Kinder spielen und toben zusammen in einem Kinderzimmer. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)

SWR2 Wissen | Erziehung heute (4/5)

Wie wird mein Kind gesund und stark?

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Springen, Klettern, Rennen – das wilde Toben gehört zum Kind sein dazu. Doch der Alltag vieler Kinder sieht anders aus: Sie bewegen sich zu wenig. Auch das Essen wird in Familien immer wieder zum Streitthema. Bei beiden Themen gilt: Eltern sollen ihren Kindern Vorbild sein und sich in Geduld üben.

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Eingeschränkter Bewegungsradius

Kinder haben einen inneren Bewegungsdrang. Sie sehnen sich von Natur aus nach Bewegung. Doch der brausende Straßenverkehr, beengte Wohnungen, lärmempfindliche Nachbarn oder die Angst der Eltern schränken den Bewegungsradius der Kinder immer mehr ein. Dann hilft oft nur bewusstes Gegensteuern - Angebote machen wie Eltern-Kind-Turnen, Waldbesuche, bewegungsfreundliche Kindergärten.

„Einfach bewegen lassen“

Ein beliebtes Bewegungsangebot für Kinder ist Eltern-Kind-Turnen. Die Kleinen können sich dabei in einem geschützten Raum ausprobieren, die Großen unterstützen sie, wenn nötig. Die Sport- und Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer rät: „Einfach bewegen lassen!“ Nur dürfe man Kinder in der Bewegung nicht zu viel drängeln und ihnen auferlegen, etwas auszuprobieren, das sie nicht möchten. Das könnte genau das Gegenteil bewirken.

Bewegung ist für Zimmer also ein selbsterwähltes Medium der Eroberung der Welt. Eltern sollten eher abwarten, zusehen, verlocken, mitmachen, hinschauen, begleiten, unterstützen, aber nicht drängeln oder den Kindern etwas ausstülpen, was das Kind in diesem Moment nicht möchte.

Drei Kinder erkunden den Wald (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Thomas Frey)
Ein Waldspaziergang bietet viele verschiedene Bewegungsmöglichkeiten picture-alliance / dpa - Thomas Frey

Bewegung ist wichtig für die Entwicklung

Bewegung ist für die kindliche Entwicklung ungeheuer wichtig – nicht nur für Körperbau und Motorik. Bewegung hat auch Einfluss auf die geistige Entwicklung. Neue Sinneseindrücke führen dazu, dass Nervenzellen aktiviert werden und neue Verknüpfungen entstehen. Hinzu kommen die emotionalen Aspekte von Bewegung. Selbstvertrauen wird gewonnen, die Selbstwahrnehmung verbessert.

Viele Angebote für jede Altersgruppe

Ob Krabbelgruppe, PeKip, Säuglingsschwimmen, Kindertanz oder Baby-Yoga für die Kleinen, beziehungsweise Indoor-Spielplatz, Tobeland, Kletterwand oder Skaterhalle für die Größeren – das Angebot heute ist kaum zu überschauen. Erziehungswissenschaftlerin Zimmer sieht diese Entwicklung einerseits positiv, andererseits negativ, denn die Angebote seien oft künstliche Ersatzwelten für natürliche Bewegungsräume.

Ein Mädchen balanciert auf einem Schwebebalken und erhält Hilfestellung einer Erwachsenen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Britta Pedersen)
Eltern-Kind-Turnen, Sportvereine oder Tobeland – die Angebote sind vielfältig picture-alliance / dpa - Britta Pedersen

Bewegungsmangel erhöht das Risiko für Übergewicht

Die Zeiten, in denen Kinder den ganzen Nachmittag allein draußen spielten und sich auspowerten sind vorbei. Die Kleinen verbringen die meiste Zeit des Tages drinnen und im Sitzen. Das führt zu Bewegungsmangel und der ist ein Risikofaktor für Übergewicht. 15 Prozent aller Kinder gelten heute als übergewichtig. Renate Zimmer möchte Eltern ermuntern, verstärkt wieder nach natürlichen Bewegungsräumen für ihre Kinder Ausschau zu halten und Bewegung in den Alltag zu integrieren. Die Aufgabe der Eltern: Dabei sein, ohne einzuschränken.

Wenn das Essen zum Problem wird

In vielen Familien stellt das Essen ein Streit- beziehungsweise Problemthema da. Professor Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsdepartment Kinderernährung am Universitätsklinikum Bochum findet, dass Essen eine angenehme und wesentliche Beschäftigung sein sollte, die aber auch Spaß macht. Deswegen sei nicht nur die Frage was Kinder essen, sondern auch wie gemeinsam gegessen wird. Sie empfiehlt, mindestens einmal am Tag gemeinsam zu essen. Dabei sollten keine Streitthemen besprochen werden, das Essen soll als entspanntes Gemeinschaftserlebnis wahrgenommen werden.

Mindestens eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag

Der Züricher Kinderarzt Remo Largo plädiert auch für eine gemeinsame Mahlzeit, ohne dass der Fernseher läuft oder auf das Smartphone geschaut wird. Geschieht das nicht, so Largo, dürften sich Eltern nicht wundern, wenn das Kind am Tisch anfängt, mit dem Essen zu spielen oder bestimmte Speisen zu verweigern, aus Langeweile oder um Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei sollte kein Zwang herrschen, den Teller zu leeren. Das Kind entscheidet allein was und wie viel es essen möchte. Besonders problematisch findet Largo, dass Nahrungsmittel immer wieder als Trostpflaster, Entschädigung oder Belohnung eingesetzt werden.

Eine Familie frühstückt gemeinsam (Foto: IMAGO, Imago/Fotograf XY - Imago stock&people)
Mindestens eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag, empfehlen Experten Imago/Fotograf XY - Imago stock&people

Drei einfache Ernährungsregeln

Mathilde Kersting rät Eltern drei einfach Ernährungsregeln zu beachten, damit Kinder nicht übergewichtig werden: Reichlich Getränke, vor allem Wasser, reichlich pflanzliche Lebensmittel, mäßig tierische Lebensmittel und sparsam fett- und zuckerreiche Lebensmittel. Die individuellen Vorlieben und Abneigungen werden am Esstisch geprägt. Die Zubereitung der Speisen bleibt den Eltern überlassen.

„Lieber Fischstäbchen als gar kein Fisch“

Dabei muss nicht immer alles frisch zubereitet werden, auch Fertigprodukte dürfen auf den Tisch. Mathilde Kersting: „Lieber Fischstäbchen als gar kein Fisch. Es kommt darauf an, dass ich die fertigen Produkte kombiniere mit frischen.“

Mädchen stochert unmotiviert mit ihrer Gabel in dem Teller Spinat herum, der vor ihr steht. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bei Abneigungen bestimmten Speisen gegenüber, heißt es Geduld bewahren. Thinkstock -

Bei Lebensmittel-Abneigungen ist Geduld gefragt

Bei Tisch ist häufig die Geduld der Eltern gefragt. Die Abneigung der Kleinen gegenüber vielen Lebensmitteln ist entwicklungsgeschichtliche bedingt – Nahrungsmittel-Phobie heißt das Phänomen. Vor Jahrtausenden sicherte diese Phobie Kleinkindern das Überleben, weil sie nicht alles in sich hineinstopften, als sie begannen die Welt zu entdecken. Heute dagegen sind der Inhalt des Kühlschranks und das Essen auf dem Tisch im Allgemeinen sicher. Mathilde Kersting beruhigt verunsicherte Eltern: „Diese Phase geht vorbei.“ Eltern sollten Lebensmittel die von ihren Kindern abgelehnt werden, immer wieder anbieten, empfiehlt sie.

Kindern ein Vorbild sein

Sowohl beim Essen, als auch bei der Bewegung gilt, Eltern sollen ihren Kindern ein Vorbild sein. Bewegung und Essen sollten Spaß machen, Kindern sollen sich ausprobieren – die Erwachsenen sollen ihnen dabei zur Seite stehen und wenn nötig helfen.

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