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Drogen, Sex und Schule schwänzen – Wie Mädchen sozial auffällig werden

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Auch Mädchen begehen Straftaten, greifen zu Alkohol und Drogen, schwänzen die Schule oder zeigen ein gestörtes Sozialverhalten. Was sind die Ursachen? Wie kann man ihnen helfen?

Jungs werden aggressiv, Mädchen still. Lange galt diese Regel für Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen, weshalb die Jungs im Fokus standen. Doch Experten diagnostizieren auch bei etwa zwei Prozent der neun- bis 18-jährigen Mädchen ein gestörtes Sozialverhalten. Manche werden schon als Teenager schwanger oder rutschen ab in die Prostitution. Die Gründe erforscht ein großes europäisches Projekt, an dem mehrere deutsche Universitäten beteiligt sind. Hilfe ist nicht einfach, da sich die teilweise genetischen Ursachen nicht ändern und die Mädchen oft in schwierigen Familienverhältnissen leben.

Wenig Forschung zu Mädchen mit gestörtem Sozialverhalten

„Störungen des Sozialverhaltens“, das ist eine offizielle Diagnose im Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation. Solche Probleme sind keineswegs selten. Das zeigt beispielsweise die große deutsche BELLA-Studie zum seelischen Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen.

Bei 12 Prozent der Jungen und der Mädchen finden sich „klinisch bedeutsame Anzeichen“ für Störungen des Sozialverhaltens. Im Alltag allerdings fallen vor allem die Jungs auf, da sie mehr zu aggressivem Verhalten neigen. Mädchen mit Störungen des Sozialverhaltens wurden dagegen lange kaum wahrgenommen. Auch von Wissenschaftlern.

Das ändert sich nun mit einem von Christine Freitag koordinierten Forschungsprojekt. Nach dem langen englischen Titel "Neurobiology and Treatment of Adolescent Female Conduct Disorder: The Central Role of Emotion Processing" (übersetzt: Neurobiologie und Behandlung von Verhaltensstörungen bei weiblichen Jugendlichen: Die zentrale Rolle der Emotionsverarbeitung") wird es „FemNAT-CD“ abgekürzt. Denn etwa zwei Prozent der Mädchen und jungen Frauen zeigen nicht nur einzelne Symptome, sondern das volle Bild der Erkrankung, sagt Christine Freitag.

Zwei Mädchen sitzen in einem Unterrichtsraum. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Ein gestörtes Sozialverhalten kann auch für Mitschüler und - schülerinnen eine Belastung sein. Thinkstock -

Gefahren bis ins Erwachsenenalter

Schule schwänzen, früher Drogenmissbrauch, frühe sexuelle Erfahrungen. Mädchen mit solchen Störungen des Sozialverhaltens sind oft Opfer von Gewalt, sind in einer aggressiven Umgebung aufgewachsen und haben gelernt, selbst schnell aggressiv zu reagieren.

Ohne therapeutische Begleitung besteht die Gefahr, dass die Mädchen und Jungen als Erwachsene an Ängsten oder Depression erkranken, an körperlichen Beschwerden leiden, früh sterben, sich selbst verletzten oder sich umbringen.

Im Erwachsenenalter müssen solche Kinder auch öfter psychiatrisch behandelt werden. Sie haben häufig eine schlechte oder gar keine Arbeit, ihre Freundschaften währen oft nur kurz. Ihre eigenen Kinder werden öfter Gewalt erleben und seltener bei den Eltern leben.

Verstehen von Emotionen

Der Hirnforscher Graeme Fairchild von der University of Bath im Süden Englands und seine Kollegen haben im Rahmen der „FemNAT-CD“-Studie die Gehirne von über 800 Kindern und Jugendlichen untersucht. Es war nicht leicht, sie dafür zu gewinnen, sich in die Röhre eines Magnetresonanztomografen schieben zu lassen. Aber etwas Geld und ein Bild des eigenen Gehirns halfen. Das Bild konnten die Kinder mit nach Hause nehmen. Die Befunde passen zu den Auffälligkeiten der Kinder: Verändert sind die Gehirnregionen, die am Verstehen von Emotionen beteiligt sind, auch am Gefühl der Empathie.

Die Bahnen, die verschiedene Gefühlsregionen miteinander verbinden, sind ebenfalls nicht ganz so wie bei anderen Kindern. Außerdem sind einige Großhirnbereiche dünner, die beim Vorbereiten von Entscheidungen mitwirken.

Bild vom Gehirn (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de - Highway Starz)
Störungen des Sozialverhaltens zeigen sich auch in veränderten Strukturen des Gehirns. Foto: Colourbox.de - Highway Starz

Veränderte Kindergehirne

Unterschiede im Gehirn müssen keineswegs angeboren sein. Sie können die Folge von Erfahrungen sein, die Kinder gemacht haben. Das gilt auch für eine der stärksten Auffälligkeiten von Kindern mit Störungen des Sozialverhaltens, sagt Christine Freitag: Die Art wie sie auf Momente reagieren, die Angst machen. Wird ein Kind häufig geschlagen, zuckt es oft schon zusammen, wenn der Vater oder die Mutter nur die Hand hebt. Fachleute nennen solche automatischen Reaktionen „Konditionierungen“.

Im psychologischen Labor lässt sich untersuchen, wie leicht Kinder solche automatischen Reaktionen auf Bedrohungen lernen.

Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens erleben oft von klein auf besonders viele bedrohliche Situationen und man könnte erwarten, dass sie deshalb besonders schnell lernen, ängstlich zu reagieren. Aber so ist es nicht.

Keine Angst, keine Freude

Denn offenbar hat das Gehirn der Kinder gelernt, auf Angriffe nicht mehr mit besonderen Gefühlen zu reagieren. Das mag in einem Elternhaus, in dem das Kind viel Gewalt und Bedrohung erfährt, das Beste sein.

Es hat aber Folgen für die Entwicklung seiner Gefühlswelt, auch wenn die genauen Abläufe noch nicht bekannt sind. Solche Kinder können nämlich oft mit den schönen Seiten des Lebens wenig anfangen.

Misshandlungen tragen oft dazu bei, dass Kinder Störungen des Sozialverhaltens entwickeln. Sie lernen dann, sich mit Gewalt zu wehren – vor allem Jungs. Vater oder Mutter machen es ja vor. 27 Prozent aller Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens haben sexuelle Übergriffe erlebt - von unerwünschten Berührungen bis zu Vergewaltigungen.

Bei den Mädchen sind es 44 Prozent

Zu diesen Zahlen kam 2014 eine Auswertung von 23 Studien, für die gut 7000 Betroffene befragt wurden. Das hat Folgen. Wenn die Probleme der Mädchen sehr groß sind und die Eltern sie nicht auffangen können, landen viele Mädchen in einem Heim.

Gerade in schweren Fällen, wenn ein Mädchen etwa auf der Straße gelebt hat, reicht es nicht, die Bemühungen auf das Kind zu konzentrieren. Solche umfassenden Programme lassen sich nur umsetzen, wenn die verschiedenen Einrichtungen zusammenarbeiten, die den Kindern und ihren Familien helfen wollen. Doch das scheitert häufig an Kompetenzstreitigkeiten, kritisiert die Kinder- und Jugendpsychiaterin Prof. Christina Stadler.

Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem erlaubt und finanziert vielfältige Hilfen und Therapien für Jugendliche mit Störungen des Sozialverhaltens. Doch die meisten werden nicht behandelt. Weder allein noch zusammen mit ihrer Familie. Allerdings können die Maßnahmen auch nicht jeder Familie helfen.

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