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Eine neosexuelle Revolution ist im Gange. Denn viele Sexualwissenschaftler und Sexualwissenschaftlerinnen beobachten, dass Sex heute nicht mehr allein aus der männlichen Perspektive gedacht und vor allem gemacht wird. Wie gehen Männer und Frauen mit der Präsenz der weiblichen Lust um?

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Was ist die beste Sextechnik?

Auf der amerikanischen Plattform „OMGyes“ erforschen Frauen offensiv ihre Lust, auch gemeinsam, sie reden über ihre Vulva oder präsentieren, was genau sie stimuliert. Dabei geht es nicht nur um Frauen, sondern um den Fokus darauf, wie Vulva und Vagina funktionieren.

Auf der Website von OMGyes werden die häufigsten Techniken der Frauen vorgestellt: Die heißen zum Beispiel Abfedern, Umspielen oder Umkreisen. Kaum ein Video ist länger als zwei Minuten, dazu gibt es Info-Grafiken und kurze Erklärtexte. Ein besonderes Tool auf OMGyes ist die interaktive Vulva, die direktes Feedback gibt und sich super zum Üben eignet.

Sex-Plattformen im Internet gibt es ohne Ende, aber OMGyes verbindet Wissenschaft und Praxis anschaulich miteinander. Zusammen mit einem Forscherteam der Indiana University und dem Kinsey Institute haben die Macherinnen von OMGyes erstmalig großangelegte qualitative und quantitative Umfragen durchgeführt.

Christiana von Hippel, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei OMGyes, berichtet von Frauen jenseits der 40, die ihr schrieben, dank OMGyes hätten sie zum ersten Mal einen Orgasmus. Auch Männer meinen, dass die Aufklärungsplattform ihre Beziehung zu ihrer jeweiligen Partnerin verbessert hätte – einfach, weil sie jetzt besser Bescheid wüssten und Neues ausprobiert hätten.

Die Frauen auf OMGyes erzählen fast alle, dass sie die eigene Lust erst entdecken mussten und wie lange das gedauert hat. Sie sind zwischen 18 und 95 Jahre alt, viele sind auch erst durch ihre Partnerinnen und Partner darauf gebracht worden, etwas zu ändern. Der Nachholbedarf ist riesig.

Ein weißes geschwungenes Sextoy mit Noppen: Dildos und Vibratoren sehen heute ganz anders aus als noch vor wenigen Jahren (Foto: Imago, IMAGO / agefotostock)
Ein weißes geschwungenes Sextoy mit Noppen: Dildos und Vibratoren sehen heute ganz anders aus als noch vor wenigen Jahren Imago IMAGO / agefotostock

Wie sehen Sextoys heute aus?

Immerhin mehr als die Hälfte der Frauen besitzt mittlerweile eines oder mehrere Sextoys, das sagen verschiedene repräsentative Umfragen. Und das unterstreicht, dass Frauen sich mit ihrer eigenen Lust beschäftigen – und natürlich als Kundinnen auf dem Sexmarkt angekommen sind.

Die meisten haben Dildos und Vibratoren, die heute ganz anders aussehen als noch vor ein paar Jahren und auch in Drogerien verkauft werden. Die meisten Hersteller scheinen gemerkt zu haben: Frauen finden einen überdimensionierten Plastik-Penis oft gar nicht so prickelnd.

Penetration ist oft das, was am wenigsten stimulierend ist oder nicht als außergewöhnlich lustvoll erfahren wird von den meisten Frauen. Darum erinnern heute Dildos und Vibratoren nur noch vage an die Ergonomie eines Penis. Sie haben eher abstrakte Formen, sind zum Beispiel etwas nach oben gekrümmt oder haben ein zusätzliches Ärmchen, das Druck auf die Klitoris ausübt.

Neben Dildos und Vibratoren gibt es zum Beispiel auch Penisringe, Liebeskugeln oder Analtoys. Groß im Trend sind zurzeit ferngesteuerte Toys, also solche, die man per App bedienen kann – etwa von einem Partner, der vielleicht in einer anderen Stadt wohnt. Laut Studien masturbiert ein Drittel der Befragten täglich oder mehrmals in der Woche.

Wie sehen heute Pornos aus?

Es gibt ja diese berühmten Zahlen: Ein Drittel des weltweiten Internetverkehrs besteht aus pornografischem Material, jede vierte Google-Suchanfrage bezieht sich auf sexuelle Inhalte. Die Mainstream Porno-Seiten wie Pornhub oder Xhamster haben ermittelt, dass mittlerweile jeder vierte Besucher auf ihren Seiten eine Besucherin, also eine Frau ist. Viele Frauen sind vom Mainstream-Porno aber eher angewidert.

Mann mit aufblasbarer Sexpuppe: Sex wird heute nicht mehr allein aus der männlichen Perspektive gedacht und vor allem gemacht (Foto: Imago, IMAGO / Panthermedia)
Mann mit aufblasbarer Sexpuppe: Sex wird heute nicht mehr allein aus der männlichen Perspektive gedacht und vor allem gemacht Imago IMAGO / Panthermedia

Darum gibt es den PorYes-Award, einen alternativen Pornofilm-Preis. Damit werden Filme ausgezeichnet, die, wie es von der Jury heißt, "Sex wertschätzend darstellen, die frauen-, männer- und genderfreundlich" sind. Der Preis ist ein ganz bewusster Kontrapunkt zur herkömmlichen und eben in der Regel auch sexistischen Pornografie.

Eine der weltweit bekanntesten feministischen Porno-Regisseurinnen ist Erika Lust. Eine Schwedin und studierte Politikwissenschaftkerin, die eher zufällig zum Porno kam. Sie hatte einfach keine Filme für ihren Geschmack gefunden. Mainstream-Porno ist frauenfeindlich und aggressiv, sagt Lust. Sie will Filme machen mit starken weiblichen Charakteren, in denen man sieht, wie Frauen ihre Sexualität genießen. Und Erika Lust will besonders Frauen die Angst vor Pornografie nehmen. Sie sagt, guter feministischer Porno ist eine Möglichkeit, die eigene Sexualität besser kennenzulernen.

Alternative Pornos sind nicht nur eine Möglichkeit für die Frauen, die sie produzieren und nutzen, sondern auch für Angehörige anderer sexueller Identitäten, um Bilder für eine neue gesellschaftliche Normalität zu schaffen. Pornos schaffen Bilder von dem, was alles Sexualität ist, welche sexuellen Identitäten Menschen haben können, welche Rollenvorstellungen. Und das zeigt wiederum, wie sehr Sexualität gesellschaftlich gemacht wird, geprägt und beeinflusst wird, betont Konrad Weller, Sexualwissenschaftler von der Hochschule Merseburg. Vor allem das Thema fluide Identitäten ist im Moment im Trend der Pornos.

Welche speziellen sexuellen Wünsche haben Frauen?

Gleichberechtigung bedeutet auch das gleiche Angebot von erotischen Inhalten für alle Geschlechter. Und das nicht nur mit Bildern, sondern auch Geschichten und Tönen. Einer der ersten Anbieter in Deutschland war das Online-Streamingportal „Femtasy“ mit erotischen Hörgeschichten. Besonders gefragt sind hier: Oralverkehr, Sex zu dritt und auch das, was bei Femtasy verbotene Reize heißt, also zum Beispiel das Thema Dominanz und Unterwerfung.

Und selbst die Liebe hat eine ökonomische Seite. Finanzielle Abhängigkeit schränkt die Selbstbestimmung beim Sex ein. Finanzielle Unabhängigkeit führt zu sexuellem Selbstbewusstsein, zahlreiche Studien belegen das. Die Sexualtherapeutin Ann Marlene Henning bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, dass finanzielle Sicherheit auch bedeutet, Mut zur eigenen Meinung zu haben und zu einer tiefen Sicherheit mit sich selbst führen kann – die beste Grundlage für eine gute Sexualität.

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