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Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung (IG-Metall) zeigt, dass viele Unternehmen versuchen, mit bestimmten Unterrichtsmaterialien etc. Schüler und Schülerinnen zu beeinflussen, um für ihre Angebote zu werben. Das ist ein gefährlicher Trend.

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Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Autor der Studie Prof. Tim Engartner.

Konkrete Beispiele für den Lobbyismus:

Die Initiative „Neue Soziale Marktwirtschaft“, eine Initiative, die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gesponsert wird, hat Unterrichtsmaterialien entwickelt, in denen Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes (Eigentumsvorbehalt) kritisiert wird. Dieses Gesetz sei eine Beschränkung der sozialen Marktwirtschaft, eine tiefgreifende Einschränkung des Eigentumsrechts und daher nicht verfassungskonform. Oder es gibt Materialien, aus denen hervorgeht, dass das umlagefinanzierte System etwa der Rente sich als nicht mehr haltbar erwiesen habe angesichts der unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen in unserem Land. All das sind Versuche, auf einseitige Weise bestimmte politische Meinungsbilder zu generieren.

Oder es gibt Materialien von Energiekonzernen, in denen die Energiegewinnung durch Fracking besonders positiv dargestellt wird. Da wird nichts über die verheerenden Umweltfolgen gesagt. Vielfach blenden Unternehmen in ihren Materialien Positionen, die ihnen nicht gefallen, aus, zum Beispiel die Kritik von Klimaschützern.

Die Deutsche Börse hat ein Pixie-Buch herausgegeben, in dem der Marktplatz der Tiere genutzt wird, um über Aktien und Anleihen, Devisen und Derivate sowie Fonds und Futures zu sprechen.

Hinter allem steht der Versuch, durch Selektion bestimmter Positionen Meinungsbildung zu betreiben. Aus empirischen Forschungen der Lernpsychologie und der Marketingforschung weiß man, dass Kinder und Jugendliche leicht zu beeinflussen sind; sie haben noch keine festen Einstellungen wie Erwachsene.

Ursachen für die Entwicklung

Die großen, etablierten Schulbuchverlage können kaum mehr Schritt halten mit den rasanten Entwicklungen in einer zunehmend komplexer werdenden Zeit. Das heißt, der Anschaffungsturnus für Schulbücher entspricht nicht unbedingt der Frequenz, in der neue Informationen in die Klassenzimmer gelangen sollten. Das bedeutet, der Drang nach Aktualität, der durchaus seine Berechtigung hat, wird über herkömmliche Schulbücher nicht mehr ausreichend abgedeckt. Deshalb greift man dann auf aktuelle Materialien der Unternehmen zurück.

Prinzipiell ist zu wenig Geld im Bildungssystem vorhanden. Nach wie vor investiert Deutschland im Durchschnitt weniger als die anderen OECD-Länder in seine Bildung. Deshalb sind die chronisch klammen kommunalen Kassen ein veritabler Treiber für die privatwirtschaftlichen Initiativen. Man kann hier wie auch in anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge erkennen, dass die Unternehmen die Leerstellen füllen, die die staatlichen Institutionen hinterlassen. Und das wesentliche Argument nach meinem [Engartner] Dafürhalten ist: Wir haben in Deutschland eine Schulpflicht. Die verpflichtet nicht nur Schülerinnen und Schüler regelmäßig die Schule zu besuchen, sondern sie verpflichtet auch den Staat, sorgfältig hinzusehen, wer im pädagogischen Schutzraum namens Schule aktiv wird.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen eindeutige Entscheidungen von der Kultusministerkonferenz oder von einer bundesweiten Prüfstelle oder eben eine konzertierte Aktion vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Der einzelnen Lehrkraft das zu überlassen, was sie im Unterricht macht, ist nicht gut. Man sollte ein allgemeingültiges Gesetzeswerk schaffen, das dieser Form der Einflussnahme einen Riegel vorschiebt.

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