Kind wandert über Steine im Flußbett (Foto: SWR, SWR -)

SWR2 Wissen | Erziehung heute (3/5)

Wie wird mein Kind selbstständig und frei?

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Ab wann braucht das Kind einen eigenen Hausschlüssel? Für Eltern eine schwierige Frage. Freiheit ist wichtig für die Entwicklung der Kinder. Doch zu viel Verantwortung kann sie überfordern.

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Das kindliche Streben nach Selbstbestimmung und Autonomie ist ein normaler Prozess. Doch Eltern wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Soll der Nachwuchs denn nun entscheiden, wohin der Sonntagsausflug gehen soll? Wie auf Wutausbrüche reagieren, auf Trotzphasen, oder auch auf Ängste. Der Züricher Kinderarzt Remo Largo sagt:" Grundsätzlich gilt, dass Kinder wachsen wollen und die Dinge selbst in die Hand nehmen möchten."

Fähigkeiten des Kindes entfalten

Über Jahrzehnte hat Largo Hunderte von heranwachsenden Mädchen und Jungen begleitet und ihre Entwicklung in Studien untersucht. Der Entwicklungsforscher stellt fest: Jedes Kind habe einen inneren Drang, alle seine angelegten Fähigkeiten zu entfalten, und es suche sich aktiv diejenigen Erfahrungen, die seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand entsprechen. Ein Kind will sich Wissen und Fertigkeiten aneignen und Eltern sollen es dabei unterstützen, auf seine ihm eigene Weise selbstständig zu werden.

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern ist immer die Grundlage von Erziehung, formuliert Largo. Sie beginnt mit der frühkindlichen Bindung eines Neugeborenen an die Personen, die ihm dabei helfen, zu überleben. Säuglinge brauchen Nahrung, Luft, Schlaf und Bewegung. Sind sie außerdem geschützt und gut aufgehoben, können sie ein Urvertrauen erleben und dies weiterentwickeln. Eine solche sichere Bindung gibt ihnen emotionalen Halt und stabilisiert sie ein Leben lang. Das haben viele wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt.

Signale des Kindes verstehen lernen

Eine Geburt wirft Unsicherheiten und neue Gefühle auf. Die Eltern und das Neugeborene müssen sich erst kennenlernen. Viele brauchen dabei etwas Hilfestellung. Denn immer mehr Eltern könnten die Signale ihrer Kinder nicht mehr erkennen, erzählt die Hebamme Heike Schmedes. Oft benötigen etwa Mutter und Kind noch Zeit, um die Geburt zu verarbeiten. Ein Baby weint deshalb vielleicht viel oder ist unruhig. Eltern bekommen dann leicht das Gefühl: Ich bin nicht gut genug. Ich mach's nicht gut. Dadurch kann sich eine Negativspirale einstellen. Der Kontakt zum Kind kann dadurch schwieriger werden.

Trainingsprogramm für gestresste Eltern

Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Professor Karl-Heinz Brisch hat schon viele verunsicherte Eltern gesehen, und traumatisierte Kinder. Das Weinen oder 'Schreien' von Babys ist für die meisten Mütter und Väter die größte Herausforderung. In vielen Städten gibt es Schreiambulanzen als Anlaufstellen. Doch sterben immer noch jede Woche drei Kinder in Deutschland, die von überforderten Erwachsenen zu Tode geschüttelt werden.

Karl-Heinz Brisch glaubt, dass Eltern meist nur in ihrer Intuition bestärkt werden müssen. Er entwickelte die Trainingskurse „SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern“. Mütter und Väter üben dabei, mit ihren Kindern feinfühlig zu sein, Blick- und Körperkontakt zu halten, einfühlsam zu berühren und zuverlässig zu reagieren. Auch im Stress. Dass Eltern diese Fähigkeiten unabhängig von ihrem Hintergrund haben, hat gerade eine internationale Studie bestätigt. Eine sichere Bindung ist wie eine Schutzhaut, sagt Largo: "Vielleicht nicht für alle schrecklichen Geschichten und Dinge, aber doch für vielfältige Alltagsbelastungen. Dass ich mehr Ressourcen hab, mir Hilfe zu holen, andere um Rat zu bitten, dass ich auch mehr Bewältigungsstrategien hab."

Die Berliner Ärztin für Psychotherapie Wiebke Baller begleitet viele Familien in ersten Krisensituationen, sie sagt in aller Deutlichkeit, "dass wir im ersten Lebensjahr unsere Kinder nicht verwöhnen können. Dass wir im ersten Lebensjahr eigentlich alles unseren Kindern geben könnten, um denen ein Urvertrauen und eine wirkliche innere Stärke zu geben!"

Auseinandersetzungen wichtig für Entwicklung der Autonomie

Eltern müssen sich also keine Gedanken darüber machen, dass sie ihrem Neugeborenen vielleicht zu viel Zuneigung geben. Wenn sie sich dem Baby konstant und zuverlässig zuwenden, machen sie es eigentlich nur stark. Wiebke Baller empfiehlt dann für das zweite Lebensjahr genauso konsequent: " mit diesen starken Kindern dann aber auch zu kämpfen und in die Auseinandersetzung zu gehen, um sie dann im Rahmen einer Autonomieentwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten werden zu lassen. "

Disziplin ist also im ersten Lebensjahr ganz fehl am Platz – danach jedoch sollen Eltern den Konflikt um die Gummibärchen an der Kasse ruhig ausfechten. Denn die elterliche Geduld, Einfühlung und Gelassenheit werden ab dem zweiten Jahr ganz neu herausgefordert, sie treffen dann auf ein wuchtiges Autonomiestreben und den Trotz der Kinder.

Kinder lernen, mit ihrer Wut umzugehen

Ab dem dritten Lebensjahr, sagt Remo Largo, werden sich Kinder ihrer selbst bewusst und entdecken ihre Wirkung auf andere. Gleichzeitig, so weiß man heute aus Entwicklungspsychologie und Hirnforschung, müssen Kleinkinder noch lernen, ihre Affekte und Emotionen zu regulieren, die rationalen Anteile in ihrem Gehirn entwickeln sich noch, sie reagieren sehr schnell mit Wut. Damit sich die rationalen Anteile in ihrem Gehirn gut ausbilden können, brauchen sie Anreize. Anregungen und Gelegenheiten.

Zwei Kinder im Kindergarten bei der Polonaise (Foto: SWR, SWR - Max Schneider)
Kinder in Bad Zurzach SWR - Max Schneider

Alte Erziehung-Regeln haben ausgedient

Der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul schreibt in einem seiner neuesten Bücher das Werte die Kinder ein Leben lang tragen. Er hält „Authentizität, Integrität und Verantwortung“ für wichtige Werte, die Eltern vermitteln sollten. Authentisch zu sein – hat Juul vor einigen Jahren in einem Interview gesagt – erfordere heutzutage von Eltern ein neues Selbstverständnis.

Denn die alten Erziehungs-Regeln hätten als Richtschnur ausgedient: "wir müssen zum ersten Mal in unserer Geschichte auch versuchen, eine persönliche Autorität entwickeln: Was meine ich eigentlich? Wann meine ich eigentlich Ja und wann Nein? Also die meisten von uns haben es ja nie gelernt, in unserem eigenen Elternhaus. Jetzt kriege ich eine Herausforderung für mein Kind und ich muss mich jetzt fragen: Was will ich meinem Kind sagen, über mich? Was sind meine Grenzen? Was sind meine Bedürfnisse? Was mache ich mit? Was nicht? Und so weiter."

Grenzen der Kinder respektieren

Der Familientherapeut wünscht sich seit langem, dass Eltern nicht meinen, sie müssten ständig nett sein oder immer einen Konsens mit dem Kind anvisieren. In seinen Augen wollen viele viel zu krampfhaft vermeiden, dass ihre Kinder auch mal enttäuscht oder frustriert sind. Das gehe dann oft schief, und ein bereits geäußertes Nein werde wieder aufgeweicht. Zu Recht reagiert das Kind dann verwirrt und rebelliert. Außerdem sei es wichtig, nicht nur Grenzen zu setzen, sondern auch zu sehen, dass Kinder selbst Grenzen haben, warnt Juul. " Das müssen wir lernen, dass wir die Grenzen nicht verletzen. Weil wenn wir das machen, verletzen die auch unsere Grenzen. Vielleicht nicht meine als Vater oder die Mutter, aber andere Kinder, andere Menschen, die Lehrer."

Kinder werden selbstständig und frei, wenn sie als Wachsende und Lernende und als Individuen wertgeschätzt werden, und dazu angeregt, selbst Erfahrungen zu sammeln und diese zu reflektieren. Remo Largo betont: "Das Kind ist wie ein Spiegel. Wenn ich so ein echt gutes Gefühl habe in Bezug auf das Kind, dann mach ich's richtig."

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