SWR2 Wissen Wie gefährlich ist eine Narkose?

Schnell setzt die Wirkung der Narkosemittel ein. Die elektrische Aktivität der Nervenzellen im Gehirn wird gebremst. Bewusstsein und Schmerzempfinden, aber auch der Atemantrieb, gehen verloren. Jetzt liegt das Schicksal des Patienten oder der Patientin ganz in der Hand der Anästhesie. Man muss die künstliche Beatmung sicherstellen, den Kreislauf überwachen und die Bewusstlosigkeit sicherstellen. Der Patient selbst hat keine Kontrolle mehr über die Situation. Das ist der Moment, vor dem sich die meisten Patienten fürchten, oft mehr als vor der Operation selbst. Narkosen gelten heutzutage als sicher. Aber ist das wirklich so?

Dauer

Bei einer banalen Schönheits-OP Anfang 2011 verstirbt das Busenwunder "Sexy Cora". Die Öffentlichkeit ist schockiert, schließlich ereignete sich der Vorfall an einem ganz normalen Hamburger Krankenhaus. Die 23 Jahre alte Cora war kerngesund und die Klinik technisch gut ausgestattet. Rein theoretisch hätte es diesen Todesfall niemals geben dürfen. Nur, was nützt die beste Technik bei menschlichem Versagen? Offenbar wurden hier schwerwiegende handwerkliche Fehler begangen.

Vorsorge möglich?
Ein Vorfall, der nachdenklich stimmt: Wie häufig kommt so etwas eigentlich vor? Wie gefährlich ist also eine Narkose unter den realistischen Bedingungen eines deutschen Krankenhauses? Einfache Fragen, auf die es leider keine einfachen Antworten gibt.
Denn nicht nur während der Narkose kann etwas schiefgehen, auch in der Chirurgie geht mal was daneben. Das Durcheinander möglicher Ursachen von OP-Zwischenfällen macht es fast unmöglich, die reine Narkosegefahr in Zahlen zu fassen. Eine unbefriedigende Situation, fand die Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin. In ihrem Auftrag hat der Stuttgarter Anästhesist Jan-Henrik Schiff eine längst fällige Studie konzipiert.

Schlafender Patient (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Eine Narkose ist nicht gefährlicher als mit dem Auto zu fahren. Ein Restrisiko bleibt immer. picture-alliance / dpa -

Auf rund 140.000 Narkosen kommt ein Fall, der mit dem Narkosetod von Sexy Cora vergleichbar ist. Eine ziemlich abstrakte Zahl. Was bedeutet sie für den Patienten? Wenn diese 10.000 km etwa mit dem Auto zurücklegen, dann haben sie das gleiche Risiko wie bei einer Narkose.

Handlungsbedarf besteht

10.000 km mit dem Auto, das schafft ein Berufspendler locker in einem halben Jahr. Fühlt er sich deshalb dauernd in Gefahr? Wahrscheinlich nicht. Andererseits werden jährlich in Deutschland rund 10 Millionen Narkosen durchgeführt. Rein statistisch gesehen kommen jährlich etwa 70 Menschen durch die Narkose zu Tode. Da besteht durchaus Handlungsbedarf.

Mittlerweile ist klar, wo man ansetzen muss: beim Faktor Mensch. Chaotisches Handeln und Selbstüberschätzung sind die Ursachen der meisten vermeidbaren Narkosekatastrophen. Am besten wäre es deshalb, man würde Zwischenfälle und Komplikationen einfach vorher üben in einem Simulator. So wie es bei den Piloten schon üblich ist. Und so einen Narkosesimulator hat sich die Universität Heidelberg jetzt angeschafft.

simulator (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ärzte während einer Anästhesie-Simulation. picture-alliance / dpa -

Dr. Christopher Neuhaus hat das Trainingszentrum für Anästhesisten mit ins Leben gerufen. Es ist ein täuschend echt nachgebauter Operationssaal. Hier können die Narkoseärztinnen und -ärzte noch Fehler machen. Natürlich nur an der Puppe. Aber die ist ziemlich realistisch. Sie kann sprechen, aber auch röcheln, wenn ihr die Luft ausgeht.

Ein Patient, der alles überlebt

Der künstliche Patient hat dabei einen entscheidenden Vorteil: Er überlebt immer und mit ihm die lehrreichen Daten, die nach der Simulation ausgewertet werden. Hier können die angehenden Ärztinnen und Ärzte vor allem lernen, wie schnell man mit den eigenen Fähigkeiten an eine Grenze stößt, wenn Komplikationen auftreten.

Bessere Narkosetechnik, aber auch der offensive Umgang mit ihren Problemen haben dazu geführt, dass aus der Narkose ein kalkulierbares Risiko geworden ist. Selbst bei Säuglingen und Hochbetagten kann heute weitgehend sicher operiert werden. Die entsprechenden Eingriffszahlen nehmen zu. Doch mit diesen steigenden OP-Zahlen wird die Fachwelt jetzt bei diesen Risikopatienten auf unerwartete Probleme aufmerksam. Die Wirkung der Narkosemittel könnte das Gehirn schädigen.

Ein Narkosegerät (Foto: SWR, SWR - Foto: Knut Bauer)
An solch einem Narkosegerät werden Patienten angeschlossen. SWR - Foto: Knut Bauer

Das Thema ist aktuell geworden, nachdem um die Jahrtausendwende Tierversuche veröffentlicht worden sind, die den Schluss damals nahe legen, dass es durch Anwendung von narkoseähnlichen Substanzen zu Beeinträchtigungen der Gehirnentwicklung bei bestimmten Tierspezies gekommen ist.

Vorsicht bei Interpretation der Studien

Eine Lernbehinderung und ein Leben lang geistig zurückgeblieben, das wäre ein hoher Preis dafür, dass man sein Baby operieren lässt. Aber bei der Interpretation dieser bedrohlich klingenden Studien ist äußerste Vorsicht angebracht. Es gibt jetzt nur noch eine Möglichkeit, um Klarheit zu schaffen: Langzeitbeobachtungen nach frühkindlichen Narkosen. Solche Studien sind bereits angelaufen.

OP (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Bei Operationen müssen sich die Patienten auf das Können der Ärzte verlassen. picture-alliance / dpa -

Nur hat die Sache einen Haken, denn das Lernverhalten der Kinder kann erst nach fünf oder acht Jahren untersucht werden, die Ergebnisse lassen also auf sich warten. Die besorgten Eltern müssen wohl noch einige Jahre mit der Unsicherheit leben. Bis dahin gilt es, die Indikation für eine Narkose bei Säuglingen oder Kleinkindern noch sorgfältiger zu stellen.

Und diese Sorgfalt ist aus ähnlichen Gründen auch beim älteren Menschen angebracht. Auch im Alter besteht die Gefahr, dass Narkose und Operation die Hirnfunktion stören. Manchmal sogar irreversibel. Es kommt gehäuft zu Halluzinationen.

Stille Patienten fallen nicht auf

Manchmal sind das nur kurze Episoden, aber manchmal hält dieser Zustand auch Tage oder Wochen an. Dann spricht man vom postoperativen Delir. In Münster kümmert man sich deshalb besonders intensiv um ältere Patienten, die operiert werden müssen. Oberärztin Simone Gurlit leitet am Sankt Franziskus Hospital in Münster ein Projekt, welches älteren Menschen diese Komplikation nach einer Operation ersparen soll.

Das geht, weil die Auslöser des Deliriums bekannt sind. Sowohl die bei der Operation freigesetzten Hormone aus dem Gewebe, als auch die Narkosemittel können den Gehirnstoffwechsel durcheinanderbringen. Das ist im Prinzip schon lange bekannt. Neu ist aber die Erkenntnis, welches enorme Ausmaß das Problem hat.

Das Sankt Franziskus Hospital in Münster ist eine der ersten deutschen Kliniken, die gezielt versuchen, ältere Patienten vor dem postoperativen Delir zu schützen. Bereits bei der Aufnahme erfolgt ein kurzer psychologischer Test, um die Gefährdung zu erkennen. Bei Betroffenen wird konsequent statt Narkose eine lokale Betäubung angestrebt. Zum Beispiel eine Spinalanästhesie, bei der nur die untere Körperhälfte betäubt wird. Beruhigungsmittel und Intensivstation sind Tabu.

Sehr gute Ergebnisse

Früher gerieten bis zu 40 Prozent der älteren Menschen nach Operation und Narkose in ein Delirium. In Münster hat man diese Rate auf 10 Prozent gesenkt. Ein Riesenerfolg, nicht nur für die Patienten, auch für die Geschäftsführung. Denn kürzere Liegezeiten und weniger Komplikationen verbessern die Erlössituation der Klinik. Und dem Ruf des Krankenhauses tut die vorbildliche Betreuung auch gut.

Chirurg bei einer Operation (Foto: SWR, SWR - Moritz Sucker)
Die erhöhte Angst vor einer Narkose kann sogar zu Komplikationen bei der OP führen. SWR - Moritz Sucker

Aber nicht nur Angehörige haben Angst. Auch manchen Patienten versetzt schon der Gedanke eine Narkose zu bekommen in Panik. Mit erheblichen Folgen: nicht nur, weil notwendige Operationen verzögert werden. Die Narkoseangst selbst hat negative Auswirkungen auf den OP-Erfolg. Höchste Zeit also, dass sich die Anästhesie auch um dieses Problem kümmert.

Die Meisten reden nicht gerne über ihr Angstproblem. Es ist also Feingefühl gefragt. Nur gibt es immer noch viel zu wenige der speziellen Angst-Sprechstunden. Doch der Konkurrenzdruck unter den Kliniken wird sicher bald dazu führen, dass sie zur Selbstverständlichkeit werden. Denn die Patienten wissen diesen Service zu schätzen.

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