würde das anders sehen. Es gab immer die gleichen Abwehrmuster, wenn eine neu Technologie eingeführt wurde: Es gab Zeiten, da wurde eindringlich vor dem Lesen gewarnt, es gab eine kontroverse Diskussion bei der Einführung des Radios, man befürchtete eine negative Wirkung auf die Gesellschaft insgesamt, genauso war es beim Fernsehen und ist es jetzt bei den digitalen Spielen. Die Argumente wiederholen sich immer wieder. Und in der Mediengesellschaft ist die Aufmerksamkeit auf solche Technologien fokussiert, die sich sehr schnell verbreiten. Unsere Studie könnte –so hoffe ich- die Diskussion versachlichen. Ich wünsche mir eine neue differenzierte Diskussion, in der es eben nicht immer wieder um das Verbieten geht, in der man sich nicht einseitig auf sehr aggressive Spiele konzentriert, sondern in der auch mal gefragt wird, wie kann man die neuen Medien positiv nutzen. Es kommt immer darauf an, wie sie ein Spiel benutzen. Sie können auch mit dem schlimmsten Egoshooter friedfertig umgehen, indem sie durch die virtuelle Landschaft spazieren und sich die Gebäude ansehen. Sie können aber auch jede Person, die sie treffen, sofort erschießen. Beides ist möglich!

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